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Ulrike Halbe-Bauer - Arbeitsproben

Aus: OLYMPIA MORATA

Ferrara 1530
Für die Kinderfüße waren die Treppenstufen viel zu hoch. Auch fehlte ein Halt am Geländer, denn so weit reichte der Arm noch nicht hinauf. Das kleine Mädchen setzte den rechten Fuß vorsichtig auf die nächstuntere Stufe, ließ das zweite Bein folgen, überquerte den breiten Tritt mit zwei trippelnden Schritten, bevor sich das gleiche Schauspiel wiederholte. Hin und wieder hielt sie ein, kämpfte mit dem Gleichgewicht. Endlich war das untere Stockwerk erreicht. Ohne Aufenthalt hüpfte sie vergnügt weiter, auf die Tür am Ende des Ganges zu. Dort zögerte sie einen Augenblick, wischte sich mit dem Ärmel über das erhitzte Gesicht, wartete, ließ ihren Atem zur Ruhe kommen. Schließlich reckte sie sich nach dem Griff der Tür und zog ihn zu sich herunter. Doch auf halbem Weg rutschte er ihr aus der Hand, schnappte mit einem knackenden Geräusch wieder hoch. Beim zweiten Versuch fasste die Hand ihn fester, der Arm zog rascher, so dass das Schloss aufsprang und das Kind die schwere Holztür einen Spalt aufschieben konnte, der ihm erlaubte, in das Zimmer hineinzuschlüpfen.
Sie warf nur einen kurzen Blick auf die Wiege, die am Fenster des Zimmers stand, durchquerte zielbewusst den Raum und erkletterte den hohen Schreibstuhl am Pult. Vorsichtig nahm sie das kleine Messer, das dort bereitlag, in die Hand, spitzte sorgfältig eine Feder zurecht, legte ein Blatt Papier vor sich auf die Schreibplatte, tauchte schließlich das Schreibgerät in das Tintenfass. Bevor sie die Spitze auf dem Papier ansetzte, strich Olympia den Federkiel noch einmal am Rand des Tintengefäßes ab. Beim Ansatz müsse man besonders aufpassen, hatte der Vater gesagt, da entstehe nur zu leicht ein Klecks. Doch Ansatz und Aufwärtsbogen gelangen makellos; die Feder leicht drehen, ein scharfer Winkel, bloß die Finger lockerlassen, nach unten ziehen, eine neue Kehre, ein neuer Bogen. Das Mädchen reihte Buchstabe an Buchstabe, bis die Linie fast unmerklich dünner zu werden begann. Erneut wurde die Feder in die Tinte gehalten, abgestreift - und nun kam der entscheidende Augenblick, denn der Vater hatte ihr erklärt, der Neuansatz dürfe für das Auge nicht erkennbar sein. Vor Anstrengung war das Gesicht erglüht, die Zunge drückte immer fester gegen die untere Zahnreihe, schob sich zwischen die Lippen. Auf der hohen Stirn hatte sich eine Falte gebildet. Aus großen, dunklen, sehr wachen Augen blickte das Mädchen auf sein Werk. Endlich stellte es die Feder in den Halter und versuchte die Hand zu entspannen. Der Vater schätzte es gar nicht, wenn Hand und Gesicht zu viel von der Anstrengung verrieten, die sie die Schreibarbeit kostete, wenn die Flügel ihrer langen, schmalen Nase zu beben anfingen und der Mund sich unter dem Druck der Zunge verzog.
Oh, Schreiben war schwer! Nicht das Erlernen der Buchstaben, die hatte sie sich schon bei der ersten Vorstellung einprägen können, nein, der Umgang mit Feder und Tinte war das Problem, da die Feder leicht brach und die Tinte ständig klecksen wollte, verlaufen oder in anderer Weise die Linie verderben.

Aus: PROPHETEN IM DUNKEL

Eine Klappe neben der Tür fiel herunter, und eine Frau steckte ihren Kopf heraus.
"Hach, schon wieder Suppenesser", kreischte sie. "Wo soll man nur die ganze Suppe hernehmen, wenn einem die Bettler die Tür einrennen?"
"Mit Verlaub", antwortete Vater höflich und verbeugte sich. "Ich suche einen Dienst für meine Tochter. Vielleicht braucht Ihr eine Magd. Meine Kunne ist anstellig, willig und an harte Arbeit gewöhnt."
Das runde weiße Gesicht färbte sich rot. "Wo kämen wir hin, wenn wir allem Bettelpack auch noch ein Obdach gäben? Schert euch fort!"
Sie wollte gerade das Fensterchen zuknallen, als sich aus dem Hausinneren eine ruhige Stimme vernehmen ließ: "Hille, was ist da los? Wie oft soll ich dir noch sagen, daß du jedem einen Teller Suppe geben sollst?"
"Aber Herr", gab die Frau zurück, "er will keine Suppe, er will das kleine magere Ding da draußen als Magd hierlassen."
"Laß sehen", sagte die Stimme. Dann hörte man Tritte auf dem Steinboden, ein Riegel wurde zurückgeschoben, und die dicke Holztür öffnete sich. Vor mir stand ein stattlicher Herr in vornehmen Kleidern, der freundlich auf mich herabsah. Die kräftigen Farben seines grün-roten Wamses blendeten mich fast. Wie jämmerlich mußte mein erdfarbener Bauernkittel aus Hanf auf ihn wirken. Ich hätte vor Bewunderung und Ehrfurcht die Lider niedergeschlagen, wenn nicht sein Blick meine Augen festgehalten hätte.

Aus: MEIN AGNES

Plötzlich fühlt Agnes, wie der Wind ihr Haar erfaßt, ihr Boot in Bewegung gerät und eine Drehung vollführt. Es liegt nun nicht mehr ruhig auf dem Wasser, sondern hebt und senkt sich in gleichmäßigem Rhythmus. Verstohlen wandert Agnes’ Blick zu den Ruderern. Da geht ein dumpfes Raunen durch das Boot; Albrecht greift nach ihrer Hand und zieht sie nach links hinüber, deutet mit dem Arm nach vorn über die Lagune.
Agnes blinzelt, das Sonnenlicht ist hell, die Strahlen brechen sich auf den Wellen, so daß es blinkt und glänzt. Doch dann stockt ihr der Atem: vor ihr ragen Türme, Kuppeln und Dächer aus dem Wasser, golden blitzend erheben sie sich aus dem Meer... unwirklich in ihrer Pracht, ein Märchen. Sie schaut zu Albrecht hoch, der mit offenem Mund dasteht und staunt. "O Agnes", flüstert er. "Wir sind wirklich da." Die Türme scheinen aus der Lagune auf sie zu zu wachsen, werden größer, immer riesiger, schließlich können sie einzelne Häuser unterscheiden, einen breiten Kanal, eine Insel. Das Schiff umfährt die Insel und biegt dann in die Hafeneinfahrt ein.
"Der Dogenpalast", flüstert Albrecht.
Wirklich, keiner der Venedig-Fahrer hat übertrieben. Ein schneeweißer Palast mit offenen Laubengängen, auf die noch vergoldetes Maßwerk gesetzt ist. Wie feinste Spitze! Rote Rundbögen und Querstreben vervollständigen die Pracht. Dahinter mächtige Kuppeln, die mit unzähligen Türmchen und Figuren geziert sind.
Die lauten Rufe des Schiffers lassen Agnes zusammenfahren. Um sie herum ist das Wasser plötzlich mit kleinen Ruderbooten bedeckt, von denen viele tiefschwarz angestrichen sind. Agnes, bemerkt, wie Albrecht erschrickt, und legt ihre Hand auf seinen Arm. "Todesboten", flüstert er. "Seltsam, daß diese prachtvolle Stadt als Begrüßung ihrer Gäste solch schwarze Vögel aussendet. Wenn das nur nichts Schlechtes zu bedeuten hat." Ein Schatten ist über sein Gesicht geglitten, doch dann wirft er den Kopf in den Nacken, als wollte er diesen Gedanken von sich abschütteln, und schaut wieder auf den Glanz der Stadt.
Agnes spürt jetzt, wie ihr das Herz klopft. Sie fühlt sich überwältigt, weiß mit diesem Ansturm der Gefühle nichts anzufangen. Tapfer beißt sie die Zähne zusammen; sie will doch gar nicht staunen, schließlich ist sie Nürnbergerin und sie haben in Nürnberg sogar eine Kaiserburg, die der Kaiser, der höchste Herr im deutschen Reich, regelmäßig mit seinem prächtigen Gefolge besucht.
Es dauert eine Weile, bis das Boot, das von den Gondeln umschwärmt wird, angelegt hat und ausgeladen ist. Schließlich stehen Albrecht und sie neben ihrem Gepäck am Kai. "Was machen wir jetzt?" fragt Agnes unsicher. "Jetzt sollten wir eine der Gondeln nehmen und zur deutschen Niederlassung fahren", gibt Albrecht zurück, macht aber keine Anstalten, irgend etwas zu tun. Sein Blick haftet am Dogenpalast, tastet ihn Säule für Säule, Fenster für Fenster ab. Selbst als ihn einer der aussteigenden Bootsgäste anrempelt, lenkt das seine Augen nicht ab. Agnes schaut hilfesuchend um sich.

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