NRW Literatur im Netz

Alfons Huckebrink - Arbeitsproben

DAS SPRACHEMPFINDEN

An lauen Sommerabenden
auf dem Altan sitzend:
Liebend gern lausche ich
dem Gespräch der Vorübergehenden:

Manche Sprachen erkenne,
manche errate ich.
Manche Sprachen erstaunen,
manche verzaubern mich.

Auf gut Deutsch meint es
wohl dies: Hereinspaziert, die ihr
wortbrüchig und versprochen seid!

Aus: Sombrerogalaxie (Gedichtband)

ZWEI NEUE BÜCHER VON PAUL NIZON

Protokolle einer Ich-Erschaffung
Von Alfons Huckebrink

Der Schriftsteller Paul Nizon (geb. 1929) hat nie im Zentrum des Literaturbetriebs gestanden. Das liegt zum einen an seiner Desertion aus der Schweiz in die Weltstädte: Seit 1977 lebt er ganz in Paris. Zum anderen ist seine Art zu schreiben gewiss nicht an ein Massenpublikum
gerichtet. Wer das eigene Ich – den "Speicher der Erinnerung" – schreibend
ausbeutet und seinem In-Sich-Gehen beharrlich über die Jahre hinweg zum
eigenmächtigen Ausdruck verholfen hat, wird sich mit dem Mangel an öffentlicher Aufmerksamkeit abfinden müssen. Nizon hat auch nie den Anschein zugelassen, als habe er darunter gelitten. Das auf vier Bände angelegte Journal "Die Erstausgaben der Gefühle" ist der Roman eines künstlerischen Werdegangs. Der erste Band umfasst die Jahre 1961 bis
1972. Aus über 1000 vorgefundenen Seiten gewann Herausgeber Wend Kässens
ein Destillat, das die zielgerichtete Ich-Erschaffung Nizons zum Künstler und freien Schriftsteller nachvollziehen lässt. Eine solche Existenz speist sich aus vielen zusammenfließenden Quellen, die in dem Buch wortreich sprudeln: Nizons Freundschaft zu Elias Canetti, Briefwechsel mit
Lektoren, des Geldes wegen eingegangene Kompromisse, das Hohelied auf die Weltstädte (Rom, London, Paris), Diskussionen mit dem Schweizer Marxisten Konrad Farner über die bewusste Zeitgenossenschaft des Künstlers oder das Heraufbeschwören der ersten, kindlichen Liebe. Eine besondere Rolle spielt das ambivalente Verhältnis zu Frisch und Dürrenmatt, den beiden "Großen" der Schweizer Nachkriegsliteratur. "Alle Touristen haben etwas Schafsköpfiges, nicht nur Verlorenes, sondern ausgesprochen Dümmliches, vor allem in den Augen der Ansässigen." – Dem Befremdetsein des Europäers auf der Reise spürt Nizons jüngstes Buch "Abschied von Europa" nach. Der schmale Bericht über einen bereits 1975 stattgefundenen Besuch Südostasiens kultiviert den Gestus des Staunens, also eine Offenheit, die dem modernen Reisenden sonst abgesprochen wird. Es ist ein kindliches Staunen, dessen Voraussetzung die Anerkennung eigener (europäischer) Begrenztheit ist: "Sumatra gehörte zu fernen Geographiestunden." Das Eintauchen in das "Original einstiger Bilderbuchbreiten" konfrontiert Nizon mit "saunahöllischer Hitze" und "den teuflisch schöngrünen Landschaften". Erschütternder aber als die schleichende Paralyse der Physis ist die Wahrnehmung fremden Lebens als etwas, das mit nichts an die Eigenwelt der Erfahrungen und Gefühle anschließt, ja diese als fiktiv erscheinen lässt, gar unterhöhlt. Unerträglich für einen Dichter wie Nizon, dem das Eigene nicht nur zivilisatorische Gewissheit, sondern Grundlage künstlerischer Existenz ist. Deshalb sucht er Heilung in der Erprobung einer Gegenoptik, die in den Fremden Menschen mit verwandten Bedürfnissen und Empfindungen sieht. Ausgerechnet im Angesicht eines hundertjährigen Alten, der in seiner Jugend noch Menschenfleisch gegessen haben soll, probiert er sich als Gedankenleser: "... es waren nicht viel andere Gedanken, als wir sie haben, alltägliche verschmitzte gutmütige Gedanken." Eine Sichtweise, die sich spekulativ erschöpft und ihn aus seiner Verwirrung nicht erlöst. Ein "Abschied von Europa" ist nicht möglich.

ERSTER GRIFF IN BITTERSCHULTES HÄNGEREGISTRATUR

Mappe: Premieren

Fundstück: Läßliche Sünden

Ich kann mich noch lebhaft an meine erste Beichte erinnern. Die Absolution galt als Eintrittskarte für die Feier der Erstkommunion mit den vielen Geschenken. Im Religionsunterricht wurden wir sorgfältig auf das große Ereignis vorbereitet. Wir selbst waren bald auch Feuer und Flamme. Im Mittelpunkt unseres frommen Eifers stand die Gewissenserforschung. Schließlich heißt es nicht umsonst Bußsakrament. Deshalb war aller Eifer wohl auch ein Versuch, das heimliche Gruseln zu unterdrücken, das wir bei dem ganzen Prozedere empfanden.
Wir erfuhren indessen bald: Das Ausmaß der Buße stand in einem berechenbaren Verhältnis zur Schwere der Sünden. Zwischen den läßlichen Sünden und den Todsünden tat sich ein tiefer Graben auf. Der klaffte nach dem Tod und trennte die Spreu der armen Seelen vom Weizen der Erwählten. Nach meiner Erinnerung war es so: Läßliche Sünden heißen so, weil sie einem nach einer gewissen Zeit der Reinigung im Fegefeuer erlassen werden. Todsünden, weil einer, der eine solche begangen hat, unweigerlich und ohne Aussicht auf Begnadigung in die Hölle geschickt wird, wenn er stirbt, bevor er Gelegenheit zu Reue und Vergebung in der Beichte bekommen hat. Weswegen man den zum Tode Verurteilten früher auch immer eine letzte Chance zur inneren Umkehr vor der Hinrichtung einräumte.
Die Gewissenserforschung betrieben wir nach den zehn Geboten. Bei einigen Geboten ließen sich leicht ein paar Sünden auftreiben. Ich habe gelogen zum Beispiel. Reiche Auswahl. Dazu Verfehlungen wie Naschen oder Lügen: Kein Problem. Andere Gebote kamen von vornherein noch nicht in Betracht. Wie das fünfte: Du sollst nicht töten. Somit auch kein Problem für uns. Oder das erste: Du sollst keine fremden Götter neben dir haben. Dessen Sinn hatte ich lange nicht verstanden. Bis mir Meiners, der neue Kaplan, den guten Tip mit den Beatles gab. Heute weiß ich, daß er auf die Abgötterei anspielte. Damals glaubte ich, es sei wegen John Lennon. Weil der mal behauptet hatte, die Beatles seien prominenter als Jesus Christus.
Ziemlich ratlos saßen wir indessen vor dem 6. Gebot. Allein die Ausdrücke - Unkeuschheit, Unzucht - ließen uns das Schlimmste ahnen, weckten aber gleichzeitig in uns eine nicht mehr zu beschwichtigende Neugier auf verbotene Lust. Auch ließen die Gewissenserforschungsfragen bedeutsame Rückschlüsse zu. Wir kannten schon Zucht und Ordnung. Woher sollten wir aber damals wissen, was Unzucht genau ist? Interessiert entnahmen wir nun dem Beichtspiegel, daß man es jedenfalls auf die unterschiedlichste Art und Weise tun konnte. Allein oder mit anderen. Mit Eltern, Geschwistern, Freunden. Selbst mit Tieren ging es, wie eine Erforschungsfrage unterstellte. Im Geiste ging ich verschiedene Tiere durch. Da ich mit dem Begriff Unzucht noch nicht allzu viel verband, blieb diese Eignungsprüfung aber Spekulation. Auf jeden Fall schienen mir Haustiere dafür eher in Frage zu kommen als wild lebende. Das alles regte unsere Phantasie an, und wir lasen die heiklen Fragen immer wieder, lernten sie auswendig. Als reale Sünde lag das alles für uns noch in weiter Ferne. Dachten wir.
Ich griff einen weiteren Tip des Kaplans auf und fertigte mir einen Sündenzettel an, weil ich befürchtete, in der Beichte den Faden zu verlieren. Das Papier mußte man natürlich stets gegen neugierige Blicke abschirmen. Als der große Tag gekommen war, ging ich aufgeregt, aber bestens präpariert zur Kirche. Im Beichtgestühl war es jedoch so dämmerig, daß ich gerade mal hinter der Sprechmembrane Pastor Löbbels lila Stola und darüber dessen fleischige Wange erkennen konnte. Die Sündenliste sollte mir in der Düsternis nicht weiterhelfen. Da ich damals bereits ziemlich gut auswendig lernte, spulte ich mein Sündenregister aus dem Gedächtnis ab, bereute aufrichtig und erbat Vergebung nach der gelernten Formel. Ich freute mich über mein Ego-te-absolvo, hörte mir ein paar laue Ermahnungen an und kam mit jeweils zehn Vater-unser und Gegrüßet-seist-du-Maria davon, die ich im Kirchenschiff bußfertig abbetete. Mein Freund hatte wesentlich länger zu tun, was ich zufrieden registrierte. Danach ging ich erleichtert und wie von einer großen Last befreit nachhause. Ich badete, achtete angestrengt darauf, reinen Herzens zu bleiben, und hielt eine Zeitlang durch. Der Sündenschrieb ließ sich bei der nächsten Beichte wieder verwenden und vereinfachte die Vorbereitung. Ein Blick auf den Zettel und mein Sündenbekenntnis stand. Ich faltete ihn sorgfältig und bewahrte ihn im Laudate auf.
Auf Dauer wurde es mir zu eintönig, immer wieder dieselben Vergehen abzuspulen. Ich überlegte, wie ich etwas Abwechslung reinbringen konnte, und reicherte die Liste um eine spektakuläre Sünde an. In der nächsten Beichte gestand ich ganz nebenbei, Unzucht betrieben zu haben. Das hätte ich besser nicht sagen sollen. Waren bisher alle meine Sündenfälle unkommentiert geblieben, fiel mir nun mein Beichtvater hüstelnd ins Wort und stellte allerlei bohrende Fragen. Er wollte es ganz genau wissen und schnappte nach Luft. Also wann, wer dabei gewesen wäre, zuhause oder wo sonst? Ich geriet ziemlich ins Schwitzen, da ich gleich bemerkte, er würde sich mit meinem simplen Geständnis ‚Ich habe Unzucht getrieben‘ nicht abspeisen lassen. Bis heute rätsle ich, ob er glaubte, einem veritablen Skandal auf der Spur zu sein, oder ob er sich an der ganzen Sache selbst berauschte. Auf seine Fragen antwortete ich nicht oder klang wohl reichlich verwirrt, was seine Wißbegier noch mehr anstachelte. Hast du unkeusche Filme gesehen? Unkeusche Bücher angeschaut? Was sollte ich sagen? Ich war mir doch keiner Verfehlung gegen das ominöse Gebot bewußt. Dann jedoch mußte ich an die Neckermann-Kataloge denken, in denen wir uns immer die Miederwarenseiten anschauten und in der Sommerausgabe die neuen Bademoden. All die Modellbüsten mit durchschimmernden Warzen. Die hochgereckten Hintern in weißer Seide oder schwarzer Spitze, bei denen uns die Augen aus dem Kopf traten. Ich zappelte ganz schön. Auch weil ich Angst hatte, er würde trotz des Beichtgeheimnisses meine Eltern informieren. In der Bedrängnis fiel mir endlich eine rettende Formulierung aus dem Beichtspiegel ein. Ich antwortete: In Gedanken. Das ist wohl die Einstiegssünde bei diesem Gebot. Die Auskunft stellte Pastor Löbbel offensichtlich zufrieden und brachte mir eine Rüge ein. Ich wurde mit einer gegenüber meinem Standard leicht erhöhten Buße entlassen und hielt mich fortan streng an die bewährte Liste auf meinem Sünden-Zettel.
Später wurde uns vieles klarer. Dann nahmen wir statt der Versandhauskataloge Groschenheftchen und tauschten bestimmte Bücher untereinander. Titel wie Lady Chatterley‘s Lovers. Bücher also, die man beim Lesen im Bett - im Unterschied zu den schweren Katalogen - bequem mit einer Hand halten konnte. Aber da gingen wir schon nicht mehr zur Beichte.
Heute lächeln wir über unsere Bauchschmerzen von damals. Die Sünde ist der Beliebigkeit gewichen. Aber dafür gibt es auch keine Vergebung...

Aus: Wie Thomas Bitterschulte sich von seinem Daseinszweck verabschiedete

ZWISCHENSTAND

In einer Ecke ihres Schulhofes
kicken
Dennis, Jörg und Sven
aus der sechsten Klasse
mit einem abgenutzten Tennisball
gegen
Kerem, Ali und Necmettin.

Während
die deutschen Jungen
als Borussia Dortmund
auflaufen
streiten ihre Gegner
immer noch
um Besiktas oder Galatasaray.

Zählten wir
alle Pausen beisammen
stünde es - etwa -
zwölf zu elf
für Schwarz-Gelb
und eins zu null
für ihre Freundschaft.

SCHLAFSTADT

über mondlichtbeladenen
dächern / lungern
spitze träume / sprechen
den katzen mut zu.

darunter erzählt eine soap-box
den angeschmierten sie seien
noch nicht
maustot.

daß sie leben wollen
erzählt ihnen niemand.

Aus: DIE KUNST DES ERINNERNS UND DER 8. MAI 1945

Erinnerung ist zwar eine persönliche, aber keine private Angelegenheit. Wir sprechen schon eine ganze Weile, ohne den Begriff bisher benutzt zu haben, auch von Erfahrungen, welche durch Vergangenheit und das Erinnern an sie ermöglicht werden. Durch sie wird Vergangenheit "erfahrbar" gemacht. Auch für andere. Denn Erfahrungen können verglichen werden, da die ihnen zugrunde liegenden Erlebnisse in einen historisch-sozialen Zusammenhang gebettet sind. Erfahrungen können weitergereicht werden. Erfahrungen können und sollen zu Konsequenzen für Gegenwart und Zukunft führen. Sie sind das Geschiedene aus dem Ungeschiedenen der Vergangenheit. Damit werden sie zur Vermittlungsebene zwischen persönlichem und öffentlichem Erinnern. Durch die Geschiedenheit der Erfahrung wird unser Prozeß der Erinnerung, der auf unser persönliches Erleben gerichtet ist, zu einem Vorgang, dem auch eine politische Qualität innewohnt, was im Grunde nur besagt, als daß sich um ihn Interessenten bemühen, deren Motivation außerhalb unserer Person gründet. Deren Interessen können - sind es zumeist auch - durchaus widersprüchlicher Natur sein, ihre Einflußnahme auf uns von wechselnder Bedeutung. Erinnerung und ihre daraus resultierenden Erfahrungen müssen vermittelt werden. Aus dieser Vermittlung oder diesem Abgleich erwachsen eine oder mehrere öffentliche, besser kollektive Erfahrungen, die jeweils durch einen oder mehrere Konsense wesentlich bestimmt sind und sich eben dadurch gegeneinander abheben. Es entstehen Parteiungen. Diese kollektiven Erfahrungen unterliegen - wie die persönlichen auch und im Idealfall in gegenseitiger Durchdringung mit ihnen - Veränderungen in ihrer Bewertung, die zu einer Revision eines zu einem früheren Zeitpunkt erstellten Bildes von kollektiver Gültigkeit, das wir auch Geschichtsbild nennen dürfen, führen können. Der gesamte, vor einigen Jahren heftig geführte Streit unter Historikern, aber eben nicht nur unter ihnen, stellt sich uns in dieser Sicht als ein Versuch dar, die Diskussion um eine Neubewertung der nationalsozialistischen Verbrechen in Gang zu bringen, mit der Intention, bisher gültige Verdikte zu relativieren, die politischen Diskurse der Gegenwart um einige "Altlasten" zu entsorgen und politische Planungen von einigen Rücksichtnahmen zu befreien. Ob und wie rasch diese Zielsetzungen erreicht werden können, ist abhängig auch davon, auf welchem Niveau die Kunst des Erinnerns inzwischen von uns ausgeübt wird. Geschichtswissenschaft, mehr noch die öffentliche Übersetzung und Bewertung ihrer Forschungsergebnisse, ist auch damit befaßt, persönliche Erinnerung und Wertung in Einklang zu bringen mit einem intentional gewirkten oder revidierten Geschichtsbild.

In: Morgens brauchte man nicht mehr mit 'Heil Hitler' zu grüßen

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