NRW Literatur im Netz

Stefan Sprang - Arbeitsproben

Aus: HELDEN: TOT

Ich rieche den Sommer mit seinen Gräsern und Gänseblümchen, den Bäumen, dem würzigen Teer. War ich neun? Ich saß auf meinem Bonanza-Rad. Orangefarbenen in einer Welt voller Obst, "Esst mehr Obst" stand auf den Papiertüten beim Gemüsemann, stand auf der Wand an der Bahnüberführung. Als könnte man mit Obst die Welt retten. Ich radele und radele, wie eine kleine Nähmaschine, radele zur Großmutter. Holger, der Nachbarsjunge, der ist mein Freund. Blau ist der Himmel, es ist heiß, aber ich schwitze nicht, obwohl ich schon ein ganzes Stück unterwegs bin. Neben mir rauscht der Verkehr, klappert die Stahlbrücke, keine richtige Brücke, eher eine Überfahrt. Wer abbiegen will an der großen Kreuzung, bleibt unten, wer seine Fahrt geradeaus fortsetzen will, der fährt auf die Rampe und saust ohne Aufenthalt, ohne Ampel über die Kreuzung, um auf der anderen Seite herabzubrettern. Ein seltsames Gebilde, das Tag und Nacht einen Rauschen und Beben in die Luft schickt, und einen metallenen Takt mit jedem Wagen, der auf die Rampe fährt, dada ... dada ... dada ... dada. Die Nieten und Träger klopfen und singen. Ich aber bin sicher auf dem Gehsteig unterwegs. Oma wohnt in der Seitenstraße, noch ein Stückchen. Aber plötzlich, ohne dass ich will, nehme ich die kleinen Füße von den Pedalen, halte an an der Straßenecke. Ich bin in einer Kugel aus Wärme und Rauschen, ich bin das einzige Wesen auf der Welt, ich existiere nicht, ich lebe, ich fühle wie ein frisch Verliebter. Ich bin verliebt ins Leben. Und wusste noch gar nicht, was Verliebtheit ist.  In dem Alter wusste man das damals noch nicht. Jedenfalls, Kinderblut voller Dopamin. Ein Trip. Nichts hätte mir Angst machen können in diesem Universum, nicht einmal der Gedanke, nach einem Wimpernschlag wieder zu sein, neben der Brücke, den Autos. Ich hatte die Welt geschaffen, und sie war gut. Ich war mein eigener Held und nichts anderes hatte Bedeutung.

Aus: FRED KEMPER UND DIE MAGIE DES JAZZ

Plötzlich gab es einen Knall. Vorne auf der Straße startete ein Wagen mit einer Fehlzündung und knatterte langsam davon. Aber da war noch ein Nachhall, der nicht zu einem Auto passte. Da schwang noch etwas anderes mit in der Luft, da waren Klänge, die nicht von allzu weit her kamen. Fred konnte es nicht deuten: Es schien ein Tröten und Tuten zu sein, so etwas wie Blasmusik, aber unbeschreiblich viel langsamer und wohlklingender als das, was er beim Sommerfest der Firma gehört hatte, für die sein Vater arbeitete. Dort war eine Kapelle in Uniformen angetreten, ein Spielmannszug mit Trompeten und Posaunen und großen Trommeln.
Jetzt aber war es, als spiele jemand eine Schallplatte auf der falschen Geschwindigkeit ab, ohne dass es falsch klang. Fred hörte genauer, drehte den Kopf, damit seine Ohren die Schallwellen besser einfangen konnten. Er ließ sich anlocken, ein Tier, das aus größter Entfernung etwas erlauscht hat, was Beute sein könnte. Fred hörte einen hohen hellen Ton, der ansatzlos tiefer wurde und wieder höher, der auf und ab schwang ohne Pause, mal lauter und mal leiser wurde. Es konnte eine Trompete sein, aber die klang anders, greller und lauter. Fred glaubte eine Stimme zu hören. Aber es war kein Gesang, er hörte keine existierenden Worte, da sang niemand in diesem Lied. Und während er gebannt zuhörte, segelte der kristallklare und doch so warme Ton davon wie ein trockenes Blatt, es war kaum noch etwas zu vernehmen. Aber bevor es ganz still wurde, übernahm ein Klavierspieler. Der ließ viele Töne hintereinander rieseln, herauf und herab, es klang freundlich und einladend wie das Perlen eines Bachs. Dann setzte wieder mit Macht jene gläserne Stimme ein. Jemand erzählte etwas, der nie sprechen gelernt hatte und nur murmeln und seufzen konnte. Fred staunte. Er folgte der Musik, ging schneller, als könnte er etwas verpassen, was sich in seinem Leben nie wieder ereignen würde.
Als er in den nächstgelegenen Hof einbog, erkannte er, woher die Musik kam. Aus einem geöffneten Fenster, hinter dem ein Schallplattenspieler laut aufgedreht lief. Jetzt, da er viel näher war, konnte Fred manchmal ein Knacken zwischen den Tönen hören.
Das Lied, das ihn angezogen hatte, war zu Ende, aber es würde weitergehen, ganz bestimmt würde es das. Denn er hörte das Kratzen einer Plattenspielernadel, die unaufhaltsam in das nächste Stück gezogen wurde in jener Rille mit den winzigen Gebirgszügen, die sie zum Schwingen brachten. Und ohne darüber nachzudenken, ob er es einfach so tun durfte, setzte er sich auf die Treppe und lauschte auf das, was aus dem Fenster herauskam und ihn noch mehr verwirrte.
Ein neues Lied begann, aber Fred erkannte keine Melodie. Das blecherne Instrument begann mit einem tiefen Ton, der zu einem langen Seufzer anstieg, im Hintergrund begann es zu klirren, der metallene Teil von einem Schlagzeug. Auch das Klavier war zu hören und noch ein Instrument. Es schien, als kreisten alle eigensinnig umeinander und einen unsichtbaren Punkt. Fred sah Pferde vor sich auf der Galopprennbahn, auf die er ab und an mit seinem Vater ging. Wie sie durcheinanderliefen und sich aufbäumen wollten an den Zügeln der Betreuer, die sie schließlich in die engen Startboxen bugsierten. Aber in dieser Unordnung schien es niemanden zu geben, der die Zügel hielt, niemanden, der den Anfang machen und loslaufen wollte. Das Hauptinstrument quietschte ganz leicht, fing sich wieder, der Schlagzeugmann wirbelte nervös auf seiner Trommel, doch es gab keinen Rhythmus, zu dem man mit den Fingern hätte schnippen können. Alles klang schräg, aber nicht falsch – und dann, von einer Sekunde auf die andere fügte sich plötzlich alles zusammen. Eine Melodie hob an, alle Töne flossen ineinander, das Schlagzeug raschelte, der Mann mit dem Blasinstrument begann zu spielen, wieder erzählte er etwas mit einer hohen Stimme, zögernd und immer wieder stotternd. Aber kaum, dass sein Spiel klar und deutlich geworden war, geriet schon wieder alles aus den Fugen.

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