NRW Literatur im Netz

Barbara Zimmermann - Arbeitsproben

Aus: MAXI UND JULIO

Inhalt: Vierzehn besondere, alltägliche, aufregende und lustige Episoden aus dem Leben des 6-jährigen Julio. Er wünscht sich ein Geschwisterchen und schneller als er denkt, geht sein Wunsch in Erfüllung. Seine Eltern nehmen ein Pflegekind bei sich auf. Das Mädchen heißt Ma-Hsi, ist drei Monate alt und kommt aus China. Julio nennt sie gleich Maxi. Und mit Maxi wird alles anders...

... In der großen Stadt am Fluss, dort, wo pausenlos der Verkehr durch die Straßen tost, wo die Autos hupen, die Straßenbahnen bimmeln und es die meisten Menschen furchtbar eilig haben, wohnt etwas abseits von der Straße, in einem kleinen Haus ein Junge mit seinen Eltern. Er heißt Julio Wagner und ist sechs Jahre alt ...
"Hast du eigentlich Geschwister, Mama?" fragte Julio eines Abends. Mit dem Teddy saß er in seinem Bett. Seine Mutter stand am Fenster und schaute hinunter in den Garten. Bitterkalt sah es draußen aus, und sie merkte an der grauen Farbe des Himmels, dass bald der erste Schnee fallen würde.
"Es riecht nach Schnee", sagte sie und dann: "Ja, Julio! Ich habe sogar mehrere Geschwister, meine vier Schwestern. Es sind deine Tanten, die alle älter sind als ich. Du kennst sie ja." Sie setzte sich auf sein Bett.
"Ich habe keine Geschwister", sagte Julio. "Aber ich habe Freunde und eine Freundin, Peggy, und dann habe ich Papa und dich und den Teddy." Dabei drückte er ihn fest an sich.
"Au!" schrie der. "Lass das, du drückst mir auf den Bauch!"
"Stelle dich bloß nicht so an", sagte Julio und steckte ihn unter die Bettdecke.
"Schön warm", brummte der, "aber dunkel."
"Weißt du was, Mama? Der Teddy hat einen Bruder, den Fuzzi, und die Maria Stockbein hat eine Schwester, die Lene. Peggy hat auch Geschwister. Warum habe ich keinen Bruder und keine Schwester?"
Seine Mutter sah ihn an. Sie konnte darauf nichts sagen. Sie nahm Maria Stockbein, Julios Stoffpuppe, und legte sie zur Lene in das Puppenbett. Maria Stockbein hatte kerzengerade Schlenkerbeine und gelbe Wollzöpfe. Sie trug einen schicken roten Rock. Lene war auch eine Stoffpuppe. Sie war viel kleiner als ihre Schwester. Die beiden schliefen zusammen in einem Puppenbett.
"Mama, ich wünsche mir ganz schnell einen Bruder oder eine Schwester zum Spielen, mir ist es ja immer sooo langweilig."
Julios Vater schaute zur Tür herein und fragte: "Was habe ich da gehört? Einen Bruder oder eine Schwester wünschst du dir?"
"Ja, und du musst der Mama helfen, dass wir ein Baby bekommen, dann bin ich nicht mehr so allein." ...

Aus: EIN HALBES JAHRHUNDERT FAMILIENLEBEN

Drei Frauen - drei Generationen:
Josepha, die Großmutter, geb. 1883. Martha, die Mutter, geb. 1913. Lisa, die Tochter, geb. 1950.
Das Buch schildert eine Liebe im Krieg zwischen Martha und Karl, die als Kinder den Ersten Weltkrieg erleben müssen und durch die Wirren des Zweiten Weltkrieges für zehn Jahre voneinander getrennt werden. Sie finden sich wieder und beginnen hoffnungsfroh ein zweites gemeinsames Leben.
Zeitgeschichtlicher Hintergrund ist die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts während des Ersten wie auch des Zweiten Weltkrieges und endet zu Beginn der fünfziger Jahre in Friedenszeiten.
... Der Regen trommelt auf das Dach des Zuges. Er rinnt - vom Fahrtwind gepeitscht - in Sturzbächen diagonal die Scheiben hinab. Die ewig gleichförmigen Geräusche der Räder auf den Schienen beruhigen Lisa diesmal nicht, ganz im Gegenteil. Zu viel ist in diesem Jahr passiert, das will erst einmal verkraftet sein: Vaters Tod im Frühjahr, Mutters schlimmer Fuß mit den Durchblutungsstörungen, ihr gebrochenes Handgelenk durch einen Sturz im Sommer. Jetzt, Anfang Oktober, ist Lisa wieder auf dem Weg zu ihr ins Krankenhaus.
Mit dem Nahverkehrszug durchfährt sie die schönste Strecke des Rheintales. Dann ist sie angekommen. Lisa, ganz und gar Großstadtmensch, hasst heute diesen regennassen, zugigen, menschenleeren Kleinstadtbahnhof mit seinen vier Gleisen. Ihm gegenüber die Kirche, daneben der Friedhof. Die Glocken läuten. Eine Hochzeitsgesellschaft vor dem Portal. Die Braut in Weiß. Der Pastor im feierlichen Ornat. Er hat Vater beerdigt, ihren frommen Vater.
Den sie als Kind liebte und bewunderte, als Heranwachsende hasste, ablehnte, verachtete, da er ihr, als Patriarch der Familie, seine Vorstellung vom Leben aufzwingen wollte.
Eine merkwürdige Mischung an starken Gefühlen, bringt Lisa ihm, so lange sie denken kann, entgegen. Auf seinem von Kieselsteinen umsäumten Grab steht eine Schale aus Ton mit verschiedenfarbigen Chrysanthemen. 90 Jahre alt ist Lisas Vater geworden.
Es ist ihr bewusst, dass sie ihm zu verdanken hat, derart viel von ihrer Familie erfahren zu haben. Doch was weiß sie wirklich von ihrer Mutter? Was weiß sie von ihrem Vater?
"Wer warst du?" fragt Lisa und schaut auf sein Grab ...
Es ist seltsam über das Leben der eigenen Eltern zu schreiben, und über die Ahnen, denkt Lisa. Warum nur hat sie sich darauf eingelassen?
All diese Geschichten, so viel Glück, so viel Schmerz, ihre Schicksale, ihre Tragödien.
Durch die Erzählungen ihrer Eltern wurde in Lisa das Gefühl erweckt, als würde sie alle Mitglieder dieser großen schlesischen Familie persönlich kennen. Als wären all ihre Geschichten zu einem stabilen Geflecht, zu einem Netz geworden, welches Lisas Leben geformt hat, sie auffing, wenn sie drohte zu fallen. Der vertrauensvolle Gedanke nicht abzustürzen, machte sie stark.
Diese Stärke, ja, das war der Eltern ganz persönliches und bedeutendstes Geschenk an sie. Stark genug zu sein, sich dem Leben zu stellen. Sie denkt an die Menschen jener vergangenen Zeit, sie denkt an die Zeit, die noch kommen wird. Sie denkt darüber nach, wie zerbrechlich doch alles ist.

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