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Wilhelm Schöttler - Arbeitsproben

MISS CHILE

Letzte Woche waren wir von Arica kommend zum Lago Chungara hoch gefahren. Um die Höhe von mehr als 4500 Metern auszuhalten, hatten wir es unserem indianischen Fahrer gleich getan und Kokablätter gekaut. Wir, das waren mein Freund Ingo und ich, suchten Schätzen der Welt, in diesem Fall speziell Chiles.

Wir durchquerten eine weite Flächen aus garstigen und groben Salzkristallen. Die Schritte hinterließen knirschende Geräusche auf den den Boden bedeckenden kristallinen Gebilden. Der Blick auf die schneebedeckten Anden mit den Flamingos im Vordergrund, die sich in einem See spiegelten, war atemberaubend. Der Weg durch die Wüste hatte sich gelohnt. Wüstendurchqueren ist Mühe und kein Gewinn, aber die Atacama ist anders.

Heute ließ der Weg zur nur 2400 Meter hoch liegenden Stadt Calama die dünne Höhenluft weniger auf den Organismus lasten. Und weiter zu unserem Ziel San Pedro de Atacama blieben wir in etwa auf der gleicher Höhe.

Seit Jahrzehnten hatte es nicht mehr in der Atacama geregnet. Wolken von Osten entleerten sich an den Anden und im Westen sorgte der kalte Humboldtstrom dafür, dass sich keine Regenwolken über dem Meer bildeten, die dann Westwinde in die Atacama tragen konnten. Im letzten Jahr hatte die Meeresströmung El Ninjo zur Schwächung des Passats geführt und damit die kalten Wasser aus der Tiefe für den Humboldtstroms abgeschwächt. Es kam zur Wolkenbildung und in der Wüste ging Regen nieder. Uns wurde berichtet, die ganze Wüste sei mit einem Teppich rosa Malven bedeckt gewesen. Bei dem jetzigen Anblick von Geröll und Sand in einer weit zerklüfteten Landschaft konnten wir ein solches Wunder kaum glauben. Welch eine Geduld lag in dem Samen, der unendlich lange im Sand verborgenen lag.

Wir waren spät aufgebrochen, denn in den Morgenstunden zogen kalte Nebel von Antofagasta am Meer ins Hochland der Wüste. Wir hatten nun eine Höhe erreicht, von der wir auf die dichten Nebelschwaden herunterschauten, die jede Sicht zum Boden nahmen. In dem sich aufheizenden Klima fuhr der Jeep eine ausgebaute Straße seinem Ziel entgegen. Hohe Kakteen mit seltsamen verzweigten Kronen tauchten am Weg auf. Dank des Nebels überleben sie Jahrzehnte ohne aus dem Boden gespeist zu werden.

Es gab eine Zeit, da war diese Landschaft aus Sand und Geröll voller Menschen. Salpeter und Silber wurden ausgebeutet. Heute findest du nur noch Geisterstädte, dachlose Gebäude, Gerippe von Hallen und vor sich hin rostendes Gerät, alles menschenleer. Zerfallene Kirchen und Theater zeugen davon, dass währen der Ausbeutung der Bodenschätze Kultur nicht fehlte. An einer solchen Stadt kamen wir vorbei. Ich stellte mich auf die Bühne des leidlich erhaltenen Theaters und zitierte aus T. S. Eliots Gedicht Das wüste Land: »I will show you fear in a handful of dust.«. Ich schrie diesen Vers in den Raum und genoss die immer noch raumfüllende Akustik.

An einem nahen Friedhof lagen die Särge bloßgelegt und waren nur noch teilweise von Sand bedeckt. Von der Trockenheit mumifizierte Leichen schauten zwischen den Brettern hervor und ließen uns erschauern. Bunte Papierblumen flatterten dazu eine sich eindringlich wiederholende Melodie im Wind. In anderen Weltgegenden wuchs Gras über vergangene Irrungen, Torheiten und Sünden. Hier skelettierte das Klima die Überreste der Vergänglichkeit. In Südamerika lernst du  intensiv mit dem Tod und den Verstorbenen an deiner Seite zu leben. Die letzte Grausamkeit liegt noch gar nicht so lange zurück. Pinochets Gefangenenlager in der Atacama sollten Unbootmäßige ausgrenzen, vergessen lassen und als Personen möglichst für immer beseitigen. Doch die Wüste vergisst nicht.

Diese trockenste Wüste der Welt zeugt jedoch nicht nur vom Tod. Sie war schon immer besiedelt. An den Felsen gibt es überlebensgroße Zeichnungen von Lamas und Menschen entlang der Inkawege und in den meist nur aus wenigen Häusern bestehenden Oasen finden sich Nachfahren dieses einst so stolzen Volkes. Zwei von den Anden kommende Flüsschen spenden der Oase San Pedro de Atacama Wasser, bevor sie im abflusslosen nahen Salzsee verdunstend ihr Ende finden.

Wir hatten schon viel von der Miss Chile gehört und wollten sie in diesem weltabgelegenen Winkel finden. Es gibt zeitlose Frauenschönheiten von der Nofretete über Bilder der Renaissance bis zu Weltstars der heutigen Zeit. Doch Miss Chile sollte einzigartig sein. Wir brauchten nicht lange zu suchen. Da saß sie vor uns zwischen geflochtenen Körben. Ihre Beine hatte sie angewinkelt und sich mit einer Hand auf der Erde abgestützt. Ihr langes schwarzes Haar fiel geflochten über ihre knochigen Schultern und umschloss harmonisch ihr ansprechendes Gesicht, das mich in Bann schlug Ihr Mund war geöffnet und zeigte akkurate Zähne. Was wollte sie mir sagen? Ich schaute in die Gesichtszüge einer siebentausend Jahre alten Schönheit.

LUBA

Herbert Roth lag auf einer Pritsche im provisorischen Feldlazarett, das im Gemäu-er eines ehemaligen Schlosses untergebracht war. Das Gebäude hatte einmal einem russischen Großfürsten gehört und glanzvollere Tage erlebt. Nach der Revolution 1918 hatten Sowjeträte das Gebäude noch kurzzeitig genutzt, dann verfiel es. Jetzt hatte eine Sanitätskompanie neben den Ruinen Zelte aufgeschlagen.

Tagelang war Stöhnen und Schreien von den Lagern der Verwundeten nach außen gedrungen. Heute vernahm Herbert nur das Pochen eines Aggregats, das zur Stromerzeugung oder zu Pumpzwecken eingesetzt wurde, ansonsten herrschte Ruhe. Die ganz schlimmen Fälle waren entweder gestorben oder standen unter Morphium. Herbert war noch gerade an einer Amputation vorbeigekommen, würde aber für immer ein steifes Bein behalten. Die Verwundung bedeutete für ihn Heimatfront. Er hatte Glück gehabt und musste dem Russen eigentlich dankbar sein, der ihm so gekonnt außer Gefecht gesetzt hatte. Herbert kannte den Schützen jedoch nicht und würde ihn auch nie kennenlernen, um sich nach dem Krieg zu bedanken.

Solche Gedanken, die ihm gerade durch den Kopf gingen, durfte er gegenüber Kameraden und Schwestern niemals äußern. Es war klüger, sein Bedauern aus-zudrücken, nicht mehr am Kampfgeschehen teilhaben zu können und an Deutschlands Sieg über Kommunisten und Bolschewisten nicht mehr beteiligt sein zu dürfen. Solange ihn niemand fragte, schwieg er lieber oder nickte zustimmend zu martialischen Äußerungen kampfeswilliger Kameraden, die so schnell wie möglich wieder an die Front drängten.

Der Rücktransport in die Heimat konnte nicht mehr lange auf sich warten lassen. Schwester Karin hatte Herbert schon informiert und angedeutet, dass sie den Transport begleiten würde. Zunächst brächten sie LKWs an die Eisenbahn und dann ging es mit dem Zug weiter nach Hannover, wo die Soldaten ihre Wunden ausheilten. Einige würden dann ins Zivilleben, auf Schreibstuben oder zum Hei-matschutz entlassen. Herbert würde wohl auch zu dieser Gruppe gehören. Er solle sich keine Illusionen machen, wieder kämpfen zu können.

Schwester Karin zwinkerte Herbert bei ihrer Bemerkung zu. Doch Herbert wusste nicht, wie die Frau zu seiner Heldentumsverweigerung stand und hatte daher vorsichtshalber ein trauriges Gesicht gemimt. Schwester Karin verkörperte im Lazarett die hoffnungsgebende Instanz, die immer mutmachende Sprüche parat hatte. Ob Schwester Karin eine Schönheit war, konnte Herbert nicht sagen. Sie war eine Frau und in dieser Situation der Anhäufung von verwundeten Kriegern sahen alle Frauen entzückend aus. Herbert genoss es, als sie ihm half, sich aufzurichten. Er spürte die Wärme ihres Körpers, als sie seinen Arm streifte. Frauen verhießen Leben.

Herbert dachte an russische Mädchen, besonders an eine. Sie hieße Luba hatte sie gesagt, das bedeute Liebe und sie hatte dabei offen gelacht. Hoffentlich hatten die Russinnen in dem Dorf überlebt. Die nachfolgenden Heereseinheiten hatten keinen Stein auf dem anderen gelassen und alle Häuser zerstört.

Gut, die russischen Partisanen leisteten Widerstand, so konnten die deutschen Einheiten nicht einfach durchmarschieren und so tun, als ob es keinen Krieg gäbe. Aber mussten sie die Hütten alle dem Erdboden gleich machen? Als Herbert auf dem Rücktransport zu dem Feldlazarett durch das Dorf kam, hatte ihn die Zerstörung schmerzlich berührt. Er hatte zunächst den Ort gar nicht erkannt, nichts erinnerte mehr in dieser Wüstenei daran, dass hier Menschen gelebt hatten. Erst als sie den sumpfigen Fluss überquerten und er den zurückgelassenen Lkw sah, wusste er, das er gerade das Dorf passiert hatte, in dem er Luba begegnet war.

Der rotbraune LKW war im Frankreichfeldzug requiriert worden und hatte als Truppentransporter nach Osten gedient, bis er im Schlamm stecken blieb. Die Franzosen hatten ihn nicht für solche unwegsamen Straßen gebaut. Aber auch die Landser hatten nicht damit gerechnet, welche schwierigen Wegverhältnisse sie in Russland erwarteten. Von da aus waren die Infanteristen zu Fuß weitermarschiert und hatten in dem jetzt zerstörten Dorf Halt gemacht. Die Bevölkerung empfing die Soldaten freundlich. Sie blieben drei Tage, bis die Pioniere es aufgaben, ihr Transportfahrzeug wieder flott zu machen.

Eier, Brei und frisches Zwiebelgemüse hatten die Soldaten im Tausch gegen Do-sen, Brot und Schokolade erhalten. Die Leute hatten gelacht, als ob Krieg für sie ein unbekanntes Wort sei. Die größte Fröhlichkeit verströmte das Mädchen Luba. Ein so von Herzen kommendes Lachen hatte Herbert lange nicht in seiner Nähe vernommen.

Wenn Herbert nun zurückdachte, sah er dies blonde Mädchen und ihr Lachen vor sich. Was hatte sie nur angehabt? Sie war wie alle Dorfbewohner unförmig gekleidet, daher waren die Formen ihre Figur nicht in seiner Erinnerung geblieben, nur ihr Gesicht.

Am zweiten Tag gab es Fisch, dazu steuerten die Deutschen Fett und Brot bei und die Russen vier große Welse, die alle über zwanzig Kilogramm wogen. Herbert hatte erstaunt auf die großen Fische gewiesen und durch Gesten gefragt, woher die schwergewichtigen Fische kämen. Luba hatte ihn an die Hand genommen und leichtfüßig nahezu hüpfend durch einen kleinen Wald zum Flussufer geführt. Zu dem verwachsenen schlammigen Ufer führten Pfade zu vorgelagerten Plätzen, von denen sich gut eine Angel auswerfen ließ. Luba hatte durch Zeichensprache begleitet von russischen Lauten Herbert erklärt, dass schon vor Tagesanbruch hier Männer ihre Angeln ausgeworfen hätten. Das Mädchen hatte mit offenem Mund und weiten Augen die Situation des Fischfangens so lebendig beschrieben, dass Herbert lachen musste. An ihrem Gesicht sah er, dass sie sein Lachen befremdete. »Bolschoi dobro, groß gut«, hatte er mit den wenigen Worten, die er konnte, gesagt, um sie zu beruhigen.

Herbert war von der bezaubernden Natürlichkeit des Mädchens so angetan, dass er sie am liebsten umarmt und geküsst hätte. Doch das ging ja nicht. Fraternisieren mit dem Feind war verboten. Aber war dies Mädchen wirklich sein Feind? Et-was stimmte nicht mit den Aussagen des Propagandaministeriums oder sie mein-ten eine andere russische Bevölkerung, auf die sie noch treffen würden. Diese Menschen, die mit ihnen ihren Fisch teilten und sie großzügig bewirteten, boten eine Gastfreundschaft an, wie sie Herbert in seiner eigenen Heimat nicht erfahren hatte. Die ihm eingeimpften Begriffe vom wertvollen Herrenvolk, wollten ihm so recht nicht einleuchten. Wenn die Bauern hier als faul geschildert wurden, lag es daran, dass die Kollektivierung in der Landwirtschaft ihnen ihr Eigentum weggenommen hatte und sie mit Nichtstun auf die Zwänge des Sowjetstaates reagierten. Was die Versorgung ihrer Familien betraf, waren sie überaus geschickt und fleißig.

Auf dem Rückweg vom Fluss war Lubas Schultertuch an einem Ast hängen geblieben und anschließend zu Boden gefallen. Luba und Herbert hatten sich gleichzeitig danach gebückt. Dabei berührten sie einander, und nicht nur die Wärme sondern auch der Duft von Lubas Körper berührte Herbert in einer Weise, die er nicht vergessen würde.

Schwester Karin tauchte wieder auf, um seinen Verband zu erneuern. Nein, Schwester Karin und das Bauernmädchen Luba konnte er nicht miteinander vergleichen. Sie gehörten verschiedenen Welten an. Karin war eine rational denkende, gut ausgebildete und praktisch handelnde Frau, der Herbert zweifellos zuversichtlich sein Leben anvertrauen würde. Sie würde nichts Negatives für ihn veranlassen. Dann kam ihm in den Sinn, dass er seine Freude darüber, der mörderischen Front entronnen zu sein, vor ihr verborgen hatte. Er wusste nicht, ob sie nicht das Wohl des Reiches, wie man es ihr beigebracht hatte, über das Schicksal eines Einzelnen stellen würde. Bei dem Mädchen Luba hatte er keinerlei Zweifel, dass ihre Zuwendung, wenn sie jemand erfuhr, grenzenlos blieb. Sie schien ihm aus einem Reich der guten Geister und Elfen zu kommen, wie sie in den Märchen seiner Kindheit vorkamen.

»Fertig«, sagte Schwester Karin, »so können sie die Reise antreten. Morgen geht es los.«

»Sie kommen doch mit?«

»Ja, es sind zwei neue Schwestern angereist, und ich habe eine Woche Heimaturlaub. Der Chef hat angeordnet, dass ich ihren Transport begleite und einen Umweg über Hannover nehmen muss, damit sie nicht ganz ohne medizinische Hilfe bleiben. Jetzt muss ich aber weiter. Im Zug können wir uns bestimmt noch unterhalten.«

So kam es denn auch. Herbert gehörte zu den wenigen Verwundeten, die nicht liegen mussten. Es genügte, wenn sein Bein ruhig gestellt wurde. Er und drei weitere Kameraden saßen in dem Abteil, in dem auch Schwester Karin untergebracht war. Wie sich Herbert später erinnerte, was das Gespräch zunächst recht vorsichtig verlaufen und hatte außer Wetter, Aussicht aus dem Fenster und die mehr oder minder Schwere der jeweiligen Verwundung kein anderes Thema berührt. Erst als der mit einer Kopfbandage versehene Unteroffizier, der in dem Abteil der Ranghöchste war, einen Witz über Göring erzählte, lockerte sich der steife Umgang der Gesellschaft etwas auf. Über Hermann Göring durfte man Witze machen, der vertrug solche Späße. Bei anderen Größen des Nationalsozialismus oder gar über Adolf Hitler hätte keiner gewagt, sie öffentlich ins Lächerliche zu ziehen.

Mit Schwester Karin tauschte Herbert Adressen aus. Er versuchte aber nach dem Krieg nie, sie zu finden. Nach ärztlicher Untersuchung in Hannover landete er auf einer Amtsstube in Ostfriesland, zunächst unter der Heeresverwaltung später im Gemeindeamt bei der Katasterbehörde. Er heiratete die ortsansässige Frieda, die gebar ihm vier Kinder, drei Mädchen und einen Jungen. Die Kinder wuchsen heran und zwei der Mädchen hatten mittlerweile geheiratet, und alle arbeiteten im nahen Emden.

Jeden Freitag und manchmal auch an anderen Tagen gab es Fisch, meist Hering oder Kabeljau, doch Herbert dachte immer an Wels und das Mädchen Luba an diesen Fischtagen. Mit seiner Frau sprach er darüber nie. Es war nichts Belasten-des, das er los werden musste. Es bedeutete ihm nur die Freude über einen Erinnerungsschimmer aus seiner Vergangenheit, mehr war es nicht.

Es ging der Familie gut, bis der Arzt bei Frieda Krebs feststellte. Dann ging es bei ihr sehr schnell bergab, sodass sich Herbert nicht rechtzeitig auf das sich verän-derte Leben einstellen konnte. Als man Frieda zu Grabe trug, erschien ihm die Welt düster und leer. Die Jüngste, Suse, blieb zwar noch ein Jahr im Haus, bis auch sie heiratete. Der Sohn Heiner hatte schon früher eine Wohnung in der Stadt bezogen. So blieb Herbert schließlich in dem großen Haus allein.

Einer seiner Nachbarn stammte aus Kasachstan, die Familienmitglieder waren von Stalin in den Osten vertriebene Wolgadeutsche. Sie hatten es als fleißige Spätaussiedler schnell zu einem eigenen Haus gebracht. Diese Nachbarn, Alexander und Katharina, sprachen entgegen den übrigen wortkargen Ostfriesen schon manchmal mit Herbert über den Zaun. Ihnen erzählte er auch sein Kriegserlebnis in dem russischen Dorf und seine Begegnung mit dem Mädchen Luba. Katharina erwähnte, dass es im russischen Fernsehen, das sie über Satellit empfingen, eine Sendung gäbe, in der Menschen wieder zusammengeführt würden, die seit fünfzig Jahren und länger nichts mehr von einander gehört hätten. Diese Sendung würde von einem bekannten Schauspieler moderiert, erfreue sich großer Beliebtheit und heiße: Warte auf mich. Als Herbert sagte, er lebe nicht in Russland und verstünde kein Russisch, erklärte ihm Katharina, die Journalisten suchten weltweit nach vermissten Personen, und was das Russische beträfe, da würde sie gerne helfen.

Herbert begann damit, im Internet die Gegend herauszusuchen, wo damals das Dorf gestanden haben musste. Danach ergriff ihn ein Fieber, und fast seinen ganzen Rentneralltag verbrachte er mit Recherchen über seine damalige Einheit, die Gräuel von SS und Wehrmacht in jener Gegend, sowie über den späteren russischen Wiederaufbau. Nach dem Ende der Sowjetunion gehörte der Flecken am Fluss heute zur Ukraine. Über Google Earth konnte Herbert an der Stelle, wo einmal das russische Dorf, dessen Namen er nicht behalten hatte, nur ein Bruchlandschaft ermitteln. Jetzt war er so weit, dass Katharina einen Brief schreiben konnte.

Was wusste er? Er konnte die Koordinaten angeben, wo das gastfreundliche Dorf gestanden hatte. Er erinnerte sich an sechs Häuser, vielleicht waren es auch mehr gewesen.  Und natürlich den Namen Luba, der, wie ihm Katharina sagte, die Kurzform von Ljubov sei. In einem so kleinen Ort dürfte es nicht viele Frauen mit dem gleichen Namen gegeben haben und wahrscheinlich nur eine, die heute etwa siebzig Jahre alt sein musste.

Mit diesen Angaben in russischer Sprache, dank Katharinas Hilfe, sandte Herbert einen Brief an den russischen Fernsehsender. Er hörte zunächst gar nichts. Nach einem halben Jahr kam eine Antwort. Das nicht mehr existierende Dorf habe Ribnik geheißen und sei nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut worden. Herberts Anliegen habe der Sender zu dem seinen gemacht und er bekäme Bescheid, wie die Suche verlaufe. Das könne dauern, da man zunächst Leute finden müsse, die  sich als Einwohner des früheren Dorfes meldeten. Da der damalige Platz heute zur Ukraine gehöre, würde man auch dorthin seine Fühler ausstrecken müssen.

Ein ganzes Jahr hörte Herbert nichts. Er hatte schon die Hoffnung aufgegeben. Doch Katharina tröstete ihn und sagte, er als ehemaliger Beamter müsse doch wissen, wie langsam Behörden arbeiteten. Das sei in Russland nicht anders, wenn nicht noch schlimmer als in Deutschland.

Herbert hatte mittlerweile seinen vierundsiebzigsten Geburtstag gefeiert. Er hielt sich mit Gymnastik und Radfahren fit. Eines Tages kam er erschöpft nach Hause, denn er hatte die letzte Strecke gegen den Wind anradeln müssen. Im Postkasten fand er neben der üblichen Reklame einen Brief aus Russland. Herbert setzte sich, um sich einen Augenblick auszuruhen, dabei leerte er eine Flasche Bier zur Hälfte. Dann hielt er es nicht mehr aus und öffnete den Brief. Wie dumm von ihm, eine Überraschung zu erwarten. Natürlich konnte er das Schreiben nicht lesen. Er nahm noch einen Schluck aus der Bierflasche, dann ging er zur Nachbarin hinüber.

Herbert hatte eine Einladung nach Moskau erhalten. Der Fernsehsender schrieb, man wäre in der Suche nach der angegebenen Person weiter gekommen und habe Frauen aus dem ehemaligen Dorf Ribnik gefunden. Man beabsichtige, Herbert zu einer Sendung einzuladen. Datum und Adresse des Fernsehsenders waren angegeben und ein Hotel, in dem Herbert während seines Aufenthalts in Moskau untergebracht war. Die Unterkunft bezahlte der Sender, die Anreise nur, wenn er nachwies, nicht dazu in der Lage zu sein. Das Zusammentreffen war in einem Vierteljahr geplant. Er solle kurzfristig antworten, ob er einverstanden sei, dann würde ihm ein Visum zugesandt.

Nachdem Katharina ihm den Brief vorgelesen hatte, schaute sie Herbert herausfordernd an. Er musste sich jetzt entscheiden, ob er in das Abenteuer seiner Jugend eintauchen wollte. An Herberts Mine sah Katharina, dass er Zeit brauchte und sie schlug ihm vor, morgen darüber zu diskutieren, erst solle er mit sich selbst ins Reine kommen. Ideen zu haben sei schließlich das eine, sie aber in die Tat umzusetzen sei etwas ganz anderes.

So steckte Herbert den Brief aus Russland wieder ein und ging hinaus zum Deich. Er benutzte die Treppe, die einen Übergang erleichterte  und humpelte hinunter ins Watt. Sein steifes Bein spürte er nicht mehr, er hatte sich seit vielen Jahrzehnten daran gewöhnt. Es herrschte Ebbe und das Wasser hatte sich an dieser Stelle weit zurückgezogen, sodass Herbert ein ganzes Stück hinauswandern konnte. In diesem Strandbereich gab es kaum Touristen und Herbert  befiel schnell das Gefühl einer kreativen Einsamkeit, wie es sich der meisten Menschen in der Weite von Strand und Meer bemächtigt. Wenn der Wind nicht gewesen wäre, der böig aus Nordwest blies, wäre er mit der Natur verschmolzen. Der Wind, der prickelnd seine Haut rötete und seine Augen tränen ließ, bewirkte, dass er sich nicht in der Weite verlor und erinnerte ihn daran, dass er hier hinausgekommen war, um eine Entscheidung zu treffen, in einer Sache, die er aus sentimentalen Übermut angeleiert hatte.

Dieser kurze Augenblick, in dem das russische Mädchen ihm zeigte, wo und wie man den Wels angelte, hatte außer dass er sich beim Fischessen regelmäßig daran erinnerte, sonst keine bleibenden Spuren in seinem Leben hinterlassen. Oder doch? Dass er auf Katharinas Rat diesen russischen Sender angeschrieben hatte, geschah nur aus reiner Neugier. Wenn Neugier befriedigt werden konnte, sollte man eine Lösung nicht vor sich herschieben.

Der russische Sender schrieb von irgendwelchen Frauen aus dem ehemaligen Dorf. Wenn diese sich bereit erklärt hatten, zu der Fernsehsendung zu erscheinen, mussten sie sich an die deutschen Soldaten während des Krieges oder vielleicht auch an ihn erinnern. Vielleicht hatte es in deren Leben auch ein solches Merkbild wie den geangelten Wels gegeben oder sie wollten einfach wissen, wer der Deutsche war, der sich für ihr untergegangenes Dorf interessierte. Wenn Herbert diese Fragen klären wollte, musste er schon hinfahren, dessen war er sich gewiss.

Der Wind legte zu und blies ihm merklich ins Gesicht, sodass seine Gedanken sich mehr mit den Naturgewalten als mit den Ereignissen im fernen Russland beschäftigten. Herbert drehte um und wandte sich wieder dem Land zu. Jetzt schob ihn der Wind und hemmte seine Gedanken nicht.

Deutsche hatte die Lebensgrundlage der Menschen, die einst in diesem Dorf gelebt hatten, zerstört. Wollte man sich nur an ihm rächen oder Wiedergutmachung fordern? Nur das Glück, frühzeitig in die Heimat entlassen worden zu sein, hatte ihn davor bewahrt, an den damaligen Feinden schuldig zu werden. Er war sich schon bewusst, dass er sich als einfacher Rekrut der Tötungsmaschine kaum hätte entziehen können. Die heutigen klugen Schwätzer mit ihren belehrenden Verhaltensmöglichkeiten waren Herbert suspekt. Selbst heute galt man als Paria, wenn man sich dem Mainstream entzog und zur Nazizeit endete ein Aufbegehren gegen das, was die Herrschenden zur Regel und zum Gesetz gemacht hatten, meist tödlich.

Nein das war nicht das Thema. Die Sendung hieß: Warte auf mich. Das war genau das Wort, dass der Fischer zu seiner Frau oder Geliebten sagte, wenn er auf die See hinausfuhr, in dem Bewusstsein wie rau es draußen zuging und die Wiederkehr nicht zwangsläufig zu erwarten war. Der Spruch bedeutete, wenn du an mich denkst, wird mir schon nichts geschehen. Es war eine zu Herzen gehende menschliche Sendung des russischen Fernsehens, in der, wie Katharina sagte, viel geweint und gelacht wurde.

Selbst wenn sie an die Gräuel der Nazis erinnerten, konnte er das aushalten. Jetzt versuchte sich Herbert, an das Gesicht jener Luba zu erinnern, und brachte es mit einer bekannten blonden Schauspielerin in Verbindung. Das Gesicht der Schauspielerin war gegenwärtig, das des russischen Mädchens blieb schemenhaft. Das russische Mädchen war natürlich jetzt eine alte Frau, so wie auch er alt geworden war. Sie würden sich wie Fremde gegenüberstehen. Reichte eine über fünfzig Jahre zurückliegende Erinnerung an  drei Tage, um ein seelisches Band zu knüpfen?

Was konnte Herbert verlieren? Er musste niemanden um Erlaubnis fragen noch befürchten, dass eine Frau eifersüchtig wurde. Schlimmstenfalls fuhr er einfach wieder zurück nach Friesland und vergaß das fehlgeschlagene Kramen in der Vergangenheit.

Als Herbert am nächsten Tag Katharina traf, sah diese schon in seinen Augen, wozu er sich entschlossen hatte. Katharina unterrichtete ihn, wie eine solche Sendung im russischen Fernsehen ablief. Anschließend schrieben sie einen Brief an den Sender und sicherten Herberts Kommen zu. Er spräche aber kein Russisch und eine Dolmetscherin müsse daher unbedingt anwesend sein. Katharina hatte erst gedacht, sich selbst als Dolmetscherin anzubieten. Doch eine solche Reise konnte sie finanziell vor ihrem Ehemann nicht verantworten und Herbert wollte sie mit einem Flugticket nicht belasten. So sagte sie, sie sei zum Zeitpunkt der Sendung bestimmt zu Hause und würde ihm später erzählen, wie sein Auftritt bei den Zuschauern angekommen sei.

Am Tag des Abflugs beschlich Herbert Lampenfieber. Katharina hatte ihm einige Wörter Russisch beigebracht, das mache einen guten Eindruck, wenn er wenigs-tens Begrüßungsformeln und Danksagungen kenne.

Während des dreistündigen Fluges nach Moskau beruhigte Herbert sich, er konnte sogar in einer der ausliegenden Zeitungen lesen. Nach der Passkontrolle bekam er wieder Herzklopfen. Wie würde er zum Hotel kommen? Die Frage beantwortete sich jedoch schnell. Unter den Wartenden in der Flughafenhalle erblickte er eine junge Frau mit einem Schild, auf dem sein Namen stand.

Die Frau stellte sich als Irina vor und sagte, sie sei seine Dolmetscherin und begleite ihn zu seinem Hotel. Morgen früh hole sie ihn auch ab, er wisse ja, dass beim TV die Visagisten erst sein Gesicht aufbereiten müssten. Er solle sich daher für morgen nichts anderes vornehmen. Übermorgen hätte der Sender sie für ihn bereit gestellt, dass sie ihm die Stadt zeige. Wenn er sonst etwas benötige, solle er sie anrufen, dazu gab sie ihm ihre Karte. Herbert bedankte sich, sagte aber sonst nichts. Er genoss einfach nur den Anblick der schönen russischen Frau. Diese slawischen Frauen waren in ihrer lebensvollen Weiblichkeit schon etwas Besonderes.

Am nächsten Morgen holte Irina Herbert nach dem Frühstück im Hotel ab. Die Prozedur des Schminkens ließ er mit sich geschehen, als ob es seine tägliche Übung wäre. Irina erklärte ihm, was ihn der Journalist fragen würde, das habe er schon mit ihr abgesprochen und er brauche nur noch seine Zustimmung zu geben, ob ihm das so recht sei. Dann kam der Augenblick, in dem das Scheinwerferlicht auf Herbert gerichtet wurde. Irina saß neben ihm, um seine Worte zu übersetzen. Der Moderator sprach einige einleitende Worte in Russisch für das Fernsehpublikum, in denen Herbert einige Male seinen Nahmen vernahm. Dann wandte er sich an den Deutschen:

»Herr Roth warum haben sie sich als Deutscher an unseren Sender gewandt?«

»Ich wollte wissen, was aus einer Frau geworden ist, der ich vor über fünfzig Jahren in ihrem Land begegnet bin. Eine Nachbarin hat mich auf ihre Sendung aufmerksam gemacht, die bereits viele Erfolge erzielen konnte.«

»Vor über fünfzig Jahren befanden sich unser beider Länder im Krieg. Waren sie als Soldat in Russland?«

»Ja ich war hier als Rekrut der deutschen Wehrmacht. Ich möchte mich, da ich heute im russischen Fernsehen sprechen darf, bei dem russischen Soldaten be-danken, dass er mich nicht totgeschossen hat, sondern nur frontuntauglich.«

Nach der Übersetzung für die russischen Zuschauer wanderte die Kamera zu den geladenen Gästen im Studio und fing einige heitere Mienen ein.

Der Journalist fuhr fort:

»Wie sie uns mitgeteilt haben, erinnern sie sich an eine Frau in einem später von deutschen Streitkräften zerstörten Dorf. Warum erinnern sie sich an diese Frau und warum erst nach fünfzig Jahren?«

»Zunächst möchte ich mein Bedauern ausdrücken, dass deutsche Soldaten, Kameraden von mir, das Dorf unnötig zerstört haben. Ich hätte es nicht getan, ob ich es hätte verhindern können, wenn ich nicht verwundet worden wäre, weiß ich jedoch nicht.«

Der Reporter unterbrach Herbert:

»Wie sehr unser beider Völker unter dem Krieg gelitten haben, ist hinreichend bekannt. Ohne ihr Bedauern zu schmälern und das unendliche Leid gering zu achten, ist das Thema unserer Sendung Begegnung und Versöhnung. Antworten sie daher einfach auf meine Frage.«

»Wir wurden damals von den Leuten in dem Dorf gut aufgenommen. Ich war unerfahren und stellte dumme Fragen, da zeigte mir ein Mädchen, wie sie dort ihre Fische fangen. Diese einfache Geste, wie sie mich an die Hand nahm und zum Fluss führte, habe ich nie vergessen. In der Gegend in Deutschland, in der ich lebe, wird auch Fisch gefangen und so habe ich mich immer an diesen Augenblick der Ruhe in dem, wie wir heute wissen, mörderischem Krieg, erinnert. Sie fragen, warum ich so spät mit meinem Anliegen komme, eine Frau, der ich einmal begegnet bin, wiederzutreffen? Als ich mit dem Verwundetentransport zurückkam, habe ich das dem Erdboden gleich gemachte Dorf gesehen und nicht geglaubt, dass jemand der Bewohner überlebt hat. Erst als meine Nachbarin mich auf ihre Sendung aufmerksam machte, wurde ich neugierig und habe sie angeschrieben.«

»Nun wollen wir sie nicht auf die Folter spannen und ihnen zeigen, was wir erreicht haben.«

Der Moderator zeigte auf eine Tür, durch die zwei Frauen hereinkamen. Eine war jünger, sie schien dem Aussehen nach die Tochter der anderen zu sein. Beide Frauen waren festlich gekleidet und sahen umwerfend gut aus. Herbert hatte zwar ein junges Mädchen, wie die Jüngere in Erinnerung, aber auch in Russland konnte die Zeit nicht stehen geblieben sein. Auch die ältere der beiden Frauen war unmöglich in seinem Alter. Hatte er sich nicht deutlich genug in seinem Brief ausgedrückt oder hatte Katharina etwas anderes geschrieben, als er ihr vorgegeben hatte?

»Erkennen sie in den Frauen, die gerade hereingekommen sind, ihre frühere Begegnung?«

Herbert konnte zunächst nicht antworten. Er machte einen Schritt vorwärts und sah sich die Frauen noch einmal genauer an. Dabei konzentrierte er sich auf die Gesichter.  Dann sagte er:

»Die jüngere Frau sieht meiner damaligen Begegnung Luba sehr ähnlich. Wenn es nicht unmöglich wäre, dann würde ich sagen, sie ist es.«

»Sie sieht ihre Luba wirklich ähnlich, sie ist Lubas Enkelin«, sagte der Moderator mit einem strahlendem Lachen.

Jetzt kam die junge Frau auf Herbert zu und begrüßte ihn.

»Ich bin Swetlana und das ist meine Mutter Natascha, meine Großmutter Luba ist im vergangenen Jahr gestorben. Meine Großmutter hat immer, wenn über die Deutschen geschimpft wurde, gesagt, das gelte nicht für alle und einer hätte ihr sogar besonders gefallen. Dieser Mann, der meiner Großmutter gefallen hat, müssen sie sein. Wenn sich jemand nach so vielen Jahren erinnert, dann muss damals ein Funke gesprungen sein, bei dem nur die Zeit verbot, dass das Feuer lodern konnte.«

»Schön haben sie das gesagt«, antwortete Herbert, »darf ich sie küssen?«

Swetlana hielt ihm die Wange hin und als Herbert sie berührte gewahrte er den gleichen Duft ihrer Haut, wie er ihn in jenem Kriegssommer bei Luba wahrgenommen hatte.

»Wir«, sagte jetzt die Mutter, »haben uns entschlossen, hierher zu kommen. Wenn meine Mutter bis zu ihrem Tod an sie gedacht hat, besonders nachdem mein Vater gestorben war, sprach sie manchmal von ihrem alten Dorf und den deutschen Soldaten, die es zerstörten und über die, die ihre Gäste waren. Wir wussten, sie wäre auch gekommen, darum haben wir die Einladung des Senders angenommen.«

»Ich bin traurig, dass ich zu spät komme. Ich wäre Luba gerne noch einmal be-gegnet. Aber ich bin so froh, dass sie den Krieg überlebt hat.«

Herbert standen Tränen in den Augen.

»Alle Bewohner des Dorfes konnten in die Sümpfe flüchten. Es hatte sie ein deutscher Kradmelder rechtzeitig vor der nachrückenden Truppen gewarnt.«

Auf Herberts Wunsch hin, nahmen am nächsten Tag auch die beiden Frauen an Irinas Führung durch Moskau teil. Sie verlebten einen fröhlichen Tag, Herbert war lange nicht so ausgelassen gewesen. Irina musste viel mehr aus dem Leben der Frauen übersetzen als sie zur Geschichte und Bauweise Moskaus erklärte.

Die beiden Frauen lebten in einer Stadt zweihundert Kilometer von Moskau entfernt. Das war für russische Verhältnisse nicht weit. Herbert hatte jedoch einen nicht verschiebbaren Rückflug gebucht und konnte der Einladung, die beiden Frauen sofort zu begleiten, nicht folgen. Herbert und die Frauen tauschten ihre Adressen aus. Swetlana versprach, noch in diesem Jahr nach Deutschland zu kommen und Herbert wollte die Familie seiner russischen Freundin Luba besuchen, denn als eine solche hatte sie ihn, wenn auch meist unbewusst, sein ganzes Leben lang begleitet.

Auf dem Heimflug umgab Herbert noch immer der Duft der Haut Swetlanas, der ihn an Luba erinnerte.  

Aus ALS DORTMUND NOCH TREMONIA HIEß

Es war ein regnerischer Herbsttag mit einem grau verhangenen Himmel, als jemand an die Tür pochte und um Einlass bat. Ludolf hatte am Tisch gesessen und blätterte in einem von Pater Adelbert erhaltenem Gebetbuch. Er erwartete niemand, trotzdem erhob er sich und öffnete die Tür. Vor ihm stand ein Mönch in einer abgewetzten Kutte aus dessen Haaren Regentropfen rannen. Der Mann öffnete die Hände, zum Beweis, dass er nichts besäße und friedlich käme.

„Würdet ihr einem armen Wanderer Unterkunft gewähren?“ schaute er bittend Ludolf an. Er fügte hinzu: “Es soll euer Schaden nicht sein, einem Gottesmann nicht die Tür zu weisen.“

„Kommt herein, legt ab und trocknet eure Kleidung vor dem Feuer.“

Der Mönch entkleidete sich und hing seine Kutte und sein Untergewand auf eine Stange. Ludolf gab ihm ein Tuch, damit er sich abtrocknen konnte, denn er war wirklich bis auf die Haut durchnässt. Der Mönch musste also schon lange durch den Regen gewandert sein. Das brachte Ludolf auf den Gedanken, dass er nicht zufällig bei ihm angeklopft hatte.

Wie der Mönch so nackt vor ihm stand, stellte Ludolf fest, dass er kräftig gebaut und muskulös war. Hätte er ein anderes Gewand getragen, hätte er ihn einem der geistlichen Ritterorden zugerechnet. Ludolf fragte ihn aber nicht, er würde es ihm schon sagen. Dankbar nahm der Mönch eine Decke an und setzte sich Ludolf gegenüber ans Feuer.

Ludolf holte einen Krug Wein und schüttete sich und dem Fremden einen Becher ein.

„Trinkt, das wird euch auch innerlich aufwärmen, bei diesem garstigen Wetter.“

„Ihr seid Ludolf von Afaldrabechi“, sagte der Mann, so als ob er sich versichern wollte, dass er vor dem richtigen Mann stand.

„Der bin ich, und wer seid ihr?“

„Man nennt mich Berthold. Mein wirklicher Name ist Winfried von Arenberg. Ihr werdet von dem rheinischen Geschlecht gehört haben.“

„Nur dem Namen nach. Da ihr meinen Namen nennt, um zu erfahren, ob ihr den Gesuchten vor euch habt, seid ihr doch nicht zufällig an meine Haustür gekommen?“

„Nicht ich habe euch gesucht. Ihr habt mich gesucht.“

„Jetzt sprecht ihr für mich in Rätseln.“

„Zeigt mir das Amulett, dann will ich euch antworten.“

Ludolf holte den blauen Anhänger und reichte ihn Berthold. Der betrachtete ihn genau und sagte dann:

„Das ist nicht das Amulett, das der Berghausener getragen hat.“

„Wie könnt ihr das wissen?“

„Das Amulett des Berghauseners hatte eine tiefe Schramme, die es bekam, als es dem Ritter vom Hals gerissen wurde.“

„Ich gebe zu, meine Zurschaustellung war eine Finte. Ich wollte den Mann kennen lernen, der das Amulett nach dem Berghausener als Erster besaß. Ich glaube, jetzt sitzt er mir gegenüber.“

Beide Männer sagten kein Wort und schauten in die züngelnden Flammen. Ludolf legte ein frisches Stück Holz auf. Als er sich wieder gesetzt hatte, stellte Berthold seine Frage:

„Was veranlasst euch nach so langer Zeit, in den Wunden zu wühlen, die den Rittern von Berghausen geschlagen wurden? Ihr seid unbeteiligt und könnt nicht das Bedürfnis einer persönlichen Rache vorbringen.“

„Als junger Ritter habe ich das Geschehen unmittelbar miterlebt. Die Braut, die um die Hochzeit gebracht wurde, war die Tochter meines ritterlichen Lehrmeisters. Wir wuchsen zusammen auf und ich kann die Beleidigung der jungen Frau nachempfinden. Ich bin also nicht unbeteiligt.“

„Aber nicht direkt betroffen. Ihr seid im Morgenland gewesen, das muss doch genügend Abstand zu dem damaligen Geschehen erzeugt haben. Jetzt besitzt ihr ein kaiserliches Lehen. Ihr müsstet doch mit eurem Leben zufrieden sein.“

„Ihr wart durchnässt. Ich habe euch in mein Haus aufgenommen. Ich habe jedoch nicht die Absicht, mich von einem nackten Mönch examinieren zu lassen. Wenn einer Fragen zu stellen hat, dann bin das eher ich.“

„Ihr täuscht euch. Es gibt Leute, die wissen wollen, warum ihr so hartnäckig versucht, eine Bluttat, deren Beweggründe längst der Geschichte angehören, unbedingt wieder in die Gegenwart zerren zu wollen. Es könnte ja sein, dass ihr ein berechtigtes Interesse habt, das meine Leute sogar unterstützen könnten.“

Ludolf verstand den Mönch nicht. Mit Rätseln lebte er schon viel zu lange, darum fragte er direkt:

„Wie soll ich das unterscheiden. Ihr gebt mir zu verstehen, dass ihr möglicherweise an der Ermordung des Berghauseners beteiligt wart, und ihr wollt mir zugleich bei der Aufklärung des Mords helfen.“

„Niemand spricht von Mord. Die damaligen Ereignisse waren ein Akt der Staatsräson. Es war nicht Absicht, die Berghausener zu töten. Sie haben sich nur dummerweise gegen eine Übermacht gewehrt. Dann geschieht schon einmal, dass die zum Dialog Eingeladenen ihr Leben lassen. Eine Unterstützung bedeutet ja auch nicht unbedingt, jedes Detail der damaligen Begegnung aufzuklären. Es kann auch bedeuten, eure Interessen zu befriedigen. Versteht ihr jetzt, warum ihr mir eure Beweggründe offenbaren sollt?“

„Und wenn ich mich weigere? Ihr habt mir doch schon genügend Beweise für eure Schuld geliefert.“

„Zieht keine falschen Schlüsse, dass ich oder die Diözese schuldig sein könnten. Die Leute, die mich gesandt haben, sind mächtig. Es wäre ihnen ein Leichtes, euch auszulöschen. Ich werde so gehen, wie ich gekommen bin. Niemand hat meine Anwesenheit bemerkt und keiner wird euren Beschuldigungen glauben, wenn ihr keine Beweise vorbringen könnt. Wenn ihr mich am Fortgehen hindern wollt, müsst ihr mich töten. Das liefe in eurer Beweislage auf das Gleiche hinaus, als ob ich nie da gewesen wäre. Es wäre also dumm von euch, nicht die Gründe eurer Spurenverfolgung darzulegen.“

„Nennt es Streben nach Gerechtigkeit. Wir können doch nicht in einem Reich leben, in dem Willkür herrscht und der Stärkere das Recht zu seinen Gunsten auslegt. Der Kaiser will, dass der Landfrieden gestärkt wird.“

„Der Landfrieden wird gestärkt, indem der Spirale von immerwährender Rache Einhalt geboten wird. Was ihr Gerechtigkeit nennt, ist nur im Paradiese möglich. Auf Erden bestimmt die Kirche die Gerechtigkeit und das kann einmal so und einmal anders für euch ausgehen. Wie wollt ihr wissen, ob ihr für die richtige Sache fechtet, wenn ihr nicht von der Kirche geleitet werdet?“

„Mönchlein versuche nie, einen Ritter zu belehren. Sagt denen, die euch gesandt haben, auch wenn sie mächtig sind, ich fürchte mich nicht vor ihnen.“

Ludolf dachte an den Bann, den die Kirche über ihn verhängen konnte. Er würde sich nicht noch einmal einschüchtern lassen. Vorsorglich musste er den Kaiser um Hilfe bitten, denn er fühlte, dass er auf der rechten Seite stand. Was war seine Ritterehre Wert, wenn er vor solchen Verdrehern des Worts zu Kreuze kroch.

„Ich hätte nicht übel Lust, euch nackt, wie ihr seid, in die Nacht hinaus zu jagen, damit die, die euch geschickt haben, sehen, was ein Mörder Wert ist, wenn man ihn entkleidet. Doch es ist nicht meine Aufgabe, euch zu richten. Nehmt eure Kutte und verschwindet.“

„Wir werden uns wiedersehen. Denn ihr werdet darüber nachdenken, dass ihr mit eurem Ableben niemanden von Nutzen sein werdet, nicht einmal euch selbst.“
Als der Mönch, der sich Bertram nannte, gegangen war, bebte Ludolf noch immer vor Zorn. Mit offenem Visier konnte er kämpfen, aber nicht mit Hinterlist, wie sie dieser Dominikaner und diejenigen, die hinter Bertram standen, anwandten. In einem solchen Kampf würde er immer verlieren. Er musste das Feld offen halten und Fallstricken ausweichen. Hier auf dem Hof, umgeben von ihn belauernden Spionen, saß er in der Falle. Es war gut, sich frischen Wind um die Nase wehen zu lassen, Ostseewind.

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