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Monika Detering - Arbeitsproben

Aus: WITWENLUST AUF SPIEKEROOG


1.

Er sah sie an. Die Frau, die einen Kinderwagen schob. Er sah zwischen Urlaubern auch eine mit wehendem rostrotem Haar. Sein Blick war kalt wie Eis, und sein Lächeln schien voller Geheimnisse zu sein. Der Mann lehnte am Poller. Die Hände steckten in den Hosentaschen und sein Kopf wurde durch eine Kapuze verdeckt.
Am Hafen Ost fuhr die Fähre ein.

***

Mia fror. Der Wind hatte aufgefrischt. Sie bekam den Reißverschluss ihres Anoraks nicht zu, zerrte daran, bis die Metallzähne im Stoff festsaßen und sich nicht mehr vor– und zurückschieben ließen. "Mist!", schimpfte sie. "Elender Mist."
"Du bist zu hektisch", sagte die Frau neben ihr. "Wie immer."
"Bin ich nicht. Und so etwas passiert nur mir. Wie eben dieses blöde Stolpern - ich hätte auch dabei ins Wasser fallen können."
"Werd nicht albern."
"Ich kann doch nicht schwimmen", sagte Mia.
"Dann lern es", konterte Katinka.
"Nein." Mia schüttelte den Kopf. Jetzt hatte sie keine Lust mehr darauf. Bestimmt nicht im Herbst. Und überhaupt – in ihrem Alter? Sie trat einen Schritt zurück, wurde von hinten angerempelt, und schimpfte: "Nicht schon wieder. Passen Sie doch auf!"
"Warum?", sagte eine dunkle Männerstimme. Die Frauen drehten sich um. Hinter ihnen standen nur erwartungsvolle Urlauber, die auf die Fähre wollten.
Der Abschied von Bielefeld war eine Freude für Mia Lehmann gewesen, auch wenn sie nur wenige Tage auf der Insel bleiben würde. Sie glaubte, an der Nordsee dem Tod entkommen zu können. In der letzten Zeit waren einige ihrer Freunde gestorben. Eigensinnig pflegte sie deshalb die eher kindliche Vorstellung: 'Vielleicht findet der mich im Norden nicht'.
Sie glaubte daran und ihr Glaube galt.
Der Wind zerrte an der krisseligen Pudelfrisur, die so gar nicht zu ihren sommerblauen Augen und dem Lachen darin passte. Mia hob das Gesicht und registrierte: "Kühl wird's. Sicher auch auf der Insel. Ich friere schon jetzt."
"Die Südsee isses nun mal nicht", sagte Katinka Koselowsky, die Möwen beim Krumenklau beobachtete. Mit kalten eisblauen Blicken beäugten sie die Frau. Katinkas Stimme klang rau und hörte sich angenehm bissig an.

Aus: BLÜTENREINE WESTE

Prolog

Es ging nicht. Er konnte nicht weitergehen, musste sich gegen
die raue Hauswand lehnen, begriff nicht, was mit ihm geschehen
war oder gerade geschah, Schweiß stand auf seiner Stirn,
er keuchte hustend, würgend, und sein Atem stockte. Dann
kam alles gleichzeitig – er kotzte unter Schmerzen alles zuvor
Gegessene aus. Der Magen war wie auseinandergerissen,
gleichzeitig versagte sein Schließmuskel. Er rutschte an der
Hauswand hinunter, riss sich die Hände am groben Mörtel
auf, raffte sich wieder hoch und stolperte weiter. Sein einziger
Gedanke war: Ich muss zu ihr.
Kopfschmerzen bohrten, klopften, hämmerten. Hilf mir!
Mir ist hundsmiserabel schlecht, Gott, ich kann nicht mehr … Ihm
war, als hätten seine Gedanken Aussetzer. Nichts ließ sich
mehr richtig zuordnen.
Schweiß und Tränen rannen. Es war ein stilles, schon
erschöpftes Weinen. Immer wieder musste er stehen bleiben,
diese Krämpfe in den Beinen … Nach schier endlos scheinender
Zeit stand er vor dem Haus und kam nicht hinein. Er
schaffte es einfach nicht. Er wollte die Haustür aufstoßen und
sackte zusammen.
An diesem Märztag des Jahres 1950 war die Luft, die der
Wind über die Ruhr trieb, ungewöhnlich mild. Noch waren
die Bäume kahl. Kahl und nackt wie die Ruinen.
Nach endloser Zeit hörte er die vertraute Stimme. "Was
ist? … Hömma, hast du getrunken? … Igitt."

Er stierte. Hustete, sog mit erschreckend lautem Pfeifen
die Luft ein.
"Reiß dich zusammen. Steh auf. Ich helfe dir." Er wurde
in den Hof gezerrt, seine Füße schleiften über den unebenen
Boden. Er fühlte, wie sie ihn auszog. Er fror grässlich, zitterte,
hörte ihr strenges: "Bleib gerade!" Es klang wie ein Befehl,
aber ihm kamen ihre Worte wie Musik vor.
Er betrachte sich von außen, sah seine gekrümmte Haltung,
stellte für einen winzigen Moment fest, dass er dürr wie
ein Häftling war und sie ihn gegen die Wand stellte. Schon
schleppte sie zwei volle Wassereimer heran, begoss ihn wie ein
Schwein. "Gez bisse wieder fein."
Seine Nerven versagten. Erst zuckten die Augenlider, dann
das Gesicht, gleichzeitig die Schulter, dann die Beine. Sie griff
nach seiner Hand und zog ihn hinter sich her, es war ihm egal,
er wünschte sich nur Wärme und Ruhe, ein Bett und dass das,
was ihm geschah, aufhören möge. Wie aus weiter Ferne sah er,
wie sie ihn ins Haus bugsierte, die Treppen hochschob, nackt,
wie er war. Und dann geschah es wieder. Er konnte es nicht
aufhalten. Übelriechendes rann ihm wie von selbst die Beine
herunter. Sie zerrte ihn ins Badezimmer.

Er spürte sie mehr, als dass er sie sah. Aber sie saß neben ihm
und musste ihn in ihr eigenes Bett gelegt haben. Er fühlte
Warmes in Höhe des Magens. Seine Hand tastete. Eine
Wärmflasche. Und ehe er sich darüber freuen konnte, über
die Wärme, die Fürsorge, wurde es so mühsam, zu atmen.
Grauenvoll mühsam.

Während die Frau noch überlegte, einen Arzt zu rufen,
hörte er auf zu atmen. Und es brauchte lange Minuten, bis sie
seinen Tod realisierte und wie erstarrt sitzen blieb.
So fand Alfred sie vor, als der auf der Suche nach der Quelle
des Gestanks in der Wohnung in ihr Schlafzimmer schaute.

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