NRW Literatur im Netz

Birgit Biehl - Arbeitsproben

SCHWARZE LAVA, MEIN STEIN

Wenn es nur einmal gelänge,
den Auswurf überhitzten Hirns
so zu lenken,
dass die Kühle des nächtlichen Himmels
ihm Form gebe
und kristallene Klarheit leuchten lasse,
was das Leben ihm eingab -

So würden Grate und Spalten,
Spitzen und Sporne
leicht und tönend im Wind
Zeugnis ablegen.

So aber zerrinnt
zu Sand,
was feige mied
den Kampf.

Aus: ReiseLese/LeseReise - Wüsten, überall

MELONE I

Im lauten Geschnatter des Markttreibens, zwischen den großen Gesten der buntgekleideten Frauen, die zum Kauf einladen, den Gebärden, die den Vorübergehenden Stücke der reifen Früchte anbieten, fällt die abseits am Boden hockende Frau mit den um den Körper geschlungenen Stoffresten auf, ein dunkler Fleck stiller Trauer. Die Weiße hat ein großes Stück Melone gekauft, kann dem Drang nicht widerstehen, sich zu der Gestalt zwischen den Gemüseabfällen in den Sand zu knien.
"Was ist mit dir?", fragt sie die Frau in der Verkehrssprache des Landes. Die Frau hebt den Kopf aus der geöffneten Hand, schaut die Weiße an: sie ist noch jung, die Weiße erkennt den Gesichtsschmuck der Songhay-Frauen. In einer Sprache, die die Weiße nicht versteht, murmelt die Frau einige Worte. Die Weiße bricht das Melonenstück in zwei Teile und legt eines vor die Frau auf den Boden. Die Frau sieht der Weißen ins Gesicht, spricht langsam, mit brechender Stimme, ohne Tränen, spricht ohne Unterbrechung, stützt den Kopf wieder in die Hand, spricht immer weiter, stockend jetzt, immer leiser. Die Weiße erträgt es nicht, kann nicht anders, schließt ihre Arme um die Schultern der Frau, zieht sie zu sich heran, hält sie fest im Arm. Die Frau flüstert nun, ohne Tränen, ohne Aufbegehren, tonlos

nichts versteht die Weiße
lange verharren sie wie ein Körper
alles versteht die Weiße

Aus: ReiseLese/LeseReise - Wüsten, überall

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