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Marion Poschmann - Arbeitsproben

BLUMENDRAHT, EINE ERINNERUNGSSTÜTZE

Ich öffne die Tür und trete im Bademantel auf den Flur. Vor mir bewegt sich etwas Rotes, etwas Blaues, das Oberteil eines Jogginganzugs. Der Mann fährt zusammen und weicht zurück. "Mensch, haben Sie mich erschreckt. Da bleibt einem ja das Herz stehen."
"Tut mir leid", sage ich, "das war nicht meine Absicht." Ich strebe auf die Sitzgruppe zu und lasse mich in die Polster sinken. Eine Krankenschwester schiebt ein Bett vorbei.
Der Mann im Jogginganzug geht hektisch hin und her, von einem Ende des Flures zum anderen, dicht an der Wand entlang. Um die Sitzgruppe muß er einen Bogen machen. Als er an mir vorbeikommt, wirft er mir einen mißtrauischen Blick zu. Nach der zweiten Runde stoppt er vor dem Beistelltischchen und tippt über dem Aschenbecher auf seine Zigarette. Nervöser Blick über die Schulter. Er hat den Aschenbecher knapp verfehlt.
"Was ich noch sagen wollte", sagt er zu mir. "Sie sollten etwas behutsamer vorgehen. Nicht sofort mit der Tür ins Haus fallen."
Ich sehe unbeteiligt geradeaus. Ich habe keine Ahnung, was er von mir will.
"Nein", fügt er eilig hinzu, "ich will Ihnen gar keine Vorwürfe machen. Nur daß Sie keinen Ärger bekommen." (...)

Aus: Baden bei Gewitter.

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