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Herbert Sleegers - Arbeitsproben

LEICHTES SCHUHWERK

Obwohl ich mit Vorliebe leichtes Schuhwerk trage, gelte ich als ein erfahrener Wanderer und weitgereister Mann. In der Tat gibt es kaum einen Flecken auf der Erde, den ich nicht in leichten Schuhen oder gar barfüßig betreten hätte. Vulkanische Regionen meide ich. Die raspelrauhe Oberfläche etwa der Stricklava, durchsetzt mit plötzlich aufspringenden, kristallinen Einschlüssen – nach Schweizermesserart aufspringend, sage ich zur Freude meiner Zuhörer – würde die zarten Sohlen meiner Schuhe zerfetzen und den Zeitpunkt meiner Heimreise in völlig unnötiger Weise hinausschieben.
Das wissen die Menschen, die, hungrig auf meine Reisegeschichten, an Dorfausgängen meiner harren, wahrlich zu schätzen. Sobald sie die Silhouette meiner Gestalt vor dem Abendhimmel entdecken, springen sie aus dem Chausseegraben und stürzen mir entgegen. Sie umringen mich, klopfen mir den Staub aus der Hose, zupfen mit glättender Absicht an meiner taigafarbenen Joppe, wuchten mich auf ihre Schultern, prüfen meine Schuhsohlen und skandieren: Auf das Schuhwerk kommt’s nicht an!
Es kann auch sein, dass sie das Gegenteil intonieren. Wer hört bei solchen Empfangs-Chorälen schon genau hin.
Ihre Wissbegier ist grenzenlos. Noch bevor sie mich ins Hinterzimmer der Dorfwirtschaft tragen, überschütten sie mich mit Fragen, zum Beispiel nach den fühlbaren Schwielen unter meinem linken Fußballen, nach der gewiß abenteuerlichen Ursache des Fehlens beider Schnürsenkel, vornehmlich aber nach dem Durchqueren kaukasischer Geröllhalden und sibirischer Tundraeinsamkeiten.
Unlängst habe ich ihnen erzählt, wie beschwerlich es gewesen sei, jenseits des Urals zwischen Tscheljabinsk, Miass, Werchne-Uralsk und Magnitogorsk eine eisfreie Furt des auf Landkarten kaum sichtbaren, in Wirklichkeit aber es mit jedem deutschen Strom aufnehmenkönnenden Ui-Flusses zu finden. Indem ich ihnen meine unversehrten Schuhsohlen zeigte, sie jedem einzelnen förmlich vor die Augen hielt, trieben sich mich in unersättlicher Zuhörlaune weiter nach Osten in die Gegend von Tobolsk, lockten mich in die Sumpfgebiete des Irtysch bei Demanskoje, hoben meine leichtbeschuhten Füße mitfühlend auf ihren Schoß und gaben sich erst zufrieden, als ich ihnen meine fleischfesten Zehen darbot, die dem zerfrorenen Ufer des unteren Ob das entschiedene Paroli eines erfahrenen Wanderers geboten hätten.
Bevor ich weiterreise zum nächsten Dorf muß ich mich noch mit der Geographie des Putoranagebirges jenseits des Jenisseis vertraut mache. Aber vielleicht wiederhole ich auch die immerzu mitreißende Geschichte vom Nördlichen Polarkreis, den von Sachelard bis hinauf zur Tschuktschenhalbinsel barfuß und, wenn es gar nicht mehr ging, in Pantoffeln abgeschritten zu haben ich glaubhaft erzählen werde.

Aus: Leselust – WDR 3 Mosaik. Dittrich Verlag 1999.

EIN GEWISSER HERR OSCAR WILDE

Mein Großvater, ein braver, den christlichen Einwirkungen seiner Zeit und seiner nächsten Umgebung in nichts widerstrebender Mann, ein Treubold und Familienvater, wie seinesgleichen höchstens in den Geschichten des Kirchenblättchens zu finden gewesen wäre, mein Großvater überraschte mich eines Tages mit dem Eingeständnis, er lese zur Zeit mit einer geradezu aufschwellenden Alterslust die Erzählungen eine gewissen Herrn Oscar Wilde. Ob der mir bekannt sei, und ob ich nicht weitere Bücher, Schriften oder sonstwie Gedrucktes von ihm an Land ziehen könnte.
Im umarmte meinen Großvater, blickte in zwei bübisch zwinkernde Augen und tat mein Bestes, was allerdings inmitten der rundum äugenden Gottesfürchtigkeit auf eine konspirative Angelegenheit hinauslief.
Der Winter kam, blieb länger als sonst, und als endlich der letzte Schnee vom Dach rutschte, legte Großvater sich hin, um zu sterben, alt, lebenssatt und wohlversehen mit den Sterbesakramenten. Er suchte mich unter den Vertrauten, die das Bett umstanden, und schaute mich an. Nicht mehr blinzelnd wie noch vor wenigen Tagen, als ich ihm eine Lebensbeschreibung des Herrn Oscar Wilde unter das Plumeau geschoben hatte. Seine schon getrübten Augen hellten sich ein letztes Mal auf, baten mich, ihnen zu folgen: an die Decke, hinunter und vorbei an dem Bibelspruch über der Tür und seitlich dann in das Paradiesmuster der Tapete, die ein Cherubingesicht in unentrinnbarer Wiederholung rapportierte.
Habe ich mich geirrt, wenn ich ein fast schelmisches Einverständnis zu bemerken glaubte?
Später, viel später las ich, Oscar Wilde sterbend habe gesagt: Diese Tapete bringt mich um; einer von uns beiden muß verschwinden.
Leb’ wohl, Großvater, und Aufwiedersehn im Paradies.

Aus: Zwischen Heine und Altbier. In: Ein Lesebuch Niederrheinischer Autoren. Hrsg. von Willi Corsten / Klaus Schmidt. Grevenbroich 1999.

VOM NUTZEN UND NACHTHEIL DER HISTORIE FÜR DAS MÄRCHEN

„Wären wir bei Andersen
um die Wette gelaufen,
hättest du nicht gewonnen“,
schlaumeierte der Hase.

„Bei welchem Andersen?“
hakte der Igel ein,
„beim Jacob oder Wilhelm?“

Aus: Muschelhaufen. Jahresschrift für Literatur und Grafik, Heft 41. Hrsg. Erik Martin. Viersen.

MiCHAIL VITALI DER JETZT HIER IST

Mitten im Sommer gleiten seine Wörter
durch weichen Schnee er umkreist dich
auf schwarzen Kufen und blickt dich an
als hieltst du eine überzählige Jahreszeit hinter deinem
Rücken verstecht.

In seinen Augen nisten winzige
Blaumeisen die wollen nicht
flügge werden sie frieren sich zu Tode.

Was zieht was zieht an seinen Schuhen
dass er geht als käme er nirgendwo an?

Wenn er in die Sonne schlüpft
nach der Schule als letzter dann blüht
sein Anorak auf wie ein zarter Feldblumenstrauß.

Beim Plumpsackspielen lief er
um den geschlossenen Kreis er lief
im Kreis um die irrsinnig gewordene Erde
und rannte und fand keine Lücke
für sein armseliges Leben.

Aus: Teil meiner selbst. Niederrhein-Lesebuch. Hrsg. von Jochen Arlt, Irmgard Bernrieder. Rhein-Eifel-Mosel Verlag: 1992.

WALDSTERBEN

Und dann kamen
Hänsel und Gretel
und Rotkäppchen
und Rumpelstilzchen
und Dornröschen
und
Voneinemderauszog
nicht wieder.

In: Da vergeht uns Hören und Sehen. Sassafras-Verlag: Krefeld 1986.

DER HOLZSCHUH

Unter duftendem Gerümpel im Schuppen
fand ich einen Holzschuh ein solides
Gewerk aus dem Fleisch einer Pappel geschnitzt.
Er brachte unseren Füßen das Wachsen bei
und ging mit mir durch dick und dünn.
Früh lehrte er mich dass leben
ins Warme schlüpfen heißt
vielleicht auch das Sterben.
Sein rissiges Antlitz ist mein Gedächtnis.
Er blinzelt mich an und ich wette
meinen Vornamen hat er nicht vergessen.

In: Literatur am Niederrhein Heft 19. Redaktion Barbara Düsselberg. Krefeld.

DAS SCHÖNE IST NICHTS

Kennst du jene Augenblicke
ich glaube, sie sind sehr selten –
wo plötzlich alles stillsteht?
Die Wolke, der Sperber, die Gestalt
im Fenster, die Hand, die den Vorhang
zuziehen wollte. Reglos am Fels
lehnt Sisyphos, sein Schatten wandert
nicht mehr. Gott selbst
hält den Atem an.
Dann, unmerklich, dreht sich wieder
das Rad. Die alte, fabelhafte Bewegung.
Unerwartet aber diese grundlose,
rüttelnde Unwucht.

unveröffentlicht, Oktober 2001.

SCHULGESCHIchTEN

„Du musst in der Schule fleißig aufzeigen“, sagt die Mutter.
Das Aufzeigen geht so: Solange man nichts zu sagen hat, liegen die Hände mit überkreuzten Daumen auf der Schreibplatte. Weiß man auf das, was der Lehrer gefragt hat, eine Antwort, löst sich die rechte Hand aus dem Ineinandergelegtsein, der Zeigefinger wird so gestreckt, dass er die Spitze bildet des senkrecht nach oben gestellten Unterarms. Der Ellbogen darf sich dabei nicht von der Schreibplatte lösen. Das Ausstrecken des ganzen Arms, das Fuchteln mit der Hand oder gar das Schnippen mit Daumen und Mittelfinger sind unter Strafe des Nichtdrankommens verboten. Das ist die geringste Strafe.
Nur mit rechts wird aufgezeigt. Es darf auch nur mit rechts geschrieben werden. Beim jüngsten Gericht heulen die Verdammten zur linken Hand Gottes. So steht es geschrieben.

Eines Tages bricht die Klasse zu einem Spaziergang auf. Es ist ein Sommermorgen, und die Kunde vom Spazierengehendürfen kommt aus heiterem Himmel.
Die Freude darüber bricht sich Bahn im Treppenhinunterstürmen, im Alleaufeinmalschreien und im Durcheinanderlaufen auf dem leeren Schulhof.
Auf ein Trillerpfeifensignal hin bildet sich im Nu eine Zweierreihe, man faßt einander bei der Hand und folgt dem Lehrer durchs Dorf hinaus auf die Chaussee. Es duftet nach frischgemähtem Gras, das auf der Böschung liegt und trocknet.
Beim ersten Kilometerstein erklärt der Lehrer den Zweck des Spaziergangs: die Einteilung einer Kilometerstrecke in Unterstrecken von jeweils hundert Metern soll gelernt werden. Drei Kinder werden beim ersten Kilometerstein abgestellt; beim zweiten, dritten und jedem weiteren Hundertmetersein ebenfalls drei Kinder, so dass die weiterziehende Schar immer kleiner wird und schließlich hinter der Chausseebiegung verschwindet.
Es ist ihnen eingeschärft worden, sich nicht vom Fleck zu rühren.

Ein Zeugnis ist ein Zettel, auf dem hinter den vorgedruckten Namen der verschiedenen Fächer eine Ziffer oder ein in Schönschrift ausgeschriebenes Urteil steht.
Je länger das Urteilswort, desto Schlechteres hat es zu bedeuten.
Zeugnisse werden von den Schulkindern schweigend in Empfang genommen und sind vor dem Mittagessen der Mutter auszuhändigen. Der Vater bekommt sie erst abends zu sehen.
Sein Vater wirf einen Blick auf das Zeugnis, das die Mutter ihm hingeschoben hat, verliert kein Wort und geht in den Garten.
Schöne Zeugnisse werden in der Verwandtschaft herumgereicht; bei miserablen tut man so, als gäbe es sie nicht.
Ein Zeugnis muß so in den Tornister gesteckt werden, dass es nicht knickt.

Aus: Nur mit rechts wird aufgezeigt. Sassafras Verlag: Krefeld 1997.

EIN FALL IM HERBST

Es geht auf Allerheiligen zu. Du solltest die Rosen beschneiden, hatte die Frau zu ihm gesagt. Und sie hatte hinzugefügt: Es ist ein schöner Herbsttag. Die Luft wird dir guttun.
Also hatte der Mann die Rosenschere geholt, ein Paar Fausthandschuhe übergezogen und sich darangemacht, die Rosen zu beschneiden.
Es war, wie gesagt, ein schöner Herbsttag. Unaufdringlich beschien die Sonne das Haus, den Garten, die Erde, und das Laub trennte sich ohne Aufsehen von den Bäumen.
Nun wäre das wahrhaftig eine schöne Geschichte, wenn sie so zuendeginge, wie sie angefangen hat. Mit einem Nachmahl etwa und einem Blick in den Garten, der, für den Winter gerüstet, sich nun zum Schlafen legt.
Aber die Frau, als sie am Abend ins Zimmer kommt, findet auf dem Esstisch eins ihrer kugeligen Väschen und in dem Väschen eine Rose, kurz geschnitten und bis an den Blütenrand nachgedunkelt.
Die Rosenschere, die Fausthandschuhe und den Mann hat die Frau vergeblich gesucht.

Aus: Der Wolkenzähler. Sassafras Verlag: Krefeld 1994.

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