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Manfred Theisen - Arbeitsproben

Aus: CHECKPOINT NACH JERUSALEM

"Komm endlich!"
Marie lässt das Lenkrad los, stützt ihren Arm auf den Beifahrersitz und ruft aus dem Fenster: "Na, mach schon, Sabreen! Wir warten im Wagen!" Dann wendet sie sich nach hinten und sagt zu Amer, der den Rucksack vor seinen Füßen verstaut:
"Was macht sie denn noch so lange im Haus?"
"Weiß nicht."
"Es ist gleich halb zehn."
"Das musst du mir nicht sagen, Marie. Ich muss nicht ins Krankenhaus, sondern sie."
"Kannst du sie nicht holen?"
Genau in diesem Moment tritt Sabreen aus dem Haus, die schwarzen Haare hoch gebunden und unter dem Kopftuch verborgen, trägt verwaschene Jeans, Bluse und Jeansjacke. Die dicken, künstlichen Steine, die auf den Brusttaschen aufgesetzt sind, funkeln grün, gelb und blau in der Sonne.
"Wir müssen", sagt Marie noch einmal vorwurfsvoll, dann dreht sie den Zündschlüssel um. Erneut. Jetzt erst ruckt der Ford Escort unwillig an und hustet Ruß. Marie drückt das Gaspedal im Leerlauf ganz durch, um den Motor frei zu bekommen. Es geht die Straße hinunter nach Jerusalem, vorbei an Ahmeds Fleischerei, Optiker Farid und den gackernden Hühnern in der Metzgerei neben Amers Haus.
Alle zwei Wochen muss Marie mit Sabreen zur Blutwäsche nach Jerusalem und immer trödelt Sabreen. Sie hat sich auf die Rückbank gelegt, den Kopf auf Amers Schoß.
"Seht euch das an", sagt Marie. "Die israelischen Soldaten wollen anscheinend überhaupt keinen Palästinenser mehr durchlassen." Vor dem Checkpoint nach Jerusalem staut sich der Verkehr. Marie fackelt nicht lange, sondern fährt sofort auf die linke Straßenseite – vorbei an den wartenden Fahrzeugen, die ihre Motoren laufen lassen, als hofften sie, es ginge gleich weiter.
Marie müsste die Schlange kreuzen, sie durchbrechen, um auf der anderen Seite in eine winzige Nebenstraße einzubiegen. "Können Sie nicht ein bisschen zurück fahren?", fragt Marie den bärtigen palästinensischen Fahrer, der keine Lust hat, Platz zu machen. Sie hupt, fährt ihm fast in die Seite. Hupt wieder.
Die israelischen Soldaten stehen mit ihren Maschinenpistolen im Anschlag am Kontrollpunkt. Sie blicken kurz zu dem blauen Escort hinüber, der knapp 50 Meter von ihnen entfernt die dösende Schlange aufmischt. Dann nehmen sie den Minibus weiter auseinander. Endlich. Der palästinensische Fahrer macht Platz und Marie quetscht sich durch: "Mit ein bisschen Höflichkeit geht’s doch." Marie ist fast 60, aber niemand, der sie mit ihren etwas zerzausten, schulterlangen blonden Haaren am Steuer sitzen sieht, käme auf den Gedanken, dass sie einem evangelischen Orden angehört, im sittsamen Davos aufwuchs, dort in einem Sanatorium zur Krankengymnastin ausgebildet wurde und heute die Leiterin eines palästinensischen Waisenhauses ist.
Die Seitenstraße hat überall Schlaglöcher und ein paar Stücke Asphalt liegen herum wie welke Blätter. "Jetzt haben sie hier auch noch alles zerstört." Marie heizt trotzdem über den Schleichweg, über den sich sonst kaum noch jemand mit seinem Wagen traut. Aber es ist die einzige Chance, um mit Sabreen nach Jerusalem zu gelangen. Das Mädchen ist 16 und be-sitzt bloß einen orangen Pass, mit dem sie nicht von Bethanien nach Jerusalem reisen darf. Nur wer einen blauen, einen israelischen Pass hat, Jerusalemer oder Israelaraber ist, kann die Checkpoints zwischen Palästina und Israel ohne spezielle Genehmigung passieren. Die übrigen wie Sabreen versuchen irgendwie auf Nebenstraßen um den israelischen Kontrollpunkt herumzukommen. Das wissen natürlich auch die Israelis und zerstören daher mit Panzern die Straßen.
Jesus vor knapp 2000 Jahren soll von hier aus mit dem Esel einen Tag nach Jerusalem gebraucht haben. Ihr scheint die heilige Stadt heute unerreichbar. Sie umschifft einen Reiter auf einem Esel und weiter schlängelt sich der blaue Kombi den Berg hinauf, wackelt dabei mit dem Heck wie eine Biene mit ihrem Hinterteil beim Tanz, als wäre der Wagen noch keine 14 Jahre alt, als sei sein Motor nicht längst müde.
"Pass auf!", sagt Amer.
Da schrammt Marie auch schon an einer der Hauswände entlang. Zurück bleibt ein blauer Kratzer vom Seitenspiegel und ein Schal aus Staub und Ruß, den der Escort hinter sich herzieht.
"Wir müssen uns beeilen", sagt Sabreen.
Marie explodiert fast bei diesen Worten. Aber als sie sich nun kurz umsieht und in Sabreens schelmisches Gesicht blickt, muss sie lachen. "Du willst mich nur ärgern, Sabreen."
Sie nickt und Amer streichelt ihr über die Wange. Die beiden waren ein halbes Jahr lang zusammen, gegen den Willen von Amers Vater. Er wollte nicht, dass sein Sohn eine Muslimin aus dem Waisenhaus nimmt. Und dann, nachdem er sich damit abgefunden hatte, war es aus zwischen ihnen - Amers Streicheln nur noch eine Angewohnheit. Eigentlich wollte er nicht einmal mehr mit zur Klinik kommen, damit Sabreen sich keine falschen Hoffnungen macht. Auch Sabreen weiß das und genießt trotzdem seine Nähe.
"Wir haben das Schlimmste hinter uns", sagt Marie.
Die höchste Stelle ist erreicht. Die Altstadt von Jerusalem liegt unten im Tal hinter der mächtigen Mauer, eine Antiquität, getunkt ins goldene Licht des Morgens, ein Märchen aus 1001 Nacht, ein gesunkenes Schiff aus sandigen Farben, durch das Menschen wie Korallenfische schwimmen. Juden, Moslems, Kopten, Katholiken, Protestanten. Gläubige und Ungläubige. Jede Hautfarbe, jede Religion, sie alle wohnen in diesem Labyrinth, diesem Drunter und Drüber, füllen jeden Winkel mit Leben. Und nur eines eint sie: Jerusalem. Während die goldene Kuppel des Felsendoms neben der El-Aksa-Moschee die ersten Strahlen des Tages einfängt, kontrolliert ein Militärhubschrauber den Himmel über Jerusalem, bewacht die Klagemauer, an der die Juden beten und ihre Oberkörper hin und her wiegen wie Kerzen im Wind.
Marie schaltet in den Leerlauf. Der Wagen rollt. Die Schlaglöcher sind kratergroß und die Vorgärten der Häuser winzige Handtücher, gerade groß genug für einen Olivenbaum, einen Feigenbaum, Tomatensträucher, Stühle im Schatten. Vorüber geht es an einem Rohbau, in den niemand mehr einziehen wird, in dem keiner leben möchte, weil er nicht im Krieg leben will.
"Na, da hast du dich umsonst aufgeregt", sagt Amer, als sie endlich wieder auf die Asphaltstraße einbiegen.
"Den Checkpoint haben wir schon hinter uns und noch fast eine halbe Stunde Zeit." Kaum ein Auto ist in ihre Richtung unterwegs. Alle sitzen auf der anderen Seite am Checkpoint fest.
"Die Israelis müssen einen Tipp bekommen haben, sonst hätten sie den Minibus nicht so auseinandergenommen."
"Die brauchen keinen Tipp, Marie. Die wollen nur Stress machen", sagt Sabreen und setzt sich aufrecht. Sie sieht zwischen den Vordersitzen hindurch. "Ganz ruhig, Marie. Du musst die Karre nicht so hetzen."
"Hast ja Recht."
Dann setzt der Ford auf. Es knackt, als habe jemand eine Betonsäule durchgebrochen.
"Was war das?", fragt Amer.
Ein schabendes Geräusch unter dem Wagen.
"Weiß nicht."
Der Wagen wird langsamer - aus.
"Und jetzt?"
Marie zuckt mit den Schultern, überlegt einen Moment und steigt aus – Amer und Sabreen folgen.
Amer bückt sich und robbt unter den Escort. "Die Achse", sagt er und kommt, in Staub und Dreck gehüllt, wieder hervor. "Gebrochen. Mahmud muss uns abschleppen."
"Wie? Meinst du etwa, die lassen Mahmud über den Checkpoint, weil seine Freunde gerade unerlaubterweise über den Schleichweg nach Israel gefahren sind?" Marie schimpft - über den Checkpoint, über die Soldaten, über ... " Und die lassen unsere Leute nicht hierher und Sabreen kommt nicht in die Klinik." Mit unsere Leute meint Marie die Palästinenser. Ob-wohl sie bis heute einen Schweizer und keinen arabischen Pass besitzt, fühlt sie sich wie eine von der Westbank, eine Palästinenserin. Marie hat jüdische Freunde, kennt die jüdische Gemeinde wie ihre christliche, doch lebt sie schon seit 19 Jahren in Palästina, einen Steinwurf von Jerusalem entfernt, mitten zwischen Arabern, und leitet das kleine Waisenhaus, in dem vier Jungen und zwei Mädchen wohnen. Die Schweiz ist ihr so fremd wie Jerusalem der Schnee. Und Sabreen, ihre Schwester Haya, Hakem, Mohammed, Jamal und Omar sind ihr so nah, als seien es ihre eigenen Kinder.
"Ein Auto", sagt Amer und zeigt auf den Volvo, der ihnen den Berg hinunter entgegen kommt. Amer stellt sich mit seinem Rucksack auf die Fahrbahn.
"Was machst du denn da?", sagt Marie noch, als der Volvo schon neben ihnen anhält. Das Mädchen auf der Rückbank zischelt ihrem Vater etwas zu. Er lässt die Scheibe runter.
"Können Sie uns helfen?"
Amer registriert erst jetzt, dass der Fahrer Jude sein muss, denn der Wagen hat ein gelbes, ein israelisches Nummernschild - Palästinenser haben grüne. Und unter dem Autoradio hängt die blauweiße israelische Flagge mit dem Davidstern.
"Können sie uns zum Ölberg in die Klinik fahren?", fragt Amer stockend.
Der Fahrer sieht ihn erstaunt an und Amer sagt: "Sabreen muss dringend zur Blutwäsche. Wir haben einen Termin. Sie ist schwer krank."
Wieder keine Reaktion des Israelis. Sabreen erscheint ihm sicher nicht gerade krank, sondern höchstens aufgedreht und nervös. Er zögert.
"Lass sie einsteigen, Papa." Die Tochter redet in Hebräisch auf ihren Vater ein und die Mutter auf dem Beifahrersitz meint: "Maya hat recht."
Während Sabreen kaum Hebräisch, sondern nur Arabisch und ein wenig Englisch versteht, weiß Amer genau, was das Mädchen jetzt erklärt: "Sie sind in Not. Das sind keine Terroristen. Das sind einfache Leute, die in Not sind."
Amer nickt ihr zu und lächelt sie freundlich an.
"Ihre Tochter hat Recht", sagt Amer auf Hebräisch. "Bitte, nehmen sie uns mit. Es ist kein Umweg für Sie. Die Straße führt fast an der Klinik vorbei."
Marie sagt: "Ich bleibe beim Wagen und warte bis Mahmud durchkommt", da klappen auch schon die Türen des taubengrauen Volvos zu und er verschwindet hinter der nächsten Biegung.
Im Wagen ist es kühl.
"Klimaanlage?", fragt Amer. Keine Antwort. Amer hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Schließlich weiß jedes Kind, dass Autos der Israelis Klimaanlagen haben.
Der Vater trägt keinen schwarzen Hut, nicht einmal eine bunt gewebte Halbmütze, die Kippa. Ein orthodoxer Jude ist er also nicht. Das Mädchen neben ihm auf der Rückbank schweigt. Sie legt sich ihr braunes Haar hinter die Ohren. Es hält nicht und dann spielt sie mit den Haarenden vor ihrem Gesicht. Sie ist fast so groß wie Amer, die Augen sind wach und dunkelbraun und auf ihrer Nase sitzt hübsch und klein ein Sattel aus Sommersprossen. Amer beobachtet sie im Rückspiegel, die beiden Grübchen neben den Mundwinkeln, die Lippen, mit denen sie die Haarspitzen benetzt, ihre dichten Augenbrauen und wieder die leicht glänzenden Lippen - dann spürt er sie. Ihre Jeans an seiner, er merkt die Wärme, die sich von ihr zu ihm überträgt. Es ist nur an einem Punkt, aber es ist ein gutes Gefühl.
"Ich heiße Maya", sagt sie und sieht ihn dabei auch über den Rückspiegel an.
Hat sie etwa die ganze Zeit gemerkt, wie er sie anstarrt? Cool bleiben, denkt Amer. "Ich weiß. Deine Mutter hat dich eben so genannt. Ich heiße Amer."
Die Straße fällt steil ab. Mittlerweile sind wieder mehr Wagen unterwegs, hinzugestoßen aus einem der umliegenden Dörfer.
"Warum müsst ihr in die Klinik? Ich hab das eben nicht verstanden."
Sabreen schweigt.
"Weil sie krank ist", antwortet Amer. "Thalesymia hieß die Krankheit, die sie ursprünglich hatte. Durch eine Knochenmarktransplantation ist sie vor vier Jahren geheilt worden. War eine ganz schön teure Geschichte. Aber jetzt ist alles gut, bis auf ihr Blut, es produziert zu viel Eisen."
Eine richtige Erklärung ist das nicht, doch Amer ist zu nervös, um die passenden Worte in der richten Reihenfolge auf Hebräisch zu finden.
Sabreen schweigt und scheint eher genervt.
"Jedenfalls muss sie regelmäßig zur Blutwäsche", sagt Amer, "weil sie damals zu lange bis zur Transplantation warten musste. Nun haben die Ärzte Angst, das Eisen im Blut könnte ihre Leber angreifen. Hm, das ist alles ziemlich kompliziert zu erklären."
"Macht nichts", sagt Maya.
"Mir schon", fährt Sabreen auf Arabisch dazwischen und aus heiterem Himmel erklärt sie: "Ich möchte aussteigen."
"Was ist denn jetzt los?"
"Du weißt genau, was los ist, Amer."
Amer weiß es nicht und Mayas Vater reagiert nicht. Er scheint kein Arabisch zu verstehen.
"Sag schon", wiederholt Amer, "was hast du?"
Sabreen sagt nicht, dass sie eifersüchtig auf dieses Mädchen, auf diese hübsche Israelin ist, die nicht nur einen orangen Ausweis hat, die mit einem blauen leben darf, die sogar ein wenig Arabisch spricht, die hübsch lächelt und deren Vater diesen dicken Volvo fährt.
Für einen Moment hatte Amer Mayas Bein nicht mehr gespürt. Doch nun fühlt er wieder die Wärme und Mayas Nähe und das Tal von Jerusalem ist erreicht. Rechts ab geht es vorbei am Grab des heiligen Jacob. Mayas Eltern diskutieren über die Gebühr für den Sicherheitsdienst an der Schule. Die Straße führt an der Kirche aller Nationen vorüber. Zwölf kleine Kuppeln auf dem Dach lassen sie arabisch wirken und das Mosaik zeigt Jesus und Gottvater, die auf das Elend und den Hass der Menschen von Jerusalem blicken. Mayas Vater biegt rechts ab, den Berg hinauf, als wolle er den beiden Apache-Hubschraubern entgegenfahren, die über der Kirche Augusta Victoria in der Luft stehen. Von dort oben beschießen sie Ramallah mit ihren Raketen. Zu sehen ist die palästinensische Hauptstadt nicht, nicht einmal der Einschlag der Raketen ist zu hören.
"Da sind wir. Das Krankenhaus", sagt Mayas Vater.
Gern würde Amer Maya fragen, ob sie sich noch mal sehen können. Doch es geht alles zu schnell. Ohne sich zu bedanken, läuft Sabreen schon zum Eingang der Klinik. Kein Todá, kein Shukran, nicht mal Auf Wiedersehen hat sie gesagt. Amer muss hinter ihr her. Er zögert noch einen Moment, bedankt sich flüchtig bei Maya und ihren Eltern, hört Sabreen rufen: "Nun komm schon!", und sieht dem Volvo hinterher, wie er durch das Tor der Klinik wegfährt - Richtung Alt-Jerusalem.

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