NRW Literatur im Netz

Angelika Hesse - Arbeitsproben

Aus: AUS LIEBE VERZETTELT

Ich sprinte aus der Dusche und schlüpfe in die einzig saubere Jeans. Scheiße, das darf nicht wahr sein! Das ist die dritte Hose innerhalb von zwei Monaten, an der die Knie durch sind. Laut der Instyle sind used Jeans mit Löchern und Rissen wieder stark im Kommen – und natürlich existiert von mir das obligatorische Cala-Ratjada-Foto aus den frühen 90ern, was mich in einer Levis 501 mit Acht-Zentimeter-Loch am Knie zeigt - aber bin ich aus dem Alter nicht langsam raus? Heute stammen die durchgescheuerten Stellen von der ständigen Rumrutscherei auf dem Kinderzimmerboden und nicht von vorsätzlicher Bearbeitung mit der Nagelfeile am Badewannenrand. Da der kürzlich geäußerte Vorschlag meiner Mutter "Kind, da gibt es doch so Bügelflicken" nicht infrage kommt, stopfe ich das Teil in den kleinen Kosmetikeimer. Wenn meine Kinder nicht mit Bärchen-Emblemen auf den Hosen rumlaufen müssen, dann sei mir der Luxus eines einwandfreien Beinkleides ebenfalls gegönnt.

Also doch der Rock und noch schnell mit Bernds Nassrasierer über die unweiblichen Stoppeln an den Beinen fahren, das Blut von den Schürfwunden abtupfen, Sprühpflaster drauf und den Rasierer gesäubert unauffällig an seine gewohnte Stelle legen, damit Bernd es nicht merkt. Er kann es nicht leiden, wenn ich mit seinem Eigentum meine Beine oder diverse andere Stellen bearbeite. Mit ein wenig Bronzepuder zaubere ich künstliche Frische in mein müdes Gesicht und beäuge kritisch die zwei kleinen, senkrechten Falten zwischen den Augenbrauen, die sich in der letzten Zeit tief in meine Haut eingebrannt zu haben scheinen.

"Antifaltencreme kaufen" schreibe ich auf meinen gelben Haftzettel-Block, den ich immer griffbereit mit mir rumschleppe.

Wo bleibt Bernd denn nur? Er hätte längst hier sein sollen. Es ist kurz vor acht. Ich schaue aus dem Fenster, kein Auto weit und breit. Ich versuche es auf dem Handy, erreiche aber wieder mal nur die Mailbox. Er kann doch nicht vergessen haben, dass ich um acht Uhr mit Steffi, Ines und Claudia zum Weiberabend verabredet bin. Jetzt stehe ich hier, aufgebrezelt und ratlos. Ich hätte ihn doch heute Morgen daran erinnern sollen.

"Hallo Schatz. Nicht vergessen / Do not forget: Heute Abend ist es mal wieder so weit. Es hat lange gedauert, aber heute geht dein Weibchen endlich mal wieder vor die Tür. Es wäre zu schön, wenn du heute ausnahmsweise vor Acht nach Hause kommst. Die Kinder werden gewaschen, gefüttert und bettfertig sein, die Wohnung poliert. Bitte sein pünktlich."

Eine knappere und nicht ganz so freundliche Variante verfasse ich per SMS. Vielleicht sollte ich während des Wartens noch ein paar Zettel anfertigen? Das wäre wenigstens sinnvoll.

Nummer eins am Kühlschrank: "Lieber Schatz. Dein Essen steht in der Mikrowelle."

Nummer zwei an der Mikro: "Drei Minuten bei 600 Watt, ist bereits voreingestellt. Drücke auf Start."

Nummer drei im Kinderzimmer: "Sara muss vor dem Schlafengehen aufs Klo, sonst pinkelt sie wieder ins Bett. Seid bitte LEISE, Lena schläft schon."

Nummer vier am TV-Gerät: "Chips und Bier für deinen einsamen Männerabend stehen bereit. Lass die Krümel liegen, ich saug das nachher noch schnell weg. Neue Batterien in der Fernbedienung sind eingelegt. Küsschen, Küsschen, deine Putz-, Haus-, Kinder- und geliebte Ehefrau."

Ich dampfe vor Wut und merke, wie ich mit den Zähnen knirsche, und reiße ein neues Blatt vom Block:

Dann wird der gelbe Gedankenträger ans Telefon geklebt. Meine Armbanduhr zeigt drei Minuten nach acht. Ich rufe Steffi an, dass ich später komme. Dann wähle ich erneut seine Nummer. Die Mailbox verhöhnt mich, ich kann den Text nicht mehr hören.

"Guten Tag, das ist die Mailbox von Bernd Heiermann. Ich bin im Moment nicht zu erreichen, bitte hinterlassen Sie eine Nachricht."

Zum ersten Mal fällt mir auf, wie spießig seine Ansage und wie monoton seine Stimme ist. "Hier auch Heiermann, und ich wünschte, ich hätte deinen beschissenen Namen niemals angenommen. Wenn du deinen Arsch nicht binnen einer Minute nach Hause beförderst, damit ich endlich das Haus verlassen kann, kannst du deine Koffer nehmen und zu Frau Meyer gegenüber ziehen. Ich weiß sowieso, dass du auf sie und ihren ausladenden Vorbau stehst. Oder warum entsorgst du in letzter Zeit ihren Grünabfall und gaffst ihr ständig auf die Titten?"

Natürlich bin ich viel zu diszipliniert um Derartiges von mir zu geben. Stattdessen hinterlasse ich nur die leicht gereizte Nachricht: "Ich bin's. Wo bist du denn? Ich habe doch meinen Frauenabend. Ruf bitte wenigstens zurück!"
"Mama. Bist du noch da?", ertönt die Stimme meiner Großen aus dem Kinderzimmer.
"Ja, Liebes. Papi ist noch unterwegs. Schlaf mal schön."
"Wo ist Papi denn?"
"Vielleicht bei Frau Meyer", murmle ich, natürlich so leise, dass sie mich nicht versteht. "Sicher dauert es bei einem Kunden etwas länger", antworte ich stattdessen laut.

Ob ihn jemand aufgehalten hat? Vielleicht liegt er gerade mit einer flachbauchigen, langmähnigen Endzwanzigerin in einem billigen Hotelzimmer und beklagt sich darüber, dass seine Ehefrau zwar eine liebevolle Mutter, der Sex aber genauso fad wie ihr Kartoffelgratin ist? Ich schaue an mir herunter und streiche über meine dezente Ich-habe-schließlich-zwei-Kinder-gekriegt-Wampe.

Aus: RABENMUTTER AUF REISEN

"Ich brauche dringend eine Woche Urlaub", schreibt mir meine kinderlose Freundin in einer Email.
"Och, könnte ich auch gebrauchen", schreibe ich zurück. "Sag Bescheid, wenn du eine Begleitung brauchst. Ich komm mit!"
"Meinst du das WIRKLICH ernst?", kommt ihre prompte Antwort, denn ich bin eine echte Glucke. Ich habe meine Kinder noch nie länger als zwei Tage alleine gelassen. Vor zehn Jahren, meine Große war zwei Jahre alt, hat meine Freundin für ein Jahr in Wien gearbeitet und ich besuchte sie am Wochenende. Als mein Mann mich Sonntagabend vom Flughafen abholte und ich meine Zweijährige mit einem Blümchen in der Hand hinter der Absperrung sah, bin ich in Tränen ausgebrochen.

"Boah, wie gut, dass du wieder so einen Riesenkoffer mitgeschleppt hast. Da denken die Leute wenigstens du heulst, weil du vier Wochen in Amerika warst und nicht nur die zwei Nächte in Wien."
Okay, das war damals vielleicht etwas übertrieben von mir, aber meine Tochter war ja auch noch klein! Wer kann was für seine Hormone? Heute sind die Kinder acht und elf und ich bin manchmal sehr froh, wenn ich mehr Zeit für mich habe. Aber ich bin auch Kontrollfreak, Muttertier und Nervenbündel in einer Person. Das Letztere lässt blöderweise meinen Blutdruck manchmal so hoch nach oben klettern, dass mir massiv mitgeteilt wurde, einmal die Woche Yoga könne das nicht ausgleichen. Höchste Zeit mal kürzerzutreten. Ich kann nicht immer alles kontrollieren, damit bloß nichts schief läuft.

"Natürlich meine ich das ernst", schreibe ich meiner Freundin also zurück, wenn auch innerlich etwas kleinlaut.
Eine ganze Woche! Sieben Tage und Nächte! Fünf Schultage! Was, wenn die Große genau in dieser Woche die Mathearbeit schreibt und ich nicht beim Lernen helfen kann? Was, wenn eines der Kinder krank wird? Mein Mann ist doch immer etwas hilflos in solchen Situationen und die Matheschwäche hat sie eindeutig von ihm. Kann ich mich mitten im Schulalltag einfach so davonstehlen? Wenn ich meine Töchter morgens nicht wie ein Oberfeldwebel zum Aufstehen und Anziehen antreibe, rühren sie sich nämlich gar nicht. Meine Große pflegt sich bei sanfteren Weckaktionen noch einmal genüsslich umzudrehen und reagiert erst, wenn ich in ohrenbetäubender Lautstärke durch ihr Zimmer brülle, dass sie jetzt SOFORT aufstehen muss. Kann ich riskieren, dass die Kinder jeden Tag zu spät zur Schule kommen, ihre Hausaufgaben vergessen und mich für eine Rabenmutter halten, weil sie morgens ihren Kakao selber machen müssen? Und was essen sie, wenn ich nicht da bin? Jeden Tag Mc Donalds und lauter anderes ungesundes Zeug? Kann ich das verantworten?
"Klar kannst du", meint mein Mann nachdrücklich und gibt mir grünes Licht. "Wir kommen auch ohne dich klar. Du musst nicht immer denken, du wärst unersetzlich. Dann läuft es eben nicht immer alles perfekt."

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.