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Jürgen Banscherus - Arbeitsproben

IM RAUMSCHIFF ÜBERN ENTENTEICH (Bilderbuch mit Ill. von Martin Baltscheit)

"Wie spät ist es eigentlich?", will Jakob wissen.
Jelle schaut auf ihre Armbanduhr. "Vier", sagt sie und gähnt, dass ihr Freund ihr fast in den Bauch gucken kann.
Seit zwei Stunden hocken die beiden in Jakobs Zimmer und langweilen sich. Das ist schlimm. Wenn man sich langweilt, verwandelt sich die Zeit in eine Schnecke.
"Wie wär´s mit Computer spielen?", fragt Jakob.
Jelle gähnt.
"Wir könnten auch mein Western-Lego aufbauen", sagt Jakob.
Jelle verdreht die Augen.
"Am Bach gibt´s jetzt Molche und Feuersalamander", sagt Jakob.
Jelle nagt an ihren Fingernägeln.
Plötzlich sagt sie: "Lass uns ein Buch machen."
"Ein Buch?", ruft Jakob. "Du spinnst ja!"
Jelle ist Jakobs allerbeste Freundin. So was sagt er nur ganz selten zu ihr. Höchstens einmal am Tag.
"Wir könnten im Garten eine Baumhütte bauen", schlägt er vor. "Mit Strickleiter, Aussichtsturm und Klo."
Jelle schüttelt energisch den Kopf. "Ein Buch", sagt sie. "Oder gar nichts."
Jakob kennt die Frauen. Wenn die was wollen, kommt er nicht dagegen an. Das ist so bei seiner Mutter, bei seiner großen Schwester Rebekka - und natürlich auch bei Jelle.
Also fragt er: "Und wie stellst du dir das vor? Ein Buch machen?"
"Ganz einfach", antwortet Jelle. "Du malst, ich schreibe."
Im Schreiben ist Jakob eine ziemliche Niete. Aber zeichnen kann er. Keiner kann Raumschiffe so gut wie er.

Am nächsten Tag fangen sie an. Jelle hat ihre alte Schreibmaschine von zu Hause mitgebracht. Jakob holt seinen großen Zeichenblock aus der Schreibtischschublade.
"Was willst du denn damit?", fragt Jelle.
"Blöde Frage." Jakob schüttelt den Kopf über so viel Unverstand. "Zeichnen natürlich!"
Jelle tippt auf ihre Kladde. "Die Zeichnungen gehören ins Buch."
"Weiß ich", sagt Jakob. "Ich male die Bilder zuerst auf den Block und hinterher verkleinern wir sie auf dem Kopierer. Dann passen sie ins Buch."
"Gute Idee", sagt Jelle. "Und jetzt?"
"Fang an", sagt Jakob.
"Es war einmal ein Bär",
tippt Jelle in die Maschine.
"Find ich total doof", sagt Jakob. "Fang anders an."
Jelle denkt nach. Tippt was hin. Streicht es mit ihrem Kuli wieder durch. Tippt was anderes hin.
"Eines Morgens lag der Bär in der Badewanne", liest sie vor. "Einverstanden?"
Jakob nickt. Er nimmt seine Stifte und beginnt zu zeichnen.
"Gut so?", fragt er, als er fertig ist.
"Nicht schlecht", sagt Jelle. "Aber wieso steht die Badewanne in einem Raumschiff? Und wo ist der Bär? Und was soll die Zigarre?"
"Gefällt´s dir oder gefällt´s dir nicht?", knurrt Jakob.
"Irgendwie schon", sagt Jelle und schreibt weiter:
"Er war die ganze Nacht mit den Hasen Skateboard gefahren und hundemüde. Nun freute er sich auf sein Frühstück mit Honigbrot, Honigmüsli und Honigwein."
Jakob beginnt wieder zu zeichnen.
"Und wo ist mein Bär?", fragt Jelle, als er fertig ist.
"Der hat sich gerade in der Küche eine neue Zigarre geholt", antwortet Jakob. "Siehst du doch."
"Aha." Jelle runzelt die Stirn. "Und was hat das Raumschiff auf dem Bild zu suchen?", will sie wissen.
"Mit dem war der Bär bei den Hasen", antwortet Jakob. "Wie hätte er sonst hinkommen sollen?"
"Ach so", sagt Jelle und tippt in die Maschine:
"Hinterher räumte er ab und machte sich auf den Weg zurück zu den Hasen. Die hatten sich auf der Lichtung im Wald eine Skateboardbahn gebaut. Da fuhren sie jetzt Tag und Nacht."
"Stopp", sagt Jakob und beginnt zu zeichnen.
"Toll", sagt Jelle, als er mit dem Blatt fertig ist. "Aber was ist mit meinem Bären? Wo zum Donner ist mein Bär?"
Jakob zeigt auf die Zigarre, die aus der Luke des Raumschiffs in den Weltraum guckt.
"Und wo sind die Hasen?"
Jakob tippt auf das Skateboard, das gerade an einem Stern vorbei fliegt, und auf die acht langen Ohren, die am unteren Rand des Bildes zu sehen
sind.
Eine Weile schaut Jelle Jakob nachdenklich an. Sie spielt mit ihrem Kugelschreiber und kratzt sich am Po. Mama und Papa mögen das nicht. Aber wie soll man vernünftig überlegen, ohne sich am Po zu kratzen?
"Du, Jakob?", sagt sie schließlich.
"Mhm."
"Du kannst gar keine Bären zeichnen, stimmt´s?"
Jakob wird rot. Er schaut Jelle nicht an.
"Nee", sagt er schließlich. "Kann ich nicht."
"Und Hasen kannst du auch nicht", fährt sie fort.
"Nee", sagt Jakob. "Aber Raumschiffe..."
"Hör endlich mit deinen dämlichen Raumschiffen auf!", unterbricht ihn Jelle. "Ich hatte mir so eine irre Geschichte ausgedacht: Der Bär wäre beim Skateboardfahren gestürzt und ins Krankenhaus gekommen. Dort hätte er sich in eine Krankenschwester verliebt und..."
"Nee, hätte er nicht", sagt Jakob. "Richtige Bären verlieben sich nicht in Krankenschwestern."
Jelle zieht einen Schmollmund. "Ist ja auch egal", sagt sie. "Welches Tier kannst du denn zeichnen?"
"Enten", antwortet Jakob nach langem Überlegen. "Ja, Enten kann ich. Und Pinguine. Aber die nicht so gut."
"Zeig", sagt Jelle und Jakob malt eine wunderschöne Ente.
"Jetzt bist du dran", sagt er.
Jelle schreibt:
"Eines Morgens lag die Ente in der Badewanne."
"Bist du dumm?", ruft Jakob. "Enten liegen doch nicht in der Badewanne!"
"Wieso denn nicht?"
"Na, weil die sowieso immer im Wasser sind", antwortet Jakob. "Oder glaubst du etwa, Enten gingen zum Baden in die Badewanne?"
Jetzt wird Jelle rot. Das passiert ihr nicht oft, höchstens einmal im Monat.
Sie beginnt zu grübeln. Grübelt und grübelt, bis ihr etwas einfällt:
"Niemand im Wald mochte die Ente so sehr wie der Bär."
Und Jakob zeichnet.
"Wieso hockt die Ente auf der Zigarre?", will Jelle wissen, als sie das fertige Bild sieht.
"Weißt du vielleicht einen besseren Platz?", fragt Jakob zurück.
Jelle seufzt. "Und was ist das für ein komisches graues Ding da hinten im Wald?"
"Das ist ein ..."
" ... Raumschiff", beendet Jelle Jakobs Satz. "Mann, ich finde es total doof, dass du auf jedem Bild ein Raumschiff zeichnen musst!"
"Selber doof!", schimpft Jakob und wirft Block und Stifte in die Ecke. "Mach doch dein Buch alleine!"
Jelle streckt ihm die Zunge raus und verschwindet, ohne Tschüss zu sagen.

Obwohl Jelle gleich um die Ecke wohnt, sind die beiden jetzt fast so weit voneinander entfernt wie die Erde vom Mond. An diesem Nachmittag reden sie nicht. Sie telefonieren nicht. Sie schreiben nicht und sie malen nicht. Vor allem aber versuchen sie nicht an den anderen zu denken. Doch nicht an den anderen denken wollen ist das sicherste Mittel, immer an ihn zu denken zu müssen. Und wenn ein Kopf immerzu denken muss, obwohl er eigentlich gar nicht denken will, wird er müde. Deshalb gehen Jakob und Jelle früh ins Bett, viel früher als sonst.
Am nächsten Morgen findet Jelles Vater eine Zeichnung im Briefkasten. Auf ihr ist ein Tier zu sehen, das es auf der ganzen Welt nicht gibt. In großen Buchstaben steht am oberen Rand:
WAT IS NU MIT UNSEREM BUCH??
Jelle grinst. Typisch Jakob, denkt sie.
"Was soll denn das für ein Tier sein?", fragt Jelles Mutter.
"Keine Ahnung", sagt Jelle. "Vielleicht ein Entenbärenhasenping."

Am Nachmittag sitzen sie wie üblich in Jakobs Zimmer. Sie haben nicht über ihren Streit gesprochen. Sie wissen auch so, dass wieder alles in Ordnung ist - bis zum nächsten Mal.
Jakob hat das Bild mit der Ente fertig ausgemalt. Aber es fehlt was.
"Wo ist das Raumschiff?", fragt Jelle.
"Das hab ich rausgeschmissen", antwortet Jakob.
"Endlich wirst du vernünftig", sagt Jelle und schreibt:
"Niemand im Wald konnte die Ente so gut leiden wie der Bär. Sie waren die besten Freunde und machten alles gemeinsam: faulenzen, angeln, fernsehen, Skateboard fahren und den Förster ärgern. Der große Bär beschützte die kleine Ente. Und die kleine Ente sagte dem großen Bären, in welchen Flüssen er Lachse finden konnte. Wenn es den beiden dann doch einmal langweilig wurde, schrieben sie an ihrem Buch weiter. Es hatte schon zwei Kapitel und handelte von Liebe und Freundschaft."
"Ich weiß nicht", unterbricht Jakob seine Freundin.
"Findest du die Geschichte nicht gut?", fragt Jelle.
"Na ja", sagt Jakob.
"Hast du was gegen Liebe und Freundschaft?"
"Nee", antwortet Jakob. "Bloß..."
"Bloß was?"
"Es passiert nix. Ich kann den Bären und die Ente beim Angeln oder beim Fernsehen malen", erklärt Jakob. "Aber das ist langweilig. In einem Buch muss was Spannendes passieren - finde ich", fügt er hinzu.
Jelle klappt ihre Kladde zu und bohrt ihm ihren Finger in den Bauch. Sie kommt ganz schön tief. "Hast du vielleicht einen besseren Vorschlag?", fragt sie schnippisch.
"Hab ich", sagt Jakob und fängt an:
"Eines Morgens saß die Ente gemütlich beim Frühstück. Da hörte sie von draußen einen fürchterlichen Lärm. Es klang wie der Sturm, der im letzten Jahr viele Bäume entwurzelt hatte. Ängstlich öffnete die Ente die Haustür. Ihre Überraschung war groß, als sie über dem Ententeich ein Raumschiff schweben sah. Das Licht in der Kuppel blendete sie so sehr, dass sie die Augen schließen musste.
Als die Ente sie wiederaufmachte, kam ein Pinguin auf sie zu. Zuerst...
"...wollte die Ente weglaufen", fährt Jelle fort, die eilig mitgeschrieben hat,
"aber dann ließ sie es. Denn der Bär hatte ihr beigebracht, der Gefahr ins Auge zu sehen."
"Genau!" Jetzt war wieder Jakob dran.
"Plötzlich öffnete der Pinguin seinen Schnabel und sagte: "Ich komme vom Planeten Pingu-Centaur. Ich möchte dich und den Bären bitten, zu uns zu kommen."
Die Ente schüttelte energisch den Kopf. "Mit einem Raumschiff fliege ich nicht", sagte sie. "Niemals!"
In diesem Moment kam der Bär angelaufen. Er hatte der Ente beim Frühstück Gesellschaft leisten wollen und hatte dafür extra ein Glas Kaulquappenmus mitgebracht.
"Was ist denn hier los?", fragte er, als er das Raumschiff und den Pinguin sah.
"Hallo, Bär, ich bin gekommen, euch um Hilfe zu bitten", sagte der Pinguin. "Auf unserem Planeten ist immer Winter. Wir Pinguine mögen das. Sehr sogar. Aber vor ein paar Jahren haben die ersten angefangen, sich zu langweilen. Und weil sie sich langweilen, denken sie nur noch ans Fressen. Inzwischen sind viele so fett geworden, dass sie sich kaum noch bewegen können. Wenn sie Pech haben, frieren sie im Eis fest und sterben. Nun haben wir Angst, dass bald niemand mehr von uns übrig ist. Deshalb haben mich meine Freunde geschickt, um euch zu holen."
"Stop! Lass mich erst mal zeichnen", sagt Jakob.
Und er zeichnet. Eine volle Stunde lang.
"Super", sagt Jelle, als er fertig ist. "Megastark! Allererste Sahne!"
Jakob wird mal wieder rot. Aber diesmal vor Stolz.
"Und wie geht´s weiter?", fragt sie.
Jakob gähnt. "Keine Ahnung."

In der Nacht träumt Jakob von einem Bären, der mit dem Vollmond Fußball spielt. Und Jelle träumt von einer Ente, die in Abendkleid und Lackschuhen mit einem Pinguin über die Milchstraße tanzt.
"Weißt du weiter?", fragt Jakob, als sie sich am nächsten Tag nach der Schule treffen.
"Vielleicht", sagt Jelle und tippt in die Maschine:
"Gut", sagte der Bär, "wir helfen euch."
"Aber ich steige in kein Raumschiff", widersprach die Ente und zitterte am ganzen Leib.
Der Bär setzte sie behutsam auf seine Zigarre. "Ich bin doch bei dir", brummte er. "Ich beschütze dich."
Da packten die beiden ihre große Reisetasche, steckten sich Tabletten gegen Reiseübelkeit in den Mund und folgten dem Pinguin auf das Raumschiff."
"Stopp!", ruft Jakob und zeichnet das Innere des Raumschiffs.
"Toll", sagt Jelle. "Aber ein bisschen unheimlich."
Dann fährt Jakob fort:
"Mit dreifacher Lichtgeschwindigkeit jagte das Raumschiff dem Planeten Pingu-Centaur entgegen. Auf der Fahrt mussten sie einem Kometensturm ausweichen und dem Stern P 666, der durch den Raketenangriff der Weganer aus seiner Bahn geworfen worden war."
"Mannomann", stöhnt Jelle vor lauter Spannung und schreibt:
"Deshalb erreichte das Raumschiff erst nach einem Monat den Planeten Pingu-Centaur. Als sie ausstiegen, kamen ihnen ein paar Pinguine entgegen. Sie waren dreimal so dick wie der Bär und konnten sich nur mühsam bewegen."
"Jetzt weiß ich weiter", sagt Jakob:
"Sie freuten sich, dass der Bär und die Ente gekommen waren und sagten: "Heh, ihr beiden, wir sterben vor Langweile. Wisst ihr nicht, was wir dagegen tun können?"
"Wie wär´s mit Schwimmen?", fragte der Bär.
Die Pinguine gähnten.
"Was haltet ihr vom Segeln?", fragte die Ente.
Die Pinguine verdrehten die Augen.
"Oder vom Schlittschuh laufen?", fragte der Bär.
Die Pinguine furzten bloß laut.
"Und wenn ihr ein Buch schreibt?", fragte die Ente.
"Ein Buch?", riefen die Pinguine im Chor.
Der Bär nickte. "Das macht Spaß. Stimmt´s, Ente?"
"Und worüber sollen wir schreiben?", fragte ein Pinguin.
"Schreibt über Liebe und Freundschaft", sagte die Ente.
Da watschelten die Pinguine auch schon los, um Papier und Stifte zu holen. Und sie fingen an zu schreiben und zu zeichnen und bekamen nicht einmal mehr mit, wie der Bär und der Schmetterling zurück ins Raumschiff stiegen.

"Eine tolle Geschichte", sagt Jakob.
"Stimmt", sagt Jelle.
"Und was tun wir jetzt?"
"Jetzt fliegen wir zurück", antwortet Jelle. "Wirf die Triebwerke an!"

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