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Enno Stahl - Arbeitsproben

FUORI! FUORI! FUORI! oder GEIST WANDERT

der dichter sitzt in der zimmerecke und wichst. über dem sputum schlägt der patient das kreuz. der patient + der dichter sind identisch: sie sind sogar eins.
sie wohnen in nikolassee + noch darf der dichter texte einreichen: sofern er katholische theorien unterdrückt: denn das ist nicht in seinem interesse. --- wenig später reist er wieder: paris heidelberg münchen + schreit: "nun aber mit dieser degenerierten mühlendamnatur in den rinnstein!" oder läßt er schreien? ---- wenig später reist er wieder: nach frankenhain als patient - von dort wandert er nach erfurt: er ist schnell gelaufen: was hat er gesehen? was hat er gedacht? ist er gereist? nach münchen: nach göppingen - oder in seine anfänge zurück?: sah er sich zerlumpt + aufgeregt empört oder sah er sich schlafend: stundenlang tagelang nächtelang: träumend vom triumfzug in der goldenen stadt: inmitten nackter mädchen + anderer coitierender bestien - oh eine besitzt davidsohns züge: sie ist ein weibchen + voller brunst: jetzt leckt ihre zunge hervor: sie präsentiert: sie hält hin die hl. hostie: die hostie zerspringt: zu asche verbrennt: so zerplatzt das ganze gesicht… -: negativ verirrt sich also der hebefrene: zwischen baumwipfeln glühes fosforisieren der samen von pappeln und anderem gewächs - es fährt wie 1 mystisches luftsiegel `ne beflügelte frau unter der wolkennaht her: ihr finger weist vor: weist die richtung, davidsohn stolpert vor: richtet sich dem eigentlichen wege nach: richtet sich nach den weisungen die der himmel exklamiert: "WIR GEHEN GERN ZUR QUAL. WIE EINST EIN HELD SEIN BLUT DEM GIEREN TODESENGEL GAB. DAS FEIGE VOLK VERHÖHNEND. DENN ES WEINT GLEICH EINEM KINDE DEM EIN HUND MISSFÄLLT." + davidsohn der patient fühlt sich umlauert: vom volk: jeder: jede - will seinen letzten gang sehen: suchend sein blick zwischen wipfeln + weisungen: er schmiegt sich in 1 lauschiges nest aus dickicht + moos: er kommt zu sich selbst: + das zeichen zwischen den kiefern schlägt das kreuz darüber - gleichzeitig rauscht der blätterwald: dein röcheln tönt durch unsere enziannächte fort: wir alle übend an dir ,mord . - der patient hört davon nichts sondern vernimmt eine eigenen leise weise: "fest sei die welt? siehe, sie wankt. schau, wie ihre teile durcheinanderwirbeln!" dieses lied erscheint ihm vertraut + sicher: er prüft sich + dessen sinn: doch kann er nur verneinen: wenn du christ bist, wirbelt in dir durcheinander nichts. denn der chrst ist in sich sicher: der christ ist: unbeeinflußbar weil widerstandsfähig, der christ ist (also) widerstandsfähig weil unbeeinflußbar - er kann also nicht hypnotisiert werden, auch wenn es jede/r versucht: selbst wenn sie ihm spritzen geben, ist er weiterhin nicht zu hypnotisieren: + bleibt was er bleibt: + schlägt 1 kreuz über diese dreckige rede: de dichter. der patient: der davidsohn: der seine unvollkommenheit eingesteht. der tut was sein innerstes von ihm verlangt. der lacht über das absolute. das ist der prozeß der in seine persönlichkeit einbricht, sie devastiert + verändert - + nie aus inneren gründen zum stehen kommt…: niemand ist da der die blätter aufsammelt: es hat sich allgemein 1 unordnung breitgemacht: der dichter stapft wütend über den waldweg: er konzipiert im geiste neue organisationsformen + natürlich: ist er dafür, daß der präsident seine stellung als präsident sofort niederlegt; andernfalls sei er aus der organisation auszuschließen: sollte er nicht auszuschließen sein, muss das comitee seine amtsenthebung beantragen… -: solcherart geistig zufriedengestellt ( :was die mentale ordnung angeht) stört ihn die unordnung auf dem wege weniger: schreie verhallen burgen zerfallen: halb seiden stümpfe (schmutzig-)zerrissen im sumpf: oh blut! + zerschlagene feinde schwimmen darin: mitten im schlamm suhlt auch sie sich wieder: die sau! die babylonische mutter: bei der eins das andere bedingt: wälzt sich zwischen scherben vergangener zeiten + kriege… - ein bach gibt dem marsch 1 wendung: baum steht an baum: peitscht gestrüpp + schartet die luft wie jedes menschliche wesen: etwa um diese jahreszeit marschiert der dichter durch den forst der ihm dabei zusieht + ansonsten nicht eingreift: er ist teilnahmslos: von interesseloser erkenntnis geleitet. der mann der ein sohn ist rutscht 1 abhang hinab: findet sich auf vorstadtweiden: denn hinten im blick lockt das pflaster + licht. sein freund wartet bereits auf ihn. er wird ihm zu essen + 1 schlafplatz geben. sie sprechen über die transsubstantiation als 1 metalogische funktion des poetischen: sie diskutieren den epistemologischen imperativ von kirche + kurie: er wird beinahe einschlafen wie damals: als er dachte, daß er einschliefe um nie mehr aufzuwachen: ja es wölbten die träume zu hohen portalen sich: jedenfalls irgend sowas in der art: aber schmuck waren sie schon - immer will er die klinke fassen doch sie zerfließt: ist simulakrum - der gewaltige traum wird zum dom - der dom wird zum himmelsgelände das 1 ausgesuchte hölle ist: dort herumstochernd müßte man doch irgendwo ankommen… im feuchten gras der wiese leiert 1 uhrenartiges gebetswerk: zlatsch zlatsch: zlatsch zlatsch: öfters bleibt er stehen um das regelmaß zu unterbrechen - sich ihm dann wider willig zu unterwerfen… die weide wird zum weg: der weg wird zum straßendamm: licht lacht über den trottoir + der davidsohn schlarrt + lumpt daher - doch halt!: 1 kreatur: 1 wesen mit flügeln: 1 wesen mit flügeln + augen: der patient verbeugt sich: mehrere male: der patient redet worte die keiner verstünde, wenn sie wer hörte… 1 mann kommt daher seines weges: der schaut: ja der schaut! er schlenkert mit den armen wie 1 riesenrad + grinst dem patienten entgegen: brüllt ihm ins gesicht: "na, heute wird der herrgott in der kneipe einen heben, no?": was der patient hektisch benickt: "ja! ja!" doch als der andere hinzugeifert: "und mittem spargel in der butter! mittem spargel in der butter!!" - da runzelt der patient die stirn + sagt: "nein." jetzt wundert der mann sich: + davidsohn läßt ihn: muß seine straße gehn: trifft auch den freund in der hochheimer 51: der ist bekümmert + quartiert ihn um: aber gibt ihm zu essen: + zu rauchen - als es grad langweilig wird : kommt ernst + bringt ihn zurück: dorthin wo es gleich wieder langweilig wird: der patient verneigt sich tief vor 1 grüngelben stoffeidechse + versichert sie seiner vorzüglichen hochachtung: sie antwortet ebenso wenig wie seine mitbewohner. er schmiegt sich an den heißen kohleofen: wünscht sich, seine mutter gäbe ihm 50 mark - doch dann grimassiert er, fletscht die zähne + zischt: "schweine- schweine- schweine-bande, saukerle! ------------------- saukerle!"


10/2/98

Quelle: jakob van hoddis, dichtungen und briefe, (Hg. regina nörtemann), Zürich 1987.

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