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Hans Schafgans - Arbeitsproben

Aus: DER LETZTE MANN VON PARIS

Am 25. Mai 2003 wurde über alle Sender der Vereinigten Staaten folgende Meldung verbreitet:
„In der Nacht wurden aus einem biochemischen Forschungsinstitut in Providence gentechnisch behandelte Viren entwedet. Da die Versuchsreihe dieses Forschungsprojektes erst begonnen hatte, kann man über Krankheiten, die diese Viren verursachen können, keine Aussagen machen. Es muss jedoch befürchtet werden, daß es bei Freisetzung der Viren zu einer epidemischen Infektion kommen könnte. Alle Ärzte und Kliniken sind aufgefordert, bei Verdacht auf eine unbestimmbare Krankheit sofort Isolationsmaßnahmen zu treffen und die amtlichen Gesundheitsbehörden zu informieren. Auch über die Diebe ist bisher nichts bekannt. Es ist nicht auszuschließen, daß sie in Kreisen des internationalen Terrorismus zu suchen sind.“
Die Virenkulturen wurden nicht wiedergefunden.
Trotz der Bedrohlichkeit des Vorfalls ließ nach einigen Wochen die Beunruhigung der Weltbevölkerung nach und die Sache wurde vergessen......
(...)
Oft wurde ich auch gefragt, ob es eines Tages neue Menschen gäbe. Ob diese dann wieder mit der Erfindung des Rades beginnen würden oder aber auf einer höheren, viel höheren Stufe.
Das war eine wichtige Frage, wöchentlich mindestens einmal: Ob nun die ganzen Erfahrungen der Menschen für die Katz gewesen seien, oder ob sie nicht, wie tiefgefroren, überwintern könnten, damit, wenn der neue Mensch wiederkäme, er den gefüllten Gefrierschrank voller Technik, Wissenschaft und Kunst vorfände: Herztransplantationen als Erste Hilfe, Atomspaltung zum Händewärmen in der Eiszeit, deneben Gemälde, Gedichte und Beethovens Neunte Symphonie.
Man fragte mich aus, weil ich als Geologe fürs Fragen dastand und dafür bezahlt wurde. Als ob ich nicht nur wissen müßte, was der Erdgeist kann, sondern als ob ich mit ihm in der Erdentiefe auf Du und Du stünde.
(...)
Nun sind sie da, die Regenschauer und Winde, die sich draussen auf dem Atlantik zum Winter versammelt haben. Der trügerische Herbsthimmel lächelt nicht mehr seine Bläue über Paris. Es wird frostig auf dem PÈRE LACHAISE.
Am Abend, als Sturm und Regen nachlassen, kommt mein altes Hunderudel auf den Friedhof. Und plötzlich taucht der grosse, wolfshafte Rüde vor mir auf, mein alter Freund, der mir einmal das Kaninchen gebracht hatte. Er sitzt völlig ruhig und sieht mich mit seinen schönen Augen an, die tief im Braun einen goldenen Schimmer haben. Der Blick ist gut, aber so ernst, dass es mich stumm macht. Ich will den Hund berühren, mit ihm sprechen, aber es gelingt mir nicht. Wir sitzen uns unbeweglich gegenüber.
Wie eine Traurigkeit, die weit hinter mir liegt, versammelt sich dieser Blick des Hundes in mir. Sie ist uralt, und ich weiss, dass es eine besondere Traurigkeit ist, die mir dieser alte Freund als Bote bringt. Abschied. Und der Hund legt den Kopf in den Nacken, stößt einen hohen Laut aus, nur ein einziges Mal, ein kurzes Heulwinseln, sieht mich noch einmal an und läuft schnell davon.
Es sind nicht mehr sehr viele Tage bis zum Frost.

(Der Anfang, aus der Mitte und das Ende des Romans)

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