NRW Literatur im Netz

Renate Schoof - Arbeitsproben

Aus: BLAUER OKTOBER

„Die Berechtigung von Kunst ist ihre eigene Art der Welterkenntnis und ihr ebenso vieldeutiger wie präziser Ausdruck für etwas, dem wir uns nur anzunähern vermögen. Künstlerisch arbeiten heißt für mich: Verstehen lernen.“
(…)
Als Ricardo ans Rednerpult tritt, ist Ruth froh über den breiten Rücken ihres Vordermanns, der den Flirt vor ihm verbirgt. »›Man muss den Stein verstehen‹ hat einmal unser englischer Kollege Andy Goldsworthy gesagt«, beginnt Ricardo nach einem herzlichen Applaus und fährt fort: »Wir möchten in den nächsten Wochen mit dem Meer ins Gespräch kommen, mit den Elementen zusammenarbeiten, Erfahrungen miteinander und mit Ihnen teilen. Wie Sie alle wissen, treffen sich die hier versammelten Künstlerinnen und Künstler nicht zum ersten Mal. Vor Jahren hieß es schon einmal ›Künstler vor dem Deich‹. Wir feiern aber kein Jubiläum, sondern ein Revival, ein Wiederbeleben alter Freundschaften, ein Anknüpfen an unsere Träume, Hoffnungen und Ideale – und last not least setzen wir ganz praktisch Eindrücke und Erfahrungen mit dem Meer, mit der Küste hier und jetzt in künstlerischen Ausdruck um.« Während Ricardo weiterspricht, Worte des Dankes an die Sponsoren findet – obwohl noch nicht einmal die Hälfte der zugesicherten Beträge eingegangen sind –, spürt Ruth den warmen Atem ihres Stuhlnachbarn. »Haben Sie schon eine Idee, wohin Ihr Floß Sie diesmal trägt?«

(…)
„Und mein emotionaler Trugschluss ist, dass Sexualität automatisch Nähe bedeutet, näher geht’s ja eigentlich kaum noch“, sagt Lizzy. „Inzwischen ist mir bewusst, dass vor allem meine Seele scharf ist. Ich weiß nicht, wie es dir geht. Wo bist du krank vor Sehnsucht? Im Schoß? Mir jedenfalls brennt’s das Herz weg. Als wäre meine Speiseröhre verätzt. Da brennt das Höllenfeuer, in meiner Brust. Und da verbrennt’s mich, wenn der, den ich begehre, mich nicht umarmt.“

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Durch die Dunkelheit leuchtet das Wort Hilfe. Nicht grell, nein, fast heimatlich. Kein Ausrufezeichen macht es zum Schrei. Es könnte genauso gut ein Hilfsangebot sein: Hier wartet Hilfe. An dieser Stelle, auf dieser Wiese. Hier ist das rettende Land für die da draußen, für die auf hoher See in Not Geratenen. Aber Fehlfeuer gab es auch, Lichtsignale, mit denen Küstenbewohner Schiffe an ihre Strände lockten, um sie auszurauben. Ruth geht auf die Skulptur aus Neonröhren zu, denkt: néon, das Neue.
Endlich steht sie vor dem Schriftzug. Vielleicht ist er drei Meter hoch, schätzt sie, und fünf Meter breit. Sie betrachtet, ja betastet die nebeneinander laufenden dicken Leuchtstoffröhren, für jede Farbe eine: Gelb, weiß, blau und ein fast schwarzes Rot.
»Bleib so!«, hört sie Ricardo vom Deich aus rufen. Er kommt fotografierend näher, erreicht sie schließlich mit den Worten: »Wunderschön, du im gelben Licht, vor so viel Dunkelheit.«
 (…)
Sorgfältig verwahrt er die ausgetretene Kippe in der blauen Packung, bevor er sagt: »Wir 68er strebten doch etwas ganz Normales an: Eine Welt ohne Ungerechtigkeit und Krieg, ohne Doppelmoral und die ganze Verlogenheit. Aber nicht nur der Prager Frühling wurde erstickt. Auch was im Westen keimte, wurde am Wachsen gehindert, auf andere Art zerstört. Selbstredend fährt das Kapital keine Panzer auf, jedenfalls nicht bei uns. Da gibt es andere Waffen: Berufsverbote für Linke, gewollte Arbeitslosigkeit, das Ausplündern der Etats von Staaten, Gehirnwäsche per Fernsehen, bis die Friedhofsruhe wieder hergestellt ist. Doch solange Klassenkampf von oben geführt wird, werden sich Menschen finden, die sich wehren.«
Er wendet sich um, fotografiert aus der Entfernung noch einmal seine Skulptur, sagt: »Klar, Begriffe wie Klassenkampf sind aus der Mode. Man schafft solche Wörter ab. Die Massen kämpfen nicht, sie verfaulen als Couchpotatos vor dem Tatort. Selbst der Antikommunismus läuft ohne Kommunismus prima weiter, um Menschen von vornherein jede Lust auf eine Alternative zu nehmen.«
Deutlich nimmt sie sein Schwanken zwischen Zukunftsmut und Verzweiflung wahr. Ihr fällt ein Lied ein, das sie früher gemeinsam gehört haben. »Wenn die Nacht am tiefsten, ist der Tag am nächsten«, sagt sie leise; erinnert sich an einen Konzertbesuch, damals, mit ihm ganz allein. Ton-Steine-Scherben. An Rio Reiser, der sich völlig verausgabte, schweißnass über die Bühne tobte und alle mitriss.

Aus: WIEDERSEHEN IN BERLIN

 „Du musst dich entscheiden“, sagt Kralle. „Mach mit. Dann kannst du selber sehen: Wir nehmen nur ein paar Geräte, nur für den Hausgebrauch sozusagen.“
Eigentlich möchte Marcel sich da raushalten. Auch wenn alles ziemlich ungefährlich scheint, hundert Prozent sicher ist so eine Sache nie. Früher hat er bei ähnlichen Aktionen für sich einfach eine Ausrede erfunden. Und ausgerechnet jetzt, wo er aussteigen will, im Grunde schon ausgestiegen ist, soll er mitmachen? Ziemlich unlogisch.
Allerdings gibt es etwas im Medienraum, was ihn reizt. Er hätte gern einen der teuren Fotoapparate. Davon gibt es überhaupt nur zwei. So eine Kamera könnte er gebrauchen.
Seit Wiebke ihm das Foto geschickt hat, möchte er sie fotografieren, tausendmal schöner als dieser Fabio. Wiebke sieht auf dem Foto echt gut aus. Immer wenn er sie anschaut, muss er daran denken, dass sie diesen Typen so strahlend angelächelt hat – das macht ihn wütend, eifersüchtig, auch wenn er das nicht gern zugibt.
Das gibt den Ausschlag. Er erklärt sich bereit, Stinki morgen in der zweiten großen Pause Herrn Kramers Schlüsselbund zur Anfertigung von Nachschlüsseln zu überlassen. Für diesen Job scheinen Kralle und Stinki Kontakt zu Profis zu haben.

VISION

Stimmen, die uns ermüden,
verstummen.
Blatt für Blatt
fällt Unsinn ab.

Neugierig
öffnen sich Wörter.
Das Spiel
beginnt neu.

Wie lange schon
schreiben wir auf Licht,
ohne die Welt
heller zu machen.

Aus: Seelenvögel

NUMBER ONE

Im Gesicht des Karrieristen
– „Es geht doch,
man muss es nur wollen“ –
das Gesicht von Mamas Liebling.

Er wird es schon gut machen,
der Große mit der Designerbrille.
Er heult mit den Wölfen, im Sound
gnadenloser Bereicherung.

Ein solider Kampfhund, windschnittig,
willig nach oben, bissig nach unten
auf der Karriereleiter,
auf den Rennbahnen des Lebens.

Per Du mit all den schönen Kaspern,
die über die Bühne zappeln,
wie softgespülte
Apokalyptische Reiter.

AUFRUF

Wir müssen
nie Getanes tun.

Wir müssen
nie Gesagtes
sagen.

Wozu
sind wir
denn sonst
jetzt hier?

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.