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Iris Schmidt - Arbeitsproben

STINTJE

Eines Tages geschah es, daß Stintje beim Abendbrot mit dem Ellenbogenarm von der Tischplatte rutschte, auf dessen Faust sich der Kiefer stützte, und unachtsam mit dem Kinn auf die Kante schlug, schlug fest, daß er weit den Mund aufsperrte, Luft schluckte, großmäulig gleich einem verendenden Fisch.
Jetzt brauste der Schmerz durch seinen Schädel, sprudelte, blähte sich, derart heftig, daß er bis auf`s Sofa kroch, sich dort niederstreckte. Das Lampenlicht brannte ihm bald fiebrig ins Gehirn und er spürte, wie es dort zu schmelzen begann, weich wurde, wabbelig. Das Licht brannte Löcher hinein, das Hirn wurde schwammig. Das Licht versengte die Kopfschwarte, das Haar, das Hirn, so daß ein Schädelloch übrigblieb. Stintje holte Nadel und Faden und stopfte es geschickt durch feine Stiche gleich einem kaputten Socken. Ihm fiel ein, wie gefährlich so ein löchriger Kopf doch sein konnte, er konnte sich Zugluft einfangen, er konnte sich eine böse Erkältung holen. "Setz dei Mütz auf!" hatte die Mutter ihm zugerufen, wenn er in den Schnee wollte. "Halt dir dei Kopp warm!" hatte sie hinzugefügt.
Stintje nahm ein Kissen und stülpte es sich über, aber er begann schon zu niesen. "Gesundheit!" rief er da. "Bleib gesund lieber Mann!" Und er setzte sich zurück auf das Sofa, um sich auszuruhen. "Hatschi! Hatschi!" das wollte gar nicht mehr aufhören, schon war ihm ganz schwindelig davon. Die Hände preßte sich Stintje gegen die Ohren. "Hatschi! Hatschi!" Jetzt hielt er die Luft an. Aber er hatte nicht aufgepaßt und bereits war ihm vom Licht ein neues Loch gebrannt. Es zischte die Luft aus der Bauchhöhle, zischte, wie ein Fahrradventil und Stintje hielt seine Hand darauf, um das Loch in seinem Bauch zu schließen. Das Licht brannte hindurch und fraß ein kugelrundes Loch in den Handteller, kugelrund, gleichsam ausgestanzt und er hob die Flosse in die Luft, blinzelte mit dem Auge hindurch.
Alles nähte er zu, flickte, stopfte sich die Löcher. Doch sobald er eines davon vernäht hatte, brach an anderer Stelle ein neues auf. Manche Löcher gingen glatt hindurch, andere blieben mitten im Körper stecken. Er kam schon nicht mehr nach mit dem Stopfen, auch verloren Haut und Knochen allmählich ihre Stützfunktion und er knickte weg bei jedem Schritt, der Kopf hing ihm schief zur Seite, die Finger griffen und griffen ins Leere. "Ein Flickenpüppchen bin ich jetzt," flüsterte er und legte sich augenblicklich lang auf den Teppich, lag dort die ganze Nacht, lag dort und konnte sich nicht rühren, bis man ihm irgendwann zur Hilfe kam. Da schauten seine Augen starr ins Leere, seine himmelblauen Augen. Kulleraugen im Flickenpüppchenkopf. Da stachen sie ihn mit Nadeln, die jedoch nicht fein waren wie Stopfnadeln, eher lang und dick wie Stricknadeln.
Da hängten sie ihn an Schnüre, Schnüre an seinen Armen, die keine Flickschnüre waren, auch keine Schnüre, wie sie eine Marionette hat, nein, denn seine Glieder lagen noch immer steif dort auf dem Teppich und ließen sich nicht rühren. Da streichelte man ihm über die Wange, die ganz fühllos war. Da brannte man ihm hell in die Augen, in die hübschen runden himmelblauen Kulleraugen, so daß Stintje zu schreien begann, weil er nicht wollte, daß ihm ein Loch dort entstand. Aber schreien, schreien konnte er ja gar nicht, denn Stintje war keine Schreipuppe, er war eine stumme, kulleräugige Flickenpuppe. Da trug man seinen Flickenkörper aus dem Haus, wo schon der Lumpenwagen stand, um das Lumpenkerlchen fortzuschaffen.

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