NRW Literatur im Netz

Gottfried Schäfers - Arbeitsproben

IM CENTRAL PARK SEINE VERLORENE SEELE GESUCHT

Go! Peter, go! Youre a good runner! Come with me! Go, Peter! The finish, line is near by!" Er hörte es noch am Tag danach, und gleichzeitig die fanatisch mitgehenden Zuschauer rechts und links der Strecke, deren Anfeuerungsrufe ihn ebenfalls vorwärtsgetrieben haben: "Go! Go! You are all winners! Yeah!"
Die letzten zwei Meilen im Bereich des Central Parks in New York waren ihm unsagbar schwer geworden. Er mußte sich regelrecht schleppen lassen. Vielleicht hatte ihm die sommerliche Hitze von 25 Grad Celsius mehr zugesetzt, als er vertragen konnte, oder er war die Steigungen und Gefällstrecken bei den Brücken und dann hier, nachdem es von der Fifth Avenue in den Park ging, nicht richtig angegangen, vielleicht war er auch nach dem Start zu schnell gelaufen, hatte sich dummerweise mitreißen lassen von den anderen, besser trainierten Männern und Frauen.
Dann war da diese farbige Läuferin im enganliegenden roten Trikot gewesen, die ihm plötzlich an die Schulter faßte und mit brauen Augen anlachte: "Peter, come on, come with me!" Sie hatte seinen Namen auf seinem T-Shirt gelesen. Das hätte der Grund sein können, um ihn so direkt anzusprechen. Aber ihm war im nachhinein klar, daß bei ihr wohl mehr gewesen sein mußte, als sie ihn als weißen Mitläufer neben sich wahrnahm. Er gefällt mir, dieser Mann neben mir, mag sie wohl gedacht haben.
Eine schöne junge Frau. Was hatte sie wohl an ihm gefunden? Sie blieb bei ihm, munterte ihn immer wieder auf mit ihren Worten, während er nur gequält zurücklächeln konnte. "Yeah, I will try it!" - "You are good! Come on!"
Er sah ihre schlanken braunen Beine, die gleichmäßig vom Asphalt zurückfederten, ihre rhythmisch sich bewegenden Arme, die feinen Schweißtropfen, die ihre Haut in der Sonne schimmern ließen, ihr sanftes Gesicht, ihren Mund mit ihren weißen Zähnen, die schmalen Hüften, die sanften Rundungen ihres Körpers - es tat ihm fast körperlich weh, daß seine Gefühle nur noch darauf eingestimmt waren, ans Ziel zu kommen, den 21. New York City Marathon hinter sich zu bringen. Vielleicht, ja doch, ganz bestimmt, sollte es hinterher möglich sein, mit ihr gemeinsam etwas ganz anderes zu machen...
"Go, Peter, go!" Als ich Peter traf, war es am Tag danach, am Montagnachmittag. Wir begegneten uns, als ich mich zu einem leichten Jogginglauf aufgerafft hatte, meinen schmerzenden Muskeln zuliebe. "Nein, das könnte ich nicht, jetzt schon wieder laufen." Er erzählte mir seine Geschichte, wie ihn die farbige Läuferin ins Ziel gebracht hatte.
"lch bin jetzt hier, um mir anzugucken, wie das eigentlich aussieht im Zieleinlauf. In meinem Gedächtnis hat sich nur diese braunhäutige Frau mit ihrem sinnlichen Mund und ihren braunen Augen eingegraben."
Peter hatte einen Fotoapparat dabei. Er holte nach, was er am Vortage beim Marathonlauf nicht wahrgenommen hatte: Den Schwenk nach links beim Central Park South, am Columbus Circle vorbei, wo sonst die Pferdekutschen auf betuchte Fahrgäste warten. Er ließ sich von dem schlanken Wolkenkratzer der Paramont Communication beeindrucken, sah, wie auf der rechten Seite der Laufstrecke ein paar Arbeiter dabei waren, die Tribüne wieder abzubauen, folgte der blauen Ideallinie, die gerade hier unterbrochen war von dem roten Big Apple-Symbol, das den Asphalt schmückte, er bog ab nach rechts, überquerte ein Stück Rasenfläche, wo ein Dupont-Teppich die Läufer geleitet hatte. Jetzt war der Teppich schon weggeräumt, und nur noch die niedergedrückten Grashalme erinnerten ihn an die fast unzähligen Läufer und Läuferinnen, die hier durchgekommen waren.
Die Ahornbäume, Platanen und Buchen hatten sich gelb und rot und braun verfärbt. Der Wind wirbelte ihre herabfallenden Blätter vor sich her. Es roch nach Fäulnis, nach Herbst. Indian summer.
Halblinks war Peter auf die Asphaltstrecke im Central Park gegangen. Die Markierung "26 Miles" signalisierte ihm, es fast geschafft zu haben. Hier standen die Zuschauer dichtgestaffelt, sie hatten mitgelitten, fast soviel geleistet wie die Läufer auf der mörderisch heißen Strecke. Ihr ständiges "Go, go, go! You are all winners!" klang ohrenbetäubend. Eine letzte Steigung. Das tat weh in den Muskeln. Dann die Kuppe des Hügels, links Tavern on the Green, vom Breakfast-Run und von der Pasta-Party her bekannt, und unmittelbar vor ihm die heiß ersehnte Finish-Line. Noch einmal Big Apple, das Gerüst darüber mit der Zeitangabe. Bei 4:14:27 war sie für Peter stehengeblieben. Yeah!
Peter versuchte, den Zieleinlauf nachzuvollziehen. Er kam mir vor, als ob er seine verlorene Seele suchte. Ich erinnerte mich an den Sioux-Indianer, der auf dem John F. Kennedy Airport sein Zelt aufschlug, damit Körper und Seele die Zeit fanden, um wieder zueinander zu kommen.
Bei Peter war es nicht nur die Seele, die er suchte: "Stell dir vor, ich habe auch meinen farbigen Engel aus den Augen verloren. Unmittelbar vor dem Ziel wurden doch die Frauen in die linken Einlaufkanäle gewiesen, wir Männer nach rechts gewinkt. Und danach die lange Strecke, auf der uns besondere Pusher vorwärtsdrängten, hin zu den Medaillen, den silbern glänzenden Folien, den ersten Getränken. Mein Traum für den Tag danach war weg, zerplatzt wie eine Seifenblase. Traurig blieb ich zurück. Ich habe später die Ergebnisliste in der New York Post hinzugezogen. Der konnte ich nur entnehmen, daß in der gleichen Zeit wie ich eine Frau ins Ziel eingelaufen ist, deren Vornamen mit F beginnt, mit F wie Florence."
"Du vermißt also nicht nur deine verlorene Seele, sondern auch Florence."
"Ich möchte Florence finden. Ich glaube, alles übrige ergibt sich dann von selbst."

Aus: Von Münster aus nach Süden.

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.