NRW Literatur im Netz

Dieter Pflanz - Arbeitsproben

Aus: SCHÜCHTERNE MENSCHEN

Der Junge ruderte mit Kraft. Ob er in die richtige Richtung fuhr, wussten sie nicht. Er behauptete, es sei die richtige, er habe sich Inseln und Buchten gemerkt, ihr kamen die Umrisse alle gleich vor. Er machte eine Verschnaufpause, hing vornrüber auf den Riemenhölzern. "Du bist gut - ", sagte er dann plötzlich.
"Was meinst du?"
"Vorhin das...echt gut. Auf so was wär meine Mutter nie gekommen. Das mit dem Nebel." Er hatte die ganze Zeit über sie nachgedacht.
Sie schreibe ab und zu Krimis. Sie lachte. Nein -: im Moor Dunst gesehen, den sie sich nicht habe erklären können. Sie denke viel nach über Dinge, denen sie begegne. Manchmal sehr lange. Auch über Menschen. Ja, sagte er. Sie überlegte, schwieg. "Ich wäre gerne Physikerin geworden - ", sagte sie dann zögernd. Sie starrte ins Dunkel, sah nichts. "Ich glaube, ich wäre gerne Physikerin geworden", sagte sie noch einmal, bestimmter, lebhaft. "In letzter Zeit denke ich häufig, dass ich gerne Physikerin geworden wäre. Weiß nicht."
Er saß bewegungslos, sah sie an. Sein Kopf bewegungslos gegen den zuckenden Himmel. Sie hob die Schultern, legte die Hände zusammen. Die Spitzen der Zeigefinger berührten ihre Lippen. "Ich glaube, ich hätte gerne in einem Team gearbeitet. Extrem nachdenken: und mit anderen zusammen." Jetzt solle er aber weiterfahren, sonst würden sie noch vom Blitz erschlagen. Trotz aller Physik. Oder wegen.
"Nä...interessiert mich", sagte er, blieb nach vorn gebeugt sitzen.
"Weiß nicht - . Auf jeden Fall habe ich in letzter Zeit häufig darüber nachgedacht. Still sitzen und scharf nachdenken: über die Dinge, die Erscheinungen. Und das mit anderen zusammen. Müsste wirklich großartig sein. - In die gleiche Richtung, verstehst du? Mit anderen zusammen in die gleiche Richtung denken!"
"Warst du gut in Physik? In Mathe?"
Wisse sie nicht... nicht besonders, glaube sie. Die Dinge, Erscheinungen hätten sie immer interessiert, alle, doch in der Schule, in diesen Fächern, nicht besonders gut gewesen, glaube sie. Aber auch nicht schlecht. Jetzt müssten sie aber wirklich weiter.
Gleich -, sagte er.
Sie wisse nicht, ob sie für ein solches naturwissenschaftliches Studium begabt gewesen wäre. Sie wisse nur, dass sie sich gerne extrem angestrengt hätte. In ihrem Denken. Das hätte sie glücklich gemacht.
"Bist du unglücklich?"
"Nein...glaube ich nicht. Nicht sehr. Selten." Sie schwieg. "Heute zum Beispiel war ich sehr glücklich. Den ganzen Tag."
"Ich auch", sagte der Junge.
"Weißt du, was mich heute richtig glücklich gemacht hat? - Dass ich das Haus von deiner Mutter übernommen habe." Sie lachte. "War totaler Irrsinn, weil ich es mir absolut nicht leisten kann - doch das hat mich glücklich gemacht."
"Ja -", sagte er
Sie lachte. "Das hat mich heute glücklich gemacht: das Schwimmen, das Haus, das Moor, der Hecht. Irre, nicht?"
"Nein", sagte er.
"Also: deine Frage ob unglücklich? - Manchmal ja, manchmal nein, meistens nein. Heute glücklich. Und jetzt fahr weiter! Oder soll ich?"
Er ruderte, zog kräftig durch, um vorwärtszukommen. Der Himmel hinter seinem Kopf von Blitzen erleuchtet, das Donnern immer noch entfernt.
Einige Minuten nachdem Karen gedacht hatte, das Gewitter ziehe an ihnen vorbei, es auch gesagt hatte, begann der Regen. Nicht einzelne Tropfen, keine Windböen vorweg - plötzlich war er da. Es prasselte, goss. Das Wasser platzte ins Boot, auf den See, schlug Blasen, Schaum, quirlte die Oberfläche. Bevor sie Regenzeug übergestreift hatten, waren sie bis auf die Haut nass. sie schrien. Alexander riss das Boot zu einer nahen Insel herum, die Bäume hatte. Die Insel felsig, mit Erlenbüschen und überhängenden Bäumen. Als sie sie erreicht hatten, war der Regen durch die Bäume hindurch. Das Wasser am Ufer mit abgeschlagenem Laub bedeckt: kleinen gelben Birkenblättern, grünen, Kiefernnadeln, Zweigen, Fruchtständen der Erlen. Nach kurzer Zeit war auch das Boot bedeckt. Geruch von feuchter Erde, moderndem Holz, nassen Kräutern.
Sie hatten das Boot ein Stück aufs Ufer gezogen und an eine Birke gebunden, saßen auf dem Holzkasten im Bug. Etwas eng, doch sie passten gerade nebeneinader, der Bordrand gab Halt zum Anlehnen. Der Junge hatte über sie, die Bootsspitze den Regenumhang geworfen: nach hinten lief das Wasser in den See, nach vorn auf Knie, Oberschenkel.
“Der Umhang hat’n Buckel. Für Rucksäcke. Wenn ich den aufknöpfe, passen wir beide vielleicht ganz drunter.“
“Ich kann noch nicht bei dir im Buckel sitzen-“, lacht sie. Er knöpfte mit nach oben verbogenen Armen die Halteschlaufen auf. Der Umhang wurde tatsächlich weiter, so dass sie ihn über die Knie ziehen konnten. „Hast du gut gemacht“, sagte sie.
“Jetzt noch Feuer“, sagte er.
Vielleicht schlage gleich der Blitz ins Boot...dann brauchten sie keins mehr.
Dass Gewitter war ständig näher gekommen. Es regnete, blitzte, donnerte – die Windböen in den Bäumen, das Fallen des Laubs, der Zweige. Der Junge zählte laut und langsam, dann war der Donner da. „Noch dreihundert Meter!“
Sie presste die Ellbogen an den Körper. „So’n Kugelblitz im Boot würd’ uns gut tun -.“
Sie solle aufhören damit.
“Die sollen immer wie son’n Kreisel drehen. Was meinst du, wieviel Watt der hat-? Wie so’n Heizstrahler?“
“Gibt’s die überhaupt?“ sagte er.
In ihrer Kindheit, früher auf dem Dorf, sei viel von Kugelblitzen erzählt worden. Und es habe auch stets welche gegeben, die sie schon erlebt. Irgendein Opa von der Freundin einer Freundin. Wenn sie sich recht erinnere, kämen die immer durch Löcher und Spalten: unter Türen durch, durchs Schlüsselloch. Besonders aber durch Schornsteine. „Wenn ich du wäre, würde ich die Halsöffnung oben am Umhang richtig zuknöpfen“, sagte sie.
Der Junge wollte etwas sagen, in dem Moment Blitzeinschlag in den Bäumen hinter ihnen. Feuerschein und Krachen gleichzeitig: Bersten, zischen, dann das Stürzen eines Baumes, schweren Astes. Sie hatten Schreckenslaute ausgestoßen, sich geduckt, fassten sich an die Hände. „Ganz nah“, flüsterte der Junge.
"Fünfzig, dreißig Meter", sagte sie ebenso leise.
Er rieche Rauch -! Es roch tatsächlich. Irgendwie nach Schwefel. „Das soll Ozon sein. Durch die hohen Temperaturen. Unheimlich, nicht?“
“Ja...wenn es auch nur Physik ist“, sate sie. „Kann man gut nachempfinden, dass die früher bei Gewittern gebetet haben.“
“Glaubst du an Gott?“
“Nein.“
"Ich auch nicht", sagte er.
Starker Regen, doch das Gewitter war weitergezogen, die Blitze nicht mehr ganz so nah. Wenn sie den Blitzschein sah, zählte sie still vor sich hin, bis sie den Donner hörte.
„Has’ du nie darn geglaubt-?“ sagte er plötzlich.
“An was?“
„Nie an Gott-?“
Sie überlegte, hob langsam die Schultern. Nein..sie glaube nicht. Sie sei zwar konfimiert worden, aber mit zwanzig aus der Kirche ausgetreten. Etwa mit zwanzig, als Studentin. Als sie ganz klein gewesen, habe ihre Mutter mit ihr gebetet – Müde bin ich, geh zur Ruh und so weiter -, doch sie meine, schon damals nicht daran geglaubt zu haben. „Da war Zweifel. Auf jeden Fall starker Widerstand. Beten war mir ausgesprochen lästig, schon mit fünf, glaube ich. Warum, weiß ich nicht. Wäre eben gerne Physikerin geworden -“, sagte sie lächelnd.

DAS VERRÜCKTE FÜNFZEHNTE JAHR, MONTIERT IN BRIEFEN

Ein Schriftsteller erfährt, dass die Julia aus dem Kinder-Literaturclub mit Magersucht im Krankenhaus liegt, schreibt ihr einen Brief: lustig, etwas spöttisch, ironisch. Und das Mädchen antwortet in gleicher Art.

Sie schreiben sich Briefe, sprechen über Leben, schwieriges Jungsein, Liebe, Bekannte, Krankheiten, Freunde, Tiere, die Schule. Zu Julias 15. Geburtstag montiert er als Geschenk all die ausgetauschten Briefe im Computer zu einem Buch. Um ihr zu helfen, sich klar zu werden, was im vergangenen Jahr in ihrem jungen Leben alles abgelaufen ist.

Eine wahre Geschichte aus Briefen wie sie so tatsächlich über Monate entstanden ist durch: Julia Bonnemeier und Dieter Pflanz.

Auszug/Die ersten beiden Briefe:

Ohne Namen - kein Absender

Fräulein
Julia Bonnemeier
Kinderklinik auf der Bult/Station 16
Janusz-Korczak-Allee 12
30173 Hannover

*

22. Oktober

Liebe Julia,

wenn Du mich auch nicht mehr kennst, hätte ich Dich doch letzten Montag fast besucht. Hatte mich schon von meinem Hund verabschiedet, der sonst gewöhnt ist, nachmittags lange ausgeführt zu werden - war mit ihm nur kurz auf die Ödenegge gegangen: "Komm, mach schnell, muß weg!" Schnell sollte er machen bei dem, was Hunde so alles machen müssen: an Ecken riechen, Böschungen auf Mäuse inspizieren, pinkeln. Und als ich dann hastig nach Hause zurückkam, lag da ein Zettel: HANNOVER GEHT HEUTE NICHT! ANDER MAL!
Den Telefonanruf hatte meine Frau angenommen, während ich mit dem Hund unterwegs war. Er kam von der Frau Krämer. Sie war es auch gewesen, die gefragt hatte, ob ich nicht mit nach Hannover fahren wolle, die Julia besuchen.
Julia -? Die kennt mich nicht, ich kenn sie nicht. Oder kaum. Was sollen sich Typen besuchen, die sich kaum kennen? Gibt nur verlegenes Schweigen, wenigstens unter Menschen. Tiere sind da klüger, z.B. Hunde: fangen an zu schnuppern - laufen danach weg oder lecken oder springen auf den Schoß. Oder beißen.
Das ging mir so durch den Kopf, als die Frau Krämer am Telefon fragte. So meine Gefühlslage. Und dann schoß's durchs Gehirn, daß ich die Julia eigentlich doch ganz gut kenne. So'n bißchen gut wenigstens.
Einmal ist es ein schöner Name - find ich wenigstens. Einer der schönsten Mädchen-, Frauennamen. Mein Vorurteil, literarisches: Romeo und Julia. Eine der schönsten Mädchengestalten der Literatur, die je geschaffen worden ist! Is' so. Julia: literarischer Typ, der was mit Kindheit, Jugend, Liebe, Erwachsenwerden, Leben zu tun hat.
Gut, prima. Beim Namen Julia sieht man hin! Alles literarische Vorurteile -. Man kennt ja Julia, seit langem, und sieht bei tatsächlichen Julias hin, ob sie dem entsprechen, was man sich unter 'Julia' vorgestellt hat.
Meistens schlimme Enttäuschung -. Frauen wird es wahrscheinlich genauso gehen, wenn sie auf einen 'Alexander'(den Großen) treffen, der ein bißchen arg mickrig geraten ist. Oder einen Liebhaber-Namenstyp (wobei mir im Moment kein literarischer einfällt. Höchstens der Tom (Sawyer), der später eigentlich ein brauchbarer hätte geworden sein können. Oder der Clark, Gable, der alte, aus dem Film, als Red Butler in VOM WINDE VERWEHT.
Meistens ganz schlimme Enttäuschung - bei Dir aber nicht. Als ich Dich zum ersten Mal sah, hab ich gedacht: Mensch, die paßt! Endlich mal 'ne Typin, die zu 'Julia' paßt!
Echt wahr. Am Nachmittag im letzten Dezember, bei der literarischen Preisverleihung in der Jugendkunstschule.
Und dann hörte ich noch zu, wie der Bonnemeier-Typ mit dem andren Bonnemeier-Typ sprach, der Cousine: Sie mache sich wieder klein - "ach, ich kleineskleines braves Kind". - Echt gut: ironisch, spöttisch, mit Humor. Und lieb! Mit Kopf! Richtig schön souverain -.
Wenn man selbst so'n komisches Hirn hat, achtet man bei anderen auf solche Sätze.
Doch irgendwie hattest Du auch vorher schon Eindruck auf mich gemacht - literarischen. Als ich noch gar nicht wußte, daß sich hinterm Text 'ne Julia verbarg. Bekannt war nur '13 Jahre' - doch daß es ein She-Typ war, wurde aus den Wörtern klar.
Ich meine Dein Froschgedicht. Hat mir richtig gut gefallen. Ich fand diesen Text - und den der Kleinen vom Kinderarzt, den mit den Mathe-Monstern - am besten. Meiner Ansicht nach waren das die reifsten Texte: weil sie von den eigenen Gefühlen handelten. So was heißt für mich wirkliches Schreiben: sich schreibend zu bewegen in der Welt eigener Gefühle, die ja oft sehr verwirrend, bedrückend sein können. - Die anderen Texte waren fast alle angelesenes Zeugs: Leben aus zweiter Hand. Nicht schlecht, nicht gut - nur wenig.
Leider bin ich mit meinem persönlichen Urteil bei der Jury nicht durchgedrungen. Na ja -.
Du weißt immer noch nicht, wer ich bin? Prima. - Doch Dein Text hatte mir gefallen, besonders die ironische Volte zum Schluß: das Neben-sich-Treten, Sich-selbst-Zusehen. In den eigenen Gefühlen. Das hatte Witz, Souverainität.
Gut, also. Also: Weil Du schon all die lange Zeit dollen Eindruck auf mich gemacht hattest, deshalb habe ich gleich zugesagt, als die Frau Krämer mich am Telefon fragte. Weißt Du jetzt, wer ich bin? Befehl zum Computer: ^KR HE: Dieter Pflanz (HE steht für 'head', Überschrift/Absender).
Will man Dich mal besuchen - und dann darf man nicht! Irgendwie frustrierend. AUF DER BULT scheint ein richtiges Dornröschenschloß zu sein.
Also, Prinzessin - Julia in den Dornen! She-Souverain, She-Spötter. Fühl Dich da gut in den Dornen, genieß die Zeit jenseits von Schule und anderen festgenagelten Rahmen! Kinderrahmen...Mädchenrahmen...Bilderrahmen...
Wenn ich mich richtig erinnere, war das in dem Alter damals wichtig, sich ab und zu mal in Dornenhecken zu verschanzen.
Und sei nicht zu streng mit Dir selbst, Souverain! Sich selbst muß man oder frau irgendwie immer ein bißchen lieb haben -. Natürlich mit Lächeln: mit etwas Spott, Ironie, viel Humor. - Das gehört wohl zu den guten Kochrezepten des gar nicht so schrecklichen Großwerdens. Julia in den Dornen!

Herzliche Grüße
Dein
Dieter Pflanz

* * *

Auf dem Briefumschlag, Absender: Dornröschen, Schloß 'In den Dornen'

25. Oktober

Lieber Herr Pflanz!

Als ich Ihren Brief erhielt, war ich natürlich zuerst recht verdutzt, wollte mir aber nicht die Spannung verderben, indem ich auf den letzten Teil des Briefes nach dem Absender geschaut hätte. Aber je mehr ich las, desto höher stieg meine Spannung. - Endlich 'mal jemand, der nicht so'n blöden, langweiligen Kram schreibt - wie Hallo, wie geht's, ich hoffe, Dir ist schon viel besser... -, sondern 'mal 'n anderes Thema anschneidet.
Als ich dann weiterlas und zum Wettbewerb kam, schlich sich so eine vage Vermutung in meinen Hinterkopf. Aber gucken, ob's auch stimmte, nein, das wollte ich nicht. Auch brachte mich der Brief etwas in Verlegenheit. Noch niemand hat solche angenehm netten Sachen über mich an mich geschrieben, kaum jemand gesagt. Und der/die jenige, der/die mich zuerst kaum zu kennen glaubt(e), schreibt gleich so viel. Und dann, nachdem ich den Namen des Absenders las (die Vermutung von mir war richtig gewesen), war ich trotzdem recht 'baff'. Warum? Weil, ich habe in letzter Zeit ziemlich oft an Sie gedacht; warum, weiß ich nicht, ehrlich. Vielleicht war das so'ne Art Telepartie (ich hoffe, es ist richtig geschrieben), wer weiß?
Die Idee, mich in 'Dornröschens' Haut zu stecken, fand ich ganz prima, auch gut überlegt. Verzaubert, von irgendeiner Krankheit, liege ich hier im 'Dornröschenschloß' und warte, bis ich erlöst werde. Erlöst, von wem? Von der Krankheit, vom 'Besuchsverbot' oder vom Leben? - Streichen wir das 'Erlöst'. - Sagen wir lieber, bis die Dornen sich öffnen. - Nur das mit dem Wachküssen ist nicht so toll. Da muß ich mich überraschen lassen, wer der Märchenprinz ist...
Im Moment fühle ich mich aber auch noch gar nicht wie Dornröschen, bestimmt erst, wenn ich mich richtig eingelebt habe, bis die 'Spindel' aus meinem Finger gezogen ist. - Im Moment bin ich eher Rapunzel im Turm. Keiner kann rein, keiner raus. Nur durch meine Hilfe kann ich die böse Hexe überwinden, indem ich einen guten Prinz an meinen Haaren zu mir steigen lasse, damit er helfen kann. Der Prinz, das Leben, das Gute, das Heilmittel hängt an meinen Haaren, dem 'seidenen Faden'. Schneidet die Hexe die Haare (Faden) ab, dann... Bleiben wir beim Dornröschen. Gefällt mir besser, und da leiden meine Haare nicht dran!
Und nun 'mal zu Ihnen. Ich werde nun auch 'mal versuchen zu äußern, welchen Eindruck Sie auf mich gemacht haben/ machen. Zum Kennenlernen ist das ganz nützlich, finde ich, denn das trauen sich die meisten heute gar nicht, fürchten sich, etwas falsch auszudrücken, Sie schrieben selbst: sind verlegen usw. Gut. Ich bin kein Autor, denke nicht so intensiv über jeden Satz nach, wie Sie (in diesem Brief denke ich gar nicht erst, alles, was in mir ist, sprudelt aufs Papier, ungefiltert, unverfälscht, deshalb werde ich ja auch nicht noch einmal abschreiben, was nun schon da steht, damit nichts verfälscht wird), aber vielleicht ist das gerade gut, für Sie, in meinem Brief mehr über mich kennenzulernen. Ich versuch's einfach 'mal: Dieter, der Name sagt mir nicht viel ('nen Mädchen in meiner Klasse heißt so!), ich kann mir nicht viel darunter vorstellen. Der Name, fand und finde ich, erscheint, im Gegensatz zu einem Alexander (aus Ihrem Beispiel), der mit allem Pomp auf dem Blatt Papier der Mittelpunkt zu sein wünscht (so als Schwerpunkt des Satzes), eher zurückhaltend, im Hintergrund bleiben wollend, nicht mit auffälligen Verzierungen usw. Als ich Sie dann sah, paßte das auch. Ich finde, Auffälliges das haben Sie nicht an Ihrem Äußeren, im Gegenteil. Nachdem ich Sie das erste Mal gesehen hatte, konnte ich mich, nach ein paar Tagen, kaum noch erinnern, wie Sie aussahen, weil es nichts 'Außergewöhnliches' gab. Keine Warze, keine unnormale Kleidung usw. Aber man hat gleich gemerkt, daß Sie viel nachdenken. Vielleicht gelingt es Ihnen deswegen so gut, über Leute so genau und natürlich zu schreiben, weil keiner merkt, daß Sie auf jeden Satz, jede Geste achten, Sie die Leute vielleicht kaum bemerken. Das paßt noch genauer, denn alles, was ich bis jetzt von Ihnen gelesen habe, ist frei, natürlich, genau beobachtet. Ob es nun die Kraniche über der Weser, die Jungs beim Fischen (den Namen der Geschichte weiß ich nicht mehr) oder Micha mit seinen Problemen 'im Essen zu pantschen' ist. Das finde ich so fesselnd an Ihren Geschichten, Büchern; und 'eigene Gefühle', die merkt man doch auch deutlich. So, nun habe ich auch was über Sie dazugelernt, Sie kennengelernt, und das haben Sie mir beigebracht! Ohne viele Worte. Und viel Freude haben Sie mir gemacht, mit dem ganzen Brief, der nettste übrigens, den ich in dem ganzen Krankenhausaufenthalt bekommen hatte! So wie Sie mich zum Dornröschen gemacht haben, will ich Sie nun auch mit ins Märchen einbauen. Sie - ein Lehrmeister, ein Magier und Bote, der mir Mut macht durchzuhalten, mir klarmacht, daß Märchen gut enden? Mut macht zu leben? - Haben Sie nämlich! Ganz unbewußt. Mit der 'Dornröschenfantasie' Mut und etwas Glück gebracht. Das braucht man auch, in diesen Dornen, denn Dornen stechen auch oft, tun weh. Da braucht man auch Fantasie, Fantasie, um über die Dornen hinwegschauen zu können. Danke dafür! Ja! Sie sind die maskuline Form der 'guten Fee', die aus dem ewigen einen Hundertjährigen Schlaf gemacht hat, oder so...?!? Das könnte besser hinhauen. So kriegen wir noch die Personen zusammen!

So, fürs Erste, tschüß! Vielleicht schreibe ich noch 'mal. Und achten Sie bitte nicht so auf die Fehler!

Ihre Julia


PS: Als Mädchenname ist Dieta das genaue Gegenteil! Das springt ins Auge, stimmt's?

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