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Jan Cornelius - Arbeitsproben

Aus: NULLDIÄT

Als ich vor genau einem Jahr eines Morgens auf die Waage stieg, musste ich leider feststellen, dass ich einige Pfunde zu viel hatte. Ja, ich wog viel zu viel. Was ich aber gar nicht glauben konnte, denn wer so viel wiegt, der hat bekanntlich Bewegungsprobleme. Was bei mir jedoch nicht der Fall war, es sei denn, ich musste mich mal kurz bücken oder eine Treppe hochsteigen. Trotzdem schafften es meine Freunde, mir einzureden, es sei fünf vor zwölf und ich müsse jetzt dringend abspecken. Dabei konnte ich mich dem komischen Gefühl nicht entziehen, man hätte sich gegen mich verschworen und machte sich einfach über mich lustig, nur weil ich das eine oder andere Hemd nicht mehr ganz zuknöpfen konnte. Aber wie lange kann man schon Widerstand leisten? Um endlich Ruhe zu haben, beugte ich mich dem Druck, den man auf mich ausübte, und beschloss umgehend abzunehmen. Dafür machte ich eine Nulldiät, ich aß also lange Zeit gar nichts, nothing at all, nada! Zur Entschlackung trank ich eine Menge Wasser, ich trank, was das Zeug hielt, bis zu 5-6 Litern am Tag. Von den wohltuenden Effekten meiner Nulldiät war ich vollends überzeugt, vor allem, weil ich jetzt keinen Cent mehr fürs Essen ausgeben musste und somit eine Menge Geld sparen konnte. Dabei hatte ich ein gutes Gefühl, denn ich handelte jetzt ganz im Sinne der Sparpläne der Regierung und konnte somit meinen Beitrag zum Fortschreiten der Reformen leisten. Nach viereinhalb Stunden Nulldiät bekam ich dann aber plötzlich einen solchen Hunger, dass ich ein halbes Hähnchen mit Pommes verdrücken musste. Als diese Krisensituation überwunden war, setzte ich die Nulldiät zuversichtlich und mit neuen Kräften fort und pausierte dann erst wieder nach fünf geschlagenen Stunden, aber nur ganz kurz, um eine Pizza mit Salami und Käse zu verschlingen. Zwischen den Pausen aß ich natürlich die ganze Zeit absolut gar nichts, sonst hätte die Nulldiät ja keinen Sinn mehr gehabt! An diesem Tag aß ich nur noch zweimal in den kleinen Nulldiät-Zwischenpausen, und in der Nacht einmal, als ich völlig ausgehungert aufwachte. Nach diesem Muster machte ich diszipliniert zweieinhalb Wochen weiter, dann stellte ich mich erneut auf die Waage. Nicht gering war jedoch meine Enttäuschung, zumal ich fünfeinhalb Pfund mehr als vorher wog! "Ich brauch bloß das Essen anzuschauen und schon nehme ich zu!", klagte ich, als ich meinen Freund Alfred traf. "Melde dich doch in einem Fitnessstudio an!", schlug er mir vor. "Dort kannst du deine Pfunde abtrainieren!" Aber das werde ich nicht tun, ich mache lieber mit meiner Nulldiät weiter. (Die ersten Erfolge haben sich bei mir übrigens bereits eingestellt: Mit dem Treppensteigen habe ich keine Probleme mehr, denn ich wohne jetzt in einem Haus mit Aufzug, und seitdem ich meine Kleidung von L auf XXL umgestellt habe, kann ich auch meine Hemden wieder problemlos zuknöpfen.)

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