NRW Literatur im Netz

BeBe * Brigitte Breidenbach - Arbeitsproben

HEIMKEHR

Ich spanne meine
Hängematte
an den
Regenbogen
lasse meine Sinne baumeln
trinke würzige
Luft
im frischen Aufwind
und verlasse die
Zeit

GEWISSE STUNDEN

suche
ein paar
lachende augen
für meine stillen tränen

suche
ein paar
weiche lippen
für meinen stummen mund

suche
ein paar
warme arme
für meinen müden körper

tausche
nähe
gegen
distanz

BRENNENDES JAHRHUNDERT

Kennst du das Land
wo die Gewehre glüh'n
in einem verzweifelten Kampf
gegen Unterdrückung und Folter ?
Kennst Du das Land
wo die Gesichter bluten
in einem verzweifelten Kampf
für Freiheit und Menschenwürde ?
Kennst du das Land
wo zerfetzte Kinder, Frauen, Männer schrei'n
in einem hoffnungslosen Kampf
gegen den allgegenwärtigen Tod ?

weil

dein Land
die Milchstraße mit Diamanten verziert
die Wolken mit Bergkristallen erhellt
die Sterne versilbert
intelligente Minen herstellt
bestialische Kampfmaschinen verhökert

und dein Schweigen mit Gold überzieht

SOZIALSTAAT (ON THE ROCKS)

wir haben
das große Los gezogen

das trost-los
und das hoffnungs-los

das arbeits- und
das perspektiv-los ...

N´IMMER (BEZIEHUNGSDRAMA)

nicht nie
und
nicht immer

nie nicht
und
immer nicht

aber

immer wieder
wieder nicht

JET-SET

First-Class Leben -
wir fliehen in die Zukunft
die längst Gegenwart ist
starten durch in die
Glückseligkeit des Materialismus
benommen von der Hyperaktivität
unserer Monotonie
kotzen wir bulimistisch
auf jede menschliche Regung

: Gigantismus ist unsere Maxime :

Gefühle lassen wir zurück -
irgendjemand wird ohnehin
darauf trampeln
hinter uns die Sintflut
vor uns die Apokalypse
glauben wir
wie Phönix aus der Asche
zu steigen
aus der Asche
zu steigen

aus der Asche
der Bedürfnisanstalt Erde

VERNISSAGE

Buntes Treibgut
an der Küste der Eitelkeiten
hangelt sich von Werk zu Werk
borniertes Flüstern
über Kunst und Welt

: eingerahmte Intellektualismen :

schleimende Worte
die am Kunstwerk hängenbleiben
vollenden es zur Genialität
das einzig Prickelnde
ist der verschwendete Sekt
der die Etikette zu lösen droht

Kunst-Adel verpflichtet

SEQUENZ

Tränentau
auf
Gedankenstaub

Schmerz
der
Tagschwärze
reißt an
Seelengliedern

wirbelt mich
an den
Zeitenrand

ZWISCHEN DEN WENDEKREISEN

Die Wüste -
tags lacht sie
aus gleißender Sonne
und heißen Lüften
strahlt nachts
aus klarem Mond
und kalten Winden

Sternengeflüster
hinter Wolkendichte
und der Passat trägt meine
Angst hinaus ins Meer

taumelnd durchschreite ich
das Tor der Tränen
und begebe mich auf die Suche
nach der Oase des Lichtes

IN MEMORIAM ERICH FRIED

Wir leben in einer entseelten Zeit
in der politische Literatur
keine Sprache mehr hat

wo sind die Frieds, die Bölls, die Marcuses
und die Heißenbüttels?

- Harry Potter überschwemmt die wahren Probleme
Es herrscht gefährlicher Konsens in allen Lagern
das dum(m)pfe Volk wird beruhigt und ruhiggestellt
- da, wo es aufgerüttelt werden müßte
und das dum(m)pfe Volk wird aufgewiegelt und indoktriniert
- da, wo es gegen Systemzwänge und staatliche Heuchelei
seine Stimme erheben und seine (politische)
Sprache wiederfinden müßte

SYNTHESE DER MODERNE

Designerlächeln
auf
Silikongesichtern

gestylte Gedanken
aus
synthetischem Hirn

Modellaugen
in
manierierten Mienen

eloquente Hände
von
gekünstelten Körpern

genmanipulierte Worte
quellen breiig aus
gelifteten Mündern



Der Klügere gibt nach.
Das weiß der Dumme.
Und lacht sich schlapp :-)



Sie ist in festen Händen
- würg ...



Kommunikation heute
: mit Handy und Füßen ...



Auf der Suche nach Wärme setzte man mich an den Herd
- so wurde ich ein gebranntes Kind ...



Wer kein Hirn hat
braucht sich auch keinen Kopf zu machen ...

SCHÄTZUNGSWEISE

Am Anfang
hast du mich
überschätzt

dann
unterschätzt

aber
geschätzt
hast du
mich nie



Das Computerleben hat einen entscheidenden Vorteil
: man kann alles rückgängig machen ...



Ich habe den Verstand verloren,
als ich nach der Vernunft suchte.



Viele zimmern an ihrem Leben
bis es ein Sarg ist ...



Wir sterben keines natürlichen Todes.
Wir sterben alle mit System
: am System.



Wenn die Nacht herabsinkt
geht ein Raunen durch die Berge
die Luft ist gefüllt von alten Geschichten
die die Bäume sich zuflüstern und die
Blätter nicken stumm im leisen Wind.
Das ist die Zeit wenn Menschen in
Morpheus Armen liegen und der
stille Mond ihre Träume erhellt

- jene Sehnsucht aus Kindertagen

GENOZID

verbrannte erde
erloschener mond

todesgeruch und seelenschreie
götterschweiß zerreißt die nebel

: grausiger blick auf aschehügel
dort, wo menschen lebten



Es gibt kein end/gültiges Sein.
Das Sein ist ein sich ständig wandelndes Werden.

OHNE WORTE

"Worte! Alte, neue, große und kleine Worte!" schreit der Wort-Budenbesitzer auf dem Jahrmarkt.
"Sehr preisgünstig abzugeben!" kreischt er - schon etwas heiser - hinterher. Bei diesen Worten horche ich auf.
"Abzugeben", denke ich verächtlich. "Wie unehrlich die Menschen mit ihren Worten umgehen, und wie gern sie noch dazu die falschen Worte verwenden! Verkaufen hat er ja wohl gemeint!"
Neugierig geworden trete ich näher, um sein so angepriesenes Sammelsurium zu betrachten. Schon führe ich einen Dialog mit mir:
"Du bist kaufsüchtig! Brauchst du überhaupt noch Worte? Reicht dir deine Sammlung etwa nicht mehr?"
Ärgerlich denke ich: "Man kann nicht genug Worte besitzen; das hat doch nichts mit überflüssigem Konsum zu tun! Wenn alle so geizig sind, sich mehr Worte zuzulegen, dann steht es um unsere Verständigung immer schlechter. Die meisten haben sich ja ohnehin nichts mehr zu sagen."
"Außerdem", so grübele ich weiter gegen meine innere Stimme, "wie oft schon habe ich meine Worte verschenkt, und es kam nichts zurück. Selten genug findet ein Austausch statt. Und was mir auch immer wieder passiert: die Leute dreh'n mir das Wort im Munde 'rum, so daß es meinen Sinn verliert und ich verzweifelt nach meinen Worten such."
Während ich so 'rumwortschle und meinen Blick schweifen lasse, stelle ich erstaunt fest, daß es keinen zweiten Wort-Budenbesitzer auf diesem Jahrmarkt der Künste gibt. Der Typ hat doch glatt das Wortmonopol hier, sozusagen das letzte Wort - um jeden Preis. Wo bleibt da die vielgepriesene freie Wortwirtschaft?
Kopfschüttelnd nehme ich seinen Stand näher unter die Lupe. Inzwischen haben sich noch weitere Wortsuchende um die Bude versammelt, und plötzlich geht eine regelrechte Wortklauberei los. Ich höre, wie ein Wort das andere gibt. Man kann sein eigenes Wort nicht mehr verstehen!
"Wo kann ich meine Worte patentieren lassen, damit sie nicht mehr gegen mich verwendet werden?" versuche ich lautstark das Gerede zu übertönen. Der Wortverkäufer gibt keine Antwort. Offenbar fehlen ihm jetzt die Worte, die er eben noch so großspurig anpries.
Da höre ich neben mir eine fröhliche Stimme: "Liebling, zu Weihnachten schenk' ich dir einen Sack voll der Worte, die du so oft verlierst!"
Überglücklich strahlt sie ihn an: "Ich nehm' dich beim Wort!"
"Donnerwetter", denke ich, "mann schenkt noch Worte! Nun ja, schließlich ist Weihnachten das Fest der Liebe ..."
"Aber hat Liebe noch Worte nötig?" sinniere ich vor mich hin, "es wird ja nun viel geredet ..."
Meine Gedanken werden jäh unterbrochen.
"Haben sie auch politische Worte zu verkaufen?" drängt sich ein krawattenbehängter, kraftloser Yuppie zum Wort-Besitzer durch.
"Nee, die sind letzte Woche alle mit dem Sondermüll entsorgt worden!"
"Aber wieso das?" fragt der dynamisch-Depressive enttäuscht.
"Na, Worte, denen nicht entsprechende Taten folgen, sind leeres Ge-Rede. Und sowas verkaufe ich nicht!" In seiner Ehre gekränkt, wendet sich der Wort-Standbesitzer ab.
"Schöne Worte abzugeben, beste Qualität! Ich steh' zu meinem Wort!" Wie drohend versucht er weiter, seine Ware loszuwerden. Seine Bemühungen werden endlich belohnt: Worte werden gekauft, sorgfältig ausgewählt, auf die Waagschale gelegt und einige sogar heruntergehandelt. Die Menge befindet sich jetzt im Kaufrausch. Ganze Sätze geh'n über den Ladentisch!
Ich bin sprachlos: Worte werden heute gewechselt wie früher die Wäsche bei den Saubermanns - zu oft und glatt gebügelt.
"Mir geh'n langsam die Worte aus!" spornt der Wort-Händler die Leute an und kramt in seinen säuberlich unterteilten Schubfächern. Begeistert schreit er in die wortgeile Meute: "Wer will das letzte Wort haben?"
"Ich!!!" sehe ich da einen Napoleon-Gnom aufgeregt mit fuchtelnden Ärmchen nach vorne preschen.
Hämisch grinst der Wortverkäufer:
"Hier hast du's: verpiß dich!"

GRUPPENBILD MIT DAME

Es geschah am hellichten Tag, 1984, als der Club der toten Dichter - sie nannten sich die glorreichen Sieben - am Fenster zum Hof in Casablanca die Feuerzangenbowle entzündete; manche mögen's heiß!
Das große Fressen hatte bereits stattgefunden, denn Adel verpflichtet. Es war das verflixte siebte Jahr, in dem sie sich endlich wieder trafen, nachdem sie in 80 Tagen um die Welt gereist waren. Mit Schirm, Charme und Melone und mit viel Lärm um Nichts feierten sie dieses denkwürdige Ereignis. Sie kamen nicht mehr voneinander los: das fliegende Klassenzimmer, das sie in 1001 Nacht damals als junge Pennäler im Wirtshaus im Spessart uraufführten - der Clou in den Dreißigern -, hatte ihre Freundschaft endgültig besiegelt, und sie waren dazu verdammt in alle Ewigkeit.
Dr. Schiwago erzählte seine unendliche Geschichte, Goldfinger träumte vom Frühstück bei Tiffany, und der dritte Mann spielte das Piano dazu - der letzte Tango -, auf dem der Wachsblumenstrauß virtuos mitschwang. Man nannte sie das Trio infernale.
Nach einer Weile erhob sich kein Geringerer als der Herr der Gezeiten - der Seewolf -, der sich auch stolz 'der Herr der sieben Meere' nannte, nahm die Blechtrommel und befahl: "Spiel mir das Lied vom Tod!"
Augenblicklich verstummten alle. Der Terminator schaute ihn verwundert an, der Pate traute seinen Ohren nicht und faselte etwas wie: hier ist doch nicht der Brennpunkt Brooklyn! Und der Hexer, der eiskalte Engel, murmelte zynisch in das Schweigen der Lämmer: "Wem die Stunde schlägt!!"
"Er ist der Spion, der aus der Kälte kam, der unsichtbare Dritte!" schrie jemand entsetzt, und sein Gesicht wechselte die Farbe Lila. Wie vom Winde verweht war plötzlich die unheimliche Ruhe. Draußen brauste der Orientexpress vorbei, die Katze auf dem heißen Blechdach fauchte, und die Vögel kreischten aufgeregt "Denn sie wissen nicht, was sie tun!"
"Seid ihr denn alle jenseits von Eden?" brüllte da irgendwer, als aus heiterem Himmel ein Revolver aufblitzte und ein Körper schwer stöhnend zu Boden sank. Eine verhängnisvolle Affäre!
So mancher erinnerte sich nun an den Besuch der alten Dame mit dem Hund von Baskerville, jenseits von Afrika. Ihre Worte "Tote tragen keine Karos" und "Endstation Sehnsucht" waren plötzlich allen präsent.
Der Verdacht hatte sich just bestätigt: der Richter und sein Henker!
"Is' was Doc?"
"Tote schlafen fest ..." war die lakonische Antwort.
"Für eine Handvoll Dollar!!??"
Es wurde wieder totenstill. Von irgendwo her tönte ein Radio, und der Nachrichtensprecher vermeldete aufgeregt:
"In Rio Grande ist der Krieg der Sterne ausgebrochen, der auch das Leben des Brian auslöschte, und Giganten haben die Hexen von Eastwick entführt.
Der Herr der Ringe kämpft Seite an Seite mit Alexis Sorbas, Graf Dracula und Ben Hur.
Die Ritter der Kokosnuß und die drei Musketiere konnten noch im letzten Moment die Brüder Karamasow und Don Camillo und Peppone retten!
Soweit die Füße tragen, schleppt sich der brave Soldat Schweijk mit letzter Kraft in das Boot, um ans rettende Ufer zu gelangen.
Ansonsten: Im Westen nichts Neues!"
(Dieser Kurz-Krimi besteht aus 78 Filmtiteln ...)

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.