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Thomas Fillinger - Arbeitsproben

ERSCHEINUNG

Als Elfie Knebel die Mutter Gottes sah, spürte sie ein leises Zerren im linken Lungenflügel. Überrascht und ängstlich zog sie heftig die Luft ein und ein Nadelkissen schien in ihrer Lunge zu stecken. Dann fiel sie auf die Knie: - Heilige Mutter Gottes! Sie spürte eine leichte Umarmung, dann nur noch diesen stechenden Schmerz. Die Welt wurde schwarz. Elfie taumelte durch die Nacht. Die Straßen glänzten im leichten Nieselregen, der seit Tagen auf die Stadt fiel. Drei Typen umlagerten eine Trinkhalle, das Rattern einer Straßenbahn durchteilte das leise Rauschen der Nacht. Elfie wankte auf die Trinkhalle zu. - Und guck dir doch das Viertel hier an, alles haste hier: Schwule, Transen, Normalos, Lehrer, Nymphomanen. - Ey, kennste die, die da oben wohnt? - Was willste noch ins Kino? - Ne, ich wohne gerne hier. - Lesben, Schaffner, Malocher. - Ich habe die Mutter Gottes gesehen. Hilfe! Die Typen verstummten, blickten Elfie schweigend an. - Meine Lunge! Wie Nadelstiche! Seitdem! Au! - Na na na Mädchen! - Damit macht man keinen Spaß nicht! - Genau! Die Typen umringten sie. - Was bist du für eine? - Ich habe die Mutter Gottes gesehen. - Quatsch! - Die seh ich auch nach drei Schnäpsen! - HAHAHAHA! Elfie spürte etwas in sich grummeln, irgendwo in ihrem Innern, hinter dem linken Lungenflügel. - Bööööö! machte sie und erbrach sich auf den schimmernden Beton. - Scheiße! - Das machste wieder wech! - Ey, meine Schuhe! - Wartet mal, wartet mal! Guckt doch mal hin, guckt hin! - Ich guck mir doch keine Fremdkotze an, ich bin doch nicht bekloppt! - Doch, ne, guck! Während Elfie sich wankend an einem Plastiktischchen, das vor der Trinkhalle stand, abstützte, betrachteten die Typen staunend ihr Erbrochenes. - Das ist... sieht aus wie... - Tja... - Gibt’s nicht, gibt’s echt nicht... Elfie unterbrach sie: - Wie die Mutter Gottes. Jetzt starrten die Typen sie an, niemand sagte etwas, einer reichte ihr stumm ein Taschentuch. - Jaha, sagte Elfie, jaha. Und: - Hab ich ja gesagt. Einer der Typen, ein zitternder, unrasierter Alter in einem zerknitterten und zerschabten Anzug fiel vor Elfie auf die Knie: - Bitte. Meine Leber. Ich hab da was drin. Zwei Jahre noch, sagen die Ärzte. Hab da was drin. Mach mir das weg, bitte. - Heiner, was sagst du da? - Ja, wenn sie die Mutter Gottes sieht, kann sie mir auch helfen. Also? Elfie legte Heiner eine Hand auf den Bauch, dann schloss sie die Augen, atmete heftig: - So. Ist weg. Heiner begann zu schluchzen: - Ich folge dir. Wohin du willst. Durch die ganze Stadt. Und die da auch. Elfie nickte: - Wir müssen weiter. Die Mutter Gottes ehren. Wer weiß, wie lange sie noch in mir ist. Heiner faltete ein fleckiges Stofftaschentuch auseinander. Einer fauchte ihn an: - Was willst’n damit? - Die Kotze mitnehmen. Ihr Gesicht. - Quatsch. Lass das hier. Das ist ein Zeichen. - Ach so. - Ihr seid bekloppt, mischte sich der Dritte ein. - Ihr seid total bekloppt. Das ist Kotze, kein Gesicht. Ich seh nichts. Ihr habt `ne Pyschose. - Du musst Sehen wollen, sagte Heiner. - Genau! sagte der Andere. - Er wird hier bleiben, murmelte Elfie, er wird hier bleiben, denn er ist unwürdig. - Da! Querulant! - Wir gehen jetzt, sagte Heiner. Die Männer schüttelten sich die Hände, zwei folgten Elfie, einer blieb zurück und betrachtete noch lange Elfies Erbrochenes, dann zuckte er mit den Schultern und verschwand in der Trinkhalle. - Psst, ihr müsst leise sein, zischte Heiner Elfie und Jupp zu. - Bist du sicher, dass wir da rein müssen? fragte Jupp. - Dies hier ist die falsche Kirche Ihres Sohnes. Hier werden wir wirken. - Aber das ist ein Stromkasten, erwiderte Jupp. - Soll ich wieder kotzen? Soll ich wieder kotzen, damit du mir glaubst? - Ne, ich hab ja bloß gemeint... Elfie kniete vor dem Stromkasten, ihr Gesicht eine Mischung aus Entschlossenheit und Erfurcht, dann begann sie leise zu murmeln: - Komm heraus... komm heraus... - Ne, brummelte Jupp, ne, das ist mir jetzt wirklich zu blöde. - Schnauze! zischte Heiner, die muss sich konzentrieren! - Ich bin doch nicht irre! Komm heraus!! Und das vorm Stromkasten! Pah! Elfie erhob sich und sah Jupp mit aufgerissenen Augen an, ein Arm fuhr hoch und runter, dann fiel sie auf den Rücken: - Du!! Du!! Du... UNGLÄUBIGER! Heiner rieb sich den Nacken: - Da! Da hastest! Jetzt isses passiert! Die kotzt gleich wieder. Jupp zuckte mit den Schultern und zündete sich eine Zigarette an. Elfie kotzte auf ihren Pullover. - Siehste. Das kommt jetzt davon. - Und? Wer isses diesmal? Jesus? - Nee... irgendwie sieht das anders aus, so voller Blut und so. Jupp und Heiner standen schweigend um Elfies Körper, der leicht zuckte. Ein Stöhnen entfuhr ihrem Mund, als Elfie einen Schwall Blut erbrach. - Bäääh, machte Jupp. Heiner trat nervös mit einer Schuhspitze vor den Stromkasten: - Was ist denn, Jupp? Was hat sie? - Weiß nicht, keine Ahnung. Aber hier stimmt was nicht, ich meine, mit der da stimmt was nicht. Heiner beugte sich über Elfies Gesicht, das mittlerweile eine wächserne Farbe angenommen hatte: - He! Mutter Gottes! - Ach, lass doch, bringt nichts. - Ne, kann ich doch mal versuchen, oder?! He, du! Elfies Körper hörte auf zu zucken, ihre Hände umkrampften ihren Hals, ihre Augen weiteten sich und mit einem heiseren Röcheln erbrach sie einen dunkelroten Schwall Blut, dann sanken ihre Arme kraftlos auf den Asphalt, ihre Augen starrten in unergründliche Weiten. - He, Jupp, was ist das denn nur? Was hat sie bloß? Jupp bückte sich und begann, die Taschen von Elfies abgewetztem Jackett zu durchwühlen. Dann brachte er einen zerrissenen Briefumschlag hervor: - Mensch Heiner, guck mal der Absender: Städtische Kliniken. - Ich werd nicht mehr! Jupp reichte Heiner schweigend eine Zigarette, Heiner inhalierte tief und murmelte: - Trotzdem, ich habe die Mutter Gottes gesehen... in ihrer Kotze... ja... Dabei umklammerte er mit der linken Hand krampfhaft seinen Unterleib. - Wie Nadelstiche, dachte er, aber um zu sehen, muss man diese Schmerzen in Kauf nehmen...

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