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Sigrid Zeevaert - Arbeitsproben

JASPER UND SEINE DREI SCHWESTERN

ARMER JASPER

Manchmal wünscht sich Jasper weit weg. Dann wäre er gern am anderen Ende der Welt oder gleich auf einem anderen Planeten. Auf dem Mars oder irgendwo auf der Milchstraße. Nur nicht mehr hier. In der Krämerstraße 9, in der er wohnt, zusammen mit seinen drei Schwestern Lina, Marie und Sofie, die heute ihre Freundinnen zu Besuch haben. Jasper kennt das inzwischen. Wenn die sechs erst mal in Fahrt kommen, dann heißt es aufpassen. Und sich frühzeitig verziehen. Oder sich krank stellen. Oder am besten gleich tot.
Jasper drückt sich durch den Flur in die Küche, wirft einen Blick in den Kühlschrank, stibitzt ein Stück Salami aus der Wurstdose, weil nichts anderes da ist.
Wo ist nur Mama? Jasper seufzt. Es wäre ihm lieb, wenn sie langsam mal aufkreuzte. Denn irgend was liegt in der Luft, das merkt Jasper genau. Lina, Marie und Sofie rennen mit ihren drei Freundinnen zwischen Bad und ihrem Zimmer hin und her, flüstern und kichern, verschwinden im Schlafzimmer von Mama und Papa und rufen ihm zu: "Warte es nur ab, gleich holen wir dich!"
Jasper zieht eine Grimasse. Als wenn er sich von solchen Drohungen einschüchtern ließe! Pah! Abgesehen davon interessiert der ganze Weiberkram ihn sowieso nicht die Spur.
Jasper dreht sich um, läuft durch die Wohnung, läßt sich kurz auf dem Wohnzimmersofa nieder. Dass es ausgerechnet jetzt regnet, ist blöd. Zu blöd. Denn sonst hätte er sich einfach seine Turnschuhe geschnappt, wäre noch mal auf die Straße runter und hätte Flanken geübt. Aber so.
Jasper kaut auf seinen Fingernägeln. Es ist ungerecht. Seine drei Schwestern vergnügen sich mal wieder mit ihrem Besuch, rennen und flüstern und kichern dabei, nur er sitzt hier ganz allein. Weil er zufällig kein Mädchen ist sondern ein Junge. Was kann er denn dazu? Er hat sich das Ganze ja nicht ausgesucht, im Gegenteil. Oft genug hat er Mama und Papa schon davon zu überzeugen versucht, dass ein Bruder für ihn mehr als überfällig ist. Bei so vielen Schwestern und all ihrem Besuch.
Aber Mama und Papa scheinen das nicht einzusehen. Klar, trösten tun sie ihn schon. Sagen: "Ach, du armer Kerl, du hast es wirklich nicht leicht." Das ist aber auch alles. Wenn es darum geht, ihm wirklich zu helfen, sagen sie nein. Dabei würde er sogar die hintere Ecke von seinem Zimmer freiräumen und an seinen Bruder abtreten, wenn er nur einen hätte. Er würde ihm Gespenstergeschichten erzählen und seine alten Lastautos schenken, das Fußballspielen würde er ihm beibringen, das Klettern und Verstecken und fremde Reviere Ausspionieren, vor allem aber würde er sich mit ihm in sein Zimmer verziehen und zu seinen drei Schwestern und ihrem Besuch hinüberrufen: "Habt ihr gehört? Für Mädchen ist der Zutritt kein bisschen erlaubt!"
Jasper sieht durch das Fenster auf die Straße hinunter. Immer noch regnet es Bindfäden. Da läßt sich ja nicht mal ein Hund draußen blicken.
Jasper drückt die Nase an der Fensterscheibe platt. Aus dem Zimmer seiner drei Schwestern hat er schon eine ganze Weile nichts mehr gehört. Also haben sie ihre Geheimniskrämerei inzwischen aufgegeben, spielen Mutter und Kind und...
Weiter kommt Jasper mit seinen Gedanken nicht mehr. Urplötzlich stehen sie da, alle sechs, tippen ihm auf die Schulter und sagen: "Los, komm mal mit!"
"Nein", will er im ersten Moment sagen und: "Das ist mir zu blöd." Aber sie sehen nicht danach aus, als ob sie es dabei bewenden lassen würden. Abgesehen davon kann er ja kurz mal einen Blick in ihr Zimmer werfen, um sich einen Überblick über das zu verschaffen, was sie dort überhaupt tun.
Jasper geht mit ihnen, hört, wie sie lachen und glucksen, und dann sitzt er auch schon auf einem Stuhl und eh er sich versieht, sind sie mit einem Lippenstift da und mit Lidschatten und Creme. Er schnappt nach Luft, weiß, dass es sinnlos wäre und sowieso viel zu spät, jetzt noch zu sagen: "Hört auf!" Und so kneift er die Augen zusammen und denkt, dass
ihn außer den Mädchen zum Glück niemand sieht.
Die Mädchen lachen und kichern, stülpen ihm ein Stück Stoff über, das sich anfühlt, wie ein Kleid. Jasper reißt die Augen wieder auf. Das Stück Stoff ist tatsächlich ein Kleid, und er hat es an und dann auch noch einen Schleier und hochhackige Schuhe, und am liebsten würde er auf der Stelle im Boden versinken oder sich in Luft auflösen, nur nicht länger hier sitzen, mittendrin in diesem Zimmer, in dem sie eine Frau aus ihm machen.
Lina, Marie, Sofie und ihre Freundinnen hören mit dem Kichern nicht auf.
"Na und?", schimpft Jasper jetzt und merkt, dass ihm die Tränen in die Augen steigen wollen. Er schluckt und versucht sogar ein Grinsen. Heulen wäre das Letzte. Da sitzt er lieber noch da und läßt alles über sich ergehen. Weil er aus sich nämlich keine Frau machen läßt. Ganz egal, wie sie ihn schminken und verkleiden. Er ist und bleibt schließlich ein Junge, zum Glück.
Und eines Tages zahlt er es ihnen heim! Lina, Marie und Sofie werden sich wundern. Er wird ihnen Krabbeltiere ins Bett legen und Regenwürmer und eine tote Maus. Er wird eine große Dose Heftzwecken in ihrem Bett ausleeren und Stinkbomben und ein Glas Majonäse mit Ketchup dazu und...
Sie hören alle, wie die Wohnungstür ins Schloß fällt. Aber nicht Mama ist es, die Jasper endlich hätte erlösen können, sondern Papa. "Junge", sagt er und staunt nicht schlecht. "Was ist mit dir passiert?" Er grinst über das ganze Gesicht. "Ist alles in Ordnung?"
Jasper zuckt mit den Achseln. Er muss schlucken, aber dann sagt er: "Alles in Ordnung und ob." Er befreit sich von Kleid, Schleier und Schuhen, geht aus dem Zimmer, verschwindet erst mal im Bad.
Sein Spiegelbild sieht schrecklich aus. Sogar die Haare haben sie ihm versaut. Haben ihm Gel reingeschmiert und tausend Spangen dazugesteckt. Jasper verzieht seinen Lippenstiftmund, der ihm selbst irgendwie fremd ist. Draußen hört er Papa und die Mädchen. Klingt ganz so, als ginge der Besuch endlich nach Haus. Jasper atmet tief durch.
Dann steht Mama plötzlich im Bad. "Ach, mein Armer", sagt sie, will ihn drücken. Aber weil Lina, Marie und Sofie in diesem Augenblick den Kopf zur Tür hereinstecken, schiebt er Mama von sich weg und sagt: "Ist kein Problem." Sollen die drei bloß nicht denken, das alles mache ihm etwas aus.
Mama seufzt. Sie sucht Creme und Watte aus dem Schrank, drückt Lina, Marie und Sofie noch einen Waschlappen in die Hand und sagt: "Dann seht mal zu, wie ihr ihn wieder sauber kriegt!"
Jasper will protestieren. Aber dann denkt er: Warum eigentlich nicht? Sollen sie ihn doch wirklich mal ordentlich waschen. Mitsamt der Füße. Denen würden ein paar Tropfen Wasser bestimmt auch nicht schaden.
"Also gut." Jasper nickt gnädig, lässt sich in den Korbsessel fallen, streckt alle Viere von sich.
Lina, Marie und Sofie machen ihre Sache gut. Sie reiben ihm keine Seife in die Augen, waschen und schrubben ihn wieder blitzblank, sind dabei ganz lieb. Wie Schwestern manchmal eben sind.
Trotzdem, denkt Jasper, als sie schließlich alle um den Abendbrottisch sitzen. Eine kleine Rache muss irgendwann vielleicht doch noch mal sein. Morgen vielleicht oder übermorgen, mal sehen.

Jasper löscht das Licht und starrt in die Dunkelheit. Der Brief juckt in seiner Hand. Wie soll er denn jetzt überhaupt schlafen? Langsam zieht Jasper die Hand mit dem Brief unter seine Bettdecke, sucht nach der Taschenlampe, leuchtet den Briefumschlag an. Lina hat ihn fest zugeklebt, leider. Und darauf geschrieben hat sie: "An den unbekannten Päckchenverschicker. Absender Lina."
Jasper schließt die Augen, öffnet sie gleich wieder, lauscht, ob draußen immer noch alles still ist, und dann macht seine Hand es fast von allein - öffnet den Briefumschlag, obwohl sein Kopf weiß, dass er es nicht darf. Er darf es nicht, aber seine Hand macht es, zieht den Brief aus dem Umschlag heraus und das Licht der Taschenlampe fällt auf die Zeilen, über die seine Augen nun gehen. "Lieber Päckchenverschicker", liest er.

Aus: Weiberkram?

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