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Jutta Krähling - Arbeitsproben

Aus: DIE TELLERMANNS

Noch Jahre später behauptete Jule, der Zauber hätte nur gewirkt, weil es so lange geregnet hatte.

Fünf Tage Regen und das gleich zu Beginn der Sommerferien. Es nieselte und schüttete abwechselnd und tropfte von der Markise vor ihrem Fenster. 

"Die blöden Ferien fallen ins Wasser", prophezeite Nele, aber nicht nur wegen des Regens, sondern weil ihre beste Freundin nach Cleveland, Ohio, zöge. Nele hatte ausgerechnet, dass dann über 7.000 km zwischen ihnen lägen.

"Jetzt wohnen wir ein paar Meter auseinander. Aber dann noch 7.000 km zusätzlich."

"Und bestimmt liege ich im Bett, wenn du zu Mittag isst."

"Wir sehen uns nie wieder", sagte Nele düster.

Die Sommerferien waren als eine riesige Abschiedsfete geplant: mindestens zehnmal Schwimmbad, zweimal Spaßbad mit Riesenrutsche, Freizeitpark, Kanutour mit einer Übernachtung im Zelt, Picknick an der Burg, Mitternachtswandern und dazu noch alle Eisdielen, die am Wege lagen.

Und dann käme die Spedition und packte den Hausrat in riesige Kisten und Jule stiege mit ihren Eltern in das Flugzeug nach New York.

Jule ginge fort und das, obwohl die beiden Mädchen, gemeinsam mit Janek auf die neue Schule wechseln wollten.

Sie wollten zu dritt mit der Buslinie 29 bis zur Marktstraße fahren und sie planten in die Hockeymannschaft der Schule zu kommen.

Regen. Regen. Und abends im Bett weinte Jule. Bei Nele wusste man das nicht, weil die ein spitzes Gesicht ziehen und ihren Mund wie eine Rosenknospe verschließen konnte.

Regen.

Ich wünschte, du müsstest nicht gehen.

Ich will auch nicht gehen.

Du könntest bei mir wohnen.

Wir laufen weg. Wir verstecken uns.

Wie viele tausend Male in wie vielen Sprachen dies wohl schon gesagt worden war.

Daran konnte es nicht gelegen haben, was dann passierte.

Wie all die vielen Gespräche endete auch dieses mit "uns muss etwas einfallen."

Und weil beide Mädchen das Gefühl beschlich, dass ihnen bald etwas einfallen musste, trafen sie sich an diesem Freitagabend erneut. Um zwanzig Uhr, denn die Zwanzig hatten sie zu ihrer Glückszahl ernannt. Immerhin waren sie zusammen zwanzig Jahre alt und Nele war am 20ten Mai geboren und Jule zwanzig Minuten vor Mitternacht.

Doch kaum hatten sie sich in Jules Zimmer eingeschlossen, kam Janek, mit dem sie zum Brennballspielen im Park verabredet waren, vorbei.

Alle drei liebten Brennball und spielten es Abende lang. Vor dem großen Regen hatten sich immer mit bis zu fünfzehn Kinder getroffen. Nele konnte inzwischen hart werfen und Jule und Janek hatten sich im Frühjahr zu hervorragenden Läufern gesteigert. Aber weil die Blutsschwesternschaft nicht warten konnte, schickten sie Janek weg.

Vom Fenster aus beobachteten sie, wie er missmutig nach Hause stapfte und alle Sträucher mit einem Stock klopfte, dass das Regenwasser nur so spritzte. Selbst seine Locken sahen wütend aus und spreizten sich in alle Richtungen. Sie wussten, dass er vor sich hin schimpfte und vielleicht sogar auf Polnisch fluchte.

"Los jetzt, Blutsschwester", drängte Jule und zog Nele vom Fenster weg.

Sie piekten sich mit einer Nadel in die kleinen Finger und pressten sie gegeneinander und schworen, dass sie immer beste Freundinnen bleiben würden. Dies war allerdings schon das zweite Mal, denn sie arbeiteten schon seit einigen Jahren daran als Zwillinge durchzugehen. Zweieiige Zwillinge natürlich, da Nele sechs Zentimeter größer war und helle Spaghettihaare hatte, während Jules rotbraune Mähne sich bei Regen ringelte. Selbst ihre Namen hatten sie vor einigen Monaten angeglichen und aus Juliane und Annelie waren Jule und Nele geworden.

Nele ließ sich auf den Boden gleiten.

"Sie dürfen uns nicht trennen. Schließlich hast du keine Geschwister und ich nur einen Halbbruder, der auch noch in Spanien wohnt. Das ist gemein. Wir brauchen eine Blutsschwester. Kannst du deine Eltern nicht umstimmen?"

"Habe ich schon versucht. Gestern habe ich mir Zwiebelsaft in die Augen gerieben, um Papa rumzukriegen."

"Und wenn du krank wirst? Oder du isst einfach nichts", schlug Nele vor.

"Gar nichts? Auch keine Äpfel? Da haue ich lieber ab", sagte Jule.

"Also weglaufen geht nicht. Deine Mutter würde durchdrehen."

Jule nickte.

"Ich weiß. Aber ich könnte mich verstecken und du sagst ihnen, dass ich in Sicherheit bin."

"Das schaffe ich nicht. Die Erwachsenen quetschen mich aus wie eine Zitrone. Stell dir vor, wie sie zu viert auf mich einreden."

"Dann verstecken wir uns beide. Jedenfalls so lange, bis der Flieger weg ist. Dann merken sie, dass es uns ernst ist. Und wir hinterlassen einen Brief. Damit meine Mutter nicht durchdreht."

"Aber wo verstecken wir uns? Wir brauchen ein ziemlich gutes Versteck, damit sie uns nicht finden."

Jules Fußboden war übersät mit ausrangiertem Spielzeug und Kleidungsstücken. Bücher und Comichefte stapelten sich in der Mitte des Teppichs. Die vielen aussortierten Dinge, die nach Ansicht ihrer Eltern nicht mit in die USA sollten.

Oben auf lag das zerfledderte Exemplar von Nils Holgersson. Früher hatten sie sich oft auf dem Sofa unter die Decken verkrochen und Nils gespielt, nachdem sie sich die Bilder im Buch angeschaut hatten.

"Weißt du was", sagte Jule und strahlte Nele an, "wir sollten so klein wie Nils Holgersson sein. Das reimt sich sogar. Wir wollen klein wie Nils Holgersson sein. Wir wollen klein wie Nils Holgersson sein. Dann könnten wir uns verstecken. Sie würden uns nie finden."

"Ja, wir wohnen draußen neben dem alten Kaninchenstall. Wir sammeln Beeren."

"Wir müssen nicht zur Schule. Wir können in dem Wasserspiel baden. Wir können – aber was essen wir? Außer Beeren? Löwenzahn vielleicht?"

"Jule, glaubst du, deine Eltern würden dich hier lassen, nur weil du klein bist?"

"Wenn sie mich nicht finden. Na gut, die sind eben auch klein. Sie können helfen Beeren und Pilze zu sammeln. Und Papa kann kochen. Das kann er gut."

"Und jetzt?", fragte Nele.

"Wir sind Blutsschwestern. Wir haben geschworen, dass wir zusammenbleiben. Das gilt. Also bis Sonntag haben wir eine Lösung. So oder so", meinte Jule entschlossen.

"Gut. Wir wünschen uns ein Versteck. Oder eine Idee."

Die Mädchen fingen an einen magischen Kreis zu legen, denn nur in einem Kreis erfüllen sich Wünsche, behauptete Jule.

Neben Nele saßen schließlich der abgeschabte Teddy und eine hölzerne Indianerfigur. Neben Jule lag ein Stein und auf der anderen Seite der Griff von einem selbstgebauten Schwert.

"Warte, wir brauchen noch eine Kerze", verlangte Nele, und Jule sprang auf und holte eine rosafarbene Kugel aus dem Bad.

"Die nutzt bestimmt, obwohl sie scheußlich stinkt – hier riech mal."

Jules Katze Foxy lag auf dem Bett und blinzelte schläfrig in das flackernde Licht.

Die Mädchen setzten sich gegenüber in den Kreis. Nele sagte später, es sei einundzwanzig Minuten nach acht Uhr gewesen. Sie sprachen über der Kerze.

"Mögen unsere Familien klein schrumpfen. Mögen sie winzig werden. Und mögen Jule und Nele wie Schwestern leben. Mögen sie immer zusammen bleiben."

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