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Monika Detering - Arbeitsproben

DER SOMMER DES RABEN

1.

In diesem Sommer starb Felix, an einem Tag, als die Hitze glühte und das Gras verbrannte. In einem Sommer sind wir uns das erste Mal begegnet, damals waren wir uns sicher, dass nichts uns trennen könnte.

Und ich hatte Schuld an seinem Tod.

***

Ich buk Brötchen auf und mahlte Kaffee. Erst sein Duft brachte mich zur Besinnung. Verwirrt stellte ich alles Geschirr zurück, hastete hin und her, wollte vor dem Schmerz wegrennen und glaubte, solange ich in Bewegung bliebe, könnte meine Unrast Felix' Tod auf Abstand halten.

Noch.

Bis zu jenem Moment, in dem die Geräte abgeschaltet wurden, bis zu dem Augenblick davor, an dem sein Herz immer langsamere Schläge tat, hatte ich mich an der Hoffnung festgeklammert. Ich war nicht vorbereitet auf die Leere, die mich jetzt umgab.

Ich rannte in den Garten, blieb stehen, sah nach oben und entdeckte auf einem Schornstein zwei Störche in ihrem Nest. Fast wollte ich Felix anstoßen und ihm die Vögel zeigen. Ich ging zum Birnbaum, wo ein alter Küchentisch stand; da hat er oft gesessen. Egal bei welchem Wetter. Auf der staubigen Tischplatte lag die dunkle Feder eines Vogels. Ich nahm sie hoch, pustete sie in die Luft und fing an zu weinen.

Die letzten Wochen haben meine Erinnerungen zerschnitten. Nichts passte mehr zusammen. So war es auch gewesen, als ich noch hoffte, Felix würde wieder gesund. Im tiefsten Innern wusste ich aber, er würde es nicht.

Jeden Tag fuhr ich zum Krankenhaus, jedes Mal mit der Hoffnung, heute würde es ihm bessergehen.

Nichts wurde besser. Die Nachbarn erkundigten sich, auch Mara, meine Freundin, kam oft. Die Tage vergingen, ich nahm sie kaum wahr, es gab nur diesen einen Kreis, den ich um Felix gezogen hatte. Den Kreis seiner Zeit.

Ich vernachlässigte meine Arbeit. Stornierte Aufträge schob ich zur Seite, auch Nachrichten, in denen Kunden ihr Unverständnis mir gegenüber ausdrückten – kannten sie mich doch als sehr zuverlässig. Ich drängte alle Gedanken an den kommenden Ärger weg. Wie ein riesiger Mülleimer fühlte ich mich, der schluckte und schluckte, bis heute.

Ich starrte auf die Schmetterlingswiese, das Gras, auf den Tisch, hörte mich sprechen; meine Stimme war kratzig, vielleicht schrie ich, wahrscheinlich wie gestern auch. Denn Felix war tot.

Gestern war ich ein letztes Mal im Krankenhaus gewesen, um Felix' Sachen einzupacken. Der Bestatter hatte den Leichnam schon abgeholt. Ein Abschied von meinen Hoffnungen, meiner Anspannung, und diesem wortlosen Kittel-und-Haube-Anziehen. Vor der Intensivstation hatte ich mich ein letztes Mal auf die Bank gesetzt. Daneben stand der Aschenbecher. Und wenn man aufstand, ins Weite guckte, sah man das Reichstagsgebäude.

Wieder sah ich die Szenen der letzten Tage vor mir. Hörte auch hier im Garten das Zischen des Sauerstoffs. Sah die Infusionsständer mit den durchsichtigen Beuteln. Wusste um immer neue Medikamente, die nicht mehr halfen. Dachte an den Atemschlauch. Er schien Felix gequält zu haben, seine Hände tasteten oft zum Hals, und die Augenlider flatterten blaugrau, wie jene seltenen Bläulinge, die es kaum noch gibt. Gehirnblutung. Dazu eine Lungenentzündung. Die Ärzte versetzten ihn ins künstliche Koma. Als sie ihn daraus zurückholen wollten … sahen die Ärzte und ich nur die grauenhafte Panik in seinem Blick, als er wieder allein atmen sollte und es nicht konnte. Meist standen seine Augen offen und die nadelfeinen Pupillen wirkten wie Sterne entfernter Galaxien.

Ich sah mich am Waschbecken einen Frotteelappen anfeuchten, mit dem ich über Felix' Gesicht wischte, es mit einem Handtuch abtupfen und die Haut eincremen. Seine Wangenknochen traten hervor, die Nase wurde spitz und die Falte zwischen Nase und den Mundwinkeln hatte sich vertieft. Ich erzählte ihm Komisches, hatte gelacht, wir haben immer viel zusammen gelacht. Ich erzählte aus jenen Tagen, in denen wir uns kennengelernt hatten. Und jeden Tag zog ich in diesen Frühsommertagen die Kunststofflamellen hoch, die das Zimmer verdunkelten. Er sollte die Sonne spüren.

Sein Herzschlag wurde schnell, viel zu schnell, wenn ich flüsterte: "Ich muss jetzt gehen."

Sagte ich: "Ich schlafe diese Nacht in deinem Zimmer", wurde er ruhiger. Nur, immer ging das nicht, ich musste zu Hause einiges tun. Meist aber tat ich zu Hause wenig, ich saß im Garten und fühlte mich wie gelähmt. Manches Mal schlief ich draußen, in der Hängematte, die Felix einmal von Birnbaum zu Birnbaum gespannt hatte. Es gab auch Abende, an denen ich die Sehnsucht nach Felix nicht auszuhalten glaubte und von intensiver, verrückter und atemloser Liebe mit ihm träumte.

An einem seiner letzten Tage erzählte ich, dass ich möglicherweise schwanger wäre, obwohl ich schon wusste, dass die Reaktion meines Körpers stressbedingt war. Außerdem fand ich mich mit neununddreißig Jahren zu alt für ein Kind. Ich hatte meinen Job – war als Agentin für außergewöhnliche und seltene Puppen neben der Arbeit am Computer viel zu viel auf Reisen. Und doch: In sehr ruhigen Momenten hatte ich ein gemeinsames Kind vor Augen.

Ich setzte mich ins Gras und zupfte an Gänseblümchen. Das erinnerte mich an den Moment, als ich auf das leere Bett mit dem Plastiküberzug geschaut hatte, dort stand und stand, als würde ich darauf warten, dass eine Krankenschwester käme und mir sagte, er komme gleich wieder.

Aber ich verließ das Krankenhaus mit Felix' Sachen, fuhr durch die Stadt, landete in der Nähe des Ku'damms, parkte in der Bregenzer Straße und schaute an dem Haus Nummer fünf hoch, das mit der gut erhaltenen Vorkriegsfassade. Ich war davon überzeugt, einen Schatten vorauseilen zu sehen – Felix? Glaubte mich um Jahre zurückversetzt und dachte, wir seien eingeladen bei Fräulein Zuckschwert, die mit dem fetten Pekinesen. Ich guckte auf die Namensschilder, und Fräulein Zuckschwert stand nicht mehr auf dünnem Papier in den goldglänzenden Blechfassungen. Aber in diesem Haus hatte ich vor Jahren gewohnt. Da war die Frau schon achtzig gewesen, wollte 'Fräulein' genannt werden, und den Köter mussten wir mit 'Herr Lieber' anreden.

Ich erinnerte mich an jenen Abend, an dem sie uns einlud … Schon gab mein Gehirn einen geheimen Ort mit abgelegten Gerüchen frei, schon witterte ich Dill und eingelegte Gurken, den schweren Geruch des Herrn Lieber, der mit einem Handtuch auf einem Stuhl saß. Felix und ich hatten Hunger, aber wir waren nicht fähig, etwas aus dem dampfenden gusseisernen Topf zu nehmen. Nach diesem Abend begannen wir, in Brandenburg nach einem gemeinsamen Zuhause zu suchen.

Ich wollte mich nicht in der Vergangenheit verheddern, musste den Gerüchen entkommen, und fast meinte ich, 'Nun komm schon, Herr Lieber' zu hören.

Aus: ICH BIN HERMANN

1.

Hermann Haberstroh, seit kurzem Witwer, dachte über sein Leben nach. Ist das jetzt alles gewesen oder kommt da noch was? Diese Fragen stellte er sich zum wiederholten Mal, auch drei Tage nach seinem neunundsiebzigsten Geburtstag. Neunundsiebzig! Witwer! Bis auf diese eine Sache hatte er während seiner Ehe mit Paula keine Affäre gehabt. Hatte es an Paula gelegen oder an Gelegenheiten, sein Treuepotential auszutesten? Hermann beschloss, dass es an Paula gelegen haben musste. Die Jahre mit ihr waren gute Jahre gewesen.
Er fragte sich auch, ob er nicht einfach zu alt war. Ob er trotz seiner Trauer nicht mehr an die Zuneigung einer Frau denken durfte. "Ja ja, in unserem Alter!", skandierten die Nachbarn und meinten damit, dass ihm nichts Schönes mehr zustehen würde. Er sah ihnen ihre Meinungen an. Schaute er die Nachbarn genau an, setzten sie einen klebrig mitleidigen Blick auf.
Er hatte Paula umsorgt, zuletzt auch gepflegt, so weit er es konnte, hatte getischlert, Freunde eingeladen, damit sie nicht nur allein miteinander waren. Aber jetzt, fand er, musste noch etwas passieren bis zum Achtzigsten. Die Zeit raste und wurde knapper, er hatte das Gefühl, dass sie ihn drängte, bald zu sterben. "Kommt nicht in die Tüte!", sagte er sich.
Er ging durch das Wohnzimmer, blieb vor dem deckenhohen Regal stehen, besah die vielen Bücher. Lesen war Paulas Bereich gewesen. Hermann mochte Holz und sein Werkzeug. Genau in diesem Moment elektrisierte ihn ein Gedanke, der nicht zu den vorherigen passte. Eigentlich. Er nahm die Hände aus den Hosentaschen und lief, so schnell er konnte, zu Amsel. Friedrich Amsel wohnte auf der anderen Straßenseite. Ungewöhnlich förmlich bat Hermann mit träumerischem Blick schon an der Tür, ihm seine neueste Idee erläutern zu dürfen.
"Aha. Dürfen? Wieder eine Idee? Heute die spannende Variante? Komm rein. Ein Bierchen?"
"Nicht am Vormittag. Das geht gegen meine Prinzipien. Müsstest du doch wissen."
"Dann Kaffee?" Ohne eine Antwort abzuwarten, stellte Amsel die Kaffeemaschine an. "Eine Idee." Er seufzte leise. Fragte dann lauter: "Hermann, was hast du dir ausgedacht? Fang nicht schon wieder mit neuen Regalen an! Oder willst du Vogelhäuschen mit Balkon basteln?" Er blickte amüsiert auf seinen Gast herab. Hermann war stämmig und muskulös, nur nicht so hochgewachsen wie sein Freund. Hermann nuschelte etwas.
"Bitte?", fragte Amsel.
"Ich habe mir eine Holzdrechselbank gekauft."
"Aber du drechselst doch gar nicht", sagte Amsel.
"Wer weiß das schon? Die ganz großen Sachen stehen ja nicht mehr an. Wie so manches. Was brauche ich denn noch? Freunde, Holz, den Himmel, das Meer und mein Werkzeug."
"Drechseln … Ist es das, was du mir verklickern willst?", fragte Amsel. "Dafür mache ich eine volle Kanne Kaffee? Also, wirklich, Hermann! Ich glaube, das Alleinsein bekommt dir nicht." Er goss das Getränk in zwei Becher. "Drechseln … Setz dich."
 "Wie meinst du das jetzt, Hermann? Mach‘s nicht so dramatisch. Was willst du?"
"Du weißt, dass ich im nächsten September achtzig werde. Und diesen Geburtstag möchte ich auch erleben. Trotz Herzattacken. Da bitte ich dich, alles aufzuschreiben, was dieses Jahr bis zum Achtzigsten noch so passiert."
"Wie bitte? Meintest du das mit Drechseln?"
"Ja, sicher. Ich mache jeden Abend Stichpunkte, was ich gedacht und erlebt habe. Und du schmückst das aus oder wie man das nennt. Ich kann dir auch in dein Diktiergerät sprechen."
"Meine Autorenschaft als Drechseln zu bezeichnen! Ganz schön frech. Und bitteschön, was soll das Ganze werden?" Amsel fragte das, obwohl er wusste, was Hermann wollte.
"Was wohl? Ein Buch! Bitte, schon allein wegen Sonja. Meine Tochter weiß alles besser und bevormundet mich. Die nervt bis zum Hirnplatzen, wenn sie denn mal anruft. Na ja, das ist inzwischen eher selten. Ich meine, sie kennt mich heute nicht mehr richtig. Ich bin nicht mehr der Papa von vor über vierzig Jahren. Und Sonja soll wissen, wie ich heute bin." Ob das eine Drohung oder augenzwinkernd gemeint war, konnte Amsel nicht unbedingt heraushören. "Außerdem hätte ich dann Interessantes zum Lesen. Eine Geschichte über mich selbst wäre amüsant."
"Du stellst dir ein Buch für zwei vor. Für Sonja und für dich. Richtig? Das ist also Sinn der Sache?"
"Von mir aus können es alle lesen. Dann wissen die Leute, wie es einem als Mann geht, wenn man alt wird."
Amsel ging zum Küchenfenster. Er war nicht sicher, ob er das machen sollte. Hermann hatte viele Ideen und aus den meisten, eigentlich fast allen, war nie etwas Richtiges geworden. Nur aus seinen Möbelstücken. Außerdem reagierte er so manches Mal recht eigen. Amsel befürchtete, dass er später meckern würde und dann wäre die Arbeit umsonst gewesen. Denn Arbeit würde das werden. Natürlich würde er das Aufschreiben – wenn überhaupt – kostenlos machen. Freundschaftsdienst. Er fand aber, dass Hermann bestimmt noch zehn Jahre leben würde. Und so lange sollte ihre Männerfreundschaft auch halten. "Achtzig! Heute werden gestandene Männer neunzig und drüber."
"Ich will nicht neunzig werden, ich will nur ein richtiges Buch. Nicht so ein flaches Ding, auf dem die Leute mit den Fingern wischen und drücken. Hab so was bei Stekelbroich, dem Rudi, gesehen."
"Aber du kannst auf so einem Teil die Schrift vergrößern. Ich finde das sehr bequem", erklärte Amsel.
"So‘n modernen Kram. Ich weiß nicht. – Also, machst du es? Ich muss wieder rüber. Ich hab die Haustür nur angelehnt."
"Nun warte mal. Da kommt schon keiner rein. Hier doch nicht."
Hermann seufzte ungnädig. "Dass du dich jedes Mal mit dem Entscheiden so schwer tust. Dann hätte ich auch zu Hause bleiben können."
"Ich lasse mir deinen Vorschlag durch den Kopf gehen. Wenn du Gedanken und Erlebnisse haben solltest, die andere interessieren könnten … Könnten, habe ich gesagt", setzte Amsel sofort hinterher, als er das Aufleuchten in Hermanns Augen sah. "Außerdem, wenn überhaupt … Ach, vergiss es." Er dachte daran, ob dafür ein Verlag zu begeistern war.
"Warte nicht zu lange, nachher bin ich tot, eh du überhaupt in die Pötte gekommen bist."
Amsel hatte Bücher geschrieben. Ratgeber. Für Handwerker. Für Bastler. Es gab auch ein Buch mit Handwerkerwitzen von ihm. Aber Teilzeitbiograph? Das war nun wirklich etwas ganz Neues.
"Vielleicht überlebe ich das Jahr auch nicht. Ein langes Leben liegt nicht in meiner Familie. Mein Vater starb mit vierundvierzig. War ein depressiver Mann. Meine Mutter ein paar Jahre später. Konnte nicht ohne ihren Konstantin. Das Leben ist komisch, kompliziert, hinterhältig und herrlich. Weißt du, ich möchte mich in Frieden verabschieden und wissen, dass es danach noch Geschichten von mir gibt. Nur falls ich einundachtzig werden sollte – dann muss ich umdisponieren. Achtzig reicht mir. Ist lange genug."
"Über achtzig müsstest du schon werden. Sonst kannst du dein Buch nicht mehr lesen."
"Heißt das, du machst es?" – Hermann stand auf. "Bitte!"
Hermann bat selten.
"Ich gebe dir Bescheid." Amsels kurzes Lächeln ließ Hermann hoffnungsfroh grienen. Beide sahen sich an.
Mitten in diese Übereinstimmung hinein knallte es ziemlich laut. Genau zwei Mal. Als wenn jemand geschossen hätte. Amsel und Hermann rannten nach draußen und sahen, wie aus dem Miethaus drei Häuser weiter zwei Männer aus einem Fenster im ersten Stock sprangen und in das nahe Waldgebiet rannten. Hermann hatte die Hände wieder in den Hosentaschen und guckte. Amsels schmales Gesicht zuckte vor Aufregung. "Polizei rufen?"
"Besser ist es. Obwohl die ja schon weg sind. Die 110 oder 112? Ich hab so was noch nie gemacht."
"Stell dich nicht zu doof an. Die 110!"
"Hol dein Handy", forderte Hermann den Freund auf.
Schon hörten sie die Sirenen der Streifenwagen.
"Siehste, sind schon unterwegs."
Es wurden immer mehr. Hermann zählte acht Streifenwagen, zwei Krankenwagen und zwei Notärzte.
"Das in unserer Straße", wunderte sich Hermann. "Bestimmt eine Familiensache. Ich dachte, da wohnen ordentliche Leute."
"Sieht nicht gut aus", sinnierte Amsel.
"Himmeldieberge, ich hab meine Tür offen stehen!"
Schon eilte Hermann über die Straße.

***

Niemand hatte sein Haus betreten. "Wär’ ja wohl auch …" empörte sich Hermann gegenüber der Jacke und dem dicken breiten Schal, die an der Garderobe hingen und hier hängen bleiben sollten. Die Sachen waren noch von Paula. "Oder was meinst du?"
Ihm genügte es, mit ihr zu sprechen. Natürlich erwartete er keine Antwort, er war ja durch Paulas Tod nicht verrückt geworden. Wieder ging er vor die Haustür. Nachbarn standen herum. Er mochte nicht dazu gehen. "So ein Gegaffe ist nichts für mich. Macht man nicht." Deshalb ging er wieder rein.
Am nächsten Tag kam Amsel. Der wusste einiges, er hatte gefragt. "War eine Beziehungstat", erklärte er Hermann. "Da drehte einer durch wegen Eifersucht, weil seine Freundin in der Wohnung mit einem anderen zugange war. Mit einer Schreckschusspistole hat der rumgemacht."
"Da ist man nirgends mehr sicher", überlegte Hermann. "Und morgen sind hier so ausgehungerte Gestalten mit Drogen. Amsel, in unserer Straße, in der bisher noch nie was passiert ist. – Übrigens, machst du das nun? Mit dem Buch?"
"Nicht drängeln. Tschüss!"

***

Amsel überlegte eine Woche und drei Tage. Solange ging er dem Freund aus dem Weg. Dann aber spazierte er mit einer Flasche Rotwein zu Hermann rüber. Rudi Stekelbroich war auch da.
Hermann war verunsichert. Denn Amsel sagte nicht, warum er mit Wein auftauchte. Vielleicht sagte er auch nichts wegen Rudi. Das konnte sein. Rudi erzählte gerade ausführlich und begeistert von diesem Haus im Auenwald, über das vor kurzem die Zeitung berichtet hatte. Ein Haus, in dem sieben alte Männer wohnen und keine Frauen einziehen dürfen. "Eine Wohnung wird dort gerade frei, das wär’ doch was für dich, Hermann."
"Wieso denn? Ich wohne doch gut. Schließlich habe ich mit meiner Paula vierzig Jahre in unserem Häuschen gelebt. Was meinst du, was die sagen würde. Wo doch noch alles von ihr da ist. Das hätte doch woanders keinen Platz. Auch mein Werkzeug nicht. Ich und ausziehen. Und nur Männer? Warum wollen die keine Frauen? Sind die, na du weißt schon …?"
Amsel grinste, Rudi auch.
Ärgerlich verkniff sich Hermann einen weiteren Kommentar. Er würde schon noch genauer nachhaken. Beim Rudi. Mit dem konnte er so etwas besprechen.
"Damit du es besser verstehst", begann Rudi erneut. "Diese Männer wollen ihr Leben allein gestalten und zurechtkommen. Dass heißt ja nicht, dass sie keine weiblichen Kontakte haben. Sie können auch Besuch von Freundinnen oder Töchtern bekommen, nur möchten sie nicht, dass eine Frau im Haus wohnt und dadurch ihre Gemeinschaft durcheinanderbringt."
"Aha", brummte Hermann. "Ist eine ganz schöne Ecke, kenn ich. Hier ballern sie inzwischen mit Pistolen rum."
Abwechselnd erklärten Hermann und Amsel dem Rudi, was es mit dem "Ballern" auf sich hatte.
Rudi drängte Hermann, sich die Wohnung einfach nur mal anzusehen. Die Männer diskutierten über ein Für und Wider. Amsel legte sein Aufnahmegerät auf den Tisch und schaltete es ein. Damit hatte er sich offiziell für den Job als Kurzzeitbiograph entschieden.
Während Rudi fragte: "Was ist das?", erhob Amsel sich, mitsamt Glas und einem letzten Schluck, und verkündete: "Ab jetzt nehme ich Hermanns Leben auf. Alles, was bis zu seinem Achtzigsten passiert." Er wandte sich an Hermann, der ihn mit offenem Mund anstarrte. "Sieh zu, dass du umziehst und das Haus verkaufst."
"Ich verkaufe nicht", moserte Hermann. "Wie stellst du dir das vor?" Er guckte grimmig erst Amsel, und dann Rudi an. "Ich! Will! Das! Nicht!"
"Mann, in dieser Gegend! So eine Immobilie reißen sie dir aus der Hand. Dann biste flüssig, kannst in Ruhe umziehen und entrümpelst dabei Einiges." Amsel nickte aufmunternd. Immerzu. Das sah nach zwei Minuten etwas dämlich aus.
Hermann zog seine weißen buschigen Augenbrauen zusammen. "Es wird nicht entrümpelt. Aber in unserer Straße ist es nicht mehr richtig sicher. Nachdem gestern …"
"Guck, schon haben wir was aus deinem Leben. Mach Notizen, wie besprochen, und gib sie mir jede Woche. Schreib alles in den Computer. Das geht schneller, ist einfacher und du schickst mir das Doc in einer Mail."
"Du meinst, mein restliches Leben hat längst begonnen? Sozusagen der Countdown?"
"So ist es."
"Gott, oh Gott. Wenn Paula das wüsste."
Nach einer langen Pause fragte Hermann: "Nicht, dass ich es nicht kann. Aber es wäre ganz schön, wenn du mir das noch mal genauer zeigst. Mit dem Computer. Ich hab so ein altes Ding. Geht das mit dem überhaupt? Ich habe den schon länger nicht mehr benutzt."
Hermann überlegte. "Kommen in das Buch auch peinliche Sachen?"
"Wenn es sie gibt, warum nicht? So peinlich kann doch nichts mehr bei dir werden", beruhigte Amsel.
"Ich weiß nicht …" In diesem Moment hätte Hermann das Ganze gerne als Schnapsidee abgetan. Er hatte so ein Bild vor Augen: Jede Menge Leute, die vor seinem Haus mit dem Buch in der Hand standen und seine Unterschrift haben wollten. Über ihn lachten. Ihn Tag für Tag belagerten. Da kann ich ja noch nicht einmal anständig pinkeln gehen!
Nur war Hermann ein Mann des Wortes – er brach keins, das er einmal gegeben hatte. Und neben Amsel war auch noch Rudi da. Zwei Zeugen sozusagen, zwei Zeugen seiner hirnverbrannten Buchidee. Und Paula war eigentlich die dritte Zeugin.
"Was meinst du dazu?", fragte er inwendig.
Er lauschte, er hielt den Kopf schräg.
Aber Hermann hörte keine Antwort von Paula.

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