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Reinhard Strüven - Arbeitsproben

DAS UNGEHEUER (Satire)

„Was ist das?“, fragte Marion.
„Ein Ungeheuer“, antwortete ich, und ich fügte hinzu: „Es ist ein wenig müde, aber normalerweise ist es furchteinflößend und gefährlich.“
„Und speit Feuer“, sagte Marion ironisch und lachte.
„Jawohl! Und speit Feuer.“
Das Ungeheuer öffnete kurz die Augen, legte den Kopf zur Seite und gab einen Laut von sich, der sich anhörte, als lasse jemand einem Ballon auch den letzten Rest Luft heraus.
Marion kam dem Tier ganz nahe. Sie hockte sich vor es hin und machte Anstalten, es zu streicheln.
„Vorsicht!“, rief ich.
„Hab dich nicht so“, wehrte sie ab und berührte die schwarzgrünen Stacheln auf dem Rücken. Dem Ungeheuer schien es nichts auszumachen. Sie jedoch gab einen Laut des Ekels von sich und zog die Hand zurück.
„Du hättest es waschen können“, sagte sie.
„Ich habe es versucht“, verteidigte ich mich, „aber wie du siehst, passt es nicht in die Badewanne. Und ich glaube nicht, dass sie uns ins Schwimmbad hineingelassen hätten.“
Marion zeigte mir ihre Hand, die nun ebenfalls grünlich schwarz war.
„Es ist klebrig“, sagte sie, „du könntest es mit Seife abschrubben.“
„Das hat es gar nicht gern“, erwiderte ich und zeigte ihr eine Hand, die mit einem großen roten Striemen gezeichnet war. Ich verschwieg, dass die Verletzung von einem Haushaltsunfall herrührte.
Sie schenkte mir einen mitleidvollen Blick, doch hielt sie der Striemen auf meiner Hand nicht davon ab, ein Schwämmchen und Putzmittel zu nehmen und zu beginnen, den Rücken des Ungeheuers zu säubern. Da machte es eine rasche Bewegung und schlug seinen Schwanz knapp vor ihr auf den Boden. Sie erschrak und wich schnell zurück. Das Ungeheuer hob den Kopf und sah drohend zu uns herüber. Ich zeigte mich unbeeindruckt, denn es blickte immer drohend, selbst wenn es guter Dinge war. Es dauerte etwas, bis jemand Fremdes seine verschiedenen Stimmungen unterscheiden konnte.
„Wieso“, fragte sie, „lässt du es nicht ein paar Runden im Stadtwaldweiher schwimmen, nur so lange, bis es sauber ist?“
„Was denkst du, wo ich es herhabe?“, entgegnete ich. „Es sieht immer ein wenig schmutzig aus und fühlt sich klebrig an, das gehört bei ihm dazu.“
Marion wusste nichts zu erwidern und sandte mir einen patzigen Blick. Vorsichtig näherte sie sich der Tatze des Ungeheuers, traute sich jedoch nicht, sie zu berühren. Sein Auge blieb wie ein Magnet auf ihre Hand gerichtet.
„Und wenn du es verkaufst?“, fragte sie.
„Es fühlt sich wohl bei mir.“
„Was frisst es eigentlich?“, wechselte sie das Thema.
„Sechs bis acht Enten pro Tag“, gab ich Auskunft.
„Du kannst nicht am helllichten Tag in den Stadtwald gehen und es mit Enten füttern“, hielt sie mir vor.
„Wir jagen nachts“, entgegnete ich. „Außerdem“, fuhr ich fort, „na ja ..., es ist nicht das schnellste und ehrlich gesagt kein guter Jäger.“
Das Ungeheuer hob den Kopf, als wollte es protestieren und Feuer speien. Es öffnete seinen Rachen, zeigte lange Reihen unregelmäßiger und gelblicher Zähne, doch heraus kam nur verkohlt riechende Luft. Ich redete beruhigend auf es ein, und nach einer Weile legte es den Kopf zurück auf den Boden und schloss die Augen.
„Na ja“, begann ich erneut, „also, die Enten, die wir erlegen, die sind schon tot. Sie sind vom Fleischer um die Ecke.“
„Das ist doch teuer“, fiel mir Marion ins Wort.
Ich gab ihr Recht: „Es verbraucht all meine Ersparnisse. Kein Jahr mehr, und ich bin pleite.“
Ein Grunzen war zu hören.
„Jawohl!“, sagte ich zum Ungeheuer. „Du könntest ruhig etwas schuldbewusster dreinblicken.“
Doch die Laute, die es von sich gab, klangen nun satt und zufrieden.
„Immerhin“, erklärte ich Marion, „ist es schon alt und seine Lebenserwartung nicht mehr sehr hoch. Das hat mir der Tierarzt gesagt. Wahrscheinlich noch ein halbes Jahr, länger nicht.“
„Ist mir neu, dass du ein Altenheim für Ungeheuer eröffnen willst“, sagte sie.
„Mein Herz ist eben groß“, scherzte ich.
„Wirklich?“, fragte sie. „Ich hörte, dass du es verkaufen wolltest.“
Ich leugnete, doch sie erinnerte sich an die Anzeige, die ich aufgegeben hatte: „Ungeheuer, zwei Meter fünfzig, stubenrein, in liebevolle Hände abzugeben.“
„Niemand wollte es haben. Die Leute, die ich gefragt habe, sind in Panik geflüchtet. Und während ich mit ihm unterwegs war, hat es ein dutzend Halsbänder zerbissen.“
„Du wirst wohl mit ihm auskommen müssen.“
„Ich könnte es im Internet versteigern. Ich fürchte nur, niemand wird das Angebot ernst nehmen, und ahnungslose Eltern werden ihre Kinder mitbieten lassen.“
„Ich könnte es nehmen“, bot sich Marion an.
Ich sah entgeistert zu ihr hinüber. „Kommt überhaupt nicht infrage.“
„Warum nicht?“, beharrte sie. „Bei mir hätte es es gut. Ich habe Erfahrung mit Haustieren. Außerdem: Ich mag es.“
„Es scheint auch dich zu mögen“, stellte ich fest. „Vielleicht noch ein bisschen Übung, ein wenig Dressur ...“
Die Vorstellung, meine Wohnung wieder für mich alleine zu haben, versetzte mich in gespannte Erregung. Ich vergaß Zweifel und Bedenken. Wollte ich das Ungeheuer loswerden, musste ich die Gunst der Stunde nutzen.
„Ich schreibe dir Name und Adresse des Fleischers auf“, sagte ich, „und ..., na ja, ich habe ein wenig geschummelt: Es sind Reste, die es frisst, und die sind umsonst.“
Sie sah mich vorwurfsvoll an. „Kein Wunder, dass es nicht zu Kräften kommt“, sagte sie empört. Offensichtlich hatte sie nun ernsthaft vor, das Tier aus meinen Fängen zu befreien.
„Hast du noch ein Halsband?“, fragte sie.
Ich suchte und fand eines. Es musste das letzte sein, das noch übrig war.
„Warte“, sagte ich, „es ist besser, wenn ich das mache.“ Vorsichtig legte ich das Band an. Ich redete beruhigend auf das Ungeheuer ein, erklärte ihm, dass es nun ein anderes Zuhause haben werde und keine Angst haben müsse. Es grunzte zufrieden, denn es glaubte, ein Spaziergang stehe bevor, und die Ausflüge in den Stadtwald hatte es trotz seiner Altersgebrechen immer gemocht.
„Wenn du Fragen hast, ruf mich an“, sagte ich großzügig und reichte Marion die Leine. Sie bedankte sich und hielt sie unsicher in der Hand.
„Bekommst du etwas für das Tier?“, fragte sie.
Ich verneinte mit großmütiger Geste.
„Du bist der Boss, du sagst, wo’s langgeht“, gab ich ihr mit auf den Weg, „wenn du Schwäche zeigst, tanzt es dir auf der Nase herum.“
„Ich komme schon klar“, versicherte sie und hielt den Zügel straffer. Sie ging zur Tür, das Ungeheuer trampelte hinter ihr her. Es ächzte und schnaufte, und jede Bewegung schien ihm Mühe zu bereiten.
„Wir telefonieren?“, fragte ich Marion.
„Wir telefonieren!“, antwortete sie.
Sie ging die Stufen des Treppenhauses hinab, sah noch einmal zurück und winkte mir zu. Ich sah sie und das Ungeheuer, ich sah, dass es sich an die Stufen noch immer nicht gewöhnt hatte. Es ging die ersten und rutschte die letzten Stufen eines Absatzes hinunter. Das scheuerte an seinem Bauch, der im Gegensatz zu seinem Rücken ungeschützt war, und es jaulte herzzerreißend. Marion redete beruhigend und sanft, doch es zu streicheln traute sie sich noch nicht.
Ich schloss die Tür. Noch lange hörte ich das Ungeheuer jammern, bis sie endlich die Straße erreicht hatten. Die Haustür fiel mit sattem Geräusch ins Schloss.
Ich lehnte mich aus dem Fenster. Es war ein freundlicher Tag, die Straße war belebt. Der Verkehr stockte, Radler schlängelten sich an wartenden Autos vorbei, Passanten erledigten Einkäufe, Hundebesitzer hielten ihre Tiere an der Leine und Marion ihr Ungeheuer.

INSEL DER WETTERFESTEN RENTNER (Satire)

Ich sah sie bereits im Zug auf dem Weg zur Küste - zum Fähranleger, wo das Schiff wartete, das uns zur Insel bringen sollte. Sie hatten ausnahmslos Platzkarten und machten die falsch Sitzenden freundlich aber bestimmt darauf aufmerksam, dass sie nun weichen müssten.
Während die Frauen den Zustand der Sitze prüften und diese wie Glucken, die sich auf ihre Nester hockten, in Beschlag nahmen, wuchteten die Männer schwere Koffer in Gepäckablagen. Ihre Muskeln bebten und ihre Gesichter zuckten; man sah, dass sie viel mitgenommen hatten.
Sie setzten sich und nahmen etwas zu lesen zur Hand: die Frauen Illustrierte und die Männer die größte landesweit erscheinende Boulevardzeitung. Ungeniert betrachteten die Männer das schöne Mädchen von Seite eins. Die Frauen blieben gelassen: Ihre Männer hatten ohnehin keine Chancen mehr bei den schönen Mädchen von Seite eins. Kopfschüttelnd lasen die Männer die politischen Kommentare, und ihren Gesichtern schien die Frage eingemeißelt, wie weit es noch abwärts gehen solle mit diesem unserem Land. Erst beim Sportteil entspannten sich ihre Mienen. Hier waren sie zu Hause, dies war ihr Metier; sie suchten Gleichgesinnte in den Reihen vor, neben und hinter sich und tauschten fachkundige Bemerkungen aus: „Der FC Dingenskirchen steigt ab? Na, kein Wunder bei dem, was die sich die letzte Zeit zusammengespielt haben. Fortuna Sowieso steigt auf? Na, war auch überfällig.“
Anschließend benutzten die Männer ihre Boulevardzeitung als Unterlage, um darauf einen Apfel zu schälen.

Der Zugbegleiter kam ins Abteil und kontrollierte die Fahrkarten. Sie zückten diese wie auf Kommando und hielten sie zum Abstempeln bereit. Jeden, der sein Ticket nicht sofort fand und Verdacht erregte, Schwarzfahrer zu sein, blickten sie mit einem Gesichtsausdruck an, als gäbe es in diesem Fall nur eins: sofortiges standrechtliches Erschießen. Sie flüsterten ihren Frauen ihre Gedanken zu, und die Frauen nickten wissend und verstehend.
Eine halbe Stunde, bevor der Zug sein Ziel erreichte, gingen sie einer nach dem anderen alle noch einmal zur Toilette. Anschließend begannen sie, ihre Koffer aus den Ablagen herunterzuwuchten, sie vor die Ausgänge zu schieben und dort aufzustellen. Es war kaum ein Durchkommen.
Ich zwängte mich vorbei, weil ich ebenfalls einmal musste; ich bahnte mir den Weg durch sauren Mundgeruch und süßes Rasierwasser - Rasierwasser, wie es außer von Rentnern allenfalls noch von Mathematik-Lehrern benutzt wird. Ich roch die Parfüms der Frauen, die eigens dazu entwickelt schienen, in überfüllten und überheizten Cafés die Nebenplätze freizuhalten.
„Endhaltestelle, Sie brauchen sich nicht zu beeilen, der Zug bleibt stehen und wartet, bis alle ausgestiegen sind.“ Das hätte ich gerne zu ihnen gesagt, doch waren sie ganz mit ihren Koffern beschäftigt und nahmen kaum noch etwas um sich herum wahr.

Draußen sammelten sie sich wie eine Kompanie, die sich bereit macht zum Sturm auf die Insel. In lockerer Formation wechselten sie hinüber zum Fähranleger und gingen an Bord. Dort teilte sich der Weg: Rechts war der Bereich mit Restauration, links der ohne. Sie schwenkten alle nach links, und als ich zurückkam, um mich auf dem Schiff ein wenig umzusehen, fand ich heraus warum: sie hatten alles dabei. Stullen, Obst, Gemüse und Thermoskannen breiteten sie vor sich aus und ließen den Service, der an Bord geboten wurde, unbeachtet. Was mir Freude bereitete - mich im Urlaub mal richtig bedienen und verwöhnen lassen -, schien für sie Verrat an einer tief eingeimpften Sparsamkeit zu sein. In ihren Gesichtern las ich den stummen Vorwurf: „Hat dieser Schnösel etwa so viel Geld, dass er sich den Aufenthalt da drüben leisten kann? Wir hätten das früher nicht gekonnt.“
Doch vielleicht, so mein Verdacht, war gar nicht ich die Ursache für ihren geringschätzigen Ausdruck, vielleicht guckten sie immer so, und jeder konnte sich aus ihren Blicken die Vorwürfe herauslesen, die am besten zu ihm passten.
Auf dem Oberdeck hielten sie sämtliche Sonnenplätze besetzt. Sie schossen mit vollautomatischen Kameras Fotos von Seehundbänken - Seehunde, die später bestenfalls als unscharfe kleine Punkte zu sehen sein würden. Mir blieb nur ein zugiger Platz im Schatten, wo ich es nicht lange aushielt. Wieso nahm ich mir kein Beispiel und kam wind- und wetterfest wie sie? Wieso hatte ich keinen signalroten oder lindgrünen, wasserabweisenden und luftdurchlässigen Anorak?

Sie verließen das Schiff und gingen in kleinen Gruppen zu den Bussen; sie gingen so, dass es unmöglich war, zu überholen. Unaufgefordert zeigten ihre Vergünstigungsausweise vor, die jedoch auf der Insel nicht galten. Sinnlose Diskussionen begannen sie mit den Busfahrern, die sich nicht erweichen ließen. Ich versuchte, mir einen Platz zu sichern, bat, man möge nach hinten durchgehen; zögernd kamen sie meinem Wunsch nach.
Der Bus fuhr ins Zentrum der Insel, wo die meisten ausstiegen. Endlich hatte ich Platz. Kurzentschlossen blieb ich bis zur Endhaltestelle sitzen, um dann am Ufer entlang zurückzuschlendern. Gern wäre ich auf der Promenade gegangen, doch die war fest in der Hand der Rentnerinnen und Rentner.
Auch unten am Wasser begegnete ich Mitgliedern jener Altersgruppe, die trotz Eiseskälte des Wassers barfuß hindurchstapften, gleich so, als sei jeder Schritt eine gesundheitsfördernde Maßnahme, ein Gewinn an Lebenszeit von mindestens einer Viertelstunde. Das summiert sich. Kam daher ihre Vorliebe für ausgedehnte Wattwanderungen - wenn nicht gar tägliche Inselumrundungen? Ein Vergnügen war das gewiss nicht: Scharfkantige Steine und Muscheln reizten die großstadtverwöhnten Füße, und ihre Münder, ehemals voll und rund, waren angesichts des Schmerzes zu schmalen und zusammengekniffen Schlitzen geworden.

Das Haus, in dem ich meinen Urlaub verbringen wollte, war für Selbstversorger gedacht. So konnte ich zwar sparen, fand mich andererseits aber in einem Kurs für Haushaltsführung wieder, denn die Frauen, die in der Küche mit Porzellan und Besteck hantierten, verfolgten jede meiner Bewegungen mit Argwohn.
Eine von ihnen fragte, ob ich ein ordentlicher Mensch sei.
„Nein, im Urlaub bin ich die größte Schlampe“, gab ich trotzig zur Antwort. Sie und die anderen unterbrachen ihre Arbeit und sahen mich prüfend an, um herauszufinden, was an meiner Aussage dran sei. Ich ignorierte sie und begann, meine Lebensmittel in jenes Fach des Kühlschranks einzuräumen, das sie mir zugeteilt hatten. Als ich einen Sechserpack Bier einlagerte, blieben ihre Münder offen stehen.
Waren sie auf die Insel gekommen, um ihren Urlaub in der Küche zu verbringen? Jeder Löffel, mit dem auch nur heiße Milch umgerührt worden war, wurde dreifach geschrubbt, gespült und abgetrocknet. Besteck und Porzellan waren nicht nur sauber, sondern porentief rein und hätte vermutlich Krankenhaus-Ansprüchen genügt. Hier konnte ich nicht nach der Devise verfahren „... und der Rest ins Handtuch“, denn die Handtücher wurden nach getaner Arbeit wie Beweismittel - mehr noch: wie Laken nach einer Hochzeitsnacht aufgehängt. Tatsächlich hatte der Stoff bei mir seine Jungfräulichkeit schon nach dem ersten Benutzen verloren, und dem Abbild nach musste es eine äußerst wilde Nacht gewesen sein. Meine Mitbewohnerinnen verdrehten die Augen, als wären sie Zeuge von etwas zutiefst Unanständigem geworden.
Dennoch sahen sie mir manches nach, vielleicht, weil ich ein männliches Wesen war und deshalb in ihren Augen von Haushaltsführung nicht viel verstand. Auch war ich nur halb so alt wie sie, und in mütterlicher Manier begannen sie damit, mir das ein oder andere beizubringen.

So gründlich sie tagsüber ihre Küchen sauber und die Insel unsicher machten, die Promenade abmarschierten oder über Dünen kletterten, so sehr gaben sie sich abends dem Frohsinn hin. Sie besuchten Kurkonzerte und bevölkerten die wenigen Lokale der Insel, damit auch jene Lebensgeister sich regten, die bislang noch nicht stimuliert worden waren. Wen kümmerte es, dass sie mir damit die letzten Nerven raubten? Denn ich konnte keine Gaststätte betreten, ohne mich Liedern ausgesetzt zu sehen wie: „Rut, rut, rut, rut sin de Ruse, Ruse, die isch an disch verschänkä ...“
Mir gefror das Blut in den Adern, wenn ich so etwas hörte. Doch auch in den nächsten Kneipen war es mit „Viva Colonia“ und „Wor dat nich ne superjeile Zick?“ kaum besser bestellt. Der Frohsinn war derart gewaltig, dass ich es nirgends länger als ein paar Minuten aushielt. Wo sollte ich hin? Sie waren überall. Stimmung ohne Lieder, die allesamt wie Karnevalslieder klangen, schien es für sie nicht zu geben. Ich glaubte, nicht auf einer Insel, sondern mitten in der Kölner Altstadt angekommen zu sein, und ich hatte den Verdacht, dass mir eine genetische Veranlagung fehlte, die alle anderen besaßen. Nun wusste ich, warum die Einheimischen das Inselzentrum „Bermuda-Dreieck“ nannten.
Ein furchtbarer Racheplan kam mir in den Sinn: Ich könnte eine Polonäse eröffnen und die Ahnungslosen zuerst durch das Dorf und dann ins Watt hinaus führen - bei Ebbe. Wenn die Flut käme, hätte ich mich längst abgesetzt - und dann die Insel für mich allein. Doch blieb es bei der gedanklichen Revolte.
Tatsächlich hatten sich alle Kneipen, Cafés und Hotels auf die Generation sechzig plus eingestellt, und ich war, wenn auch leider nicht mehr lange, immer noch vierzig minus. Nicht mehr jung zu sein und bereits mit dem ersten Glas Bier in der Hand schunkeln zu können, schien die Eintrittskarte für diese Insel zu sein.
Doch ich fasste Mut, denn die Zeit arbeitete für mich. In zwanzig Jahren würde ich wiederkommen, alles mitmachen, was ich jetzt ausließ und mich prächtig amüsieren.

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.