NRW Literatur im Netz

Christa Zeuch - Arbeitsproben

Aus: MOONSKATER

Roberto riss die Tür auf, und als er Boris und Max gewahrte, brach er in schallendes Gelächter aus.
"Millymädchen, was hast du denn mit diesen Windelpaketen vor?"
Boris starrte ihn so giftig an, als würde er ihm im nächsten Augenblick an die Gurgel springen.
"Hey." Max kletterte aus der Duschwanne und hob locker die Hand.
Seine Lässigkeit verging ihm rasch, als Roberto ihn mit zwei zackigen Handgriffen auf den Flur schleuderte.
"Lässt du die hier etwa wohnen?", herrschte er Milly an.
Sie zuckte trotzig mit den Achseln.
"Ich bin bloß ihr Bruder", erklärte Boris hilflos. "Und Max da is' wir wollten sowieso gerade "
"Wie bitte?" Roberto hielt die Hand wie einen Trichter hinter sein Ohr.
Boris ließ schlaff die Arme baumeln und gab auf.
"Zack, zack, raus mit euch."
Im Handumdrehen fanden sich die Jungen auf der dunklen Hausflurtreppe wieder und Boris dachte, vor Wut würde ihm die Kehle zerplatzen. Was war er doch für ein Weichei! Er hätte Milli verteidigen sollen wie ein gestählter Bodygard.

Aus: STELLA VOM ROTEN STERN


Weg mit den Gedanken an das schreckliche Wasser im Watt! Ich wollte mich nicht daran erinnern und drehte mich zur Wand. Doch so einfach ließ sich das Erlebte nicht aus meinem Kopf verscheuchen. Mir war, als hätte ich innen auf der Stirn Augen und könnte in meinen eigenen Kopf gucken.
Wenn ich vorhin wirklich im Watt ertrunken wäre? Dann würde ich jetzt vielleicht auf einer Wolke sitzen und runter sehen. Ob das überhaupt stimmte, dass die Gestorbenen in den Himmel kommen? War ich vielleicht sogar tot?
Das machte mir jetzt Kopfzerbrechen. Es konnte doch möglich sein, dass ich mir nur einbildete, ich würde noch leben. Schließlich wusste kein Mensch, ob die Toten noch alles sehen oder hören, so wie jetzt ich. Denn die können es den Lebenden ja nicht mehr erzählen.
Vielleicht konnte nur ich Vicky, Alex und Malte sehen, sie aber nicht mich?
Jedenfalls, wenn ich jetzt tot war, dann fand ich tot sein überhaupt nicht weiter schlimm.
Ich kniff mir in den Arm, richtig fest, sodass es ordentlich wehtat. Autsch! Tote merken ganz sicher nicht, wenn es zwickt. Erleichtert atmete ich auf, denn das war der Beweis, dass ich noch richtig echt lebendig war.

Aus: DAS SPIEGELLABYRINTH

Hannah setzte sich an einen vors Fenster gerückten Tisch, die Augen sorgenvoll auf den orangefarbenen Rand der Sonne hinter dem Berggrat geheftet. Und plötzlich durchzuckte sie ein neuer erschreckender Gedanke: Arbok könnte sie gefangen halten, bis die Sterne am Himmel erschienen. Aber Hannah musste die Sorbyra unbedingt noch vor Anbruch der Dunkelheit in den Mistelturm bringen. Bei Nacht würde sie den Weg zurück durch das Moor nicht finden!
Was hatte der Magier mit ihr vor Ihr wurde immer mulmiger. Den Zauberstein benutzen? Fliehen und so kurz vor dem Ziel aufgeben?
Nein. Jetzt musste Hannah alles daran setzen, die echte Sorbyra möglichst schnell in ihren Besitz zu bringen.
Sie kombinierte: Auf Rahtols Sorbyra vorwärts gespielt, besaß die Melodie friedliche Macht. Rückwärts wurde sie zur Eidolem - genau zum Gegenteil, dem Bösen!
Wer aber sollte diese Eidolem für den Schwarzen Magier spielen?
Oh Gott Hannah hielt für ein paar Sekunden die Luft an. Genau das bezweckte er: Arbok würde sie, Hannah, auf der Kraburg gefangen halten, weil er sie dazu benutzen wollte.

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