NRW Literatur im Netz

Stefan Kuntz - Arbeitsproben

TRETLAGER

Mein Freund ist manchmal nicht so ganz zufrieden mit meinen Geschichten über Mann und Frau und Frau und Mann.
Ist das nicht ein bisschen einseitig? fragt er. Gibt’s denn nicht noch andere Themen?
Kaum, oder?
Na gut, er hat ja recht.
Er meinte, ich soll mal ne Geschichte machen über..., übers Tretlager. Übers Tretlager, ja. Warum nicht? Ein dankbares Thema!
Er kam deshalb drauf, weil das Tretlager von meinem Rad kaputt ist, ich hatte ihn gefragt, er kann das austauschen. Ich kann das nicht, da braucht man Spezialwerkzeug und manchmal kriegt man das alte gar nicht auseinander, so fest sitzt das, dann hilft nur rohe Gewalt, aber wie? Keine Ahnung, ich jedenfalls wüsste nicht, wie. Er weiß das und kann das. Er weiß von ziemlich viel ziemlich viel. Er ist so'n Art Generalist. Ich auch - so'n bisschen. Ich bewunder ihn deswegen irgendwie, deswegen auch, aber manchmal sind mir seine Ratschläge auch zuviel. So ist das unter Freunden.
Aber es geht ja ums Tretlager.
Also das Tretlager. Zuerst denkt man: da stimmt was nicht. Die Schaltung geht nicht mehr so leicht - also wenn man Kettenschaltung hat. Dann wackelt man so'n bisschen an den Tretkurbeln und stellt fest: hat zuviel Spiel. Also, dass so ein Lager Spiel hat, ist ja okay, muss ja. Wenn es total fest wäre, kann es nicht mehr laufen. Aber wenn’s zuviel ist, geht das Lager kaputt. Also: was ist richtig oder normal und was ist zuviel? Was ist zu wenig, also zu fest? Und wieso sitzt das Lager jetzt so locker?
Also das ist ja auch immer die Frage in ner Freundschaft oder in ner Beziehung: Wann hat sie genug Spiel, wann zuviel? wann zuwenig?
Aber es geht ja ums Tretlager. Bei nem Tretlager kann man das Spiel ja einstellen. Also man dreht etwas fester, so dass es sich gerade eben noch leicht dreht. Es lockert sich ja eh, wenn man ein paar hundert Kilometer geradelt ist. Die Schmiere wird weggedrückt, das schleift sich alles was ab. Dann will man das ganze ja nicht wieder aufmachen, um es nachzuziehen. Also macht man es lieber gleich etwas fester als normal, also wenn es neu ist.
Also, das ist in ner Beziehung anders: Wenn die neu ist, braucht die nicht viel Spiel. Keiner kommt auf die Idee. Aber wenn die Beziehung was älter ist, ist sie vielleicht ausgeleiert und bräuchte eigentlich ein neues Lager mit viel Spiel, aber das ist dann schwierig, sie ist irgendwie festgefressen, und wenn man dann rohe Gewalt ... ja dann kracht's. Also sollte man vielleicht von vorneherein die Beziehung mit mehr Spiel einstellen - dann, wenn noch keiner dran denkt, dass das vielleicht mal nötig sein könnte - man liebt sich halt so, oder?
Ach so, Tretlager! Es geht ja um Tretlager.
Also, wenn man dann so ein schlabberiges Tretlager ausgewechselt hat und das Rad läuft wieder – ...

Aus: STORIES2. Köln 2002

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.