NRW Literatur im Netz

Dieter Treeck - Arbeitsproben

IM WASSER

im wasser liegt ein totes gestern
in sand gemeißelt ein poem
darüber breiten fromme schwestern
ein flüstern aus dem ehedem

ein mattes licht tritt aus dem schatten
in einen sarg aus lügenholz
es fächelt im revier der ratten
den aufgebahrten mannesstolz

das feuer trägt die angst der mauern
durch diese tage des warum
ich sehe mich im nachtwind kauern
und drehe jede antwort um

CAFÉ CENTRAL

im schwarzen kaffee spiegelt sich die stunde
ein graues haar ertrinkt im heissen sud
das brillenglas verschleiert diese runde
aus vielen schritten um den eignen hut

es ist die zeit der wolkenreichen worte
wenn unterm löffel sich die träume drehn
ein blick verliert sich auf der spur der torte
und kehrt zurück ins bessernichtsgesehn

gesichter die sich noch vom wühltisch kennen
sie prosten ihren spiegelbildern zu
aus dem dekor in spülgebleichtem rot

bevor sie sich vom kaffeesatze trennen
gibt einen aufguss lang die seele ruh
und wieder war ein tag im angebot


PS: das Sonett ist dem Budapester „kávehás central“ gewidmet, ein
Zentrum literarischen Schaffens von 1877 bis 1949 (wiedereröffnet
im Jahre 2000), mein Budapester Stammcafé

ROTBEROCKT

rotverführt und rotvernascht
rotverschreckt und überrascht
rotverehrt und rotverachtet
rotbedeckt und rotumnachtet
rotgebrochen rotverdichtet
rotweiß ist mein haar gelichtet
rotverbunden rotverschworen
rot bis über beide ohren

rotverschlungen rotverschwiegen
rotverhangen rotgeblieben
rotgefallen rotbetrauert
rotvergessen rotummauert
rotberockt und rotverlacht
rot ist meine narrentracht
rotgewonnen rotverloren
rot bis tief in meine ohren

rotverrraten rotgeschieden
rot ist immer rot geblieben

ZUR LAGE DER PERSON

angesichts der angesichte
hör ich deine stimme nicht
und die summe der gewichte
schlägt dem tagtraum ins gesicht

angesichts der oberweiten
auf dem campus im revier
möchte ich mit freunden streiten
über impotenz und bier

angesichts der tagesfluchten
und des lebens im quadrat
pfeife ich auf rosenzuchten
und ein dasein im spagat

angesichts der überfülle
die im kopf den stau erzeugt
platze ich aus meiner hülle
bis mein kreuz mich niederbeugt

SCHWARZ AUF WEIß

ich habe
die welt
mit füßen getreten
sie mit dem versfus
malträtiert
ein lächeln manchmal
in den fels gekratzt
und immer wieder Hier gerufen
ungefragt
schwarz auf weiß

ich habe
den staub
der friedhofswege
zwischen den zehen
auf die bank getragen
und beschwöre
die fruchtbarkeit
des teppichbodens
unter meinen sohlen
schwarz auf weiß

ich bin
hinausgetreten
aus dem schutzraum
meiner zweifel
einmal zeitungskiosk
und zurück
in der hand
dem angstschweiß
der lauten worte
schwarz auf weiß

ich bin
nur opfer
des aufrechten ganges
der zu nichts verpflichtet
als zur überheblichkeit
bis an die grenzen
der unzerstörbarkeit
wenn die bandscheibe
vierfüßig
demut schreibt
unleserlich

HORIZONT

ich habe meinen horizont betreten
und lasse mich vom sonnenwind verwehn
ich nehme mir die freiheit des poeten
und lass die worte ihre eignen wege gehen

IN DER MITTAGSSONNE

Splitter – Teneriffa 99/00

I
inmitten
ihrer Wort-Tiraden
versöhnte mich
ein Hundeblick
und ich verließ
die Leine nicht

II
in der Mittagssonne
bläht sich das Ärgernis
in meinem Bauch
zum Aphorismus auf

III
das Haar
das aus mir wächst
ist nicht das Leben
das Haar
das mich verlässt
ist nicht der Tod

IV
ich bin der Umweg
auf dem Wege
zu mir

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