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Bettina Göschl - Arbeitsproben

Aus: LINA UND DREISTEIN, DER KLEINE GEIST (Kinderroman)

In dieser Nacht tobte über der Kleinstadt Rabenhausen ein Gewitter. Dicke, schwere Regentropfen klatschten an die Schaufenster des Antiquitätengeschäftes. Das Ladeninnere glich eher einem Gruselkabinett. Im Blitzlicht des Gewitters warfen die alten Möbel, die holzgeschnitzten Marionetten und antike Waffen seltsame Schatten. Eine alte Ritterrüstung, die in einer Ecke des Ladens stand, leuchtete immer wieder kurz auf und wurde gleich wieder von der Dunkelheit verschluckt.
Ein großes, ausgestopftes Krokodil, das mitten im Laden von der Decke herunterhing, wirkte fast lebendig. Es sah so aus, als würde es sein riesiges Maul mit seinen spitzen Zähnen immer weiter aufreißen, um etwas gierig zu verschlingen. Nur, wenn der Donnerschlag verstummte, hörte man im Antiquitätengeschäft ein leises Ticken. Die goldenen Zeiger einer alten Standuhr standen auf kurz vor Mitternacht. Im Takt dazu bewegte sich ein schwerer, goldener Uhrenpendel hin und her. Die alte Uhr schien wirklich zu funktionieren, denn schon begann sie zu schlagen. Mit dem zwölften Gongschlag donnerte es noch lauter als zuvor. Es war, als würde der Blitz einschlagen. Wie von selbst öffnete sich das Uhrenglas. Ein weißes, geisterhaftes Gesicht war auf dem Zifferblatt zu sehen. Die alte Standuhr und die anderen Antiquitäten zitterten und bebten. Es klirrte und schepperte. Aus dem Gesicht formte sich immer mehr ein kleiner Geisterkopf. Er trug einen zerbeulten Hut und besaß zu groß geratene, abstehende Ohren. Unter dem Hut spitzten struppige Geisterhaare hervor. Ächzend und stöhnend zwängte sich der weiße Kopf durch die alte Uhr.
"Ah, Spinnenblut und Teufelskraut!, schimpfte er. Ich hoffe nur, daß ich hier richtig bin!"
Immer weiter drängelte sich der Kopf durch das Uhrengehäuse. Er kniff seine Augen fest zusammen. Mit einem lauten Plopp sauste sein Geisterkörper mitten in den Laden hinein. Wie eine Rakete düste der kleine Geist durch das Geschäft. Dann blieb er kopfüber im geöffneten Maul des Krokodils stecken.
He! Hilfe! Was soll das, du blödes Krikidol? kreischte der Geist und zappelte mit seinen Füßen.
Laß mich sofort heraus, du alter Drachenstink, äh Stinkdrache! Hast du verstanden?
Der kleine Geist stemmte sich mit seinen Geisterarmen gegen das Krokodil. Mit einem Plopp hatte er sich wieder aus seinem Gefängnis befreit. Er schüttelte sich und blitzte das Tier wütend an.
Na, warte! Dir werde ich es zeigen!
Drohend hielt der Geist dem Krokodil seine Faust unter das furchterregende Maul. Seine etwas knollige Geisternase drückte er mutig gegen die Schnauze des toten Tieres.
Du weißt wohl nicht, mit wem du es zu tun hast, hä? rief der Geist ungehalten. Ich bin Dreistein, der größte und allerbeste Geist aus dem ganzen Geisterreich! Ha-Hu, Ha-Hu. Ha-Hu. Ha-Hu. Ha-Hu. Ha-Hu.
Der Drache antwortete Dreistein natürlich nicht, sondern blickte den Geist mit leeren Augen an.
Spinnenblut und Teufelskraut! schrie der Geist. Warum antwortest du nicht? Hast du dir beim Feuerspeien vielleicht dein Maul verbrannt oder was? Ich hab doch schon immer gesagt, daß Drachen ein wenig plem-plem sind.
Bei diesen Worten tippte sich Dreistein mit seinem Geisterfinger in paar mal an die Stirn.
Neugierig schwebte der kleine Geist im Antiquitätengeschäft umher und betrachtete alles sehr genau.
He, du da! sagte er auf einmal zu einem alten, gepolsterten Ohrensessel.
Schon begann er mit einem Geisterspruch:
Schwebe zu mir altes Sesselohr, Ha-hu, Ha-hu, Ha-hu!
Dreistein unterbrach einen Moment. Er wollte wissen, ob die Geisterformel auch wirkte. Doch der Stuhl rührte sich nicht von der Stelle. Der Geist wiederholte seinen Spruch noch einmal.
Schwebe zu mir altes Sesselohr! Ha-hu, Ha-hu, Ha-hu! Komm und tanze mir was vor! Ha-hu, Ha-hu, Ha-hu!
Gespannt blickte Dreistein zu dem alten Möbelstück. Wieder nichts. Verwirrt umschwebte der Geist den Ohrensessel und musterte ihn von allen Seiten. Jetzt klang Dreistein beleidigt.
So, so. Hören wollt ihr also auch nicht auf mich.
Alle Dinge aus dem Geisterreich, ob klein oder groß, gehorchen mir aufs Wort mir, dem besten und tollsten Geist aller Geister."
Während er dem Stuhl das erklärte, zeigte er mit seinem Daumen immer wieder auf sich.
Dreistein entdeckte die alte Ritterrüstung. Erfreut schwebte er auf sie zu. So etwas kannte er aus dem Geisterreich.
Vielleicht, dachte Dreistein, muß ich mit diesen Dingen hierzulande anders sprechen, als bei mir zu Hause. Und er nahm sich vor, die alte Ritterrüstung etwas freundlicher zu behandeln. Dreistein hob seinen Hut vom Kopf und verbeugte sich ehrwürdig.
Sag mal du altes Blechroß, begann Dreistein. Wie lange stehst du denn schon hier und rostest vor dich hin? Kannst du mir vielleicht sagen, ob hier das Menschenreich ist, oder bist du vielleicht genauso verblödet wie dieses häßliche Krikidol da oben.
Die Ritterrüstung schwieg Dreistein an. Genau wie das Krokodil. Ärgerlich stemmte der kleine Geist seine Hände in die Hüften.
Mehr hast du mir nicht zu sagen, du doofe Blechkiste?!
Aus Dreisteins Ohren drang auf einmal hellgrün leuchtender Qualm. Das passierte meistens, wenn er so richtig wütend war.
Statt einer Antwort klappte das Visier des Ritterhelmes krachend nach unten. Wie von selbst bewegte sich das mächtige Schwert der Rüstung quietschend nach unten. Der kleine Geist schreckte zurück.
Hi-Hilfe! D-Du bescheuerte Rüstung, Du! Bleib mir ja vom Leib! Sonst geistere ich dich w-weg! H-hast du v-verstanden?
Schon nahm er Anlauf, um ins Freie zu schweben. Leider vergaß er dabei das Schaufenster und knallte mit seinem Geisterkopf gegen das dicke Glas. Hindurchschweben? Nein, das konnte Dreistein nicht!
Autsch! Rattenschwanz und Mäusezahn! schimpfte der Geist und rieb sich seinen Kopf. Erst als er über dem Schaufenster einen Spalt entdeckte, gelang ihm die Flucht nach draußen.
Fröhlich und neugierig zugleich schwebte Dreistein durch die dunklen Straßen der Kleinstadt Rabenhausen. Er flog vorbei an Häusern, deren Lichter schon längst erloschen waren. Der kleine Geist düste über die Kirchturmspitze und ein altes Rathaus und genoß dabei sein Geisterlied zu singen:

Refrain:
Ja, ich bin Dreistein, der kleine Geist
und manchmal ziemlich dreist.
Ich geistre Hu-ha-hu-ha-hu.
Ja, ich bin Dreistein, der kleine Geist,
bin von weit her gereist.
Und geistre Hu-ha-hu-ha-hu.

1.Strophe:
Ich bin schon fast 1000 Jahre alt
und ich kam in eure Welt durch eine Uhr.
Nehmt euch gut vor mir in acht,
denn seit zwölf Uhr Mitternacht
geistre ich durchs Menschenreich, Ha-hu-ha-hu.

Refrain:
Ja, ich bin Dreistein, der kleine Geist
und manchmal ziemlich dreist.
Ich geistre Hu-ha-hu-ha-hu.
Ja, ich bin Dreistein, der kleine Geist,
bin von weit her gereist.
Und geistre Hu-ha-hu-ha-hu.

Laut und jubilierend sang er, bis er an einer Straße einen geöffneten Kanaldeckel erblickte. Dreistein steckte neugierig seinen Kopf in das dunkle Loch.
Hu, hu. Hallo! Ist da wer? Ist da vielleicht das Menschenreich?
Als er das Echo seiner eigenen Stimme hörte, glaubte er, ihm hätte jemand geantwortet.
Ich komme! schrie er und ohne zu wissen, wo er landen würde schlüpfte Dreistein in den Straßengulli hinab. Schon war er im Inneren der Kanalisation der Stadt Rabenhausen. Der kleine Geist fühlte sich, als sei er direkt vom geöffneten Maul eines Drachen verschluckt worden. Hier unten stank es fürchterlich nach Verwesung und verfaultem Fisch, so ähnlich, wie das Parfüm von Dreistein´s Großmutter.

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