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Anja Grevener - Arbeitsproben

Aus: SÜNDENBOCK

Anna von Hövel

Das grelle Licht der Sonne auf dem Metall der Harke, die auf der Schulter der Buckligen hin und her schwankte, flirrte. Lichtpunkte sprangen mal ins Geäst der Dorflinde, mal auf den Weg hinter ihr. Angestachelt durch die Hitze des Spätsommers, führten die Windteufel ihren Tanz auf. Sie trafen das Gesicht einer Heiligenfigur in ihrem Schrein, fanden ihren Weg zu dem weit geöffneten Deelentor auf dem ärmlichen Hof am Wegesrand.

Ein spindeldürres Mädchen mit schmutzigen Wangen blickte von ihrem Spiel auf, als das Licht sie traf. Sie ließ ihr Holzpferdchen fallen, richtete sich auf und strich sich über die Stirn. Dann stakste sie fasziniert hinter den tanzenden Lichtpunkten her, die immer dann aufblitzten, wenn die Sonne das Blatt der Harke traf. Sie konnte den Blick nicht von den funkelnden Strahlen nehmen, starrte ihnen fasziniert hinterher, folgte wie hypnotisiert. Plötzlich krallte sich eine kalte Hand in das Herz des Kindes und ließ es erstarren. Alle Muskeln in ihrem Körper verkrampften sich und verweigerten ihr den Gehorsam. Ihr Mund öffnete sich zu einem markerschütternden Schrei, der wie das Kreischen eines Dämons durch das Dorf hallte. Wie durch die Fäden einer Marionette emporgerissen, flogen ihre Arme hoch. Ihr Geist verschwand und wie ein gefällter Baum fiel sie stocksteif nach hinten.

Der entsetzliche Schrei ihres Kindes ließ die Bäuerin zusammenzucken. Hastig eilte sie aus der Deele auf den Hof. Sie sah ihre Tochter im Staub liegen, die Glieder verdreht. Blasen von Spucke spritzten dem Kind aus dem Mund, verfärbten sich zu grässlich rosafarbenem Schaum mit blutigen Sprenkeln. Das Entsetzen der Mutter lähmte sie für einen entsetzlichen, langen Augenblick. Dann riss sie sich mit einem Ruck zusammen, warf sich auf den Boden und versuchte panisch, Ruhe in den gequälten Körper zu streicheln. Ohne Erfolg. Steif lag das Kind am Boden, zuckte, den Kopf weit in den Nacken gepresst. In der Düsternis, die sich ihr aus dem schwarz verschleierten Blick des Kindes entgegenwarf, fand sie keine Erinnerung an Familie, Dorf oder Gott. Tränen liefen der Mutter über die Wangen, kein Laut wollte über ihre Lippen fließen, kein Hilfeschrei gelingen. Ihr Blick flatterte und heftete sich verzweifelt an die Gestalt, die über die Dorfstraße schlurfte, als ginge sie das Drama auf dem Hof nichts an. Hilflos fraß sich ihr Blick in den Rücken der Alten.

Mit gerunzelter Stirn hielt die Bucklige inne, drehte sich um und blickte zurück. Sie erschrak. Die Harke rutschte von ihrer Schulter und fiel in den Staub.

Die Hand der Mutter knetete das Haar im Nacken des Kindes, seinen Kopf in ihren Schoß gepresst. Die Kleine begann zu grunzen, zischelte und knurrte die Bucklige an. Die Mutter spürte den Drang, das Kreuzzeichen zu schlagen, ihre Hand löste sich aus dem wirren Schopf, die Finger fuhren sich wie von selbst an ihre kalte Stirn, verharrten, sanken zurück auf den Kopf ihres Kindes, das Kreuz blieb ungeschlagen.

"Anna im Dreck …", wisperte sie und die Augen der beiden Frauen trafen sich über dem zuckenden Scheitel des Kindes hinweg.

Aus: DIE FEURIGEN SCHILDE

Die Externsteine, Frühsommer 776

Der Trupp zügelte seine Pferde. Schnaubend ließen die erschöpften Tiere ihre Köpfe fallen und trotteten am langen Zügel durch die durchweichte Wiese. Ein weiter Platz lag vor den Reitern, als sie aus dem Schatten des Waldes auftauchten. Rauch stieg von Kochfeuern in den Himmel und vermischte sich dort mit den tief hängenden Nebelschwaden. Menschen erhoben sich und starrten den Reitern entgegen. Über allem lag ein Schatten wie eine Begrenzung der Welt. Der Grund dafür war im Nebel zwar nicht zu erkennen, die Präsenz der Steinriesen konnte man dennoch tief in der Erde vibrieren fühlen. Der Anführer der Männer, ein blonder Mann mit breiten Schultern und Kleidung, die an ein Leben in der Wildnis denken ließ, ließ sich aus dem Sattel gleiten, strich sich über den klammen Mantel und führte sein Pferd am Zügel durch die Gasse, die die Menschen für ihn freihielten. Aufmerksam flog der Blick seiner hellen Augen über das Areal. Er sog die Stille in sich auf, die über allem lag. Die Menschen, denen er ins Gesicht blickte, senkten demütig den Kopf, denn in seinen blauen Augen loderte eine Autorität, die keine Borte oder goldener Schmuck hätte aufwiegen können.

Unvermittelt lichtete sich der Nebel und der Mann mit den nassen blonden Haaren erstarrte in der Bewegung, richtete den Blick in die dünner werdenden Schwaden vor und über ihm. Die Sonne erschien als blasse Scheibe und vor ihm schüttelten bizarre Felsklippen das Meer des Nebels ab, einer der Felsen stieß wie eine geballte Faust in das Reich der Götter. An der Flanke des anderen führte eine gemeißelte Treppe nach oben. Von hoch oben, von der Krone der Riesen, wo der Mann das Heiligtum wusste, sahen einige Schemen auf ihn herab.

"Das Volk des Nebels", dachte er und entschied sich, nun auch den dämpfenden Mantel um seine Gestalt abzuwerfen und sich als der zu erkennen zu geben, der er war.

Selbstbewusst erhob Widukind seine Hand zum Gruß, auch wenn sein muskulöser Arm weiterhin unter der Macht der Steine zitterte.

Die Sonne kämpfte sich ihren Weg durch den Nebel und enthüllte immer mehr von der wilden Pracht des Heiligtums. Die grauen Felsen wanden sich in den Himmel, verbanden wie die Irminsul diese Welt mit den Weiten der Götterwelt über ihm. Widukind schluckte. An diesem Ort war die Macht der Götter noch ungebrochen. Und er brauchte ihren Ratschluss.

Er bedeutete seinen Männern zurückzubleiben und drückte einem von ihnen die Zügel in die Hand, schritt allein zu den massigen Felsen. Die Wachen ließen ihn ungehindert passieren. Auf den Stufen, die zur Krone und zum Heiligtum führten, erschien eine schmächtige Gestalt, die sich die Stufen abwärts mühte. Ihre Tunika war sicher einmal weiß gewesen, jetzt wirkte sie jedoch verblichen und schmuddelig, schlotterte um den mageren Körper.

"Was willst du hier?", herrschte ihn der Mann an. Er wirkte zerbrechlich und so schwach, als ob er jeden Moment über seine eigenen Füße stolpern und die Stufen hinunterfallen würde.

Widukind lächelte mit einer Spur Enttäuschung. Die Schwäche breitete sich aus. Er konnte nur hoffen, dass die Götter nicht auf diese Männer hörten, sondern die Kraft in seinen Kämpfern und seinem Arm spüren würden.

"Ich bin gekommen, um Rat einzuholen."

"Wozu brauchst du Rat, Widukind? Du handelst stets nach eigenem Ermessen. Maßt dir an, im Namen unseres Volkes und unserer Götter zu handeln."

"Ich bin der Herzog. Der Kriegsherr – und wir befinden uns im Krieg. Darum entscheide ich."

Der Priester war jetzt nahe heran und musterte Widukind mit wässrigen Augen. "Die Macht der Götter ist noch stark. Unterschätze uns nicht."

"Ich kämpfe für unsere Götter."

"Du kämpfst für Widukind."

Wütend ballte der Herzog die Fäuste. "Niemals. Mein Kampf ist ein Kampf für unsere Götter, unsere Sitten, die ein äußerer Feind bedroht."

Der Priester nickte bedächtig und plötzlich erhellte ein Lächeln seine Züge. "Du antwortest stark. Die Götter brauchen unsere stärksten Kämpfer. Warum bist du gekommen, sächsischer Herzog?"

Widukind betrachtete den Umschwung im Verhalten des Priesters skeptisch. "Du unterziehst mich einem Test, Priester?", fragte er entrüstet.

Der Mann lächelte zahnlos. "Wir müssen unsere Stärke wiederfinden, Widukind. Das kann kein Zauderer. Die Götter wollen sicher sein, wem sie ihr Vertrauen schenken. Sie wollen den Mann, der sie zurück in die Welt holen kann."

Widukind wollte entgeistert den Kopf schütteln, beherrschte sich aber. "Ich brauche den Rat der Götter für meine Pläne."

"Das wissen wir. Wir haben von deiner Eroberung erfahren. Du hast uns die Eresburg zurückgeholt."

"Und jetzt will ich wissen, wohin ich meine Schritte lenken soll. Welche Burg ich als nächstes nehmen soll."

"Es ist gut, dass du den Rat der Götter suchst – aber wirst du dich auch ihrem Willen unterwerfen?"

Widukind zögerte. Was wollte dieser alte Fuchs von ihm? Er erweckte den Anschein, als kenne er die Schritte des Herzogs noch bevor er sie hatte gehen wollen. "Ich muss tun, was für unsere Volksstämme richtig ist."

Der Priester lächelte wieder. "Das dachte ich mir. Aber sei gewarnt: Die Stämme bilden keine Einheit, du kannst sie nicht alle lenken. Und was noch wichtiger ist: Die Götter könnten anders als du denken."

"Also, wohin? Was habt ihr gesehen?"

Der Priester legte seinen Finger auf die Lippen. "Nicht hier, nicht auf den Stufen zum Heiligtum. Wir sprechen innen. Bei den Göttern."

Widukind lief ein Schauer über den Rücken. Er war zwar bereits häufiger hier gewesen, hatte Rituale und Feste erlebt, jedoch war er dem Heim der Götter noch niemals so nah gekommen wie heute.

Der Priester humpelte einen Hang hinunter und folgte einem ausgetretenen Pfad zum Fuß der Felsen. Durch einen schmalen Durchlass führte er Widukind ins Innere der Giganten. Vor dem Herzog öffnete sich eine Höhle, in der ein Feuer entzündet worden war. Auf steinernen Bänken lagen Felle und allerlei Utensilien, die Widukind keinem Zweck zuordnen konnte. Federn, getrocknete Tierkadaver, Knochen und seltsame Steine lagen herum, Tiegel und Becher verströmten einen intensiven Geruch, der ihn schwindelig machte, so dass die auf den Fels gemalten Bilder zu tanzen begannen.

Der Priester ließ sich auf einem der Felle nieder und bedeutete dem Herzog, es ihm nachzutun. Dankbar ließ sich Widukind auf das Fell sinken und versuchte, sich auf den Priester zu konzentrieren.

"Wir wussten, dass du kommen würdest, auch wenn du uns noch nie zuvor um Rat gefragt hast."

"Dieser Feldzug ist anders."

Der Priester nickte. "Dein Gegner ist mächtig und von festem Willen. Nicht grausam, aber berechnend."

"Der fränkische König will zuviel. Jemand muss ihn aufhalten, sonst wird er durch seinen Ehrgeiz grausam werden."

Wieder bestätigte der Priester mit einem Nicken, sein Blick schweifte in die nicht sichtbare Welt. "Flüsse werden rot von unserem Blut sein." Die Felsen schienen unter seinen Worten zu erbeben und ein Grollen rollte durch die Erde.

"Werden wir uns behaupten können?", fragte Widukind beklommen.

"Das wird dir die Zeit zeigen. Ich werde dir darüber nichts sagen, Herzog. Du willst etwas über deinen nächsten Schritt wissen. Also, was planst du?"

Widukind brummte misslaunig. "Ich dachte, das sagst du mir."

"Dein Plan ist fest in deinem Kopf. Du willst doch nur eine Bestätigung", entgegnete der Priester.

"Ich will unsere Burgen aus fränkischer Hand zurückholen. Als Zeichen, dass wir ihre Dominanz abschütteln können. Wir brauchen ein neues Symbol der Einheit."

"Ein guter Plan. Welche Burg willst du nach der Eresburg nehmen?"

Widukind zog unwillig die Brauen zusammen und strich sich durch den Bart, der seit einigen Wochen nicht gepflegt worden war und ihm ein wildes Aussehen verlieh. Er fühlte sich wie ein Kind, das beim Besteigen des nachbarlichen Obstbaums ertappt worden war. Der Priester, so dürr und schlaff er auch wirken mochte, besaß ein Wissen, das den Herzog beunruhigte.

"Ich sah, wie die Irminsul fiel. Ich war auf der Sigiburg, als König Karl sie nahm. Ich sah, wie sie einen Brunnen über der heiligen Quelle dort errichteten und die Macht der Götter überbauten, sie fesselten. Der Turm ihres Heiligtums wächst dort in unseren Himmel. Dort muss ich sie aufhalten. Ihre Kirche zerstören und die Quelle befreien und sprudeln lassen."

Der Priester senkte den Blick und kratzte mit seinem Finger im Staub auf dem Boden herum.

"Wir werden dich nicht aufhalten, wenn du dich dorthin wenden willst. Aber sei gewarnt! Die Götter hüllen sich in Schweigen, was die Sigiburg angeht. Wir werden dir dazu nichts raten."

Widukind sprang mit zornig funkelnden Augen auf. "Warum bin ich zu euch gereist? Für wen, denkt ihr, tue ich das alles? Ihr straft unseren Kampf mit Missachtung! Lasst uns im Stich! Meine Männer wollen eine Rechtfertigung, ein Zeichen, dass die Götter auf unserer Seite stehen! Dass es sich lohnt zu kämpfen!", erwiderte er hitzig, wanderte im engen Rund auf und ab.

"Du triffst als Herzog die Entscheidung allein. Das haben uns die Götter gesagt. Du trägst die Verantwortung, wie der Kampf der Götter enden soll."

"Für diese feigen Götter soll ich mein Haupt hinhalten? Die sich hinter euren schönen Worten verstecken? Die sich alles nehmen lassen, ohne einzugreifen?"

Widukind atmete heftig, als Zweifel in ihm aufstiegen.

Der Priester erhob sich und legte ihm die knochige Hand auf die Schulter. Widukind spürte ihre unangenehme Kälte durch seinen Mantel und seine Tunika sickern und sich klamm auf seine Haut legen. "Die Götter äußern sich nicht zu deinem Kampf, nicht zu diesem Schritt. Unsere Stämme sind sich selten grün und müssen erst lernen, was es heißt, als eine Einheit zu agieren. Kämpfe für die Götter. Stelle ihren Willen nicht infrage. Auch wenn sich der Kampf nicht sofort erfolgreich zeigt. Du darfst nicht aufgeben, an dir hängt das Schicksal der Götter. Und an König Karl. Unterschätze ihn nicht und lass dich nicht von deinem Zorn ihm gegenüber blenden. Euer beider Schicksal ist miteinander verbunden. Der eine wird nicht ohne den anderen sein."

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