NRW Literatur im Netz

Helma Behme-Gissel - Arbeitsproben

FRÜHLING

Wie vertraut,
zartgrün,
die kleine
Handvoll
Stunden
mit dir.

Die lichten Keime
meines buntbetupften
Sommerwunsches.

Aus: Alles in allem mit dir. Liebesgedichte.

Ruhe in das Zauberwort,
ich allein bedeutet Glück,
liebe jedes Fleckchen Stille,
kehr dort zu mir selbst zurück.

Ist man allzu lang alleine
ohne eines Menschen Wort,
wirkt die Ruhe nicht als Pille,
ist der ganze Zauber fort.

Keiner, auch der Menschenscheue,
ist gern nur bei sich zu Haus,
geht er nicht mit seinen Beinen,
geht er in Gedanken aus.

Aus: Marburger Literatur Almanach. 1994.

TENERIFFA IM APRIL

Die Unruh
lernt nun Ruh
auf Spanisch.

Unbeschwert
sonnt sich
der Werktag.

Die Augen
bummeln
ins Blaue.

Mit Rotwein
füllt sich
der Abend.

Und selbst
der Regen
hat jetzt Urlaub.

Es rundet sich
der Fuß,
das Wort,
na ja,
und auch
der Bauch.

Aus: Das Gute siegt nicht, noch das Böse.

Ein Literat,
der geistig viel zu bieten hat
und der die Theorie so liebt,
dass er fast alles für sie gibt,
der sah am Wegessaum,
unter einem Feigenbaum,
mit allem, was sie hatte,
Frau Literatte.

Er ist gescheit.
Sie ist bereit.
Und es geschah,
was keiner sah,
man kam sich nah,
doch letztlich nur
in Sachen
Literatur.

Aus: Einfach Tierisch. So ein Mensch.

Wie viel Zeit muß sein,
um das Gras wachsen zu hören,
Fades von Bittersüßem zu trennen,
Erde mit Himmel und Hölle zu denken,
von damals nach morgen zu schauen?

So viel Zeit muß sein
für ein Gedicht.

Aus: Was das Erinnern entläßt.

GEWUSST WIE..

Willi Pannen war wirklich kein Freund der Glückspiele. Selbst den Verlockungen von Lotto und Toto widerstand er redlich. Doch mit 55 Jahren nahm er zum ersten Mal an einem Preisausschreiben teil.
Etwa drei Wochen später fuhr ein fremdes Auto auf seinen Bauernhof, und aus dem schnell geöffneten Anhänger stolzierte ein kräftiger Ziegenbock – der Gewinn des ersten Preises. Nach kurzem Händedruck von Mann zu Mann führte Willi Pannen, noch leicht verwundert, aber auch erfreut und sogar ein bißchen stolz, das Tier in einen seiner Ställe. Es fühlte sich da sichtlich wohl; doch es blieb dort nur ein paar Tage, denn nicht nur in den benachbarten Stallungen, sondern auch im angrenzenden Wohnhaus verbreitete sich ein überaus strenger Geruch, der Willi Pannen und seine Familie immer mehr störte.
Es war Sommerzeit, und der Ziegenbock mit seinem braun glänzenden Fell und dem prachtvollen Bart verbrachte nun, angepflockt am Seil, seine Tage und Nächte im Freien – zusammen mit den Kühen auf der Weide. Schon bald merkte Willi Pannen, daß seine Kühe unruhig hin- und herliefen, zuviel brüllten und schließlich zuwenig Milch gaben. Eines stand mit Sicherheit fest: Sie litten nicht an Rinderwahnsinn; die Nähe des Ziegenbocks und vor allem sein Geruch machten sie fast wahnsinnig. Da Willi Pannen weiterhin glückliche Kühe auf seinem Hof halten wollte, gab er kurzerhand folgende Anzeige in der Tageszeitung auf: Ziegenbock zu verschenken. Und schon am übernächsten Tag gab er seinen Geißbock gleich dem Erstbesten.
Wie Willi Pannen erst später erfuhr, hatte damals ein westfälischer Jungbauer dieses Preisausschreiben in die Fachzeitschrift gesetzt, um seine Ziegenherde zu entsorgen – und zwar ausschließlich durch erste Preise.

Aus: Was das Erinnern entläßt.

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