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Matthias Bronisch - Arbeitsproben

DER HIRTE

Die Luft war heiß, die Sonne stand auch an diesem Spätsommertag noch fast senkrecht und die auf dem steinigen Boden kaum Halt findenden krüppeligen Bäume boten wenig Schatten, als er sich am späten Vormittag auf den Weg zum Kloster Sv. Stefan gemacht hatte. Er hatte seine Zeichenutensilien und den Aquarellkasten mitgenommen, etwas wollte er festhalten von dieser Landschaft, dem uralten See zwischen dem Galiča-Gebirge und den Albaner Bergen. Oft ging sein Blick, während er mühsam bergauf stieg, zur Seite, auf die Fläche des sich immer weiter öffnenden Ohridsees, und reichte bis zur Stadt Ohrid, hinter der der aufsteigende Dunst, den die Sonne aus dem See sog, Struga und das gegenüber liegende Ufer, das schon zu Albanien gehörte, nur noch schemenhaft ahnen ließ.
Er fühlte sich nicht wohl.
Am Nebentisch hatte gestern Abend ein Paar gesessen, schon etwas älter. Die beiden saßen an einem leeren Tisch und schwiegen. Sie waren schwarz gekleidet gewesen, so schwarz, dass es nur Trauer sein konnte. "Du kennst sie?", hatte er Anja gefragt. "Ich sah Dich heute Morgen mit ihnen sprechen." "Ja, ja, aber nicht so gut. Sie sind aus Tetovo." "Sie sind in Trauer?" "Ja, schon seit sechs Jahren." "Um Gottes Willen, all die Jahre in Schwarz." "Du musst wissen, Thomas, sie haben ihren einzigen Sohn vor sechs Jahren verloren, - im Krieg hier." Thomas war nicht wohl bei diesem Thema gewesen. Die Rolle der Deutschen damals im Herbst 91 war nicht gut, sie hatten nicht klar Position bezogen, sondern den Albanern in ihren großalbanischen Träumen zu sehr nachgegeben. Doch Anja hatte weiter erzählt. "Sie mussten ihren Sohn ohne Kopf begraben. So machten es die Albaner." Er sah sie ungläubig an. Wieder eines der Gräuelmärchen? Aber warum sollte sie es sagen, wenn sie es nicht von den Eltern des Getöteten gehört hatte. Noch diesen Morgen war er in Struga gewesen, hatte das Hotel gesucht, in dem die internationalen "Poetischen Abende" gerade statt fanden, und einen Mann auf der Straße nach dem Weg gefragt. Der hatte ihn wütend angesehen und mit der Faust auf seine Brust geschlagen: "Albaner!" rief er. Er wollte die Frage, die er ihm in Mazedonisch gestellt hatte, nicht verstehen. Ob er eine Fremdsprache spreche? "Italienisch!" Die Sprache der Besatzer im zweiten Weltkrieg kann er, aber die Sprache des Staates, in dem er lebt, versteht er nicht, ging es Thomas durch den Kopf und er begriff, weshalb nicht wenige in diesem Land Titos Jugoslawien zurück haben wollen.
Der gestrige Abend hatte ihn verwirrt: der ruhige See, die noch immer warme Luft, die flanierenden Touristen in den Straßen Ohrids – und dann dieses Paar, das nicht vergessen kann, dieser Albaner, der wütend ablehnt, die Sprache seines Landes zu verstehen.

Als er auf dem Kamm der ersten Hügelkette Halt machte und sich gesetzt hatte, glaubte er das richtige Motiv gefunden zu haben. Schnell legte er eine erste Zeichnung an, öffnete die Wasserflasche und begann in die nasse Fläche des Blatts die matten, sanften Farben der Landschaft zu übertragen. Die Flasche fiel um und das Wasser wurde von dem ausgetrockneten Boden aufgesogen.
Er blieb sitzen und vertraute den Augen, die das Bild bewahren sollten und wohl doch nicht konnten. Enttäuscht erhob er sich und ging langsam den staubigen Weg hinunter.
"Zdravo!" "Zdravo...", antwortete er etwas irritiert. "Kade odiš?" Rechts oberhalb, hinter Gebüsch verborgen, sah er ihn. "Dojdi vamo! Sedi!", und er klopfte mit der Hand auf den Stein neben sich. Er stieg an dem bröckelnden Abhang hinauf und setzte sich. "Ich gehe spazieren", beantwortete er die letzte Frage. "Es ist heiß." "Ja, sehr heiß." "Du kennst unsere Sprache? Woher?" "Ich habe hier gelebt, in Skopje. Aber es ist schon lange her, dreißig Jahre und mehr."
Der Mann sah vor sich hin und schüttelte leicht den Kopf. Sein Gesicht war schmal, doch nicht verhärmt, sein Blick sehr klar und wach. Seine Gestalt schlank und sehnig. Thomas wusste nicht, ob er ihn jetzt auch duzen sollte, entschloss sich aber in Erinnerung an die Gewohnheiten vor vielen Jahren, keine Hemmungen zu haben. "Was machst Du hier?" Er wies mit dem Arm zu den in einiger Entfernung stehenden Bäumen: "Ich hüte die Kühe, sie stehen dort im Schatten. Jeden Tag, und jeden Tag zehn Stunden." Thomas sah hinüber zu den Bäumen, krüppeligen Stämmen, umwuchert von niedrigem Gebüsch. Er entdeckte die drei Kühe in deren Schatten. "Sind es Deine?" "Ja, meine. Ich habe auch noch Wein und Gemüse unten im Dorf, in Sveti Stefan." Er kratzte mit einem abgebrochenen Zweig auf dem trockenen Boden. Das Gras war vom Sommer verbrannt, überall lag zwischen den aus dem Boden ragenden Steinen nur krümelige, trockene Erde. "Du lebst allein?" "Nein, nein. Ich habe einen Sohn", und seine Augen glänzten. "Meine Frau und ich leben bei ihm. Das ist gut so im Alter. Er arbeitet in Ohrid, in einem Hotel. - Ich mache das Land, den Wein, den Garten. – Ich habe noch zweihundert Liter Schnaps und viel Wein." Er nickte zufrieden und blickte ihn an. "Komm heute Abend, wir trinken zusammen etwas!" Thomas war überrascht. Wie sollte er ihm erklären, dass er das so schnell nicht entscheiden konnte. "Ja, warum nicht. Ich muss mal sehen, was unsere Freunde vorhaben." "Du bist mit Freunden hier? Bring sie mit!" "Danke ja, ich werde sehen." "Du findest mich, frag nur nach Branko, jeder weiß, wo mein Haus ist." Und er erzählte noch von seinen beiden Töchtern, von denen eine in Ohrid, die andere in Bitola lebt. Und er schwieg und blickte auf den See, hinüber zu den albanischen Bergen.
Und Thomas fühlte sich wohl in seiner Nähe.

DIE AMSEL IM QUITTENBAUM

"Ich denke, sie hat eine ganz schöne Pension."
Er antwortet nicht, weiß wohl auch nicht, was er sagen soll. Überzeugend ist der Gedanke nicht, aber ein Argument. Er geht in sein Arbeitszimmer und setzt sich an den Schreibtisch. Es dämmert schon. Auf dem untersten Ast der Quitte am Rand der Terrasse sitzt wieder die Amsel. Sie sieht herüber. Er macht das Licht nicht an. Sie wird nichts sehen, solange das Licht nicht brennt. Die Amsel rührt sich nicht. Er steht auf und läßt die Jalousie herunter, sehr vorsichtig. Er geht zum Schreibtisch zurück und knipst das Licht an. Unschlüssig bleibt er stehen. Sie wird weggeflogen sein. Er geht zur Terrassentür und öffnet sie einen Spalt weit. Die Amsel sitzt auf ihrem Ast und sieht ihn an. Wo schlafen Amseln? Ein kalter Windzug kommt durch den Spalt. Er schließt die Tür. Irgendwer wird es wissen. Morgen.
Der Schreibtisch liegt voller Arbeit. Er stützt den Kopf in beide Hände und starrt auf die Jalousie. Eine Lösung wird sich finden. Morgen ist Samstag, ein Besuch könnte sie freuen. Er geht in die Küche und sieht seiner Frau beim Hantieren zu.
"Ich werde morgen mal vorbeifahren. Sie wird sich freuen."
Sie stützt die Hände auf die Arbeitsplatte: "Mach das, aber..."
"Ich weiß, nichts Übereiltes, nur - na ja, ein Spaziergang wird ihr guttun."

Er kann geschäftlich noch einiges in Katenburg erledigen, dann ruft er kurz an, daß er kommt.
Sie ist älter geworden. Er schlägt ihr einen Spaziergang vor. Schnell verlassen sie die Straße und gehen in die Felder. Pfützen stehen in den frischen Furchen, ein Schwarm Krähen streicht flach über den Acker und läßt sich nieder. Aus den einzeln stehenden Bäumen weht das letzte Laub. Sie hakt sich unter. Dunkles Gewölk schiebt über die niedrigen Hügelketten.
"Es ist kalt geworden."
Sie nickt und faßt seinen Arm fester. Ein Igel trippelt über den Feldweg.
"Der sollte nun bald sein Winterquartier gefunden haben."
Sie antwortet nicht.
"Die Kinder sind endlich aus dem Haus. Wir können etwas an uns denken. Ingrid ist ja bisher zu nichts gekommen, sie freut sich darauf, ihre alten Pläne zu verwirklichen. Wir wollen nun etwas mehr vom Leben haben."
Sie zieht ihren Arm vorsichtig heraus und geht auf die Hecke zu.
"Sieh mal, Hagebutten. Ich weiß noch, wie ich sie in den schweren Wintern eingekocht habe, gläserweise. Jeden Abend für jeden ein Löffel, und ihr kamt gesund durch die Zeit."
"Du bist Weihnachten bei uns?"
Sie bleibt stehen und sieht ihn an. Sie hat sehr große Augen, aber ihre Lippen sind schmal geworden. Sie wendet sich ab. Er sieht die Amsel auf ihrem Ast in der Quitte. Nur kein Licht machen.
"Ja, ist gut, die anderen haben noch nicht gefragt, ich wollte eigentlich über etwas anderes..., es ist gut, ich bin gesund."
Er drängt sie weiter. Der Krähenschwarm scheucht hoch und fliegt zu dem nahen Pappelwald, in dessen kahlem Geäst man jetzt die dunklen Flecken der Nester vor dem abendlichen Himmel sieht.

Sonntag. Und wieder der ärgerliche Hahnenschrei so früh. Er hat schlecht geschlafen, geträumt von der Amsel im nächtlichen Garten. Er will sich nicht erinnern, doch wirre Bilder bleiben: der Teich, die große Amsel, riesengroß, bedrohlich groß.
"Wir sollten etwas dagegen tun, ewig dies Gekrähe morgens. Tiere hin, Tiere her. Wir tun doch etwas für die Vögel im Winter. Du solltest das Häuschen wieder aufstellen, Meisenkugeln sind auch noch da."
Sie dreht sich zur anderen Seite.
"Was war gestern?"
"Ach, nichts. Ich dachte, zu Weihnachten sollten wir vielleicht ... Ich hab so eine Andeutung gemacht."
Er versucht wieder einzuschlafen. Es geht nicht. Dieses verdammte Krähen.
"Ich stehe auf, schlaf du ruhig weiter."
Er schleicht die Treppe hinunter. Leise öffnet er einen Spalt weit die Terrassentür. Die Amsel sitzt auf ihrem Ast und sieht ihn an. Er setzt sich an den Schreibtisch und nimmt ein weißes Blatt Papier, um etwas zu tun. Er schreibt:
"Ich denke sie hat eine ganz schöne Pension."

DER MANN IM TAL

Er war von der Straße abgekommen. Der Weg war schmal und steinig, und er mußte den Wagen an den im Wege liegenden Felsbrocken und den in den Regenperioden ausgewaschenen Rinnen vorbeisteuern, damit er nicht anstieß oder aufsetzte. An Umkehren war nicht zu denken, nach rechts fiel das Gelände steil ab, und links begrenzte den Weg eine hohe Böschung. Ein handgemaltes Schild mit dem Wort "exposition" hatte ihn verlockt.
Hier im Wald war es kühler. Endlich Schatten. Irgendwo würde es eine Möglichkeit zur Umkehr geben. In gewundenen Schleifen führte der Weg zuerst noch bergauf, dann senkte er sich, lief parallel zum Berghang, fiel weiter ab und endete zwischen zwei kleinen aus schweren Steinquardern gebauten Häusern.
Er hielt den Wagen an und stieg aus. An einer Hauswand sah er wieder das Schild "exposition". Er stieg eine kleine Steintreppe hoch und stand vor einer Tür, die von einem Fliegengitter verschlossen war. Durch die Fenster sah er in einen winzigen Raum, in dem alle Wände mit Bildern behängt waren. Einige gefielen ihm sofort, er wollte also warten, bis jemand öffnete.
Er ging wieder hinunter, stand unschlüssig, ob er nicht doch umkehren sollte, als aus dem anderen Haus ein alter Mann mit bloßem Oberkörper leicht verschlafen zu ihm herüberblinzelte. "Bon jour", und er zog unmerklich die Schultern hoch und spreizte die Arme. "Excuse, ne parle Francaise", versuchte er auszuweichen. "Deutsch?" fragte der Alte, "Allemagne?". "Ja, ich wollte gerne die Ausstellung sehen", sagte er erleichtert. "Warten Sie 15 Minuten, der Maler kommt zurück. Gehen Sie, bitte, in meinen Garten", sagte er, während er die Treppe herunterkam. Er öffnete eine Pforte, und sie betraten einen Garten, in dem ein Tisch stand mit einfacher Holzplatte auf einem verrosteten Eisengestell und Gartenstühle, von denen Reste weißer Farbe blätterten. Der Alte ging barfuß und hatte nur seine Unterhose an. Er war eher klein, sein Körper braun und fest, etwas dicklich, sein Gesicht rund und die Haut rosig. Das Haar war dünn und weiß, seine Augen lebhaft, aber ein wenig rot gerändert. "Was wollen Sie trinken?" "Vielleicht ein Glas Wasser." "Wasser, Wasser, warum Wasser?" "Oder ein Glas Wein?" "Weißen, roten oder Rosé?" "Gut, roten." Der Alte ging zurück zum Haus und kam mit einer Flasche Rotwein und zwei Gläsern zurück.
"Sie leben hier in einem Paradies, es ist so friedlich." "Ein Paradies?" Er schüttelte den Kopf und sah sich langsam um. "Ein Paradies", wiederholte er, "allein in einem Paradies?" Und er begann lautlos zu weinen. "40 Jahre waren wir zusammen", und er hakte beide Hände ineinander, als müsse er sich an sich selber festhalten. "Hier", sagte er und wies mit einer ungenauen Gebärde auf den Garten, "hier ist sie begraben. Und ich."
Da stand der alte Mann, er war fast nackt und schien zu frieren, mitten im Sommer, im Sonnenschein, mitten in diesem Paradies. Er stand dort sehr allein, mit dem weißen Stoff um die Hüften erinnerte er an eine andere geschlagene Figur, den Bruder in der Einsamkeit.
Er war vom Weg abgekommen, weil auch er suchte, was er verloren hatte. Er hatte den Weg in dieses Tal genommen, in diese Einsamkeit in den maurischen Bergen, weil er nicht mehr sehen wollte, wie sie glücklich in den Cafes miteinander lachten, an den Stränden flanierten, sich jagten, auf den Steinmauern saßen und gemeinsam auf das Meer hinaussahen, wo die Boote zu den Inseln fuhren. Ihr Glück wollte er nicht mehr sehen. Nun lebte er in diesem Tal, an dieser Quelle mit dem reinen Wasser. Er verfluchte alles, weil er seine Liebe in diesem Paradies begraben mußte. Und er mußte sein Essen allein essen, seinen Wein allein trinken, die Früchte waren bitter geworden. Er war nun auch an seinem Ort.

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