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Matthias Schamp - Arbeitsproben

Aus: HIRNTREIBEN.EEG

Wir waren in der Früh aufgebrochen und den ganzen Tag ohne Unterbrechung geritten. Über uns gleißte die Sonne. Kein Windhauch regte sich, und die Hüte, die wir tief in die Stirn gezogen hatten, spendeten nur notdürftig Schatten. Ich griff nach der am Sattelknauf befestigten Flasche, stöpselte sie auf und nahm einen tiefen Schluck, um den Staub aus meiner Kehle zu schwemmen.
Dadurch fiel ich ein bißchen zurück und mußte anschließend einen kurzen Zwischengalopp einlegen, um wieder zu den anderen aufzuschließen. Nachdem ich sie erreicht hatte, wies Sam, der die Gegend wie seine Westentasche kannte, auf den schmalen Pfad, der zwischen den Bergen hindurch ins Tal führte. Wir nickten. Schweigend schwenkten wir auf den Einschnitt in der Felswand zu. Wenn die Sonne die Welt in einen Glutofen verwandelt hat, macht man nicht viele Worte. Sogar Joe war mittlerweile verstummt. Joe, der Sprücheklopfer, der uns am Morgen noch mit Witzen und Erzählungen bei Laune gehalten hatte. Wer hätte gedacht, daß die Hitze sogar einmal Joe die Sprache verschlüge?

Der Pfad war so schmal, daß wir in Schrittempo hintereinanderreiten mußten, und die dürren Zweige der Büsche, die aus Spalten in der Felswand hervorwuchsen, streiften dabei unsere Gesichter. Unser Etappenziel war jetzt nah. In Luftlinie betrug die Entfernung nicht mehr als eine Meile. Aber der Weg schlängelte sich in allerlei Windungen dahin, oft ging es steil bergan, und an manchen Stellen mußten wir sogar absteigen. In einem solch schlechten Zustand war der Pfad. Dann bogen wir um die letzte Kurve. Und endlich sahen wir es vor uns: das Tal. Und mitten im Tal: die Herde. Unwillkürlich hielten wir einen Augenblick inne, denn der Anblick war atemberaubend.

Unter uns glitten die Hirne graziös über die in allen Regenbogenfarben schillernde Platine dahin und ästen Datengras. Ein Bild von wundersamer Schönheit. Es waren hingeduckte frühe Cro-Magnon-Hirne darunter und herrliche Einsteiner, aus denen immerfort hauchzarte, gazeartige Denkblasen blubberten, mit dem berühmten E = mc2 darinnen. Eine große Gruppe bildeten natürlich die Propagandahirne. Aber es gab auch Melancholiehirne und hermetische Hirne und Diskurshirne mit fetten Windungen. Muntere Gescheithirne tummelten sich zwischen archetypischen, grauen Kolossen aus der Morgendämmerung der Menschheit. Hochgezüchtete Spezialisten wechselten ab mit den auf statistische Mittelwerte geeichten Durchschnittshirnen. Es gab biedere Sonntagsstaat- und liederliche Lotterhirne. Es gab vergeßliche Alzheimer-, fahrige Flatter- und hingeklotzte Protzhirne. Und sogar ein paar gordische Hirne konnte ich ausmachen, die so genannt werden, weil ihre Windungen bizarre Knoten bilden. Von bemerkenswerter Akkuratesse waren natürlich wieder mal die Konzepthirne. Es gab Trenderkennungshirne und Tragödienhirne, preziöse Ismenhirne und schrullige Quasihirne. Es gab gewissenhafte Methodenhirne, windschnittige Blitzmerker, geschönte Bilanzhirne und die mit den Krawallern verwandten Rabatzer. Es gab Hansdampf-in-allen-Gassen-Hirne. Es gab Hochgereckte-Meisterschalen-Hirne. Es gab L’État-c’est-moi-Hirne. Und es gab die hin- und hertaumelnden Tanz-und-Trance-der-Theoreme-Hirne. Es gab totale Hirne. Und es gab schimärische Hirne. Es gab Exakthirne. Und es gab Kalkülhirne. Und es gab Tamtamhirne. Und es gab Gagahirne. Und es gab Egalhirne. Und es gab fanatische Hirne. Es gab Hirne über Hirne, tausend verschiedene Arten von Hirnen – so weit das Auge reichte. Das ganze Tal war grau von Hirnen. Eine in der Hitze dampfende gigantische Masse.

Wir brauchten uns nicht abzusprechen. Nicht umsonst waren wir ein eingespieltes Team. Jeder wußte mit äußerster Präzision, was er zu tun hatte. Ich gab meinem gezähmten Reithirn die Sporen. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Fred, Joe, Scotty, Mack, Sam, Jim und Bill es ebenso hielten. Wir ritten fächerförmig auseinander und auf die Hirne zu. Hoooh-hee! Das große Hirntreiben hatte begonnen.

HERR KEUNER (nach Brecht und Äsop)

Herr Keuner steht an der Pißrinne und pißt. Durch die Toilettentür dringen gedämpftes Stimmengewirr und die Fetzen einer Melodie zu ihm herüber. "La...lala...la", summt Keuner leicht beschickert. Er trinkt sonst keinen Alkohol. Folglich haben ihn zwei Whiskeys und ein Glas Bloody Mary etwas derangiert.

Plötzlich quietschen die Angeln, und der Lärm schwillt an. Herein tritt Wolf, seines Zeichens Wortführer und Obermotz der örtlichen Rockercrew. Drohend füllt die bullige Gestalt den Türrahmen. Nachdem er das Holz mit einem Hackentritt zurückgekickt hat, postiert er sich breitbeinig neben Keuner, fummelt fluchend am Hosenschlitz, holt endlich das Ding hervor und beginnt lautstark zu strullern. Dabei saugt er schnaufend Rotz aus der Nase: "Rrrooarrgckhhh! ... Pffhhh!" und spuckt den Yellow in die Rinne. Während der Fladen an ihm vorbeidümpelt, starrt Keuner angestrengt und unglücklich auf die Spitze seineS Schwanzes und bemüht sich, schneller zu pissen. Er riecht förmlich die gewalttätigen Ausdünstungen seines Nebenmannes. Dieser mustert ihn lauernd und entscheidet endlich, daß Keuners Dasein eine echte Provokation darstellt. "Hey, Arschgesicht! Ich mag nicht in Wasser pissen, in das schon andere geschifft haben!" grollt er. Aufgepaßt, Keuner! Jetzt ist nicht der Moment für neunmalkluge Bemerkungen.

Aber: "Werter Herr, ich bitte Sie, sich doch einmal eine winzige Inkonsequenz in Ihrer Aussage zu vergegenwärtigen: wie kann ich Ihr Wässerchen trüben, wenn ich nicht am Oberlauf, sondern am Abfluß der Pißrinne stehe?" verteidigt sich Keuner, der den Standpunkt vertritt, daß die Wahrheit, einmal ans Tageslicht gebracht, noch in der Seele des schlimmsten Unholds ihre wärmende Überzeugungskraft zu entfalten vermag, und dem seine ganze geballte Lebensweisheit nicht zu der Erkenntnis verhilft, daß er damit praktisch sein Schicksal besiegelt. Schluß. Aus. Ach Keuner...

Aus: 26 Verlierer von A bis Z (mit freundlicher Genehmigung der edition selene www.selene.at)

IWAN

Iwan stiert ins Feuer. Draußen bläst ein eisiger Wind. Väterchen Frost hat das ganze Land mit seinem bösen Atem angehaucht.

Poc, poc, poc..., hagelt ein Schwarm Schwalben in den Schnee. Auf dem Weg zu ihren Winterquartieren hat es sie kalt erwischt. Und kalt erwischt es auch ein armes Mütterlein, das beim Reisigsammeln eine Pechsträhne hat. Mit Haut und Haaren rasselt es in den Magen der Wölfe. "Wann ist der Magen endlich voll?" rufen die jungen Wölfe. "Kaut alles gut durch", raunzt der Oberwolf, "um so weniger muß später verdaut werden!"

Mit den Zähnen entkorkt Iwan eine Flasche: "Na sdorowje, Kalinka!", prostet dem Foto über der Bettstatt zu und genehmigt sich einen guten Schluck. Das Frauenzimmer auf dem Bild straft ihn mit Verachtung. Aber der Wodka wärmt sein Herz.

Ach, wie wohl täte der Sprit jetzt auch der Fußballmannschaft, die man zitternd und bibbernd vom schweren Auswärtsspiel heimkehren sieht. Wer weiß: vielleicht machte er den Schmerz der Niederlage, die grimmige Kälte und sogar den künftigen Schrecken vergessen. Denn an der Abzweigung erwischen sie die falsche Richtung. Von dort führt der Pfad geradewegs in den Magen der Wölfe. "Au fein", rufen die jungen Wölfe, "laßt den Verdauungssaft einlaufen!" "Man spricht nicht mit vollem Mund", herrscht der Oberwolf, "und wann verdaut wird, bestimme immer noch ich!"

Zur gleichen Zeit an einem anderen Ort. Dort läßt der Moment, in dem das Pendel des Seins genau in der Mitte zwischen Alles und Nichts eine kleine Verschnaufpause einlegt, Iwan regelrecht zum Philosophen werden. "Ist die Flasche halb voll oder halb leer?" sinnt er angestrengt. Und zerreißt dann zielstrebig das grübelige Gespinst, das sein Hirn zu zermartern droht, mit einem entschiedenen Schluck. Fortan gleitet sein Bewußtsein funkensprühend in einer rasanten Talfahrt, die das Drumherum zunehmend zum Verschwimmen bringt, über die große, schaukelnde Achterbahn unter dem feuchten, glasigen Säuferhimmel der Unvernunft zu. Zu jeder Flasche gehört eine Geschichte. Und die Geschichte dieser Flasche unterscheidet sich im Grunde nicht besonders von den unzähligen Geschichten aller Flaschen, die auf der Welt gegriffen, entkorkt und ausgetrunken werden. Sie startet verheißungsvoll und endet bitter.

Apropos Ende: ein solches widerfährt auch dem pensionierten Schulmeister, seines Zeichens Nichtraucher, Antialkoholiker und Briefmarkensammler, also ein Mensch, der es gelernt hat, Maß und Ordnung zu den Leitmotiven seines Lebens zu erheben. Und dies beweist sich sogar, als der örtliche Philatelistenkongress, dessen Vorsitzender er ist, sich jählings im Magen der Wölfe wiederfindet - ein Ereignis, dessen Eintreffen nicht jeden so strikt an der Tagesordnung hätte festhalten lassen, wie diesen untadeligen Mann. Respekt. Respekt. "Gesegnete Mahlzeit", wünschen sich die jungen Wölfe, "guten Appetit!" Und nur der Oberwolf bleibt unleidlich: "Aber verdaut wird erst auf mein Kommando!"

Und Iwan? Iwan tanzt. Iwan lacht. Und zwischendurch heult Iwan Rotz und Wasser. Und während Iwan zum letzten Mal die Pulle ansetzt, zur Neige säuft und mit einer großartigen Gebärde ins Kaminfeuer schmeißt, läßt er noch einmal die Höhepunkte seines Lebens Revue passieren. Wie er den Bär erlegt hat, wie er den Bär gehäutet und verzehrt hat und immer wieder er und Kalinka auf dem Bärenfell: wie sie sich lieben. Ach Kalinka, Kalinka. Warum hat sie ihn verlassen? Und plötzlich verspürt Iwan den unbändigen Drang, vor die Tür zu treten und ihren Namen in den Schnee zu pinkeln: KALIN...
Beim K gerät er unversehens in den Magen der Wölfe.

"Wann ist der Magen jemals voll?" jammern die jungen Wölfe. "Nun ist's genug", spricht der Oberwolf und macht den Magen zu. "Jetzt wird verdaut!"

Aus: 26 Verlierer von A bis Z (mit freundlicher Genehmigung der edition selene www.selene.at)

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