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Sandra Henke - Arbeitsproben

DIE ROSE VON SANGERHAUSEN

Der Marktplatz war in Aufruhr. Das Pferdegetrampel auf dem Steinpflaster klang wie Donner in den Gassen von Sangerhausen. Sie kamen von überall her. Wie Wölfe, die eine Schafherde einkreisten, strömten die Reiter herbei und kesselten das Volk ein. Die Hände an den Schwertern. Grimmige Grimassen. Regennasse Bärte, die an den zerfurchten Gesichtern klebten, bereit dem Pöbel den Garaus zu machen. Drohend ragte die St. Ulrich Basilika in den düsteren Himmel, mit dem Zisterzienserkloster dahinter, als wären sie Körper und Schwanz eines Drachen.
Rosemarie senkte ihren Blick und zog den Wollschal über die Stirn, versteckte sich in der Menge. Nur nicht auffallen. Ein kleines schüchternes Mäuschen. Aber jede Frau war gefährdet in dieser Zeit, selbst sie, obwohl sie nur die Tochter des Hufschmieds Markus war. Die Menge schubste und drängte. Alle wollten flüchten. Zitternde Körper, zusammengepfercht wie Schweine. Der Weg zum Schlachter war kurz. Ein falsches Wort. Eine hektische Geste. Und die Schlinge um Rosemaries Hals begann sich zu zuziehen.
Probst Triminius ritt heran. Erhaben blickte er auf den Mob herab. Die goldenen Knöpfe glänzten selbst an einem Regentag wie diesem. Blutrot setzte sich seine Samtrobe von den Backsteinhäusern und schmutzigen Straßen ab. "Pöbel, tempus gratiae, die Zeit der Gnade ist vorüber! Dem geistigen Würdenträger Bischoff Kilian ist aus sicherer Quelle zugetragen worden, dass sich die Rose von Sangerhausen, der Kopf der 'Resistenz' unter euch befindet. Das elende Weibsbild stelle sich freiwillig und ihr wird die Folter erspart. Animadversio debita, die angemessenen Strafe - der Scheiterhaufen schenke ihr die Vergebung aller Sünden."
Unruhe brachte Bewegung. Erneut stießen sich die Menschen gegenseitig an, dabei war Flucht unmöglich. Rosemarie schlang die Arme um den Leib. Klamm lag ihr Wollkleid am Körper. Übelkeit quälte sie. So nah waren die Schergen des Bischoffs noch nie gekommen.
Der Probst hob die Hand und die Reiter zogen ihre Schwerter. Angewidert schaute Triminius auf den Mob hinab. "Wer die Heidin ausliefert, wird im Himmel reich belohnt werden. Es ist Todsünde eine Aufrührerin zu decken! Ihr werdet selbst zum Ketzer. Wollt ihr euch wirklich von einem Weib mit der Saat des Bösen anstecken lassen?"
Die Menschen tauschten unsichere Blicke aus. Sie hoben fragend die Schultern, schüttelten die Köpfe und runzelten verzweifelt die Stirn.
Was würde geschehen, wenn jemand Rosemarie erkannte? Würde derjenige sie verraten, um seine eigene Haut zu schützen? Die ‚Resistenz’ war groß, die geheimen Anhänger zahlreich. Sie selbst kannte nicht einmal alle, die ihr folgten und wundert sich jedes Mal aufs Neue, wenn Kilians Transporte ausgeraubt und eine mit Blut gemalte Rose auf dem Kutschbock hinterlassen wurde. Nicht alles entstammte Rosemaries Initiative. Aber die Kirche hasste die Rose von Sangerhausen! Nicht nur, dass sie die Dreistigkeit besaß sich gegen die Inquisition aufzulehnen, sondern auch weil eine Frau in der Lage war, das Volk aufzuwiegeln. Ein Weib war dumm. Ein Weib besaß keine Rechte.
"Seid verdammt!", wetterte er. "Schmach über euch gottlosen Pöbel! Der Teufel wird euch holen, wird euch in der Hölle schmoren lassen auf ewig, weil ihr zu Lebtag der Sünde fröntet."
Die Männer zuckten zusammen, zogen die Köpfe ein. Kinder heulten. Frauen wimmerten. Rosemarie wusste, dass die Worte wie Giftpfeile in die Herzen der einfachen Leute schossen. Natürlich waren sie gottestreu. Natürlich sehnten sie sich in den Himmel. Doch die Angst vor dem Bischoff war größer als das christliche Gedankengut. Auch Rosemarie liebte Gott wie den Vater, der sie gezeugt hatte - trotz Widerstand, der nicht dem Allmächtigen im Paradies, sondern den Allmächtigen auf Erden galt. Und so betete sie, flehte Gott um Schutz und Hilfe an.
Mit zornesrotem Gesicht und wutentbrannter Fratze winkte Probst Triminius einen der Reiter herbei. "Untersuche den Mob, Thomas. Zieh sie bis auf die Haut aus, wenn du willst, aber finde mir diese verfluchte Rose von Sangerhausen. Den Informanten erachte ich als sicher. Das Weib muss hier sein. Noch heute werde ich regina probationum, die Königin der Beweise - das Geständnis aus ihr herausquetschen."
Rosemarie schwankte, als sie sah, wie der Scherge vom Pferd abstieg und langsam durch die Menge schritt. Durch seine kurz geschorenen schwarzen Haare vermochte sie die Kopfhaut zu sehen. Ungewöhnlich weit ragte das Kinn hervor. Sie erschauderte vor dem eiskalten Blick. Diese stahlblauen Augen! Durchdringend und irgendwie vertraut.
Die Narbe, die entlang der Augenbraue lief, und das gebräunte, zerfurchte Gesicht zeugten von vielen Kämpfen. Rosemaries Magen krampfte sich zusammen, als sie beobachtete, wie Thomas sich eine Frau nach der anderen zur Prüfung vornahm. Ohne eine Miene zu verziehen, schlug er die Männer nieder, schob die Kinder beiseite und zog die Frauen heran. Seine Fragen waren spitzfindig, sein Blick erbarmungslos. Der Mob zitterte.
"Hör auf zu Flennen", schrie er und ohrfeige ein Mädchen mit einer Strickhaube. Eingeschüchtert ließ sie ihren Weidenkorb fallen. Schwarzwurzeln rollten über das Steinpflaster.
Thomas ließ schnaubend von ihr ab. Er ging durch die Menge und da trafen sich ihre Blicke. Rosemaries Körper bebte. Woher hatte Probst Triminius gewusst, dass sie am Morgen auf dem Markt sein würde? Gab es einen Spitzel, einen Überläufer? Es spielte keine Rolle mehr. Sie musste standhaft sein. Nicht auffallen, nur nicht verdächtig wirken. Nein! Sie würde Haltung wahren bis zum bitten Ende - koste es, was es wollte. Das war sie Gott, der 'Resistenz', dem Volk und sich selbst schuldig ...

DICK UND FETT

Dick - dick – dick
Ich kann es nicht mehr hören!
Mich würden meine Kilos ja nicht stören,
aber durch andere fühle ich mich hässlich und unattraktiv.

Fett - fett – fett
Das fühlt sich dank anderer an, wie eine Krankheit.
Sie bringt mir Kummer und Einsamkeit,
denn ich meide das leidige Thema und ziehe mich daher zurück.

Dick - dick – dick
Die Leute können von nichts mehr anderem reden,
wenn sie mich sehen als hätte ich kein Leben,
dabei bin ich ein interessanter Mensch und habe viel zu erzählen.

Fett - fett – fett
Das hört sich an als wäre ich nicht liebenswert.
Das Gefühl ein Außenseiter zu sein, an meinen Nerven zerrt
und mein Selbstbewusstsein sinkt ins unermesslich Negative.

Dick - dick – dick
Ich kann es nicht mehr hören!
meine Kilos sind es nicht, die mich stören,
sondern das ewig abfällige Gerede -
die ständige Thematisierung meiner Figur.

Aus: Pfundige Poesie

HETZJAGD

Wie lange muss ich mich noch beschimpfen lassen
wegen meinen überdimensionalen Massen?
Es soll euch doch egal sein, wie ich aussehe.
Was zerreißt ihr euch das Maul, weil ich auseinandergehe?

Wie lange muss ich mir das eigentlich noch gefallen lassen,
diese Hetzerei, weil meine Pfunde nicht in Haut couture passen?
Eure Blicke verfolgen mich, sobald ich aus dem Haus gehe,
aber ihr schaut schnell weg, wenn ich euch in die Augen sehe.

Wie lange muss ich mir das überhaupt noch geben?
Merkt ihr nicht, dass ihr mich einschränkt in meinem Leben?
Was geht es euch an, ob ich dick, dünn oder dumm bin?
In dieser Rubensfigur steckt nämlich eine echt dufte Frau drin!

DER GEIST-OHNE-NAMEN

Es war einmal...

ein kleiner Junge, der unsichtbar war und in den Gipfeln der Bäume hauste. Er wollte so gerne mit den anderen Bewohnern des Waldes spielen, aber dadurch, dass sie ihn nicht sehen konnten, war das unmöglich. Sie hatten sogar Angst vor ihm und liefen schreien davon, wenn er mit ihnen sprach.

"Hallo!", flüsterte der Junge, um den Waldschrat nicht zu erschrecken, der vor ihm stand, "Ich bin der Junge-ohne-Name. Hast du Lust mit mir zuspielen?"
Doch der Schrat fing an zu zittern und kreischte: "Wer ist da? Tu mir nichts, bitte. Hilfe! Warum hilft mir denn niemand?"
Dann schlug er wild mit den Armen um sich, nahm seine Beine in die Hände und rannte, so schnell er nur konnte, von dannen.

Der unsichtbare Junge seufzte laut.
Da fragte eine Elfe, die zufällig vorbeischwebte: "Ist da jemand? Hallo? Ich sehe dich nicht. Wo versteckst du dich?"
Der Junge lachte und rief erfreut: "Ich bin hier, schöne Elfe. Ich bin der Junge-ohne-Namen. Hast du Lust mit mir zu spielen? Wir könnten um die Wette fliegen?"
Doch die Elfe fing an zu weinen, flatterte wild mit ihren purpurschimmernden Flügeln und flog so schnell sie nur konnte weg.

Der Junge war sehr traurig und senkte enttäuscht den Kopf. Er blickt in eine kleine Regenpfütze, konnte sich aber nicht sehen.
Ich werde zum See laufen, dachte er, vielleicht kann ich mich ja dort im Wasser spiegeln und allen Waldbewohnern zumindest erklären, wie ich aussehe, wenn sie mich schon nicht selbst sehen können.
Und das tat er dann auch. Er ging zum See, hockte sich hin und versuchte sein Gesicht im Wasser zu erspähen. Aber er sah nichts!
"Das kann doch nicht sein!", rief er weinend, "Jeder hat doch ein Gesicht. Wieso habe ich keins? Ich kann mich noch nicht einmal selbst sehen."

Da fing es an in Strömen zu regen, aber der Junge-ohne-Name blieb, wo er war. Ihm war egal, ob er nass wurde oder nicht.
"Hallo!", sagte eine piepsige Stimme hinter ihm, "Wieso sitzt du denn im Regen? Komm doch zu mir unter den Baum."
Der Junge drehte sich um und erblickte eine junge Hexe, die ihn mit großen Augen ansah.
"Wieso kannst mich sehen?", brachte er nur heraus.
Die Hexe kicherte: "Durch den Regen! Er perlt von deiner durchsichtigen Haut ab und so weiß ich, wo du bist. Weinst du, weil du dein Gesicht nicht sehen kannst?"
Der Junge nickte und schluchzte.
"Dann wälz dich doch einmal im Schlamm?", schlug sie vor, "Er bleibt an deiner Haut kleben und das Problem ist gelöst. Wenn du willst, kann ich dir einen Hut und einen Umhang von mir geben. So wird dich jeder sehen können und du dich auch."
Der Junge lachte und rief: "Das ist eine prima Idee! Ganz klasse! Danke, liebe Hexe. Möchtest du mit mir spielen?"
"Gerne!", antwortete sie, "Ich heiße Glucks und du?"
"Ich bin der Junge-ohne-Name. Oh, wie gerne hätte ich auch einen Namen", grunste er.
"Auch das ist kein Problem", sprach sie, "Gib dir doch selbst einen. Nenn dich Krax oder Brombel. Sei doch froh! Du kannst ihn dir wenigstens selber aussuchen."

Und so stand Glucks noch lange unter dem Baum und der Junge weiterhin im strömenden Regen. Sie dachten sich immer neue, lustige Namen für ihn aus und der Geist hatte seinen ersten Freund gefunden.

Aus: Träum süß

TRÄNENSCHLEIER

Nieselregen verklärte mir die Sicht.
Was für ein mistiges Wetter, dachte ich und zog den Kragen meiner anthrazitfarbenen Regenjacke höher.
Ich blickte in die Richtung aus die der Omnibus kommen würde.
Kein Bus und auch keine Menschenseele.
"Natürlich ist er nicht pünktlich", fluchte ich in die Kapuze hinein.
Zitternd versuchte ich mit der linken Hand die triefnass klebenden ebenholzschwarzen Haarsträhnen aus meinem Gesicht wegzuwischen. Aussichtslos. Mit der rechten hielt ich krampfhaft den Jackenkragen geschlossen. Einfach.
"Wieso muss ausgerechnet ich mich bei dem Wetter zu ihm zu quälen?", schimpfte ich mit mir selbst, "Kein reumütiger Dackel würde das tun."
Eine Niessalve schüttelte mich.
Schemenhaft nahm ich im Augenwinkel einen Mann wahr. Oder waren das erste Anzeichen von Fieber?
Ich klimperte mit den Wimpern, um die Regentropfen abzuschütteln, die sich dort angesammelt hatten. Das war wenig erfolgreich und so rieb ich mit der nassen Hand über meine Augen.
Wasser mit Wasser zu bekämpfen ist unsinnig, grummelte es in mir.
Für einige Sekunden erblickte ich ihn, doch das war reiner Wunschgedanke. Er würde nie zu mir kommen.

Der Fremde, der sich bei diesem Hundewetter an eine Haltestelle in den Nieselregen stellte, musste so verrückt sein, wie ich. Oder verzweifelt.
Wohin wollte er? Was brachte ihn dazu sich den Regen auf den Pelz schütten zu lassen?
Ich könnte rüber gehen und ihn fragen, dachte ich und kicherte.
Der Mann sah mich an. Durch Wasservorhänge hindurch fokussierte er mich. Ich konnte es genau sehen, trotz Regenschleier.
Zwei Fremde, Auge in Auge an solch einem mistigen Tag. Ich fühlte eine gewisse Verbundenheit.
Er hat seine Augen, machte ich mir vor.
Und so ließ ich den Tränen freien Lauf, leise und ohne eine Miene zu verziehen.
Was soll’s, dachte ich, Tränen fallen im Regen nicht auf.

Der Fremde schlenderte langsam auf mich zu und schaute mich die ganze Zeit dabei an. Er hielt meinen Blick gefangen, ließ mich nicht los.
Was will er von mir, schrie es aufgeregt in mir.
Zitternd vor Angst und Kälte schlang ich beide Hände um meinen nassen Körper.
Komm endlich, Bus, flehte ich gen Himmel.
Was war das nur für ein Tag! Ich hätte gar nicht erst aufstehen sollen. Schwarz und wasserreich. Eigentlich konnte es nur besser werden, doch wieso empfand ich das Gegenteil in diesem Moment?
Und doch war dort gleichzeitig ein seltsames Prickeln in einer abgelegenen Magengegend zu spüren. Ein Gefühl, dass ich nur von ihm kannte. Was machte es an diesem Ort, zu diesem Zeitpunkt, in dieser Situation?

Der Regen nahm zu. Er lief mir trotz Kapuze in Strömen übers Gesicht.
Es war seltsam, aber ich konnte den Fremden, der nun unmittelbar vor mir stand, riechen. Meine schwarzen Augen blickten ihn verklärt an, doch ich konnte ihn nicht erkennen. Ich nahm ihn nur schemenhaft wahr als würde er noch dort stehen, wo er vorher gestanden hatte.
Ich löste meine linke Hand von meinem Körper und wollte mir den Regen vom Gesicht wischen, um in seine Augen schauen zu können. Doch der Mann umfasste sie und presste sie an meinen Körper zurück.
Sanft streichelte er mir über Stirn, Wangen und Kinn und befreite mich von Tränenwasser und glitschigen ebenholzfarbenen Haarsträhnen.
Wieso kann ich ihn verdammt noch mal nicht erkennen, fluchte ich in mich hinein.
Was war nur los mit mir?
Dann streifte der Fremde meine Kapuze ab.

‚Nein‘, wollte ich schreien, doch meine Stimme versagte.
Ich spürte warmen Regen auf meinem Kopf und lächelte.
"Warm, der Regen ist warm", flüsterte ich und reckte mein Gesicht gen Himmel.
Mein Mund öffnete sich von selbst und ich nahm Wärme in mich auf. Das erste mal seit langem. Das Regenwasser schmeichelte meiner tauben Zunge und mein müder Körper fühlte sich herrlich erfrischt.

Und dann passierte es. Noch vor ein paar Sekunden hatte ich es nie und nimmer für möglich gehalten. Ich lachte! Ich lachte das erste Lachen an diesem Tag. Und es befreite meinen Körper und meinen Geist.
Ich lachte dem Fremden ins Gesicht und er lachte zurück.
Und dann tat er es.
Er trat vorsichtig auf mich zu und küsste mich. Sein Mund presste sich sanft auf den meinen während sich seine Arme zärtlich um meinen Körper schlangen. Und der Fremde wollte nichts zurück. Ich musste ihn nicht küssen, ihn nicht umarmen.
Mein Körper entspannte sich seltsam als mir plötzlich bewusst wurde, dass dieser fremde Mann mir bedingungslose, reine Zuneigung schenkte.
Er hatte das nie getan. Er war nach unserem Streit noch nicht einmal bereit zu mir zu kommen. Nein, ich musste bei strömenden Regen mit dem Bus zu ihm fahren, wie ein reumütiger Dackel. Dabei hatte er längst den Schlussstrich gezogen, wieder einmal. Und ich?
Der strömende Regen ebbte ab und leiser Nieselregen umgab uns, wie ein schützender Nebelvorhang.
Sanft löste der schemenhafte Fremde seinen Kuss und lächelte mir ins Gesicht. Ich genoss es als seine Hand zärtlich meine warme Wange streichelte. Tiefe Zufriedenheit und Gelassenheit breitete sich in mir aus.
Zuneigung kann so einfach und schön sein, seufzte ich innerlich und schenkte ihm ein Lächeln zurück.

Und dann kam der Omnibus.
Der Bus, der mich zu ihm bringen würde, um unsere Beziehung zu retten. Ich könnte ihn bitten und anbetteln, ihn auf Knien anflehen und vielleicht käme er zu mir zurück.
"Ich bin mir sicher, ich hätte Erfolg", murmelte ich, "ich habe zuviel Übung darin."
Mein Blick folgte dem fremden Mann als er zurück zu dem Platz schlenderte, an dem er gestanden hatte, bevor er zu mir herübergekommen war.
"Wie eine Fatahmorgana", hauchte ich erstarrt, "schimmert seine Silhouette im Nieselregen".
Er blickte nicht in meine Richtung als der Bus ihn verschluckte und ich fragte mich, ob unsere Begegnung überhaupt stattgefunden hatte.
Ich sah den Busfahrer mir zuwinken.
"Entscheiden sie sich endlich", schrie er mir ungeduldig zu, "Ich habe keine Zeit ewig zu warten."
Aber ich hatte Zeit zu warten.
Ich schüttelte heftig den Kopf. Der Fahrer schloss wütend die Tür und ließ mich alleine im Regen stehen. Der Bus, der mich immer wieder in die selbe Richtung geführt hatte, würde mich nie wieder sehen.
Lachend zog ich meine anthrazitfarbene Regenjacke aus und gab mich dem reinigenden Wasser hin.
"Und mag der Regen auch nass sein", schrie ich in den aufhellenden Himmel hinein, "so ist er doch warm."
Meine Füße tanzten zur Musik der Regentropfen. Durch das fröhliche Schwingen meiner Arme schüttelte ich alles Wasser ab und mein Blick wurde klar. Und ich machte mich auf den Heimweg nach Hause, mit der Hoffnung mir dort selbst zu begegnen.

Aus: Mit einem Hauch von Erotik

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