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Brigitte Doppagne - Arbeitsproben

Aus: DER NACHTGAST

Morgens im Bus, auf der Fahrt in die Stadt, hatte Ines kaum Augen für mich, sie vertiefte sich statt dessen in die Deutschlektionen. Nur nach dem Unterricht gehörte ihre Aufmerksamkeit ganz mir. Wir redeten über den Lehrer, über Tante Pia: Ines gab vor, den nächtlichen Gesang nicht zu hören, betäubt von ihrem eigenen Schnarchen sei sie, und überhaupt, was sei schon dabei, sie biß in ihren Maiskuchen, sprach schnell und mit vollem Mund von etwas anderem, umschlang meinen Hals, pustete mir Krümel ins Gesicht: Komm mit!
Wir nahmen den Bus, um ins Zentrum zu fahren, ließen den Freiheitsengel mit seinen Goldschwingen hinter uns, fuhren an der Phalanx von Statuen vorbei, der Göttin Diana, aztekischen Herrschern und Kriegern, an Kolumbus und Simon Bolivar, alle auf hohen Podesten in einem Bannkreis aus Blumenbeeten und Springbrunnen, Hunde tobten in den Wasserbecken, unter der doppelten Reihe der Eukalyptusbäume saßen Männer auf steinernen Bänken und spielten Karten.
Am Alameda-Park stiegen wir aus, und jetzt war ich es, der seine bald atemlose Schwester hinter sich herzog, wir kauften einem Mädchen einen Strauß Windräder ab und steckten sie den die Säulen einer Kirche überwuchernden Engeln in ihre Heiligenscheine und die Falten ihrer Gewänder, bestaunten die Feuerschlucker an den Kreuzungen, wie sie mit einem brennenden Holzscheit ihren Mund entzündeten und Stichflammen in den weißen Himmel jagten, an den Straßenecken sangen Kinder das sorglose Leben aus, die Lose der Lotterie flatterten wie Transparente im Wind. Dentisten liefen rückwärts vor uns her, klapperten mit Gebißmodellen, Ines und ich fletschten als Antwort die Zähne, stürzten einen Becher Fruchtsaft, den eine bucklige Frau aus einem bauchigen Glas geschöpft hatte, die Kehle hinunter, im Dieselqualm fanden wir den faden Zuckerduft von Süßigkeiten, den Geruch alten, kochenden Öls, wir löffelten Eis und kauten Hotdogs, die Zeitungsverkäufer strengten ihre Stimmen an, suchten die hupenden Autos mit dem vielstimmigen Ausrufen der Nachrichten zu übertönen, all die hochbeinigen Fords, die Schlaglöchern auswichen und es eilig hatten, ein Geiger in einem viel zu langen Frack, dessen eines Ende ein Kaugummipapier mitschleifte, folgte Ines mit einer wehmütigen Melodie, bis ich ihm eine Münze in den Hutrand legte, amigo amigo, warben die Schuhputzer, die Kioskbesitzer um unsere Aufmerksamkeit, sie boten Luftballons, Papiertaschentücher und geröstete Heuschrecken an, die Polizisten mitten auf den Straßen zwitscherten mit ihren Trillerpfeifen wie Kanarienvögel, gestikulierten in alle Richtungen, der Bauch der Kathedrale schluckte uns, hier war es kühl, eine eigene, winkelige, von einer Unzahl von Kuppeln überwölbte Welt, jemand leerte seine Geldbörse in einen Opferstock, es klang, als würde eine Ladung Kies abgeladen, und wieder umfaßte mich Ines, flüsterte im Nachhall der rasselnden Münzen und wisperte wie früher: Versprich mir, versprich mir, ich weiß nicht was, versprich mir alles. Ich tu’s auch.
Die Zukunft begann hier, in der Stadt, mit einem Mal federleicht zu wiegen, die von ihren tausendfachen Geräuschen übervolle Luft schien sich zu weiten, und das Leben breitete sich mit der Zusage vor mir aus, der Horizont sei nur ein Gaukelwerk, nicht mehr und nicht weniger als ein Scherz.
Und einmal, als ich den Nachtwächter seine Runde drehen hörte und Tante Pia gerade mit ihrem Summen begonnen hatte, quietschte meine Zimmertür, ein schmaler Schatten schlich herein, schlüpfte neben mir unter die Decke, zwei Füße wanderten meine Waden hoch zu den Knien, sie waren kalt wie unser Glas Pepsi, das wir von der Köchin bekamen, wenn Isabel den Fernsehapparat für die wöchentliche Lassie-Folge einschaltete. Mich friert, wenn sie singt, sagte Ines. Kann ich bei dir bleiben?
Von nun an kam sie wieder jede Nacht, oft schon kurz nachdem wir zu Bett gegangen waren. Ihre Nähe beunruhigte mich, und mit flimmerndem Herzen wartete ich auf den Augenblick, wo die Klinke lautlos heruntergedrückt wurde. Kam Ines später, schlief ich manchmal vorher ein, das leise Schleifen der Tür weckte mich, oder Ines packte mich an den Schultern, schüttelte mich aus einem Alptraum in die Wirklichkeit: Du schlägst um dich, was ist los mit dir?
Heiser vor Erregung erzählte ich ihr ausführlich darüber, wie ich Jim gefunden hatte, das heißt, ich sagte ihr nur eine meiner verschiedenen Wahrheiten, es war zuwenig und gleichzeitig mehr als genug. Daß ich, seitdem wir in der Hauptstadt lebten, sämtliche Berichte über Fälle von Mord und Totschlag aus der Zeitung schnitt, sie in einer Schublade hortete und ihren Wortlaut beinahe auswendig kannte, behielt ich für mich.
Ines rieb ihre Nase an meiner Wange: Ist gut, ist schon gut, beschwichtigte sie mich, in tiefen Zügen atmete ich den grasigen Duft ihres Haares ein.
Sollte es tatsächlich so etwas wie das Glück geben, war ich ihm jedenfalls in dieser Zeit sehr nahe. Der Deutschunterricht machte mir Spaß, meine Eltern schrieben uns weiterhin mit lustigen Bleistiftskizzen versehene Briefe über die Proben der Theatergruppe, stundenlang blieb ich in der Bibliothek, im majestätischen Tacken der Pendeluhr las ich mir ein neues Stück Welt und eine heiße Stirn an. Sonntags nahm mich der Señor auf seine Ausflüge mit, Isabels Rucksack umgeschnallt, stieg ich neben ihm in die Berge, er zeigte mir seltene Pflanzen, die Reste eines durch einen Vulkanausbruch ausgelöschten Dorfes; einmal kamen die Mädchen mit, auf dem Rückweg gerieten wir in den Trubel eines Jahrmarkts, der über das Hochland wanderte. Der Messerwerfer interessierte mich nicht, statt dessen ging ich mit Ines ins Lachkabinett, die Spiegel streckten mich lang, walzten mich breit wie einen Streifen Blech, zersprengten mich in tausend Splitter, vor der Bude fiel mir Ines in die Arme: Ich dachte schon, ich find nie mehr hinaus, wo bist du denn gewesen? fragte sie mit angstgeweiteten Augen. Zum Schluß schaukelte uns ein Riesenrad quietschend in die Höhe, und ich sah einem Vogel nach, der sich im Flug um sich selbst drehte und immer weiter in den weichen, blauen Dunst schraubte, das muß das Glück sein, dachte ich.
Aber dann kreuzte plötzlich Fausto auf, ein Cousin Isabels, Fausto Solana, neunzehn Jahre alt, Student der Wirtschaftswissenschaften und freier Mitarbeiter beim "Excelsior", einer der wichtigen Zeitungen der Stadt. Fausto verdarb alles, restlos alles.

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