NRW Literatur im Netz

Barbara Zoschke - Arbeitsproben

DAS IMAGINÄRE, DIE IDEEN UND DAS ICH

Nach meinen Lesungen erhalten die Kinder im Publikum stets die Gelegenheit, mir Fragen zu meinen Büchern und meinem Beruf zu stellen. Regelmäßig lautet eine Frage: „Wie kommst du überhaupt auf die ganzen Ideen?“ Die Kinder stellen damit die zentrale Frage nach der Bedeutung von Imagination und Kreativität fürs Schreiben, von der sie intuitiv wissen, dass es sie braucht, um eine Geschichte zu erfinden und zu schreiben.
Die Beantwortung der Frage nach der Ideengenese stellt mich jedes Mal vor ein Problem. Denn wie beschreibt man diesen schöpferischen Akt? Vielleicht so:
Zuerst ahne ich eine Idee. Die Ahnung fliegt mich an. Es ist ein reales Erlebnis (wir bekommen Familienzuwachs: eine Katze, die sich seltsam benimmt), ich entdecke einen Rechtschreibfehler (ferrückt) oder die Zeitungslektüre über ein bei Tieren lebendes Mädchen (Tippi) inspiriert mich, kurz: der Zufall ist verantwortlich für den Einfall. Er löst in meinem Gehirn eine Kettenreaktion aus, setzt eine Bilderflut in Gang, weckt Assoziationen, und lässt den Wunsch in mir entstehen, die Gedanken und Assoziationen zu verdichten, eine Art von Ordnung zu schaffen, um die Bilderflut im Kopf zu dämmen. Autoren und andere Kreative lauern solchen Zufällen auf, weshalb es aus ihren Mündern oft heißt, die Ideen lägen auf der Straße, man müsse sich nur nach ihnen bücken. Und das stimmt auch. Man lernt mit der Zeit, Eindrücke und Erlebnisse nach brauchbaren Ideen abzuscannen.
Danach beginnt das Spiel. Ja, tatsächlich: Ich spiele mit der Ahnung, damit sie mir zeigt, was in ihr steckt. Manchmal nämlich gar nichts. Oft genug aber sehr viel. Ich zeichne die seltsame Katze mit links (obwohl ich Rechtshänderin bin). Ich schlängele ihr ein großes rotes S für Seltsam auf die Brust. Ich frage sie: „Was wäre, wenn ...  du fliegen könntest?“ und warte auf Antwort. Bis sie mich plötzlich anspringt: „Ich wäre Supercat und würde alle retten“, sagt die Idee.
Ab jetzt trage ich sie, in dem beschriebenen Fall, die Idee mit Namen Supercat, immer bei mir. Ich drehe und wende sie, schmücke sie aus, stelle ihr Gefährten zur Seite und gebe ihr schreibend Raum, Ort und Zeit, um sich zu entwickeln.
Dabei geht mein Ich, physisch festgenagelt an den Schreibtisch, auf Reisen. Ich erschrecke mit Jil, wenn sie den Koi-Karpfen aus dem Schulteich in ihrer Badewanne findet, ich rieche die Kreide im Klassenzimmer, wenn sie mal wieder zu spät kommt, und ich habe Herzklopfen vor Wut und Ärger, wenn die Mutter ungerecht ist und schimpft. Ich werde langsam aber sicher selbst zu Jil und kann das um sie herum imaginierte Geschehen mehr und mehr aus sich selbst heraus generieren. Ich muss nur den Laptop hochfahren und anfangen zu schreiben, um die Figuren in meiner Geschichte zu treffen und zu erleben, was sie erleben. Wenn’s gut läuft, fühlt sich das an wie selbstvergessenes Spielen, das wir alle aus Kindertagen kennen.
So schreibend begegne ich in Jil mir und doch nicht mir, denn natürlich weiß ich zu jedem Zeitpunkt, dass ich nicht Jil bin. Ich erfahre vielmehr eine enorme Erweiterung meines begrenzten Ich und tauche ab ins imaginäre Selbst.
Engagiertes Vorlesen ist eine von vielen kreativen Methoden der Literaturvermittlung, die alle dasselbe Ziel haben: Kinder mitzunehmen auf die Reise zu ihrem je eigenen imaginären Selbst, ins Land der vielen Möglichkeiten „Ich zu sein, ohne Ich zu sein“ (Jacques Lacan), Wahrheiten auszuprobieren und Welt zu erfahren. Gute (Kinder)-Bücher sind solche, die über Text und/oder Bild Räume für diese Reise eröffnen.
Engagiertes Lesen heißt in meinem Fall übrigens, dass ich mir meine Figuren vorlesend anverwandele, um hinter ihnen zu verschwinden, bis die Kinder glauben, sie und nicht mich vor sich zu haben. Wenn ich das Buch dann mitten in der Geschichte langsam zuklappe und mich die Kinder verständnislos anschauen, weil sie einen Moment lang gar nicht zu wissen scheinen, wer da eigentlich vor ihnen sitzt und wo sie gerade sind, dann freue ich mich still und leise. Und warte noch einen Augenblick länger, bis wirklich alle wieder ganz da und in der sogenannten Realität angekommen sind. Diese lustvolle Erfahrung der selbstvergessenen Welterfahrung wiederholen zu wollen ist es, die aus Kindern Leser macht.


Aus: Infodienst. Das Magazin für kulturelle Bildung, Nr. 118.

Aus: FLANKE INS WELTALL

Moritz hörte seinem Trainer aufmerksam zu, als der verkündete: „Jungs, es gibt gute Neuigkeiten!“ Das Fußball-Team des SV Schlebusch rückte näher zusammen. Die Stollen auf dem nackten, kalten Boden der Umkleidekabine klangen wie die eisernen Hufe nervöser Rennpferde.
„Der Jugend-Cheftrainer von der TSG Leverkusen wird zum nächsten Spiel kommen und nach neuen Talenten Ausschau halten.“
Wenn Moritz sich nicht täuschte, hatte Herr Neudeck bei seinen letzten Worten die Stimme etwas gesenkt und ihn angeschaut. Moritz wurde heiß bei der Vorstellung, dass sein Trainer ihn für ein Talent hielt. Ein richtiges Talent, eines, das zum TSG wechseln könnte, um dann so richtig zu trainineren, mit Biss und Ernst und allem drum und dran. Und dabei war Moritz gerade mal seit sechs oder sieben Wochen beim SV. So lange nämlich wohnte Moritz mit seiner Mutter erst in Schlebusch. Sie waren hierher gezogen, weil Mama es in der alten Wohnung nicht mehr ausgehalten hatte, wegen der Sache mit Papa.
Bloß nicht dran denken, dachte Moritz.
„Gegen wen spielen wir denn?“ wollte Boris wissen.
Herr Neudeck lächelte freundlich und zwinkerte seinen Jungs zu. „Gegen einen ganz besonderen Gegner!“ Der Trainer machte eine Pause, die so lang war, dass Moritz Herzklopfen bekam. Das konnte nichts Gutes heißen. Ein besonderer Gegner war immer ein schwerer Gegner.
Moritz musste doch wieder an seinen Vater denken. Der hatte früher auch Fußball gespielt, der könnte ihm in einer solchen Situation gut helfen. Von wegen „schwerer Gegner“ und so.
Moritz wusste noch, wie es war, als er zu seinem allerersten Training in Wiesdorf gegangen war. Papa war natürlich mitgekommen, weil Moritz, damals gerade 5 Jahre alt, mächtig aufgeregt war. Moritz wusste nicht mehr, was Papa genau zu ihm gesagt hatte, damit die Aufregung verschwand, aber er spürte noch genau, wie es sich angefühlt hatte, dass neben ihm der Papa war. Rechts neben ihm war er gegangen, ganz dicht, und Moritz hatte immer hochgucken müssen zu ihm, die Augen zukneifen, weil ihn das Licht so geblendet hatte.
„Wir spielen gegen den TuS Hamburg!“ Herr Neudeck grinste jetzt wie ein Honigkuchenpferd. „Das wird ein hartes Spiel, Jungs, aber wir werden kämpfen. Stimmt’s?“
Die Mannschaft gröhlte ein lautes JAAAA!
„Es wäre schön, wenn eure Eltern mitkommen. Fragt eure Väter. Viele Zuschauer, das macht sich immer gut!“ Wieder hatte Moritz das Gefühl, dass der Trainer ihn und nur ihn anschaute. Ja, er durchbohrte ihn geradezu mit seinem Blick, riss dazu die Augenbrauen hoch und bekam riesenhafte Augen, die schier aus den Höhlen kullern wollten.
„Und jetzt ab aufs Feld. Das Training ruft.“ Herr Neudeck klatschte in die Hände. Die Spieler der C-Jugend setzten sich in Bewegung.
„Die Väter... die Väter... die Väter...“, echote es in Moritz Kopf, während er neben Christoph aufs Spielfeld trabte.
„Mein Daddy kommt bestimmt“, keuchte Christoph. Er war gerade mal zehn Schritte gelaufen und schon außer Atem. „Deiner auch?“ wollte er von Moritz wissen.
Moritz wurde rot. Das ging ihm immer so, wenn jemand von seinem Vater sprach. Als könnte er etwas dafür. In seiner neuen Klasse hatten ihn natürlich alle so ziemlich als erstes gefragt: „Und was ist dein Vater von Beruf?“ Moritz war sofort rot geworden, so, als hätte ihn jemand auf frischer Tat ertappt. Nur welche Tat, das wusste Moritz selbst nicht. Er konnte doch wirklich nichts dafür. Er hatte dann so getan, als hätte er die Frage nicht gehört, hatte einfach irgend etwas gequasselt, von gestern und was im Fernsehen war oder so.
Glücklicherweise hatte das funktioniert. Niemandem schien etwas aufgefallen zu sein, jedenfalls hatte keiner mehr gefragt.
„Christoph, du gehst ins Tor“, kommandierte der Trainer. Christoph schwenkte sofort nach links, so dass Moritz ihm gar nicht antworten konnte, selbst wenn er gewollt hätte.
„Wie war’s beim Training?“ Moritz Mutter schaute kurz von ihrem Buch auf, als Moritz seine schwere Traininingstasche in die Ecke schleuderte.
„Mmh“, machte Moritz nur.
„Ist was?“
Moritz zog es vor, seiner Mutter nichts von dem wichtigen Spiel gegen den TuS zu erzählen. Sie würde sein Problem sowieso nicht verstehen. Sie verstand nichts von Fußball, das war nunmal Männersache. Mama fand es einfach nur toll, dass Moritz so gern Fußball spielte, weil sie dachte Sport ist gesund, aber sie begriff natürlich nicht, um was es da ging. Um seine Zukunft, sein ganzes Leben ging es nämlich. Papa ja, Papa hätte das verstanden. Ohne Worte. Ein Spiel vor dem Cheftrainer des TSG war an sich schon eine Auszeichnung, etwas Wichtiges und Ernstzunehmendes. Hier hörte der Spaß auf, das spürte Moritz einfach. Wenn er mal ein richtiger Fußballer werden wollte, und das wollte er, dann musste er an diesem Tag gut spielen. So gut, wie noch nie zuvor, damit ihn dieser Cheftrainer auch bemerkte, vielleicht ansprach, vielleicht zu einem Probetraining einlud, vielleicht...
Moritz konnte nicht weiterdenken, er bekam vor Aufregung ganz feuchte Hände.
Na klar, so lief das, und deshalb hatte Herr Neudeck auch gesagt „fragt eure Väter“. Was sollen auch die Mütter da, die verstehen doch nichts vom Fußball. Angenommen, also nur mal angenommen, der Cheftrainer entdeckt Moritz nächste Woche, dann würde er natürlich sofort mit seinem Vater sprechen wollen. Hinter jedem großen Sportler steht ja ein Vater. Frank Busemann zum Beispiel, dieser Zehnkämpfer, wurde von seinem Vater sogar traininert.
Moritz hätte seinem Trainer natürlich sagen müssen, dass sein Vater nicht kommen konnte. Das ging ja nun wirklich nicht. Das war kein mangelndes Interesse, was er an seinem Sohn hatte oder so, es ging eben einfach nicht. Verdammt. Moritz kämpfte mit den Tränen.
„Hast du Lust zu reden?“ Moritz Mutter stand plötzlich hinter ihm. Sie hatte die Hände auf seine Schultern gelegt. Moritz schluckte und schüttelte stumm den Kopf.
„Ist es heute nicht gut für dich gelaufen?“ fragte sie leise.
Nicht gut für mich gelaufen! Ich habe am Samstag ein schweres Spiel und keinen, mit dem ich drüber reden kann, dachte Moritz. Er konnte nichts sagen.
„Sprich doch mit mir!“
Sprechen und sagen, dass der SV Schlebusch eben der SV Schlebusch ist und der TSG eben der TSG und dass ich bei dem schweren Spiel ohne Vater dastehe, ausgerechnet ich, wo doch der Neudeck mich für ein Talent hält und der Cheftrainer hinterher bestimmt mit meinem Vater reden will. Und ich habe keinen mehr, keinen Vater... Das begreifst du doch gar nicht, Mama.
„Nimm das mit dem Fußball nicht zu ernst, Moritz, das ist nicht gut.“
Moritz schloss die Augen. Natürlich musste er das ernst nehmen. Hatte Neudeck doch selbst gesagt, und Papa hat auch immer gemeint: „Sonst kannst du es gleich drangeben.“
In Moritz Kehle begann es zu brennen, er würde gleich losheulen, das wusste er, und er würde sich seiner Mutter in die Arme werfen und schluchzen. Er würde sich an sie schmiegen und sich fühlen wie ein Vierjähriger, der nur bei seiner Mama sein wollte und sonst gar nichts. Dabei wollte er ein Fußballer werden.
Wenn Papa nur da wäre. Dann müsste er, verdammt nochmal nicht heulen, sondern könnte sich auf das Spiel vorbereiten. Mental sozusagen.
Das Telefon klingelte. Mama ging an den Apparat.
Moritz zog sich aus und legte sich ins Bett. Er rollte sich zusammen, denn er wollte so tun als schliefe er schon, wenn Mama zurückkam.
Vielleicht würde er ja auch einfach gar nicht mehr hingehen zum Fußball. Dann würde er Neudeck und den anderen auch nichts erklären müssen, nicht drüber reden müssen. Als wäre die Sache an sich nicht schon schlimm genug. Dann würde er eben kein Fußballer werden. Auch egal!
Moritz schob das Kinn über die Bettdecke und schaute in den dunklen Abendhimmel. Mensch, Papa!
Und dann kamen die Tränen. Moritz weinte ganz leise, ließ es heiß und salzig über seine Wangen laufen, schmeckte die Tränen und den Rotz, der ihm aus der Nase lief. Kein Laut drang aus seiner Kehle. Brennendheißes sammelte sich, ungefähr da, wo die Luftröhre anfing, ganz oben im Hals. Es stach. Ein Feuerball, der so wehtat und mit jedem Schluchzen weher.
Seit der Sache mit Papa hatte sich Moritz oft gewünscht ein anderer zu sein. Vielleicht Christoph. Der dicke Christoph. Null Ahnung von Fußball, aber mit Vater. Dem konnte es egal sein, ob der Cheftrainer ihn ansprach oder nicht. Sein Vater würde schon das Richtige sagen, ihn beschützen, einfach da sein. Dann wäre Moritz zwar dick und würde auch kein Fußballer werden, aber wenn Moritz Christoph wäre, hätte er ja auch keinen blassen Dunst von diesem Wunsch. Er wäre einfach dick und hätte einen Vater.
„Ich komme mit.“
Moritz verdrehte die Augen: „Er hat gesagt: die Väter.“
„Bist du sicher?“
Mama hielt Moritz freundlich lächelnd die Tür des Kombi auf. Moritz warf seine Tasche auf den Rücksitz, ließ sich mürrisch daneben fallen und knallte die Tür zu. Mama ging um den Wagen herum und setzte sich hinter das Lenkrad.
„Weißt du wie das aussieht?“
„Was?“
„Bei den anderen kommen die Väter mit. Am besten ist, du sagst nichts. Gar nichts. Wenn der Cheftrainer was von dir will, sag bloß nichts von wegen, „Fußball ist nur ein Spiel“. Für den TSG braucht man die richtige Einstellung, hat Neudeck gesagt, und das ist nicht die richtige Einstellung.“
Mama lächelte in den Rückspiegel.
„Das ist ein ganz wichtiges Spiel. Der Gegner ist bretthart. Es geht ums ganze.“
Kaum hatte das Auto gehalten, sprang Moritz raus, schnappte sich seine Tasche und lief zur Umkleide. Seine Mutter blieb noch einen Augenblick hinter dem Steuer sitzen. Sie schaute ihrem Sohn nach, wie er sich beeilte von ihr fortzukommen. Milde lächelnd stieg sie endlich aus und hielt das Gesicht für einen Augenblick in die warme Oktobersonne. Sie lächelte noch immer, jetzt hatte sie die Augen geschlossen. Wenn Moritz geblieben wäre, hätte er sehen können, dass ihre Lippen ein klein wenig, ein ganz bisschen bebten. Sie fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über die Mundwinkel, richtete den Blick zu Boden und ging los.
Moritz hatte natürlich recht gehabt. Es waren fast nur Männer da. Die meisten schienen sich untereinander zu kennen, jedenfalls begrüßten sie sich alle freundlich mit Handschlag. Moritz Augen suchten die Mutter. Sie stand ein wenig abseits, hielt sich den Mantelkragen zu. Jetzt begegneten sich ihre Blicke. Mama winkte ihm zu.
„Der TuS wird jeden Moment hier eintreffen“, rief Herr Neudeck laut. Er rieb sich vergnüglich die Hände und nickte jemandem zu, der hinter der Mannschaft saß. Moritz wagte es nicht, sich umzudrehen. Er wollte jetzt nicht daran denken, dass dieser Cheftrainer dastand und ihn vielleicht schon ins Visier genommen hatte. „Macht euch schon mal warm.“
Moritz lief zu seiner Mutter. „Du brauchst hier echt nicht rumzustehen. Der TuS ist noch gar nicht da, das kann noch dauern!“
„Ich will hierbleiben, Moritz“, sagte seine Mutter. Sie beugte sich zu ihm herab und wollte ihn auf die Wange küssen. Zum Glück konnte Moritz gerade noch den Kopf wegdrehen, so rechtzeitig, dass man glauben konnte, er hätte die Absicht seiner Mutter nicht erkannt. Er lief auf den Aschenplatz.
„Viel Glück!“ rief seine Mutter ihm nach.
„Wenn die nicht bald kommen“, ächzte Christoph, „kannste mich in die Tonne klopfen!“
Die Mannschaft bolzte schon seit einer geschlagenen halben Stunde, zwischendurch hatte der Trainer Sprints, Kopfbälle und Dehnübungen angeordnet. So langsam, das fand auch Moritz, könnte der Gegner kommen. Aber nichts tat sich.
„Guck mal“, Christoph stupste Moritz an. „Der telefoniert schon wieder!“
Moritz sah zum Trainer hinüber. Er hatte sein Handy ans Ohr gedrückt und zog die Stirn in Falten. Moritz blieb stehen. Der Trainer steckte das Handy in die Jackentasche. Er schüttelte den Kopf. Jetzt ging er zu den Eltern hinüber. Moritz erfasste am Rand des Bildes seine Mutter. Sie trat von einem Bein aufs andere. Ihr war kalt. Sie schaute zu Boden, betrachtete ihre Schuhspitzen, bekam nichts mit. Der Trainer unterhielt sich mit ein paar Vätern. Sie lachten. Ein paar nickten. Der Trainer pfiff auf seiner Trillerpfeife und winkte seine Spieler heran.
„Der TuS hängt auf der Autobahn fest. Unfall, 40 km Stau. Die sind vor drei Uhr gar nicht hier. Wir haben das Spiel auf nächste Woche verschoben.“
Die Jungen stöhnten.
„Aber, aber!“ Herr Neudeck hob die Hände. „Da unser werter Herr Wohlfahrt schon mal da ist, wollen wir ihm doch auch zeigen, was wir draufhaben, oder?“
Die Jungen klatschten begeistert.
„Wer von Ihnen ist bereit zu einem Freundschafts-Spiel? Unser Zeugwart hat Schuhe in jeder Größe.“
Moritz verstand nicht. Erst als ein paar Väter die Hände hoben, Moritz sah, dass sie schon die Mäntel abgelegt hatten, auf der Stelle hüpften, um sich warm zu machen, wusste er, was gemeint war. Seine Mannschaftskollegen fingen an zu rufen: „Papa, du auch. Komm Papa, spiel mit. Au ja, Papa!“
Nach und nach trat neben jeden Jungen aus Moritz Mannschaft ein Vater. Sie alle legten ihre Hände auf die Schultern ihrer Söhne, sagten lustige Sachen, weil das ja ein lustiges Spiel werden würde. Moritz spürte es neben sich kalt und leer. Er fühlte seine Haut unter dem Trikot, fühlte exakt die Stellen, an denen sein Körper, Zelle für Zelle, aufhörte sein Körper zu sein und die Welt berührte. Noch nie hatte er sich so allein gefühlt.
„Nehmen Sie auch Opas?“ fragte ein Mann mit Fastglatze.
Der Trainer lachte und der Mann lief zu Robert.
Da hörte Moritz eine bekannte, eine leise, eine helle Stimme. „Nehmen Sie auch Mütter?“
Bis genau zu diesem Augenblick hatte niemand etwas gemerkt, da war sich Moritz sicher. Es hätte ja auch sein können, dass sein Vater arbeiten muss, krank ist, sonst was hat. Moritz Unglück hatte nur ihm gehört. Denn keiner, niemand vom Fußball wusste was von der Sache mit Papa. Und jetzt? Moritz spürte alle Blicke auf sich gerichtet.

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