NRW Literatur im Netz

Renate Schmidt-V. - Arbeitsproben

RADIOMELDUNG

Kraniche kommen zurück
untrügliche Zeichen
kommen zurück auf diese Erde

Wenn aber die Nachricht
ausbleibt ein Jahr
wenn uns der Frühling vergisst
wenn sich die Bäume verwehren
und die Sonne nur schwer
über den leeren Himmel geht

Wer ruft uns dann
im Namen des Kranichs

IN DER ZEIT

Selbst die gewaltigen Sterne
sind Fahrende

Vor uns hebt sich das Licht
Unsere Schatten schwinden
von Lidschlag zu Lidschlag
über dem Schnee

die winzigen Blüten
der Wiederkehr
wachsen im Eiswind
werweißwo

Und der Feuervogel in uns
der der das Sterben nie lernt
steht auf
aus der Flugasche der Zeit
und singt

singt uns ins Leben

SOMMERHAUS

Wie wenig
man wirklich braucht:
Zwei Zimmer
ein winziges Fenster zum Meer

den schmalen Saum
rundlicher Steine
die mit sanfter Geduld
von der Erde reden

Davor
wild und verspielt die Wiese
mit der verwehten Spur
unsrer Schritte darin

Eine flüchtige Vogelkontur

Für den Wind
das Baumwolltuch
über der Schulter

und den einen Gedanken
dass zu Hause
sich einer
deiner erinnert

Aus: Im Namen des Kranichs.

DOPPELHERZ

Früh im Jahr war ich mein Herz leid.
Ich warf es
- keiner hat’s gesehn -
in den Haselnussstrauch.
Da muss es sich ausgeteilt haben in all den Zweigen.
Der Sommer kam, brannte heiß die Tücher über uns;
wir warfen die Tücher weg, verkrochen uns bloß unter den schrägen Schatten der Häuser. Ich lief in laubdunklen Wäldern umher und hörte sie ächzen unter der Sonne;
doch herzlos heiter pfiff ich gegen den Wind.
Jetzt
ist es September. Der Regen redet wieder mit der Erde und dem Asphalt, atemlos, nach langer Entfremdung. Den Bäumen macht er böse Geschichten. Da stehst du plötzlich auf am Haselnussstrauch, brichst mit den Lippen die Schalen der Nüsse.
- Was tust du denn, sage ich dir, deine Lippen sind ja schon blutig. Das Hartholz ist nichts für deinen dünnhäutigen Mund.
- So viele taube, sagst du, spuckst den Staub zurück auf die Erde.
- Auf einmal hast du es in der Hand;
ich erkenn es sofort,
mein Frühjahrsherz:
klein und noch grün, zu früh aus der Schale geschlagen mit deinen Lippen; zuckend wie Wünschelruten liegt es in deiner Hand.
Du merkst es nicht.
- Bitter, sagst du, als du es dir auf die Zunge legst und es zerdrückst, aber du spuckst es nicht aus und nimmst es.
Dann schlägst du dir mit der Faust auf die Brust mit furchtoffenen Augen:
- Als wären zwei Herzen gewachsen in meiner Brust, sagst du, so hüpft es da drinnen.
Ich sehe an dir vorbei und pfeife - herzlos heiter gegen den Wind.
Ich schleiche dir nach, will sehn, was du tust mit dem Doppelherz.
Du sammelst die Vögel auf, die mit dem Herbstlaub aus den Bäumen fallen, begräbst sie tief in der Erde; dabei weht dir der Kummeratem vom Mund. Die Leute lachen, schütteln den Kopf, und hinter dir lacht jemand dich aus. Du gehst zu den Männern, die unter den Brücken schlafen, gibst deine Mäntel weg, Beeren, die du mit krummem Rücken gesammelt, webst ihnen helle Netze für ihre bodenlosen Nächte.
Ich hocke im Busch und verlach dich.
Du verschenkst dein Haus mit dem Schindeldach, tröstest die traurigen Könige, und in den Wüsten teilst du dein Brot.
Wie froh ich bin, dass ich mein Herz in den Haselstrauch warf.
Zweimal wirst du den Herztod sterben:
Deinen und meinen.
Die Monitore zerspringen mit leisem Geklirr. Unberechnet sind sie fürs Doppelherz. Die Ärzte verlieren Kopf und den Kragen, schlagen die Hände:
- Wie hat so ein Mensch denn noch leben können, sagen sie, ohne Rat.
Noch in der selben Stunde gehe ich
all die Jahrtausende wieder zurück ins Meer zu den Amöben - sie sind unsterblich und haben
- wie ich -
kein Herz.

Aus: Das Steinkind.

DIE BESUCHER

Sie kamen wie Hitchcocks Vögel.
Nicht, dass sie mir Türen und Fenster zerhackt hätten, das nicht; sie kamen ordnungsgemäß durch die Tür, klopften vorher an, ich öffnete ihnen und ließ sie ein.
Bei den ersten dreien war ich verwundert. Sie kamen in Schwarz. Die schwarzen Gehrockflügel schlugen leicht, wenn sie gingen, wie Wäschestücke im Wind. Sie setzten sich auf die Polster, ich fragte sie, was sie wollten, doch sie antworteten nicht, wiesen mit knöchernen Fingern zur Tür. Da kamen die nächsten, in Schwarz, alle in Schwarz mit flatternden Rockschößen, besetzten die Stühle, die Tische sogar, hockten sich auf den Boden, bis mein Zimmer dunkel war von ihnen.
Meine Verwunderung wandelte sich in Furcht. Was sie wollten, fragte ich wieder, aber sie schwiegen und zeigten auf die, die noch kamen. Ich stand, aufrecht, erstarrt an Körper und Herz.
- Mein Zimmer ist zu klein für so viele, rief ich, aber ihre Gesichter, bleich, verschlossen bis in die Lippen, rührten sich nicht.
- Aber was wollt ihr denn alle, rief ich, und es klang schon leiser, weil all das Schwarz die Töne schluckte. Und die Luft war schwer von so viel Atem, und das Hereinkommen hatte noch immer kein Ende.
- Warum denn alle zu mir, flüsterte ich, denn ich hoffte nicht mehr auf Antwort. Da schloss der letzte die Tür. Es gab tatsächlich einen, der der Letzte war.
Und ihn sehen jetzt alle an, wie Spieler, die ihr Stichwort nicht kennen und es von ihm erwarten.
- Was wollt ihr denn alle, frage ich noch und sehe auch den letzten an, und der, endlich, der macht den farblosen Mund auf und sagt:
- Wir haben den alten Mann begraben.
- Welchen alten Mann, frage ich, ich kenne keinen alten Mann.
Der Sprechende rollt nur die Augen zu einem Blick in vorstellbare Höhe, doch ich versteh ihn nicht.
- Und was wollt ihr von mir, alle, ausgerechnet von mir?
- Reuessen, sagt er, nach jedem Begräbnis gibt es Reuessen.
- Reuessen, sage ich, was ist das, und werde etwas mutig, weil er wenigstens redet.
- Aber warum ausgerechnet bei mir. Sieh dir das an, sage ich und sehe in das schwarze Knäuel; bis in die Regale haben sie sich verkrochen, meine Bücher rausgeworfen und reingekrochen,
- wie wollt ihr hier essen.
- Wir brauchen nicht viel, sagt er, Brot und Salz, bring uns nur Brot und Salz. - Aber ich habe nur ein paar Schnitten, sage ich, es reichte gerade für drei.
- Dann back es, sagt er, und ich spüre ihre Blicke hinter mir wie Schnabelhiebe.
- Warum gerade bei mir?
- Weil du es tun wirst, sagt er. In meinem Kopf beginnt es, sich böse zu drehn.
Was habe ich denn mit denen zu schaffen, die einen alten Mann begraben hatten. Ich will nicht verantwortlich sein für sie und ihr Essen.
Und doch beginne ich, nach Mehl und Salz zu rennen, um ihnen Brote zu backen; denn wenn sie satt sind, wollen sie gehn, sagt der Sprecher, und ich will sie doch lossein.
Ich denke, das schaff ich, ich mache sie satt mit Brot und Salz, und dann bin ich sie los.
Aber ich habe nicht mit ihrem Hunger gerechnet. Sie murren schon, als ich den Teig knete; der klebt schlimm an den Fingern; natürlich, immer ist das so, wenn es schnell gehn soll. Ich weiß auch, diesen Teig dürfte ich nicht mit den Fingern kneten. Mit den Handballen tut man das, mit der Faust; aber ich weiß auch, wenn ich eine Faust machte, sie könnten es missverstehn. Also lasse ich den Teig kleben an offenen Händen, zäh, streu Mehl über, knete.
Die ersten fünf Brote sind jetzt im Ofen. Es wird nicht genug sein; nochmal kneten, und wieder macht der Teig mit mir, was er will, nicht umgekehrt. Nein, sie schimpfen nicht, sie reden auch nicht, sie sitzen und stehen und starren mich an und warten auf meine Brote.
Und dann weiß ich, warum sie so still sind:
Sie lesen in meinen Gedanken; sie zerstoßen meinen Kopf wie vernagelte Fenster und Türen; darum sind sie wie Hitchcocks Vögel.
Meine Gedanken, wie böse die sind, voll von ohnmächtigem Zorn, dass sie alle ausgerechnet zu mir kamen und mich nicht alleine ließen in meinem Zimmer. Ich merke, wie sie sich meine Gedanken zuwerfen wie Pingpongbälle, bis ich Angst habe, neue zu denken.
Alles hätte ich ihnen allmählich verzeihen können: ihr ungebetenes Hereinkommen, ihre Belagerung, dass sie meine Bücher aus den Regalen warfen, dass sie von mir Brot und Salz erwarten. Aber dass sie mir meine Gedanken bloßlegen, die noch nie so böse waren, die sie sich jetzt zuwerfen mit Blicken und verteilen mit Blicken, dass sie mir meine schönen Kopfbilder verhindern, meine Geschichten, die beginnen wollten, ablesen, zerstückeln und weiterreichen, das werde ich ihnen nie verzeihen. Das ist Lebenszeit, die sie mir wegnehmen, einmal für immer.
Die ersten Brote sind fertig. Sie duften durchs Zimmer, die Laiber sind feucht und dampfen, als ich sie heiß zerbreche. Ich teile sie aus, und die schwarzen Vögel flattern mit den Rockschößen, greifen mit knöchernen Fingern das Brot und schnaufen, und jetzt kriegen sie auch ihren Mund auf. Die fünf Brote sind verteilt - und es sind erst wenige Esser bedient. Die nächsten Teigrücken in den Ofen und wieder geknetet. Da geht das Mehl aus; und ich renne nach Mehl, denn ich will sie doch lossein. So steh ich und backe, knet’ und teil’ aus, den kommenden Tag und die kommende Nacht und wieder den kommenden Tag. Ich dräng mich durch sie bis nach hinten mit meinen zerbrochenen Broten und wieder zurück zum Tisch.
Wenn mir die Beine wegknicken wollen, drückt einer mir gegen die Knie; fallen die Augen mir zu, kommt einer mit knöchernen Fingern, hebt mir die Lider.
So helfen sie mir gegen das große Müdesein.
Nein, wirklich, sie sind gar nicht böse und warten jetzt voller Geduld. Sie sehn ja, wie ich mich mühe und knete und backe und teile aus; und immer noch greifen die Hände nach Brot, bis der Sprechende : Danke! sagt.
Meine Beine halten nicht länger, die Finger und Arme rasen im Schmerz, die Lider wölben sich über. Vielstimmiges Flügelschlagen hinter mir. Hilft mir denn keiner stehn?
Ich weiß nicht, hab ich geschlafen, geträumt auf der Erde? Ich schrecke hoch und sehe mich um: Das Zimmer ist hell von neuer Sonne, überall liegen die Bücher verstreut auf dem Boden, die Regale sind leer und die Polster, die Stühle. Der Teppich hat viele schwarze Striche von vielen schwarzen Schuhen, und Krumen sind da wie Streu auf dem Boden. Der Ofen ist warm; ein letztes Brot duftet, die Tür ist verschlossen, und meine Gedanken beginnen so leicht wie der Atem alleine.

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