NRW Literatur im Netz

Clemens Füsers - Arbeitsproben

Aus: AMORS IRRTUM

Es war nur eine Frage der Zeit, bis zwei Menschen wie Claude und Marija sich begegnen mußten, doch da der Holländer zu lange in den Kaschemmen Rotterdams zu viel Genever getrunken hatte, und der Bulgarin nichts anderes übriggeblieben war, als in den Läden Sofias Schlange zu stehen, mußte fast die Hälfte beider Leben verstreichen, ehe es zu dem Unausweichlichen kam. Andererseits wäre Claude ähnliches mit Annemarie aus Salzburg widerfahren, hätte die Österreicherin nicht vor geraumer Zeit den Entschluß gefaßt, nach Sacramento auszuwandern, um dort einen bärtigen Ballonfahrer zu ehelichen, und Marija hätte auch mit Mark aus London in nahezu gleicher Weise ihr Leben verändert gefunden, wäre dieser nicht vor einigen Jahren von der Tower Bridge in die zugefrorene Themse gesprungen. So kam es spät, aber nicht zu spät zu der Begegnung zwischen Claude und Marija in einer Kneipe in Zürich, wo die sich illegal im Lande aufhaltende schöne Bulgarin geklaute Bücher zum Kauf anbot, unter anderem auch einen Fotoband über belgische Brauereien, der den Fotografen Claude DeBont als Autor auswies. Claude fiel die Kinnlade und das Lachsstückchen von der Gabel runter, als ihm sein eigenes Buch unter die Nase gehalten wurde. Instinktiv fragte er nach dem Preis, und als Marija Letchkova, die er bis dahin noch nicht einmal angesehen hatte, einen Betrag nannte, der gerade mal ein Viertel des Ladenpreises betrug, da konnte Claude sich nicht entscheiden, ob er dieser dreisten Diebin, die hartarbeitende Fotografen um ihr gerechtes Honorar zu prellen bereit war, eine Schimpfkanonade übelsten Vokabulars entgegenschleudern oder ihr erst einmal das Buch aus der Hand reißen sollte. In seiner Unentschlossenheit schaute er hoch und sah in schwarze Augen, die über die trockenen Weiten einer unendlichen Steppe zu blicken schienen.
Marija wurde ein wenig ungeduldig ob des schwankenden Käufers und strich sich verlegen durch ihre kurzen, schwarzen Locken, doch
anstatt daß dieser müde wirkende, hagere Mann ihr ein niedrigeres Angebot machte, klopfte er nervös mit dem Zeigefinger auf den Namen des Autors am oberen Bildrand des Titelbildes und und behauptete, das sei er.
Da Marija überhaupt nicht verstand, was der Mann ihr sagen wollte, aber über rasche Reflexe, insbesondere unangenehmen Situationen gegenüber verfügte, schnappte sie sich den Bildband und rannte aus der Kneipe raus. Nach einer Schrecksekunde folgte ihr Claude.
Die Bulgarin kam nicht weit, an der nächsten Ecke purzelten ihr ein Dutzend Bücher aus dem Mantel und Claude hielt sie zunächst am Ärmel fest, bevor er das einzige richtige tat, nämlich ihr beim Einsammeln des Diebesgutes zu helfen.
Dann lud er sie zum Essen ein, und Marija stimmte erst zu, als sie bemerkte, daß auch der junge Mann mit dem schütteren, blonden Haar und der heiseren Stimme gebrochenes Deutsch sprach, also wie sie ein Fremder in der Fremde war.
Beim Essen zeigte er ihr nicht ohne Stolz seine Fotos in dem von Marija geklauten Buch und erzählte dazu ein paar nicht ganz der Wahrheit entsprechende Anekdoten, die Marija nur zum Teil verstand, doch da sie sich für die Einladung erkenntlich zeigen wollte und ihr zudem eine natürliche Höflichkeit angeboren war, schenkte sie dem Fotografen ihr unwiderstehliches Lächeln.
Claude konnte sich an ihrem Akzent nicht satthören und wiederholte viele Male an diesem Abend ihren Namen. Marija schaute immer wieder auf die leicht zitternde, für seine Körpergröße ungewöhnlich kleine Hand, die sie am liebsten sofort mit ihrer umschlossen hätte. Dann verlangte ein Kellner die Begleichung der Rechnung, damit die Bodega schliessen könne.

Sie liebten sich drei Wochen lang und das war durchaus wörtlich zu verstehen. Claude verschob alle Termine oder ließ sie einfach platzen, und Marija hatte in ihrem ganzen Leben nie etwas so reichlich ihr eigen nennen können wie Zeit.

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.