NRW Literatur im Netz

Arne Dessaul - Arbeitsproben

Aus: BAUERNJÄGER

Der Wasserstrahl spritzte gegen die Karosserie, traf schmatzend auf die Windschutzscheibe und peitschte ein paar kleine Lehmklumpen aus den Radkästen. Helmut, der mit seinen Gedanken ganz woanders war, wurde das eine oder andere Mal von den abprallenden Wassermassen erwischt und war nach wenigen Minuten so nass wie am letzten Sonntag, als er knapp zwei Stunden im Nieselregen gestanden hatte. Das war ihm in diesem Moment vollkommen egal. Dann würde er sich eben erkälten. Na und? Selbst einer drohenden Lungenentzündung mit Todesfolge stand er gleichgültig gegenüber.

Mechanisch machte er weiter, seifte das Auto ein, spritzte es ab, wurde immer nasser, lederte es ab und war schließlich fertig. Er räumte Schlauch, Eimer, Schwamm und Ledertücher weg und verzog sich für die nächsten Stunden in sein Kellerloch. Die Rufe seiner Mutter, unter anderem wegen der samstäglichen Kartoffelsuppe, ignorierte er. Immerhin zog er sich trockene Kleidung an und legte ein paar Platten auf, die ersten drei Alben von Led Zeppelin. Er drehte die Anlage nur halb auf. Bei zu lauter Musik wäre womöglich Vater nach unten gekommen, um sich zu beschweren. Er wollte unbedingt allein sein.

Er griff zu der Flasche Kräuterschnaps in seinem Regal, aber nur, um festzustellen, dass die Flasche leer war. Er hatte sie vor einer Woche, in der Nacht von Samstag auf Sonntag, ausgetrunken, als er sich ebenfalls wegen Elke in seinem Zimmer verkrochen hatte.

Genau diese Erkenntnis sollte es sein, die ihn überraschend schnell aus dem tiefsten Loch hervorholte. Würde er sich ab sofort allabendlich im Keller verschanzen, um sich mit Alkohol zu betäuben und die Wahrheit auszublenden? Auf diese Weise wäre er innerhalb eines Jahres ein Wrack.

Aus: TRITTBRETTMÖRDER

Werner stand hinter dem Tresen und bot das Bild des ewigen Gastwirts. Seine schwarze abgetragene Stoffhose hatte er mit schwarzen Hosenträgern sozusagen am Körper festgetackert. Die Hosenträger liefen eng über seine Schulter und zerknitterten sein Hemd. Von diesem Hemd konnte man schon längst nicht mehr sagen, ob es ursprünglich weiß war und nun langsam ergraute. Oder aber, ob es früher grau war und nun erbleichte, um besser mit Werners ungesunder Gesichtsfarbe zu harmonieren. Werners dünnes braunes Haar hing in fettigen Strähnen kreuz und quer über seinen Kopf, hinter seinem Ohr klemmte ein Bleistift, mit dem er Striche auf die Bierdeckel machte. Sein längliches Gesicht endete in einem schmalen Strich blasser Lippen, die gekonnt eine Zigarette einklemmten. Sie gaben ihr dabei so viel Bewegungsfreiheit, dass Werner inhalieren und Dampf ablassen konnte, ohne seine Hände benutzen zu müssen. Die Hände waren mit Zapfen beschäftigt und sie waren feucht.
Werner warf Helmut einen Blick zu, der vielleicht freundlich, vielleicht aber auch misstrauisch sein sollte. Das wusste man nie bei Werner. Er gehörte zu denen, die in Helmut immer noch ein bisschen den Bullen sahen, der sich jederzeit überlegen konnte, in irgendjemandes Dreck zu wühlen. Und irgendeine kleine Leiche hatte ja wohl jeder in seinem Keller liegen, oder nicht?

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.