NRW Literatur im Netz

Magdalene Imig - Arbeitsproben

Aus: DER FRIEDE IST ZWEI JAHRE JÜNGER ALS ICH

....Terrorangriff stand jetzt über den Todesanzeigen. In den
Polizeiberichten waren die Toten und Verletzten namentlich
aufgeführt und den Feldsoldaten zur Seite gestellt, denn von
nun an wurden auch die Daheimgebliebenen zu Verwun-
deten oder Gefallenen, und darunter stand der Wetterbericht,
damit später das Wieso und Warum genau rekonstruierbar wäre.
Später, von dem sie noch immer in Farben träumten.
Der Mann hielt sich noch gerader. Endlich war er gleichge-
stellt. Eine Uniform trug er ja längst, wenn auch die der
Bahnpolizei, aber die Abzeichen auf den Schultern, die blan-
ken Knöpfe, machten ihn zu einem, vor dem man hätte
strammstehen können.
Im April wurde eine stolze Statistik erhoben: Von den 3541
schweren Schäden waren schon 99 beseitigt.
Deutschland führe diesen Krieg um sein Lebensrecht, ein Ver-
teidigungskrieg sei es, dem deutschen Volk von seinen Feinden
auferzwungen.
Gab es Menschen, die so etwas glaubten?
Alles kann möglich sein, nur nicht, dass wir kapitulieren, hieß
es weiter in den kreischenden Berichten aus dem Propaganda-
ministerium.
Nein, das Kind kapitulierte nicht. Es schrie, schrie um sein
Leben, noch schrie es. Die Muttermilchquelle machte nie
satt, aber davon wollte die Frau nichts wissen. Sie stillte, weil
es das Beste sei, hatte die Schwester im Krankenhaus gesagt.
Der große Schwager Peter feierte seinen Namenstag. Es
gab Kartoffelsalat und die letzte Flasche Moselwein. Bis
Mitternacht blieben sie wach, nur das Kind war im Arm ein-
geschlafen. Hatte vom Mondamin-Pudding zu schmecken
bekommen. War zum ersten Mal satt geworden.
Diese Nacht hatte der Toten zu viele, als dass man ihre
Namen in den Berichten hätte einzeln nennen können. Auf
den qualmenden Straßen lagen sie, aus den hohläugigen
Häusern streckten sie ihre Füße, viele Tage vergingen, ehe
das, was von ihnen übriggeblieben war, irgendwo aufgebahrt
werden konnte, in Leichen-, Turn- und Reithallen. Männer,
Frauen und Kinder, kleine und große, und eines, soeben aus
der Mutter in die Welt geschoben und noch an der
Nabelschnur mit ihr zusammen erstickt.
Noch immer fraß sich das Feuer in hungriger Lust durch
Mauern und Dächer, noch immer krochen die Flammen
suchend umher. Die Stadt hörte nicht auf zu verbrennen.
Dem Kind in dem blauen Korbwagen, den die Frau durch die
rauchverhangenen Straßen schob, biss der Qualm in die
Augen, das Sterben klang schrill, und der Tod roch messer-
Scharf. Keuchend schleppte sich die Luft über Schutt und
Häuserreste, und die stille Verzweifelung, die aus den leeren
Fensterhöhlen strömte, kroch dem Kind mitten ins Herz hin-
ein. Nichts wusste es von den 158 000 Brandbomben, nichts
davon, was Krieg war, oder vielleicht eher nichts davon, was
Frieden sein könnte, denn davon hatte es noch nichts gespürt
in diesen vier Monaten seines Lebens. Nur die Angst grub
sich mit jedem Atemzug tiefer in die Seele hinein.....

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.