NRW Literatur im Netz

Thomas Breuer - Arbeitsproben

Aus: LEANDER UND DER LUMMENSPRUNG

Tamme Boysen zog sich in die Deckung eines Elektrokarrens des Helgoländer Transport-Services zurück, als Gernot Reymers aus dem Haupteingang des Hotels Laguna an der Kurpromenade trat. Der Hotelier sah sich nach links und rechts um, während er mit seinem Feuerzeug beiläufig eine Zigarette anzündete. Dann wählte er den Weg entlang der Mole bis zum Lung Wai, der um diese Uhrzeit verwaist dalag und gar nicht wie die Einkaufsmeile Helgolands wirkte. Dabei machte Reymers den Eindruck, als hätte er alle Zeit der Welt. Auch seine Kleidung wies eher auf Entspannung und Freizeit hin. Tamme Boysen erkannte im Schein der Laternen Jeans und Joggingschuhe, wenngleich der Hotelier sicher nicht mehr joggen wollte, schon gar nicht mit einer Zigarette im Mund. Sein schlendernder Gang wirkte eher, als wolle er nur noch einmal kurz an die frische Luft, bevor er gleich zu Bett ging. Tamme Boysen schaute auf die Uhr: 0.53 Uhr.

Die beiden Männer in den schwarzen Trikot-Overalls drüben hinter den Müllcontainern des Hotels, die Boysen seit geraumer Zeit im Blick hatte, hatten sich sofort weggeduckt, als der Hotelier auf die Promenade hinausgetreten war. Kaum war Gernot Reymers rechts in der Einkaufstraße verschwunden, huschten sie mit über das Gesicht gezogenen Mützen zum Personaleingang des Laguna. Also war es richtig gewesen, die Kerle nicht aus den Augen zu lassen, als sie die Gaststube des Roten Kliffs verlassen hatten. Der Polizeioberkommissar a. D. und ehemalige Leiter der hiesigen Polizeidienststelle hatte gespürt, dass sie etwas im Schilde führten. Er machte einen Satz nach vorne, aber noch ehe er aus der Deckung des Elektrokarrens heraus war, waren die beiden Gestalten auch schon im Hotel verschwunden. Scheiße, dachte Tamme Boysen und zog sich wieder in sein Versteck zurück.

Aus: LEANDER UND DIE ALTEN MEISTER

Plötzlich ein Geräusch aus dem Off: Oben im Haus tut sich etwas. Der Anführer hält den Atem an, drängt sich an den Kamin, als könnte der ihn decken, nimmt die kleine Taschenlampe aus dem Mund, schaltet sie aus, registriert, wie sich seine Kumpane seitlich der Vitrinen eng an die Glaskörper ducken. In der Diele geht Licht an, leise klatschende Schritte auf der Marmortreppe: Da kommt jemand barfuß aus dem Obergeschoss herunter. Ein Schatten hinter den Grasintarsien der Glastür, der aber sofort wieder blasser wird. Der Anführer lauscht in die Tiefe des Hauses. Eine Tür wird geöffnet, eine Klapptür geht – der Kühlschrank. Der Anführer gibt seinen Leuten ein Zeichen. Sie springen auf, huschen zur Dielentür hinüber, die Plastikschoner über den Schuhen knistern. Das Geräusch wird im Kopf verstärkt, als müsse es kilometerweit zu hören sein. Die Männer platzieren sich links und rechts der Tür – auch darauf hat er sie vorbereitet –, einer nimmt eine Porzellanvase von einem Podest, hebt sie über seinen Kopf. Wieder geht die Kühlschranktür, das Küchenlicht erlischt, Schritte patschen auf das Wohnzimmer zu. Die Zeit steht still. Der Schatten wird dunkler, klärt sich zum Umriss ...

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