NRW Literatur im Netz

Harald Gröhler - Arbeitsproben

Aus: ROT

Es nagte in ihr. Und sie überlegte sogar, ob sie sich doch von Frank verführen lassen – mithin ihn verführen sollte. Nein. Quatsch, Quatsch! Or something like that –, ihr huschte das nur so durch den Kopf.
In Köln sagte sie dem Frank - ohne daß Ute dabei war -: "Klar, 's gibt massig junge Frauen bei uns an der Schule, die schmeißen sich einem Mann gleich nach anderthalb Stunden in die Arme. Und wenn der Mann auf Zack ist, passiert dann noch schön viel mehr. Bloß" – Sie merkte, wie sie von Frank erstaunt, verwirrt, ja, wie wohl?, angesehen wurde. "Mußt'n du", sagte sie dennoch weiter, "unbedingt viele Eisen im Feuer haben?", lächelnd mit einemmal: "... du untreuer Flitterbursche?" Unklar nahm sie sich aber vor, ihm gegenüber künftig doch, irgendwie, anders zu sein. Ging das dann schon bei dem Riß in der blauen Präriewagenzeltbahn an? Sie, sie hatte sich hingekniet, Frank hörte reißen: ihre Levi's ... definitiv unverwüstlichen Jeans. Und da kam ihr und Utes, ihrer beider Gesprächspartner auf die niedrige Idee und packte durch diesen Riß hindurch an ihren Schenkel. Wie? ... er griff da also ziemlich an ihren Po. Anja erschrak und zuckte zwar, sagte aber doch: "Praktisch. Nicht?" Lächelnd sogar.
Frank hatte die Hand schon wieder weggezogen. Und er, was sagte er - um zu Pli und Anstand zurückzugelangen? Er flachste.
... Er war hypnotisiert von ihrer, war hin von ihrer absurd-zarten, feinen Haut.

Aus: AUSFAHRTEN MIT DER CHAISE. EINE NOVELLE AUF GOETHE

Den Tod, den Tod hatte sich der Unsterbliche auf einer Spazierfahrt geholt, jetzt am fünfzehnten März. Er fühlte sich am Fünfzehnten bei einer Spazierfahrt unbehaglich. Zwischen ein und zwei Uhr nachmittags war er ausgefahren, in windigem, kaltem Wetter; wozu nur. Aber da war der Sohn der Bettine von Arnim bei ihm zu Besuch gewesen. Darum. Die unverfrorene, sogar nach Maßstäben eines anderen Jahrhunderts reichlich ungenierte Bettine hatte ihren Siegmund zu ihm hinbeordert, sie wollte ihre Korrespondenz wiederhaben. Bettine hatte vor, die zu verwerten; Ruhm winkte da, und Penunzen brauchte sie auch. Sechs Tage blieb der Arnimsche Pinsel bei Goethe. Es gab eine Reihe von Kutschfahrten. Die Ausfahrten mit der Chaise hätte Herr von Goethe sonst nicht in der Jahreszeit unternommen - Bettine hat den von ihr einmal vergotteten Johann W. faktisch auf dem Gewissen. Natürlich war sie ahnungslos jetzt. Ich denke an ihre dreisten, gierigen Augen, die sie schon in jungfräulichen Brentanozeiten gehabt hat, dreiundzwanzig Jahre zuvor, als sie selber Johann Wolfgang die ersten Male auf die Pelle rückte. Auch an den schmiegsamen Leib der brentanohaft-jungfräulichen Vierundzwanzigjährigen denk' ich. Es war da etwas mit der Stuhllehne des sitzenden Gottes gewesen, den sie vor einer Viertelstunde erst kennengelernt hatte.
Daß diese aufdringliche, erst auf seiner Stuhllehne reitende - seiner Stuhllehne! -, dann verflucht noch mal auf seinen Schoß rutschende Jungfrau ihm über ihren Sohn den Ritt ins Jenseits ebnen könnte, das hatte er einst nicht vorhergesehen. Er sah's noch jetzt nicht. ... Vor der von ihm verabscheuten Syphilis und vor den von ihm immer verabscheuten Hunden wußte er sich zeitlebens zu schützen, vor dieser Stuhllehnenreiterin nicht. Aber ich umfasse die Stuhllehne, ich sehe vor und zurück, es gehört gar nicht viel dazu für mich; und ich stufe, die Stuhllehne fühlend, Bettine als klebrig ein. Mein Recht.
Immerhin hatte der Klassiker, so sehr er jungem Frauenvolk auf den Leim zu gehn gewillt war, den romantischen Überschwang Bettinens nicht geschätzt. Degoutant fand er die frische Bettine damals. "Sturm und Drang, zuviel Überschwang!"

LANDSCHAFTSBESCHREIBUNG MIT FRANSEN

JUTULHUGGET
An
einem ungeraden Tag –
warum, weiß ich auch nicht,
denn wir waren verwirrt –
rennen wir die Schlucht hinein.
Da standen Gneis
und Granit,
und Farn wuchs reglos.
Die Wege gingen weg
- nur in zwei Richtungen. Bedenke:
wie eng ist eine Schlucht.
An einem Quelltopf,
einem weißen - Grauweißgestein -:
da war
nichts.
Wir erkennen ein Loch
mit durchsichtig schwarzem Wasser, unten klar.
Das war alles. Mehr kann ich dir
nicht erzählen.

VORSTADTGELÄNDE

Im Regen.
Ich zertrete
hauslose Schnecken.
Ich überhole
eine Greisin,
die singt.

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