NRW Literatur im Netz

Volker W. Degener - Arbeitsproben

DIE TASCHE

(Eine Geschichte zum Weiterschreiben)

"Verdammt, mein letzter!"
Oliver verzieht sein Gesicht zu einer Grimasse. Er spuckt auf das Geldstück und schiebt es in den Automaten.
"Mein Beileid", murmelt Stefan, der seinem Freund über die Schulter schaut. Dann starrt auch er auf das Gerät, beobachtet das gelbe Männchen in der Pyramide, das sich bei seiner Schatzsuche über Schlangen, Räuber und hundgemeine Fallgruben hinwegsetzen muss. Es dauert nicht lange, dann ist das Chinesen-Männchen am Ende, zerbröselt.
"Pechsträhne", knurrt Oliver. "Okay, nichts zu machen, Abflug! Ich muss mich langsam wieder zuhause sehen lassen."
"Schade, ich hätte noch genug Zeit", meint Stefan.
"Viel Zeit, aber auch keine Kohle mehr", stellt Oliver fest. "Schlechte Karten für uns."
Auf dem Weg nach draußen passieren sie eine lange Theke. Sie ist bis auf zwei aufeinander einredende Männer leer. Der Wirt, der wie ein Marokkaner aussieht, räumt Gläser aus einer Spülmaschine und hält sie zur Kontrolle gegen das bläuliche Deckenlicht.
"Und Tschüss!"
Vor dem `Clic-Clac` gibt Oliver mit einem Blick auf seine Uhr plötzlich Gas. Das sieht ganz lustig aus, wie er in seiner weiten Skaterhose den Leuten auf der Straße ausweicht. Im Nu ist er an der nächsten Ecke verschwunden.
"He, was soll denn das?"
Stefan verfolgt ihn. Aber als er an der Bushaltestelle ankommt, hat sich Oliver in Luft aufgelöst.
"Idiot!"
Zweimal dreht er sich um die eigene Achse und verzichtet dann auf die weitere Suche. Vorher tritt er noch schnell unter einen Abfallkübel, und es knallt mächtig.
Nur zwei Minuten später taucht Stefan wieder im `Clic-Clac` auf. Er setzt sich an die Theke.
"Eine Cola!"
Ein Bier hätte er bestimmt nicht bekommen, in seinem Alter. Stefan ist gerade erst dreizehn und sieht auch so aus. Der Wirt schiebt ihm ein randvolles Colaglas hin.
"Ich bezahle sofort."
"Zweifünfzig."
"Was? Schon wieder teurer geworden?"
"Bist du schwerhörig geworden? Zweifünfzig. Ich denke, du kennst dich aus bei unseren Preisen.
Stefan nimmt erst mal einen Schluck, kramt dann in seiner Jackentasche herum und holt fünf Zehncentstücke hervor.
"Eigentlich muss hier noch ein Zweieurostück stecken. Vorhin war´s noch da", sagt er etwas kleinlaut.
"Zahl` beim nächsten Mal", sagt der Wirt mit unerwarteter Höflichkeit.
Das Colaglas leert Stefan mit einem Zug. Er lässt seinen Blick durch den Raum schweifen, macht ein gelangweiltes Gesicht, bückt sich und ergreift eine Umhängetasche, die vor der Theke steht.
Mit der Tasche unter dem Arm saust er los. Zickzackkurs. Keuchend bleibt er vor einer Apotheke stehen. Dann betritt er eine Passage, nachdem er sich vergewissert hat, dass ihn niemand beobachtet.
Er sieht sich die Tasche etwas genauer an. Aus dunkelbraunem Leder ist sie, hat vorn eine kleine aufgesetzte Tasche und oben einen Reißverschluss.
"Nur mal informieren", flüstert Stefan und sieht sich wieder um.
Der Mann, dem die Tasche gehören könnte, hatte ihnen von der Theke her zugesehen, höchst unfreundlich, wie es Stefan sofort durch den Kopf gegangen war. Der Mann trank sein Bier und sah immer mal herüber, während er mit seinem Kumpel redete, und dann war er mit einem Mal verschwunden. Beim Rausgehen hatte Stefan die Tasche am Fuß der Theke entdeckt. Die Idee, unbedingt hineinsehen zu wollen, kam ihm erst auf der Straße.
Er kann sie sich nicht erklären, diese Neugier. Sie war einfach da.
Nichts besonderes, was in der Tasche steckt. Eine hellblaue Butterbrotdose, ein Handtuch und eine verknitterte Zeitung. Aber dann pfeift Stefan durch die Zähne. In dem vorderen Täschchen befinden sich ein Notizbuch, eine Checkkarte und ein Personalausweis. Stefan schiebt alles wieder hinein, drückt den Klettverschluss zu und geht weiter, unauffällig.
Klar, eigentlich sollte er das Ding zurück bringen. Aber dann müsste er dem Wirt eine Geschichte erzählen. Polizei? Welche story wäre denn angebracht? Stefan bleibt stehen, fischt den Personalausweis aus der Tasche. Ja, das ist der Mann. Auf der Rückseite steht die Adresse. Hansagasse 16. Fast um die Ecke. Stefan überlegt nicht mehr lange. Er wird die Tasche da irgendwo vor der Haustür abstellen, klingeln und blitzartig abtauchen. Am nächsten Tag, in der Schule, wird er Oliver die ganze Geschichte brühwarm verkaufen. Der wird Augen machen. Stefan schiebt sich die Tasche über die Schulter und marschiert los.
"He, was treibst du denn hier?"
Stefan zuckt zusammen, Claudia hat ihm auf die Schulter geklopft.
"Willst du mich besuchen?"
"Äh, nein. Keine Ahnung. Das heißt-"
Claudia sieht ihn kopfschüttelnd an, während er die Tasche hinter seinem Rücken zu verbergen sucht.
"Äh, wohnst du denn hier?" fragt er drauflos.
"Na klar, weißt du doch. Du warst doch auf meiner Geburtstagsfete."
"Ach ja - total vergessen."
"Oh, oh, mein Lieber. Ist wohl heute nicht dein Tag. In der Schule warst du schon ziemlich von der Rolle."
Sie lässt ihn einfach stehen, rennt über die Straße. Nach ein paar Schritten dreht sie sich noch einmal um ud macht mit einer Hand den Scheibenwischer.
"Scheiße!"
Am liebsten würde er jetzt das braune Monstrum in eine Mülltonne stecken.
Klappe auf, Klappe zu und weg.
Gut so. Es beginnt zu dämmern. Hansagasse 11, 13, 15. Stefan wechselt die Straßenseite. Ein Mehrfamilienhaus mit einem Anbau, dahinter eine lange Zeile von Garagen. Da irgendwo auf dem Hof wird er die Tasche abstellen. Was wäre, wenn er dem Kerl jetzt in die Arme laufen würde?
Neben dem Eingang zu den vielen Wohnungen ist eine 16 aufgemalt. Also muss der Taschenmann in dem Anbau wohnen. Einige Fenster sind beleuchtet, im Anbau ist allerdungs alles dunkel. Stefan geht auf die graue Eingangstür zu. Sie ist angelehnt. Stefan schiebt sie ein wenig auf...

(Wer sich von dieser Geschichte so angesprochen fühlt, dass er sie weiterschreibt, sie also zu einem guten oder bösen Ende bringt, kann sie dem Autor Volker W. Degener übermitteln.)

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.