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Jürgen Berthold - Arbeitsproben

Aus: OTTOCAR

Als sie so redeten, merkten sie gar nicht, dass sie schon ein großes Stück gefahren waren, und es dauerte nicht lange, da kamen sie zum Meer. Das Auto Ottocar fuhr an den Strand.
Sie stiegen aus und schauten aufs Meer hinaus. Da lag doch draußen auf dem Meer, gerade unter den Wolken, eine Insel. "Die wollen wir uns mal etwas näher ansehen", schlug der kleine August vor und holte sein Fernrohr heraus. Er schaute hindurch und staunte: "Na so was, na so was!"
"Lass mich auch mal sehen!" bat Thomas.
Schweigend gab ihm der kleine August das Fernrohr. Thomas sah hindurch.
"Tatsächlich, unglaublich. Nein so was!" staunte auch er. "Auf einer Insel?"
"Lasst mich doch auch mal gucken!" rief das Auto Ottocar.
"Was willst du mit einem Fernrohr?" fragten die Freunde. "Kannst du überhaupt sehen? Hast du denn Augen?" "Ja, was denkt ihr denn? Wenn ich fahre, muss ich doch etwas sehen können. Meine Lampen sind meine Augen." "Ach so." Die Freunde verstanden und hielten dem Auto Ottocar das Fernrohr vor die rechte Lampe.
"Ich kann mit der linken Lampe besser sehen", sagte das Auto Ottocar. Also hielten sie das Fernrohr vor die linke Lampe. Und da sah auch das Auto Ottocar, was auf der Insel war. "Oh . . .", sagte es bloß.

Aus: ONKEL PAUL

Erst als sie das elterliche Gartentor erreichten, atmeten sie auf und fühlten sich ein wenig sicherer.
"Mutter! Mutter!" rief Katrin noch ganz außer Puste.
"Stell dir vor, ein Raumschiff ist hinter der alten Mühle gelandet."
"Und Peter haben sie als Geisel dabehalten!" fiel ihr Hans ins Wort. "Na, kommt erst mal rein, ihr Nachtschwärmer", unterbrach Mutter den Redeschwall der Kinder, "das Abendessen wartet schon auf euch."
"Aber Mutter! Peter sitzt gefangen im Raumschiff. Wir müssen ihm helfen und die Polizei holen." Katrin ließ nicht locker. Bei dem Gedanken an Peter, der jetzt allein im fremden Raumschiff auf sie wartete, lief ihr ein Schauer über den Rücken.
"Ja, ja", sagte Mutter, "jetzt esst erst mal. Dann sehen wir weiter." Als die Kinder das leckere Abendessen auf dem Tisch erblickten - es gab Pommes mit Majo und Ketchup und knusprige Würstchen aus der Pfanne -, merkten sie, wie hungrig sie waren.
"Komm!" sagte Hans, dem das Wasser im Mund zusammenlief, "wir essen erst mal. Hinterher können wir immer noch zur Polizei gehen."
Bratwürstchen mit Pommes war nämlich sein Leibgericht. Schon wollte er sich über die Würstchen hermachen, da mahnte Mutter: "Aber Hans, Hände waschen!"
"lch geh' ja schon", maulte Hans.
"Mutter, so hör' doch", begann Katrin erneut, als sie aus dem Badezimmer kamen, "Peter sitzt wirklich gefangen im Raumschiff und ..."
"Schluss jetzt mit dem Unsinn!" unterbrach Mutter sie ärgerlich, "jetzt wird gegessen. Und dann ab ins Bett! Es ist spät genug. Morgen könnt ihr weiter Raumfahrer spielen."
"Aber wir spielen doch gar nicht", entgegnete Katrin verzweifelt, "hinter der alten Mühle steht wirklich ein Raumschiff und ..."
"Und kleine grüne Männchen sitzen darin und halten Peter gefangen", ergänzte Mutter schelmisch und verschwand wieder in der Küche.
"Merkst du, sie glaubt uns nicht", sagte Hans schmatzend.
"Was machen wir bloß?" fragte Katrin ratlos. "Wir müssen Peter doch helfen!"
"Wir müssen zur Polizei", sagte Hans, "und da die Geschichte erzählen."
"Und wenn die uns auch nicht glauben?" gab Katrin zu bedenken.
"Die Polizei muss uns einfach glauben. Peter kann ja nicht ewig im Raumschiff bleiben."
In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Mutter nahm den Hörer ab. "Nein", hörten Hans und Katrin sie sagen, "Peter ist nicht bei uns; aber die Kinder scheinen zusammen gespielt zu haben. Moment . . . - Wisst ihr, wo Peter ist?" fragte sie die Kinder.

"Aber das ist es ja, was wir die ganze Zeit sagen wollen: Peter ist im Raumschiff!" entgegnete Katrin heftig.
"lhr wart also mit Peter zusammen?"
"Na, klar", antwortete Hans. "Und wo?"
"Bei der alten Mühle."
"Und wo habt ihr ihn zum letzten Mal gesehen?"
"Im Raumschiff!"
Mutter seufzte. "Also noch mal von vorn: Ihr habt heute nachmittag bei der alten Mühle mit Peter Raumschiff gespielt."
"Aber doch nicht gespielt, Mutter!" fiel ihr Katrin ins Wort. "Da waren echte Raumfahrer, und die Kugel ist so groß wie unser ganzes Haus und glänzt."
Katrins Mutter schüttelte ungläubig den Kopf. "Ja, ist denn Peter immer noch bei der alten Mühle?"
"Ja! Im Raumschiff!" riefen Hans und Katrin wie aus einem Mund.
Mutter schüttelte den Kopf und griff wieder zum Telefonhörer: "Also, die Kinder haben zusammen bei der alten Mühle gespielt, Peter muss noch dort sein. Ich werde nicht klug aus Katrin und Hans. Die beiden reden immer von einem Raumschiff; aber das ist Unsinn.
Ich würde auch die Polizei benachrichtigen. Hoffentlich finden Sie ihn bald." Damit legte Mutter den Hörer auf.
"Könnt ihr nicht vernünftig antworten, wenn ich euch etwas frage?" sagte die Mutter erzürnt. "Was soll denn Peters Mutter von euch denken?"
"Aber es steht wirklich ein Raumschiff hinter der alten Mühle, Mutter", beteuerte Katrin. "Nun glaub' uns doch endlich!"
Da explodierte Mutter: "Genug damit! Ab ins Bett, ihr zwei! Ich will heute nichts mehr hören."
Katrin und Hans schwiegen enttäuscht. Schweren Herzens gingen sie nach oben.

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