NRW Literatur im Netz

Autoren

< Voriger Eintrag Nächster Eintrag >

Dieter Wellershoff

Bürgerl. Name
Dieter Wellershoff
Jahrgang
1925
Geburtsort
Neuss
Wohnort
Köln
Orte
Neuss, Köln
Regionen
Rheinland komplett, Niederrhein, Rheinschiene
Genres
Prosa, Funk

Kontaktadresse
Mainzer Str. 45
50678 Köln
Deutschland

Vita

Geboren am 03.11.1925 in Neuss. Verlebte ab 1930 Kindheit und Jugend in Grevenbroich am Niederrhein, wo sein Vater als Kreisbaumeister tätig war. Im Frühjahr 1943 Arbeitsdienst, anschließend zum Militär. 1944 in Litauen verwundet. 1946 Abitur für Kriegsteilnehmer, ab 1947 Studium der Germanistik, Psychologie, Kunstgeschichte in Bonn. 1952 Promotion zum Dr.phil. mit einer Dissertation über Gottfried Benn. 1952 Heirat mit Maria von Thadden. Der Ehe entstammen drei Kinder: Irene, Gerald und Marianne. 1956-59 Redakteur der Deutschen Studentenzeitung, Bonn. Danach freier Mitarbeiter beim Rundfunk. Ab November 1959 Lektor beim Verlag Kiepenheuer & Witsch. Aufbau einer wissenschaftlichen Abteilung und Leitung des Deutschen Lektorats. Ab Mitte der 60er Jahre Verkürzung der Verlagsarbeit auf vier Tage und vermehrte schriftstellerische Arbeit. Ab 1981 freier Schriftsteller. Vorlesungen und Seminare an verschiedenen in- und ausländischen Universitäten: München 1962/63, Warwick/England 1973, Salzburg 1974, Essen und Paderborn 1987/88, Gainesville/Florida 1992, Frankfurt/Main 1995/96. Begründer der "Kölner Schule des Neuen Realismus". Mitglied der Gruppe 47, im VS, in der Mainzer Akademie der Wissenschaft und Literatur und im PEN-Zentrum.

^
Auszeichnungen

(Auswahl):
2001 Friedrich-Hölderlin-Preis, Bad Homburg
2001 Joseph-Breitbach-Preis (gem. mit Thomas Hürlimann und Ingo Schulze)
1995 Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen
1989 Ehrenprofessur des Landes Nordrhein-Westfalen
1988 Heinrich-Böll-Preis
1973 Writer-in-Residence, Universität Warwick/England
1969 Kritikerpreis für Literatur
1962 Literatur-Förderpreis des Landes NRW
1960 Hörspielpreis der Kriegsblinden

^
Prosa

(Auswahl):
Der verstörte Eros. Essays. Kiepenheuer & Witsch 2001.
Der Liebeswunsch. Roman. Kiepenheuer & Witsch: Köln 2000.
Das Kainsmal des Krieges. Landpresse: Weilerswist 1998.
Werke. Bd 1 bis 6. Hrsg. von Keith Bullivant und Manfred Durzak. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1996f.
Das Schimmern der Schlangenhaut. Frankfurter Poetikvorlesungen. Suhrkamp: Frankfurt/M 1996.
Zikadengeschrei. Novelle. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1995.
Inselleben. Zum Beispiel Juist. Zus. mit Stephan Geiger (Fotografien) Landpresse: Weilerwist 1995.
Der Ernstfall. Innenansichten eines Krieges. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1995.
Angesichts der Gegenwart. Texte zur Zeitgeschichte. Hase u. Köhler: Mainz 1993.
Tanz in Schwarz. Prosaminiaturen und eine Erzählung. Landpresse: Weilerswist 1993.
Im Land des Alligators. Floridanische Notizen. Ein Reisebericht. Droschl: Graz 1992.
Das geordnete Chaos. Essays zur Literatur. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1992.
Blick auf einen fernen Berg. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1991.
Pan und die Engel. Ansichten von Köln. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1990.
Der Roman und die Erfahrbarkeit der Welt. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1988.
Wahrnehmung und Phantasie. Essays. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1988.
Flüchtige Bekanntschaften. Drei Drehbücher und begleitende Texte. Prometh-Verlag: Köln 1987.
Die Körper und die Träume. Erzählungen. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1986.
Die Arbeit des Lebens. Autobiographischer Text. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1985.
Der Sieger nimmt alles. Roman. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1983.
Die Sirene. Novelle. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1980.
Das Verschwinden im Bild. Essays. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1980.
Die Wahrheit der Literatur. Gespräche. Wilhelm Fink Verlag: München 1980.
Glücksucher. Vier Drehbücher und begleitende Texte. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1979.
Die Schönheit des Schimpansen. Roman. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1977.
Die Auflösung des Kunstbegriffs. Essays. Suhrkamp-Verlag: Frankfurt/M 1976.
Doppelt belichtetes Seestück und andere Texte. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1974.
Literatur und Lustprinzip. Essays. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1973.
Einladung an alle. Roman. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1972.
Literatur und Veränderung. Versuche zu einer Metakritik der Literatur. Essays. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1969.
Die Schattengrenze. Roman. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1966.
Ein schöner Tag. Roman. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1966.

^
Lyrik

Zwischenreich. Gedichte. Landpresse: Weilerswist 1993.

^
Funk

Wünsche. Hörspiel. WDR: 1969.
Am ungenauen Ort. Hörspiel. WDR: 1961.
Der Minotaurus. Hörspiel. WDR: 1960.
Bau einer Laube. Hörspiel.
Null Uhr null Minuten und null Sekunden. Hörspiel.

Gedruckte Hörspiele:
Das Schreien der Katze im Sack. Hörspiele. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1970.
Am ungenauen Ort. Zwei Hörspiele. Limes-Verlag: Wiesbaden 1960.

^
Bühne

Anni Nabels Boxschau. Schauspiel. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1962.

^
Sonstige Medien

Der Liebeswunsch. 5 CDs. Hörbuch. Lübbe/Audios: Bergisch-Gladbach 2002.

^
Sachbuch

Der Gleichgültige. Versuch über Hemingway, Camus, Benn und Beckett. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1963.
Gottfried Benn. Phänotyp dieser Stunde.
Monografie. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1958.

^
Anthologie

(In Auswahl)
Im Privaten zeigt sich der Weltzustand. In: Romane von gestern heute gelesen. Bd. 2. Hrsg. von Marcel Reich-Ranicki. Fischer: Frankfurt/M. 1989.
Ein Allmachtstraum und sein Ende. In: Meine Schulzeit im Dritten Reich. Hrsg. von Marcel Reich-Ranicki. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1982.
Deutschland – ein Schwebezustand. In: Stichworte zur geistigen Situation der Zeit. Bd. 1. Hrsg. von Jürgen Habermas. Suhrkamp Verlag: Frankfurt/M. 1979.
Ein neues Konzept für das Hörspiel. In: Merkur 24. 1. 1970.

^
Herausgeberschaften

(In Auswahl)
Freiheit - was ist das? Aussagen zum Begriff der Freiheit. Mittler: Herford 1984.
Etwas geht zu Ende. 13 Autoren variieren ein Thema. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1979.
Ein Tag in der Stadt. Sechs Autoren variieren ein Thema. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1962.
Gottfried Benn. Gesammelte Werke. 4 Bände. Limes-Verlag: Wiesbaden 1959ff.

^
Über Werk und Autor

(In Auswahl)
Werner Jung: Im Dunkel des gelebten Augenblicks. Dieter Wellershoff. Erzähler, Medienautor, Essayist. Schmidt: Berlin 2000.
Klaus Torsy: Unser alltäglicher Wahnsinn. Zum Begriff der Kommunikation bei Dieter Wellershoff. Tectum Verlag: Marburg 1999.
Dieter Wellershoff: Begleitheft zur Ausstellung; Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt/M. 17. Januar - 27.Februar 1996. Historisches Archiv der Stadt Köln 8. März bis 3. April 1996. Hrsg. von der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt/M. Frankfurt/M 1996.
Daniela Dujmi´c: Literatur zwischen Autonomie und Engagement. Zur Poetik von Hans Magnus Enzensberger, Peter Handke und Dieter Wellershoff. Hartung-Gorre: Konstanz 1996.
Bernd Happekotte: Dieter Wellershoff - rezipiert und isoliert. Studien zur Wirkungsgeschichte.
Peter Lang-Verlag: Frankfurt/M. u.a. 1995.
Torsten Bügner: Lebenssimulationen. Zur Literaturtheorie und fiktionalen Praxis von Dieter Wellershoff. Dt. Univ.-Verl.: Wiesbaden 1993.
Ulrich Tschierske: Das Glück, der Tod und der Augenblick. Realismus im Werk Dieter Wellshoffs. Niemeyer: Tübingen 1990.
Jan Sass: Der magische Moment. Phantasiestrukturen im Werk Dieter Wellershoffs. Stauffenburg-Verlag: Tübingen 1990.
Manfred Durzak: Literatur auf dem Bildschirm. Analysen u. Gespräche mit Leopold Ahlsen, Rainer Erler, Dieter Forte, Walter Kempowski, Heinar Kipphardt, Wolfdietrich Schnurre u. Dieter Wellershoff. Niemeyer: Tübingen 1989.
Dieter Wellershoff. Studien zu seinem Werk. Hrsg. von M. Durzak, H. Steinecke, K. Bullivant. Kiepenheuer und Witsch: Köln 1990.
Dieter Wellershoff. In: text + kritik 88. Edition Text + Kritik: München 1985.
Hans Helmreich: Dieter Wellershoff. Autorenbücher 29. C.H. Beck: München 1982.
Der Schriftsteller Dieter Wellershoff. Interpretationen und Analysen. Hrsg. von R. Hinton Thomas. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1975.
Kölner Autoren-Lexikon 1750-2000, Band 2: 1901-2000. Hrsg. v. Everhardt Kleinertz. Bearbeitet von Enno Stahl. Emons: Köln 2002.

KLG
Munzinger

^
Selbstauskunft

Fabian: Wenn ich vor beiden Möglichkeiten stände, Erfahrungen zu machen – über Literatur oder direkt in der Praxis – was reicht tiefer?
Wellershoff: Einen Liebesroman selbst zu erleben oder einen zu lesen? Ich würde immer behaupten, das sei eine falsche Alternative. Aber es gibt einen Primat der Praxis. Auch Literatur zielt letzten Endes auf die Praxis. Bloß, wenn man zu seiner Lebenspraxis keine Distanz gewinnt, wenn man sich nicht über seine Phantasie mit dem Leben neu vermitteln kann, dann wird das Verhalten automatisch und blind.
Fabian: Weil es nicht irritiert wird, sich also einer stereotypen Matrix bedient?
Wellershoff: Ja, es läuft über dieselben Handlungsweisen und Schematismen.
Fabian: Gibt es Grenzen der Negation, wo Negation sich selbst ausspielt, sich selbst paralysiert?
Wellershoff: Ich glaube, ein Schriftsteller muß es leisten, daß auch in der Darstellung des Schrecklichen, in der Darstellung von Tod und Scheitern immer noch ein elementares Lebensinteresse mit formuliert ist. So daß man eine Solidarität mit dem Kampf dieses Menschen spürt, daß man mitgeht, ihn begleitet und dabei seine eigene Einstellung zum Leben neu erfährt. Ich habe es einmal so formuliert: Beim Schreiben habe ich das Gefühl einer höheren Integration meiner Person, als käme alles zusammen, Unbewußtes und Bewußtes, die Antriebswelt und meine Kenntnisse, als würde sich dies alles enger miteinander verbinden und verdichten. Dieses Gefühl der Identität wird nicht in Frage gestellt durch die Schrecklichkeit des Dargestellten. Auch der Schrecken schlägt um in ein Gefühl der Begeisterung, der Freiheit von Angst. Das ist ein Votum für’s Leben. Die Tatsache, daß ich das gesehen habe, macht mich fähig, auch etwas anderes zu sehen, Schönheit und Glück.
Aus: Dieter Wellershoff: Die Wahrheit über Literatur. Sieben Gespräche.

Lenz/Pütz: Die Literatur ist, wie Sie sagen, eine Probebühne des menschlichen Lebens, auf der wir alle unsere Probleme zur Anschauung bringen und bis zu ihren Extremen durchspielen. Wenn Sie nun als Autor selbst beim Schreiben die Probebühne betreten, so lassen sich zwei Schlüsse ziehen: Sie könnten einerseits ein glücklicher, zufriedener Mensch sein, der auf der Bühne der Literatur probeweise den Gegenpart einnimmt; andererseits könnten Sie aber auch ein grübelnder, zweifelnder Charakter sein, der sich seiner Romanfiguren bedient, um diese Ungereimtheiten über sein Schatten-Ich fiktiv auszuleben. Welchen Schluß hat man zu ziehen?
Wellershoff: Ohne Lebenserfahrung könnte man gewiß nicht so schreiben, wie ich das tue. Das heißt aber nicht, daß ich in meinen Texten ständig eigene Lebensprobleme ausagiere. Obwohl ich mich selbst als Erfahrungsquelle benutze, gehe ich beim Schreiben natürlich über mich hinaus. Ich will herausbekommen, was ich aufgrund meines Lebenswissens über das Leben anderer Menschen sagen kann, und zwar in einem Erkenntnisprozeß, bei dem sich Einfühlung und Analyse untrennbar mit Wahrnehmung und Phantasie mischen. Dabei entsteht Neues und Anderes. Ich brauche zum Beispiel keine Frau zu erschlagen, um es so schildern zu können, wie ich es in dem Roman „Die Schönheit des Schimpansen“ getan habe.
Lenz/Pütz: Gehen Sie dann in diesen Texten bis zur nötigen Konsequenz, weil Sie diese Erfahrungen im außerliterarischen Leben nicht machen können?
Wellershoff: Das ist wohl ein zu enges Erklärungsmuster. Es wäre ja auch denkbar, daß man sich als Autor deshalb in die tabuisierten Dunkelzonen des Lebens hineinwagt, weil man sich seiner persönlichen Identität sicher ist. Daß es sich dabei auch um eine durch das Schreiben erworbene Sicherheit handelt, wäre dann die nächste Vermutung. Ich glaube schon, daß man durch das Scheiben geistige Furchtlosigkeit entwickeln kann – die Fähigkeit, auch in das eigene Dunkel zu blicken.
Aus: Daniel Lenz/Eric Pütz: Lebensbeschreibungen. Zwanzig Gespräche mit Schriftstellern. Edition text + kritik: München 2000.

^
Quellenangaben
Autorenauskunft, Eigenrecherche
Sonstige Quellen

Kölner Autorenlexikon

^
Aktualisiert am
07.09.2011

 

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.