NRW Literatur im Netz

Michael Molsner - Arbeitsproben

UM ALLES IN DER WELT

Moskau, Juli 1918

Atembeklemmender Luftdruck ließ Ritter innehalten. Ein Baldachin über dem Portal des Hotels Metropol bot vorerst Schutz. Widerwillig maß Ritter die Entfernung zum Bolschoitheater. Sobald er den Schatten verließ, setzte er sich schweißtreibender Schwüle aus. Anfang Juli war es hier öfters so, hatte Tschitscherin ihn belehrt. Zu Beginn des kurzen Sommers verwandle sich die alte Hauptstadt in ein Treibhaus. "In eine Waschküche!" war Ritters Antwort gewesen. "Im Staat des Proletariats ist dieser Vergleich wohl passender!" Der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, mit seiner Behörde provisorisch im Metropol kampierend, hatte Trost geboten: "Im Theater erholen Sie sich schnell ... falls Sie die gerade laufende Inszenierung mit Gelassenheit über sich ergehen lassen. Es ist günstig temperiert." Der Baukörper lag vor Ritter im Sonnenglast. Die sonst scharf konturierten Ränder schienen sich in Licht verlieren zu wollen.

Ritter war überzeugt, daß er solche Effekte in der Wirklichkeit erst wahrnahm und genießen konnte, seit er sie auf impressionistischen Gemälden bemerkt und bewundert hatte. Er wappnete sich gegen den Anprall feuchter Hitze und überquerte den Theaterplatz rasch mit gesenktem Kopf.

Am Theatereingang lümmelten sich die üblichen Banditen mit roten Armbinden, hochtrabend Garden genannt – lettische Rotgardisten. Sie hatten dafür zu sorgen, daß die 800 Delegierten einander ungestört mit Mord bedrohen konnten. Die lettischen Aufpasser wären Ritter schon recht gewesen, aber ihre Unverschämtheit irritierte ihn. Von deutschem Geld besoldet und bewaffnet – er führte Buch darüber! – fuchtelten sie ihm mit ihren Gewehren vor der Nase umher. Er mahnte sich zur Geduld und vergegenwärtigte sich: Solange diese Truppe zuverlässig wachte, sie mochte noch so verkommen aussehen, regierten die Bolschewiki sicher ... Und als ihr Gönner und Partner der Kaiser in Berlin!

Während Ritter seinen Sonderausweis zückte, der ihm das Recht auf Zutritt gewährte, bemerkte er Handgranaten an den Gürteln der Letten. Wurfkörper für den Nahkampf gegen bewaffnete Sturmtrupps? Lenin machte sich keine Illusionen über die Aussichten seiner Revolution. Er riskierte nichts, gut so! Der Mann war sein Geld wert, jede einzelne der 50 Millionen Reichsmark, die Ritter ihm zugeführt hatte.

Sein Platz im Theater war die Ehrenloge, die den Vertretern der Mittelmächte zustand. Während Ritter seine Kollegen aus Berlin, Wien, Sofia und Konstantinopel begrüßte, fühlte er schon, daß keiner sich seiner Haut mehr sicher fühlte. Während Ritter beim Volkskommissar des Äußern mit einem wütenden Protest seines Botschafters vorstellig geworden war, hatte der Kongreß sich weiter radikalisiert.

Leutnant Müller, der Dolmetscher der Gesandtschaft, wies ihn ein. Die Spiridonova sprach. Vielmehr, sie wütete. Lenin preise den Frieden an – aber diesen Frieden habe er mit dem Kaiser der Deutschen abgeschlossen, jenem Bluthund, der seine Söldner in die Ukraine schicke, wo sie einen infamen Raubzug gegen die Bauern führten!

"Wir sind verpflichtet, die Bauern und Fischer der Ukraine bei der Verteidigung ihrer Habe und ihres Lebens zu unterstützen!" Ihre Stimme stieg schrill hoch, und mit dem rechten Arm machte sie regelmäßige, pumpende Bewegungen.

Durch einen Blick gab Ritter zu verstehen, daß sein Russisch nicht mehr ausreichte. Dolmetscher Müller übersetzte ...

Auf der Nase der Spiridonova saß ein Zwicker. Da sie das glatte Haar zurückgebürstet trug, glich sie einer Schullehrerin. Was sie von sich gab, hatte mit seriöser Information dennoch nichts zu tun. Es war Demagogie zugunsten der Entente. Sie nahm Geld von den Engländern.

Sicherheitsbeamte machten sich in der Ehrenloge bemerkbar, man verlangte Ritter; man bestand darauf, daß er mitkomme. Noch benommen von den Schmähreden der Spiridonova drängte er – zwischen ungeduldig auffahrenden Diplomaten – auf den Wandelgang hinaus...

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