NRW Literatur im Netz

Georg Veit - Arbeitsproben

Aus: AN DEN ENDEN DER TREPPE

"In der Ecke wurde es dunkel und es summte in der schwülen Luft. Auch laute Tiergeräusche, das Klappern von Geschirr und ein kurzer Gesang mit Gelächter.
Da hast du 'en Hemd!
Kaum erkannte sie gegen den dämmrigen Eingang die Tante Gertrud wieder, die gedrungene Gestalt." (S. 21)

"Mittin wollte nicht über die Möhne nachdenken. Wusste sie, was sie dachte? Dass sie dachte, die Möhne habe eine empfindliche Natur, so empfindlich, dass sie beinahe alles um sich in sich selbst fühlt, dass sie die Sünde eines anderen wie eine Vergilftung zu spüren kriegt ... Mittin lief ihren Gedanken hinterher wie einem Wagen." (S. 249)

Aus: DASEINSBESTÄNDE

Es ist natürlich
Der faule Stamm Heimat der
Fauna geblieben
Unterm Kronenfrühling vibriert der tote
Leib Musik im Daseinsmorsch dazu zittert
Lang dein Hals vom Anstarren Tremor wegen
Daseinsbeständen.

Aus: MÜNSTERLAND-MAFIA

Ich rief Sonja an.
„Ich bin gerade auf dem Weg nach Hause. Kannst du kommen? Ich brauche einen Cognac à deux.”
„War’s so schlimm?”
„Nein ungewohnt.”
„Na, laß dich nicht hängen!”
„Laß du mich nicht hängen!”
„Hör mal, ich kann nichts dafür, daß du dich vom Leben gestört fühlst.”
„Hier bin ich der Pädagoge, bitte schön!”
„Aber nur für Gymnasien. Schon gut. Jetzt geht’s aber nicht. Ich bin alleine. Die Neue ist krank.”
„Sonja betreibt ein Geschäft für Wäsche, Dessous, Mieder. Klein, aber fein. Hohe Fluktuation beim Personal. Weiß der Henker, warum. Ich kann es mir nicht leisten, vorne durch die Ladentür hineinzuschauen. Aber ich kenne mittlerweile - immerhin zwei Jahre - das Metier.
„Und heute abend? Ich koche uns eine Bekömmlichkeit.”
„Pepa, das ist ein liebes Angebot.”

Ich hastete den Wall weiter hinauf, dann auf der anderen Seite zwischen Sträuchern und jungen Birken wieder hinunter. Meine nackten Beine kriegten eine Schramme nach der anderen ab. Ich würde am nächsten Tag aussehen wie ein Tiroler nach dem Brombeerpflücken.
Am Rand der Umgehungsstraße schaute ich mich um: Natürlich war hier niemand mehr. Als ich den Boden ableuchtete, waren die Reifenspuren im Böschungsgras nicht zu übersehen. Die Sachlage war klar.
Der volle Mond nickte mir zu. Jetzt mein einziger Freund und Mitarbeiter. Er allerdings stand nicht in den Niederungen des menschlichen Sumpfes. Er hing am Himmel und ließ sich die Sonne auf den Balg scheinen. Immer Ferien! Immer auf Urlaub, der gute Alte!

Aus: ZEIT DER KRAMMETSVÖGEL

Springinsfeld schien geschmeichelt. Rasch aber tauchte die Ungeduld wieder auf, die ihr so hohl vorkam.
„Was sollen die Fragen? Die Zeit ist kurz. Wollt Ihr mich auf den Esel setzen oder zur Andacht treiben?”
„Ach, kommt. Ihr seid jung! Ihr wollt ein großer Hans werden, seid tags nur ein Strauchmörder und sucht nachts unter einem Rockzipfel.”
Das war das Ende des schalen Gesprächs gewesen. Beleidigt war er aufgestanden, hatte dann aber bedacht, was er sich schuldig war. Er hatte ein schallendes Lachen veranstaltet und ihr den Rest vom goldgelben Malvasier in den offenen Busen laufen lassen, eine Faust in die Seite gestemmt. Dann war er hinausgelaufen. Anna hatte einige Sätze hinter ihm her gemacht, war dann aber im Dunkel vor dem Tor stehengeblieben. Da war der Bube plötzlich auf sie gesprungen, hatte sie umgeworfen und ihr mit dem gezückten Tuch bis tief hinab die Stelle trockengerieben, die er bewässert hatte. Nur kurz hatten sie sich angesehen, und ein Kuß, der sie bei aller Enttäuschung wundersam überlaufen hatte, hatte sie für einige Zeit ratlos zurückgelassen. Rasch war er in die Dunkelheit fortgesprungen, wie es sein Name sagt.
Als sie spät in der Nacht zum Speicher zurückgegangen war, im leichten Dummel, hatte er stumm an der Tür gestanden, mit einem Kratzen in seiner dunklen Mähne. Sie hatte ihn, da er allzu wackelig auf den Beinen war, mit sich die Stiegen hinaufgenommen. Helden sind langweilig zu Hause, hatte sie gedacht. Sie waren beieinander eingeschlafen wie eine Mutter und ihr Kind auf der Flucht, und sie hatte nur wenig Mühe gehabt, seinen schweren Kopf auf ihrer Schulter und seine Hände um ihre Hüfte zu halten.

Aus: HELMUTERKLOßE.

Der letzte Laut übrigens, den man auf der Höhe vom Helmutkloß vernommen hatte, nachdem er gerade aus jenem Körperteil, mit dem er sich leichter zu äußern verstand, einen stärkeren Ton hatte entfahren lassen, war folgender:
„Das ist doch die natürlichste Sache der Welt!”
Ob er das gesagt hat oder: „Aus eener solchen Kanon mus en fröhlische Fuz komme!”” ist (noch) nicht vollkommen gesichert. Sicher ist jedoch, daß es einen saftigen Ton gemacht hat.

Aus: HISTORISCHE JUGENDLITERATUR.


Wo Literatur Selbstgewißheiten befriedigt, begibt sie sich ihres originären Wirkungspotentials... Beim Einsatz historischer Jugendliteratur geht es spezifisch um die Anreicherung der zweiten Wirklichkeit der Schülerinnen und Schüler mit realistischen Stoffen, die den Horizont der Leserinnen und Leser, ihre Vorstellungs- und Denkkraft vergrößern helfen und zu Fragen Anreize bieten.

Aus: VON DER IMAGINATION ZUR IRRITATION.

Historische Aussagen sind Fiktionen insoweit, als sie keine fest umgrenzbare Entsprechung in der Wirklichkeit des Tatsächlichen haben... All diese vermeindlichen Fakten werden außerdem zu Fakten erst im Nachhinein und erst durch die Sprache zum Leben erweckt. Und all diese ‘Fakten’ sind nur in solch geringem Maße dingfest zu machen, daß sie im Universum der unfaßbaren Wirklichkeit(en) nur die Rolle von Bruchteilen spielen können, dennoch aber Totalität (Widerspruchsfreiheit) beanspruchen müssen... Die historische Produktion eines Historikers fußt gegenüber der eines Dichters daher auf keinen prinzipiell anderen geistigen Akten. Nur Reihenfolge und Gewichtung der Arbeitsschritte unterscheiden sich.

Aus: DER KAISER CLAUDIUS

Nützt es, wenn die vermeintliche ... Wahrheit des Gewesenen einfach vorgelegt werden könnte, reicht die Befriedigung, die Wahrheit dessen zu kennen, was längst vorüber ist? Oder gewinnt Geschichte erst dort Bedeutung, wo sie als noch oder wieder wirksam gestaltet, vielleicht sogar mit literarischer Ambition konstruiert wird?

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