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Margot Scharpenberg - Arbeitsproben

SPRACHE (Einpersonenspiele mit verteilten Rollen)

Die blaue Blume
mir überlassen
als Schlüssel für jede
verschlossene Tür
(soweit da Türen)

auch wenn die Blüten-
blätter fallen
bleibt sie
begrenzt vom Himmel
ein offener Kelch
Bestäubung erwartend
geduldig
Wort durch Worte

ich bin ihre Frucht

SPRACHE II

Einmal mit ihr verlobt
bin ich an sie verloren
was hülfe die Scheidung
unerbittlich
hält ihre Sippe mich fest

den Brautpreis gibt sie
nicht wieder her

verschmäh ich die Angetraute
schickt man mir eine der Schwestern
so ist das Brauch –
ins Haus

sie kennt sich bei mir
mit Leichtigkeit aus

ich laß sie die Möbel
verrücken und bin
von ihren stürmischen Sprüchen
den wohlbekannten
als scheinbar neuen
kopfüber aus neue beglückt

SPRACHE III

Mit ihrem Namen
bin ich beringt
man zählt mich ihr zu
wo ich auch stürze
auf meinen Flügen
und wenn mich endlich
der schwarze Würger
aus heiterem Himmel fängt

nicht alles an mir
ist ihm bekömmlich
zerrupfte Federn
spitzt euch die Kiele –
bleiben vor Ort
und mein winziger
Herkunftsring
wortschwingend in alle
Winde zu zersingen

SPRACHE IV

Sprache ist meine Schwester
nächtens schläft sie
und schweigt wie ich
sie rührt sich im Traum
den huschenden Schatten
Stimme zu geben
halblaut
traut sie sich kaum

aber am Morgen
wenn ich uns beide
im Spiegel sehe
noch ganz unter uns
noch mit dem Finger
über den Lippen
(schweig stille):
so gut wie mit Worten
macht sie mich wach

SPRACHE V

Ich leb als eingesessner
Landbesitzer
ich lebe wie ein Fürst
und ich bestelle
statt Feld und Länder gleich
die ganze Welt

mein Schloß ist luftig
und aus lauter Fenstern
in jede Richtung
oder Jahreszeit

mein eigner Diener bin ich
und ich bin zu Diensten
soweit man mich
mit Ruf und Nachricht
beim großen Ringelreihen
auch erreicht

ich lebe fraglos
reich an Zins
und Zinseszinsen
aus Laut- und Silbenlust
und zahl für neue Töne
gerne Zoll

wer aus Sprache lebt
der lebt
ganz wortreich
völlig aus dem Vollen
der lebt im Wohlstand und
lebt angenehm

SPRACHE VI

Täglich wachsen
die Früchte nach
ein Baum im Paradies
und nicht verboten

mein Hunger ist täglich neu
auch die Angst vor der Schlange
sie könnte den Baum
zur Dürre versuchen
und unvermeidbar
mich zum würgenden Schweigen

SPRACHE VII

Vom Mutterleib an
mein Anspruch an die Welt
noch eh ich sie sehe:

schon mein Geburtsschrei ist Sprache

SPRACHE VIII

Wir tollen wie Kinder
und schwärzen uns an
mit weißer Kreide auf Tafeln
mit schmutzigen Fingern
auf reiner Wand

in unserer Einklass-Schule
wo jeder von jedem lernt
bis zur großen Versetzung

ich hab den Verdacht
daß meine Freundin Sprache
damit sie bleiben kann
sich zauberisch verzwergt
ein dauernder Neuling

noch mit den Allerjüngsten
längst nach uns
möchte sie sich gleich zu gleich
in rauhen Spielen verschwistern

SPRACHE IX

Sprache ist nur
die Spitze des Eisbergs
ein schmelzendes Schwimmergesicht
gegen den Sog
beteuernd
daß es noch ist

sein eigenes Denkmal
aus abgetropfter
Vergangenheit
mehrt es das Meer

und fällt der erflehte
Neuschnee die Flocken
ohne Entkommen
haften wie Vögel
mit angefrorenem Fuß

mein Eisberg ein einziger
Klageschnabel
standhaft
gegen Versinken
ein einziges Lied

SPRACHE X

Leugne den Partner nicht
Sprache
auch wenn du ihn verbirgst
du suchst ihn
hinter allen Türen

jeder gekrümmte Weg
atemlos
endet bei ihm

ihr wünscht euch wie alle
glücklichen Paare
daß keiner allein überlebt

und daß auch keiner
das letzte Wort behält
schließt euch umarmend die Münder

du
Sprache verstummend
und du
Schweigen
endlos beredt

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