NRW Literatur im Netz

Anne-Kathrin Koppetsch - Arbeitsproben

EIN SCHWARZES WOCHENENDE

Das schwarze Wochenende begann an einem Freitagnachmittag ganz harmlos.
"Und welchen Tipp würden Sie Frauen geben, um sich besser zu verkaufen?", fragte ich mein unsichtbares Gegenüber.
"Erstens: Sagen Sie klar, was Sie wollen!"
Das ist leicht gesagt, dachte ich. Wenn Frauen damit keine Probleme hätten, gübe es den ganzen Markt der Selbstbehauptungs-, Psycho- und Ich-weiß-nicht-was-Kurse nicht.
"Zweitens", fuhr die dunkle Frauenstimme fort, "formulieren Sie Forderungen! Last but not least: Sie sind toll, spitze, einmalig! Vergessen Sie das nie!"
Das war mein Stichwort: "Vielen Dank, Simone Mertens vom internationalen Frauenzentrum, Leiterin des Kurses ‚Frauen im Berufsleben’ – und damit verabschiedet sich wie jeden Freitagnachmittag Kirsten Kerner. Sie hörten die Sendung ‚Frauenfunken’, das Magazin für Frauen auf ..." Ich hob die Stimme und machte eine künstliche Pause. So ist es Vorschrift.
Dann wird das Jingle eingeblendet: "Radio Balsam – for body and soul."
Ein blödes Jingle: Zuerst Mozarts "Ave verum" und im zweiten Teil die Bassstimme a la Barry White mit Rhythmusunterlegung. Passt überhaupt nicht zusammen. Die Kolleginnen in der Redaktion finden die ultratiefe Männerstimme sexy. Die Kollegen finden sie affektiert. Und ich stehe auf Mozart original statt verhunzt.
"The winner takes it all”, dudelten ABBA zum Ausklang. Unbeschwerte Jugendzeit! Die Siebziger mit Sweet, Smokie und ABBA! Ich packte mein Manuskript zusammen und sah auf die große Uhr über der Studiotür. Fünf vor fünf. Für heute Feierabend. Dachte ich.
Im Redaktionsraum standen Jürgen und Kornelius zusammen. Jürgen moderiert unter anderem die Vorabendsendung, und Kornelius ist Redakteur.
"Na, wie war ich?" An diesem Freitag war meine sechste Sendung "FrauenFunken" gelaufen. Live. Und ich hole mir die Kritikerstimmen lieber direkt ab als hinter meinem Rücken.
"Okay", sagte Kornelius. Er war sichtlich nicht bei der Sache. Er reichte mir ein Fax. "Hier, lies. Das ist gerade von der ppa reingekommen."
Aha, von der protestantischen Presseagentur. Da hatte ich auch einmal ein Praktikum gemacht. Ich ließ mich auf den nächsten Stuhl fallen und zündete mir eine Gauloise blonde legere an. Dan las ich: "Berlin. ppa. Oberkirchenrat Otto Rauhbach ist am frühen Freitagnachmittag tot in Berlin aufgefunden worden. Passanten entdeckten den Achtundfünfzigjährigen mit einer Schusswunde in der Brust neben einer Parkbank im Tiergarten. Sie alarmierten sofort die Polizei. Es handele sich höchstwahrscheinlich um ein Verbrechen, erklärte ein Sprecher der Polizei. ‚Betroffen’ und mit ‚tiefer Trauer’ reagierte Mitglieder der Kirchenleitung auf die ‚unfassbare Tat’. Otto Rauhbach war seit 1996 Ausbildungsreferent der Evangelischen Kirche in Berlin und Brandenburg. Täter und Motiv sind zur Zeit noch nicht ermittelt."
Kornelius tastete nach seinem Päckchen Pfeifentabak. "Du kanntest den Rauhbach doch, oder?"
"Na klar kannte ich den. Schließlich bin ich mal Azubi bei der Kirche gewesen."
Nach acht Jahren Theologiestudium absolvierte ich zwei Jahre praktische Ausbildung – das Vikariat – für einen Hungerlohn, immerhin mit der Aussicht auf eine anständig bezahlte Pfarrstelle. Das Ergebnis: arbeitslos. Oder wie soll ich mein kümmerliches Dasein als freie Journalistin sonst bezeichnen?
"Underemployment" wäre wohl der neudeutsche Fachausdruck für meine Situation. Auf klar Deutsch: Zehn Jahre Ausbildung waren umsonst. Oder sollte ich besser sagen vergeblich? Umsonst waren sie nämlich nicht. Weder für meine Eltern, die meinen Lebensunterhalt finanziert hatten, noch für den Staat. Und für mich auch nicht, wenn ich an die Plackerei in den Semesterferien und die Büffelei fürs Examen denke.
"Und? Was war Rauhbach für ein Typ?", wollte Kornelius wissen.
"Ziemlich unnahbar. Nicht so wahnsinnig beliebt", sagte ich. "Vor allem, seit nicht mehr alle Theologen in das Pfarramt übernommen wurden. Die Kirche hat keine Kohle, wissen wir. Die Kirche stellt niemanden mehr ein. Toll für alle, die drin sind, und dumm für die, die draußen sind und nicht reinkommen. Besonders für die, die das Vikariat noch absolviert haben. Dann sind sie meist Anfang dreißig: zu spät, um was Neues anzufangen."
"Hat Rauhbach mit dem Auswahlverfahren der Vikare zu tun gehabt?"
"Natürlich. Er hat die entscheidenden Gespräche geführt."
Jürgen schaltete sich ein. "Na also. Erstklassiges Motiv. Abgewiesener Theologe begeht Meuchelmord an Oberkirchenrat. Der Herr Vikar wurde brotlos, weil er den Herren in der Kirchenleitung zu schwul war. Huch!", sagte Jürgen tuntig und lachte sich fast kaputt. "Oder der Herr Pfarrer in spe war zu politisch: Die linke Einstellung des Nachwuchstheologen verhinderte seine Einstellung! Deshalb schoss er den Oberkirchenrat über den Haufen! Als revolutionäre Tat!" Jürgen lachte wieder ausgiebig. Dann schaute er mich mit gespieltem Entsetzen an. "Aber Kiki, dann bist du ja auch unter Mordverdacht!"

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