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Veronika Kramer - Arbeitsproben

Aus: VERAS FLUCHTPUNKTE

In Großmutters Haus ist alles in Aufruhr. Alko bellt und bellt. Vera kann ihn kaum beruhigen. Zuletzt nimmt sie ihn auf den Arm wie ein kleines Kind, während die anderen den Leiterwagen vollpacken: Oberbetten, Kissen, Decken, Pakete, Koffer, Heu, Stroh. Vera steht im Innenhof, wiegt Alko im linken Arm, hält mit der rechten Hand eine Laterne hoch. Und da ist das dumme Spatzenherz wieder, es klopft bis in die Fußspitzen. Der Großvater füttert Rudi, bindet eine Kuh hinten an den Wagen, er flucht und schimpft. Vera hört wieder "Bastard" und "ein Hungerleider mehr". Der Arm, der die Laterne hochhält, wird taub, sie stellt die Laterne auf eine umgestülpte Milchkanne, rennt mit Alko ins Haus. "Dich nehmen wir mit, Alko, keine Angst." Sie fühlt, wie sein Herz hämmert, und erzählt ihm, daß ihr Herz überall zu spüren ist: im Kopf, im Bauch, in den Fingern, selbst in den Füßen.
Vera ist wohl mit Alko auf der Ofenbank eingeschlafen. Großmutter weckt sie, Alko liegt auf ihrem Schoß. Sie nimmt ihn auf den Arm. Draußen kriecht die Morgendämmerung herauf, das große Hoftor ist geöffnet, der Leiterwagen steht hochbepackt im Hof, Mutter und Großmutter weinen. Großvater führt Rudi am Halfter hinaus auf die Dorfstraße. "Setz den Hund ab!" schreit er Vera an. "Laß ihn mitkommen", bittet die Großmutter und stellt sich vor ihn."Noch ein Fresser mehr - nein! Geh mir aus dem Weg! Laß den Hund runter!" Vera hält Alko noch fester an sich gedrückt, er wimmert leise, bibbert am ganzen Körper. Großvater packt ihn im Nacken, entreißt ihn Vera und schleudert ihn in den Hof. Gänse und Hühner stieben auseinander, Großvater löst sein Gewehr von einer Sprosse des Leiterwagens, zielt in den Hof auf Alko, der ihn verwirrt, aber gutgläubig anstarrt, und schießt. Großvater schießt wild in den Hof hinein, Gänse, Hühner liegen getroffen im Staub, über Alkos Fell läuft ein roter Blutfaden. Großmutter nimmt Vera in den Arm. Schon kommen aus jedem Hof die Leiterwagen, die bekannten Gesichter der Nachbarn und Verwandten. Alle gehen sie hinter ihren Wagen her, es ist sehr still, nur hier und da ein tiefes Seufzen, Schluchzen oder ein Hü, um die Pferde anzutreiben. Vera spürt eine seltsame Steife in sich hochkriechen, sie kann die Füße kaum heben. Sie weint, aber es fließen keine Tränen.
Dieser Exodus wird immer wiederkommen - später, nachts, in Veras Träumen. Dann ist sie auf der Flucht, sucht ihre Spielsachen, ihre Schuhe, den Mantel. Später sind es die Kinder, die Enkelkinder, die Liebe. Nichts davon kann sie finden in der überstürzten Hast, sie will schreien, vermag es nicht, gelähmt ist alles an ihr, keine Stimme hat ihr Mund, denn die Sprache der Träume ist ohne Stimme. In ihren Träumen aber erzählt sie sich all die törichten Geschichten des Krieges, und ihre Ohren - irgendwann sind sie nach innen gewachsen - vernehmen eine stöhnende Melodie. Nur ein heller, leuchtender Punkt am fernen Horizont, ein Fluchtpunkt, gibt ihren starren Gliedern die Kraft, aufzuwachen aus diesem Grauen.
....
Vera schaut sich um. Es ist ein großer Raum, und wieder liegen sie nebeneinander. "Was ist das hier?"
"Ein Durchgangslager, wir bleiben eine Weile hier."
"Bewachen uns wieder die Russen?"
"Nein, niemand bewacht uns, wir sind frei."
"Kann ich zur Schule gehen?"
"Glaub` ich nicht."
"Wenn wir frei sind, kann ich zur Schule."
"Alles muß geregelt werden. Wir müssen erst wissen, wohin wir gehören, wo wir leben können."
"Was ist frei sein?"
"Niemand wird uns von hier nach Sibirien schleppen?" Vera denkt, frei sein muß noch mehr sein, aber genau weiß sie es nicht.

(ohne Titel)

die kleinen kinder
schliefen schon
im teich der fisch
schlief auch
der fernseher strahlte
eisblau sein
friedefreudeeierkuchen
programm
die drei oder zwei
gingen noch ein bier trinken
der mond ließ
den lieben gott
einen guten mann sein
da
schlugen sie
und traten ihn
und ließen ihn
sterbend sein
blut trinken

weil er kein
Deutscher war
der
der gottverdammtefremde
der
ich bin stolz
ein Deutscher zu sein

DIE RUHR DURCH MEINE STADT

Ufer aus Schilf
Ufer aus Dickicht
Ufer aus Stille und Bach
aus dem Schoß des Wassers
gleiten die geräuschlosen
Steine der Berge
einer nach dem anderen

der Fluss hier
nicht des Wesens
sondern des Werdens

Sonne und Mond
versinken in der Farbe der Stille
jede Welle sucht sich einen Weg
weg vom Ursprung
vom Granit
fließt nordwärts westwärts
trinkt vergessene Fluten
die in Seufzern vergehen

ich lege mich auf diesen Fluss
auf Wirbeln
und Fließen
und Lispeln
zwischen Himmel und Silber
in der Sprache gleite ich
mit Worten wandle ich
übers Wasser

MOVIE MOVES YOU

Zelluloid, das in die Augen rieselt. Jemand vor dir schaufelt Popcorn in sein Maul, freundliche Liebe auf der Leinwand, verpfändete Sommersonne zieht dich ins Bild.
Lippen wie Cadillacs, eine Zunge mit ihrem nikotingetränkten Ausschlag. Nacktes Pärchen im glutäugigen Thunderbird. Ein Sticker an der Heckscheibe.
"Wer bremst, verliert."
Kleine Wahrheiten über große Themen.
Liebe wie Ausgekotztes aus den Lautsprecherboxen.
Künstliche Gedanken, versprengte Innenwelt, zementierte Welt. Näherrückender Nebel, eindimensionale Einsamkeit.
Unheilbarerer Schrecken in den Pupillen, - zum Angsthafen geweitet.
Angewinkelte Beine neben dir, suchende Fingerspitzen.
Kichern echot aus den Ecken des angestaubten Kinos.
Unwirklicher Moment zur Maske modelliert.
Zigaretten verglühen vor dem ausgemergelten Hintergrund des Canyons. Düster rötelnde Abenddämmerung und Gitarrenfetzen.
Große Außenhaut, fette Weisheiten ohne Innenhaut: "Wir werden uns verlassen müssen, um anders zu sein als niemand."
Und: "Wie oder wofür, wenn nicht alles oder nichts."
Pralle Weisheit am Ausgang eines Stundenhotels. Und meine Supervision!
Elvis wirft Eierhandgranaten, legt all sein Hirn in das Schambein zum alles dahinschmelzenden Hüftschwung.
James Dean als punkiger Gigant, wohl wissend, was er tut, als er mit dem Sportwagen an der berüchtigten Kreuzung frontal auf den Wagen des Farmers fährt.
"Wer bremst, verliert."
Liza Minelli als Reinemachefrau. Marlon Brando fällt mit dem Motorrad, fällt und fällt auf die regenglänzende Straße, und Liz Taylor in ihrer versampelten Rolle stöckelt herbei, wischt ihm mit einem Cartier-Taschentuch sanft, sehr sanft die Ketchupblutspuren aus dem vernarbten Gesicht.
Und die Monroe haucht mit underground windgeblähtem Plisséerock "Happy Birthday, Mr President."
Wie heißt doch gleich der Film?
Aha: Lonesome Town.
"Kennst du nicht den Kick von Kim Basingers Basic Instinct?" schnarrt Michael Douglas.
"Kennst du nicht die Höllenglut, die am Ende ihrer Beine endet, die so lang sind wie endlose Highways nach L.A. Kennst du das nicht? Oh, boy, dann hast du nicht gelebt."
Die wahren Hintergründe des Herz-Schmerz-Gesusels Vom Winde verweht sollten, müssten aufgedeckt werden.
So aber: Vordergründig versippelte Leidenschaft zum Fragezeichen skulptiert.
"Kino ist Leibeigenschaft mit den Mitteln der Klage", soll jemand gesagt haben, jemand, der es wissen muss.
Hollywood ist eine Hure, eine hoch bezahlte. Eine nie alternde Hure mit immer neuem Nachschub. Gleichwohl auch nutzbringend mit verhangenem Blick auf den Rest der Menschheit.
Traumfabrik, fabrizierter Traum hinter Schleiern und Wolken. Traum zum Überleben im Dschungel unseres Planeten.
Deshalb obeliskes Show-Down in diesem Movie. The End.
Tasten nach der Versicherungspolice in meinen Taschen, um gefeit zu sein für den Nachhauseweg in den Gemüsealltag.
Verwirbelte Emotionen, versemmelte Gefühle.
Es ist zu spät zum Reden, also Radio an!
Radio ist schön. Niemand schaut, wo man seine Hände hintut.

(ohne Titel)

Unsere Liebe ist wie Atlantis
gewesen sein muss
am letzten Abend
ich spreche vom Glanz derer
die auf den Straßen und
Plätzen standen und
zueinander sprachen
von Dingen, die sie nicht
sagen wollten und an die
sie nicht glauben konnten
der Glanz war der
den du im Gesicht hast
wenn du in mich
hineinsiehst
der Glanz war der
wenn wir unter rotem
Herbstmond
Spiegelbilder tanzen
in verzitternder Nacht
Gott, du hättest es lassen
können, uns vom Paradies
zu erzählen.

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