NRW Literatur im Netz

Simak Büchel - Arbeitsproben

Aus: LILLITH

"Ich glaube, ich war noch nie auf dieser Brücke", denkt es in meinem Kopf. "Oder ich bin es schon immer gewesen." Um mich her bricht Sommerdämmer in das Schlichte der Atmosphäre, beginnt mit einer zielichen, anfangs die Marginalien betonenden Verklärung. Das Licht wird weicher, erlaubt es dem breiten Rücken des Rheines noch mehr Facetten zu fangen und sich zu einem schimmernden Harnisch verketten. Ein flüsterndes Diffundieren, über die Grenzen der Dinge hinweg, scheint sich zu vollziehen. In Borke verfängt sich Luft, in der Luft die Borke. Fischflossen durchbrechen Wasser, das Wasser durchbricht die Flossen. Selbst ich gebe mich an meiner Grenze, verwische in dieser Verklärung des Sommerdämmers und werde weicher an den Kanten. Vielleicht ist dies alles auch nur dem Wein zuzuschreiben, dem süffigen Rot, in dessen Spiegel sich mein Geist versenkte. "Vielleicht." Es wird Nacht. Allein stehe ich mit meinem - vielleicht - auf dem Scheitel der Brücke und weise den leuchtenden Zifferblättern der umliegenden Kirchtürme die Namen von Heiligen zu. Dabei wird mir die Gegenwart so bewusst wie das Vorbeirauschcen der Autos. Sie ist die Ruhe vor der Entscheidung, eine unbewegte 1, von der zwei Wege abgehen - wie auf dem Scheitel der Brücke. Möwen wissen nichts von ihr, ich hingegen alles.
Dem wilden Pendelflug zweier Möwen schaue ich zu, beobachte wie sie sich zwischen Betonpfeilern jagen und Abwinde taxieren, um ihr sahnesanftes Gefieder dem Rauschen auszusestzen. Bald tauchen sie am Rand meines ausgeleuchteten Gesichtsfeldes auf, immer auf Höhe der Brüstung, nur selten darüber. Sie kreischen sich Botschaften zu oder Flüche. Dann kippen sie gradweis die Flügel und sind verschwunden, draußen über dem irisierenden Strom, dort wo das Licht längst keine Unterscheidung mehr zulässt. "Du hast eindeutig zuviel getrunken", denkt es in meinem Kopf, bevor mich die Ähnlichkeit der Möwen an meinen Vater erinnert.
Nachlinks geht mein Blick, links von der Brücke, die Männer bauten, dorthin, wo meine Familie wohnt, wo mein Vater, meine Mutter wohnt in unserem Haus.
Und plötzlich höre ich Schritte. Von rechts kommen sie direkt auf mich zu. Schicksalsergeben drehe ich den Kopf und erblicke ein Mädchen, eine Frau. Immer größer wird sie, je weiter sie auf mich zukommt, größer und schöner je weiter. Ihr Schritt ist sich sicher, nicht ein einziges Straucheln zwzischen Laternen und Möwen. Sie ist die Herrin, der Ursprung, das Ende... es ist mir, als säh ich das Funkeln in ihre Wimpern geschrieben, nach dem ich Ausschau gehalten hatte über dem Fluss.
Dunkel ist das Haar wie feuchter Asphalt, die Lippen fein und gekräuselt im Proben des ersten Lächelns. Ich bin es, den sie belächelt, mir gilt ihr Blick. Meinem Sehnen sind ihre Haare dunkel wie feuchter Asphalt, ja mir. Dann steht sie da, eine Armlänge trennt uns. Ich starre auf den Mund, dem die ersten Worte entspringen werden, archaischen Höhlenmalereien gleich, der Anfang von allem, das Ende eines jeden Anfangs.
"Allein?" fragt sie.
"Auf der Brücke? Ich schüttel den Schädel. "Nein, mein - vielleicht - ist überall mit dabei!" Ein zierliches Glucksen ertrinnt ihrer Seele.
"Und ... was kaust du da?" Verschmitzt sie sich schließlich.
"Bloß meine Kindheit ..."
"Ach ... und ich dachte - etwas Genießbares ..." Das erste Schweigen schließt sich an, wartet auf den ersten Witz es zu beenden. Wir beide wissen, was folgt, es steht in uns geschrieben.
"Genießbares?" Und die Stimme meines Vaters klingt mir in den Ohren: "Etwa ... Maulbeerfrösche?" frage ich und breche die Armlänge. Die Worte fallen zwischen uns zu Boden, liegen dicht an dicht in einer wundersamen Verzahnung über die man gehen kann. Silben fügen sich, Sätze zu der Einheit zweier Stimmen. Aus den Stimmen wird ein Flüstern, ein gegenseitiges behauchen, bis ich das Zittern meiner Lippen Von ihrer Zungenspitze geglättet fühl.

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.